(Rosen) Montag

Große und öffentliche Feste können einem viel Einblick ermöglichen in die Volkstümlichkeiten, wo es auch die Frage gibt, wessen Geistes Kind man ist, nicht ohne Bezug zu dem, was man als ‚Ganzes‘ empfindet. So feiern in Teilen Deutschlands gerade die sogenannten ‚Jecken‘ ihren hochpolitischen Beitrag zum offenherzigen Menschentum. Von wegen die Deutschen hätten keinen Humor, man muss nur wissen, wo er sitzt und was seine jeweiligen Bedingungen sind. Das kollektiv gelungene, erstaunliche Herzhaftlachen dient dem Zweck zu zeigen, wer man auch sein könnte oder gar ist, und das bei aller Tollerei in begrenztem Schutzraum. Man lässt kurzzeitig zu, was in einem steckt, und ergänzt es mit dazupassenden Acessoires, Kostüm genannt. Gleichzeitig läuft in Indien eines der größten Feste ab, Mahashivaratri. Ratri, die Nacht, soll durchwacht werden, also von gestern auf heute in den Rosenmontag hinein, weil Shiva, der aschenbedeckte Gott, hier seinen berühmten Tanz darbietet, trunken und wild und unbezähmbar. Über die phallischen Formen im Außen und in den Tempeln rinnt den ganzen darauffolgenden Tag lang milchige Flüssigkeit, man kann der trunkenen Atmosphäre kaum entkommen. Giftige Substanzen werden durch die Gegend getragen, die man auf dem Markt gebündelt kaufen kann. Denn man erzählt von ihm, dem Gott, dass er das Gift schadlos absorbieren kann, weshalb er (auch) der mit der blauen Kehle genannt wird. In solchen Festen werden Formen des Wahnsinns normalisiert, die menschliche Neigung zur Entgleisung wird durch Rituale aufgefangen, und dann hat das auch wieder ein festgesetztes Ende. Es kommt der Aschermittwoch, und Asche (Shiva’s bevorzugtes Outfit) redet Klartext. Die menschliche Psyche braucht Freiheit, Rahmen und Ritual, um sich zurechtzufinden in sich selbst, und dadurch in der Welt. Warum, ob und überhaupt man an diesen Festivitäten teilnimmt, bleibt dem oder der Einzelnen überlassen.


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