eisern

Die endlosen Meinungen darüber, ob in der Welt immer schon was war oder ganz neu gekommen ist, das Bös-und das Gutsein der Menschen zum Beispiel, und so isses nun mal und was kann man tun, die waren auch immer schon irritierend. Dass jeder daseiende Mensch mit dem Vorgefundenen umgehen muss, ist eindeutig und notgedrungen. Nun kann er oder sie tun, was passend erscheint und was die Umstände zulassen. Die jeweilige Gesellschaft ist das Gebilde und das Gebäude, aus dem wir alle herauskommen, und in das wir hineingehen, und das uns die Möglichkeiten für die Umsetzung der Wünsche und des Ehrgeizes und der Talente und der Schulungen  etc. bietet. Nun  gibt es Zeiten mit Gesellschaften, die ein solches Streben befürworten und die einen Glanz ausstrahlen über die Anstrengungen, die mit kreativem Schaffen verbunden sind. Heute sehe ich den Glanz vor allem bei denen, die allein und bei sich ein tieferes Verständnis des planetarischen Zustandes errungen und eine Entscheidung getroffen haben, in welche Richtung nun navigiert werden soll. Wie gesagt, es gibt immer die schlimmen und die guten Dinge, aber es ist auch nicht zu übersehen, dass der Missbrauch des natürlich Vorhandenen (Erde und ihre Ressourcen) zu einem Mangel an Ausgleichung geführt hat. Wer hätte sich träumen lassen, welche Wege die Verdunklung sich sucht. Eigentlich würde man denken wollen, dass etwa ein intelligenter Mensch die mögliche Bombe eher nicht baut, da er weiß, dass das Erschaffene benutzt werden möchte. Das ist sehr teuer und ein Riesenaufwand. Und man kann beobachten, dass das, was eigentlich gar nicht produziert werden sollte, todsicher den Missbrauchern in die  Hände spielt. Das sogenannte digitale Zeitalter hat das nicht gerade vereinfacht. Was viele ahnten, wissen jetzt die meisten. Die Geschichten  von den Katastrophen und den Gräueltaten. Oft fehlen aber die anderen Geschichten: die von der Rückkehr zu sich, und die von der Freude am selbstständigen Denken, das nur in geeignetem Raum möglich ist. Es gibt keinen Frieden mehr, der nur für sich ist. Das, was durch Verbindung mit sich selbst geschieht, das geht automatisch wieder hinaus in die Welt, ausgerüstet mit einem Kompass, dessen beweglicher Zeiger die Richtungen erspürt. Was kann man noch tun? Was ist angebracht? Was ist ein Beitrag, der ohne Bedienen unliebsamer Gesellschaftsformen auskommt? Ist es zu allen Zeiten das Wichtigste an der Front, immer fleißig und tüchtig zu sein? Oder führen nicht gerade Fleiß und Tüchtigkeit oft zu Verhinder- oder Behinderungen?  Die Zeit, die man so gern nicht zu haben scheint für das Wesentliche, die gibt es am Ende ja gar nicht. Das Wesentliche ist gar nicht von der Zeit, sondern es ist das  Wesen im eigenen vorübergehenden Zeit-Raum. Der ist begrenzt. Nicht an sich, nur für das eigene Sein in dieser Form, in der man sich wahrnimmt. Daher gibt es auch das Gerücht über diese Zeit, nämlich dass es günstig ist für Entwicklung. Man muss die Energien gut nutzen und die düsteren Felder weder verdrängen, noch an sich ziehen. Da, wo man nicht wirken kann, ist Seinlassen auch meistens ein guter Rat. Um sich selbst fragen zu können, wo es langgeht. Ich mochte immer diese Einstellung der Inder zum jetzigen Zeitalter, dem „Zeitalter des Todes“, das auch im Westen bekannt war und ist als das „Eiserne Zeitalter“. Wenn die lebendige Maschine sich langsam in Eisen umsetzt und das schwere Atmen und Ahnen einsetzt. Wenn der Reiz vorherrscht, das Menschsein mit der Maschine zu optimieren, so als wüssten wir schon, was Menschsein wirklich ist. Wenn das Leben als abgekartetes Spiel erscheint und die Spieler sich gegenseitig misstrauisch beäugen. Wenn wir alle so tun, als wären wir schon, was wir scheinen. Dann ist es Zeit, meinte der Hindu, bevor der große Schlaf ihn angriff und hinabzog in die Schatzkammer der glitzernden Steine. Ihr wisst es doch, sage ich manchmal tief erschrocken zu ihnen. Von Euch haben wir es doch gelernt! Dass es die Zeit gibt, wo die falschen Könige auf den Thronen sitzen. Wo Gier und Neid und Machthunger tatsächlich herrschen. Für diese Gesellschaft muss man kein fleißiger Baustein mehr sein. Da ist ausgebaut, was wirklich menschlich von Nutzen war. Da kehrt man um. Nicht der Welt den Rücken, sondern heim zu sich. Von da aus schadet man zumindest nicht mehr. Und wenn man mehr tun möchte: warum nicht. Alles ist ja noch da. Nur wir selbst sind verändert.

Bild: Wie kommt es, dass die Dinge sich zusmmenfügen? Manchmal weiß ich es nicht. Der Körper der Kali fiel aus einem Heft, der Kopf der Schmerzensreichen lag schon da auf meinem Schreibtisch. Ich hatte keinerlei Impuls, sie zusammen zu kleben. Nur für einen Augenblick fügt sich ab und zu im Bild das sonst schwer Beschreibbare.

 

einstellen

Was sich nicht alles melden kann, wenn so ein harmlos aussehendes Wort wie „einstellen“ auf einmal vor einem steht. Man nimmt die Verbindungen wahr, die sich mit der Zeit damit „eingestellt“ haben. Menschen werden eingestellt zur Arbeit, aber auch medizinisch wegen etwas oder gegen das, was sich bei ihnen eingestellt hat. Auch Kinder werden eingestellt. Der 13-jährige Pflegesohn einer Freundin kennt fast nichts außer der Not des ständigen Einstellens beziehungsweise des Eingestelltwerdens. Wo etwas nicht mehr „repariert“ werden kann, wird medizinisch eingestellt. Es hilft, aber nicht wirklich. Wenn der Schatten, der hinter dieser Art von Einstellung lagert, einmal bewusst erfasst werden kann, ist sicherlich ein Grad von Heilung möglich. Aber es war eigentlich gar nicht dieses Verständnis, von was ich ausgehen wollte,  und doch wird mir der Zusammenhang klar. Bevor die Einstellungen, die wir in unserem Leben brauchen, um mit einer beweglichen Identität einen Weg zu bahnen mit dem uns Vorstellbaren, bevor sie also zu starren Prinzipien werden, muss man sie dennoch formen und anerkennen. Ich denke, dass Einstellungen noch einmal etwas anderes sind als Meinungen, obwohl die Klarheit einer Meinung nicht schaden muss. Einstellungen sind eher grundsätzlicher Natur. Dass sehr viele Menschen erkranken, muss man wahrnehmen, aber man kann sich auf Gesundheit einstellen, oder man kann das Älterwerden interessant finden statt bedrohlich. Oder man weiß, dass man selbst auf Frieden ausgerichtet ist, auch wenn man nicht umhin kann zu erkennen, das es wohl immer Irre geben wird, die für Kriegsführung plädieren oder dabei sind, so als wüsste man nicht, dass da Leben ausgelöscht werden. Und Jahre hinterher noch traumatisierte Geschöpfe durch die Gegend laufen, die auch Kinder haben, die man dann einstellen muss. Ja, ich denke, für Frieden zu sein, ist eine wichtige Einstellung. Am ehemals viel benutzten und bis heute beliebten „Friedenszeichen“ konnte man auch gut abgestumpft werden. Wenigstens war es ein Zeichen, obwohl es auch unter den das Zeichenzeigenden nicht immer so friedlich zuging, wie man sich das vielleicht noch in den Sechzigern erträumt hatte. Durch die Wunder- und Aufklärungsdrogen konnte man sich das „Paradiesische“ besser vorstellen und folgte gern dem Trieb der Pazifizierung. Aber nicht wirklich ein verlässlicher Pace weit und breit. Na ja, so schlimm ist es auch nicht (nur). Nach einer kollektiven Höllenfahrt durch die Geisterwelten kommt man gerne wieder durch eine Tür, die zu hellerem Licht führt. Dann beginnt allerdings bereits die Rückkehr zum Einzelnen. Täter werden aussortiert, obwohl man die meisten nie findet. Söhne müssen her, damit wieder Männer im Land sind. Es wird wieder gezeugt und gezeigt, wo es langgeht. Immer da, wo eingeleuchtet wird, geht das Volk mit. Deswegen werden Politiker so streng behandelt: weil sie letztendlich d a s vertreten, was das Volk nicht vermeiden und verhindern konnte. Es kommt immer darauf an, was für Einstellungen sich durchsetzen. Wenn ich meine eigenen nicht kenne, wie kann ich mich dann empören über das, was da draußen manifestiert wird? Meine Umgebung formt sich ja auch über die eigenen Einstellungen und meine Bereitschaft, andere wahrzunehmen, durch die ich meine überprüfen kann. Aber was, wenn die Einstellungen gar nicht da und vor allem nicht klar sind? Jetzt muss eine Weltmacht Atombomben haben, um wer zu sein. Aber wer ist man? Mit einer gewissen Konsequenz, die nahezu frei ist von Wunsch oder Willen, erscheint immer wieder, nun im staubigen Alltagsgewand, die antike Frage: wer bin ich? Man kann übrigens die Antwort sehr lange akrobatenhaft variieren, damit man der Frage näherkommt. So nah wie möglich. So bewusst wie möglich und in die gefährliche Nähe des Ungewissen. Ach, wie aufregend. Und dann: nur durch eine klare Einstellung kann ich wissen, nur als Beispiel, ob es mir wirklich ernst damit ist, ein friedfertiger Mensch zu werden, weil ich dann weiß, wie schwer es ist. Es könnte so etwas Spannendes und Prickelndes sein wie ein Stelldichein…na bitte, nun hat sich die Drohung aus dem Wort entfernt und ich kann mir und wem auch immer es zusagt, ab und zu ein Stelldichein mit sich selbst empfehlen. Man ist ja vor Entfremdung von sich selbst nicht wirklich geschützt. Eigentlich gibt es da nicht mal Ferien. Aber gut, sage ich zu mir, man muss ja nicht gleich streng werden. Nur klar. Das kann nicht schaden.

 

Das Bild zeigt eine der unzähligen Möglichkeiten friedfertiger Einstellung.

Amber

Neulich wurde ich mal gefragt, wie für mich die ideale Beziehung zwischen Mensch und Tier aussieht bzw aussähe. Es war im Rahmen eines Projektes, aber man will ja nicht einfach was sagen. „Ideal“ kann man schon mal generell für alle Beziehungen streichen, auch wenn Beziehungsidealisten sich gerne diese Fahne hinhängen können. Geht es um ein Ideal? Oder um das, was jeweils ist, und ob man rechtzeitig die Fähigkeiten erlangt, damit umzugehen. Und da es schon immer, hier in einem angebrachten „Immer“, darum ging und geht, wieviel und welche und ob überhaupt Liebe sich im Prozess umsetzen kann, damit dat Janze blühen und gedeihen kann, sprich: gelingen. Nun hatte ich mich in meiner Antwortsnot bereits als Nicht-Expertin geoutet, da ich weder Mensch/Tier-Ideale hege, noch das tiefe Bedürfnis, Tiere um mich herum zu haben. Vor allem sehe ich ungern, wenn sie, m.E., zu sehr mit menschlichen Fürsorgetechniken bedacht werden, während andere vermutlich besorgt sind, ein Tier könnte in meiner Nähe nicht das Wesentliche bekommen. So zögerte ich vor mich hin mit der Antwort, und wie es üblich ist in den beweglichen Archiven der eigenen Psychenordnung, kamen die Erinnerungen herangerückt. Ganz am Anfang war natürlich die Schildkröte, die irgendwann wo runterfiel und der Sturz den Panzer spaltete. Es gab auch den Wellensittich und die Pferde. An hohe Emotionen erinnere ich mich nicht. Aber in den Jahren meines Aufenthaltes in Kathmandu habe ich einmal einem Mann im Bazaar einen Adler abgekauft. Seine Flügel waren gestutzt, niemand wusste, ob er würde einmal fliegen können. Es kam zu Spannungen in meiner damaligen Quasi-Ehe, als ich mit meinem Bettzeug zu dem Adler zog. Er hieß Zarathustra. Zwei Nepalesen, die unabhängig voneinander einen Ort für ihre Himalaya-Eulen suchten, brachten diese dann auch noch vorbei. Tags war der Adler draußen, nachts die Eulen. Zarathustra lebte! Und eines Tages, und obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, blieb mein Herz stehen, als er abhob in die Lüfte. Die Mönche vom Tempel erzählten uns manchmal, dass sie ihn auf der goldenen Kuppel sitzen gesehen hatten, aber dann zog er wohl weiter. Ach ach, mein Zarathustra. Dann gab es einen kleinen Hund, und indische Bauern fanden, der wäre zu anhänglich an mich. Ich schasste ihn hinaus in den Sand, dann töteten ihn die Hunde. So erlebt man auch auf dieser Ebene eine ganze Menge. Tiere und ich….tja….Ein paar Tage nach der Frage aber ergab es sich wie durch einen Zufall, dass, im üblichen Vorgang, eine neue kleine Katze zu uns kam. Jauchzen und Frohlocken, kein Zweifel. Man versteht ein bisschen besser, was Mütter so erleben. Nicht, dass ich das Kind mit dem Tier vergleichen will. Vielleicht das Entzücken der Augen, das Blinken und das Zurückblinken, die Bereitschaft zu Bewegung und Spiel, das Wissen um die verblüffende Zartheit eines Anfangs, damit es gut wird. Im Bild oben sieht man das neue Tier im verwackelten Bild. Nachdem sie stundenlang kleinen Mucks machte, war sie hier kaum zu bändigen.  Den Vater haben wir auch kennen gelernt: ein großes, langhaariges schwarzes Tier, die Mutter ist schneeweiß und kommt aus Norwegen. Die Wunder der Natur lassen nicht auf sich warten, sondern sind, was sie sind, und das reichhaltig. Amber, so heißt sie bislang, ist also bei uns angekommen.

abhängen (?)

Es gibt ja diese Idee des Lebens als Traum oder als Schlaf, und das damit verbundene Gerücht, man könne daraus erwachen. Also erst der nächtliche Traum, aus dem man in den Tag hinein erwacht, und dann das Erwachen zum Leben bzw zu sich selbst als dem Instrument, das eine Neugier dafür entwickeln kann, was diesen Aufenthalt auf der Erde betrifft. Warum hier? Und wie lange schon? Und ganz speziell der oder die sich Fragenden: und ich? Was mache ich hier? Folge ich wie im Schlaf dem gegebenen System, denke, was zur Zeit so gedacht wird, trage am Körper, was zur Zeit so getragen wird, oder treibt es mich eher in die Nachdenklichkeit darüber, wie seltsam es doch letztendlich ist, dieses Leben als „normal“ zu bezeichnen, wo keinerlei ursprüngliche „Norm“ zu entdecken ist, eher eine Verblüffung über die scheinbar grenzenlose Vielfalt des Erschienenen oder des Produzierten. Eigentlich, wenn man mal genauer hinschaut, ist vieles eher absurd. Dass der Mensch auf dem Markt denkt, er hat so eine große freie Wahl. In Wirklichkeit werden Menschen aber ständig verführt, weil man ihre Verführbarkeit erkannt hat und sie auf allen Ebenen benutzen kann. Man weiß genau, dass sie, wer auch immer damit gemeint ist, nicht widerstehen können. Überall herrscht das Übermaß an Angebot. Man wird in den Entscheidungszwang manipuliert. Nicht nur mit der Materie. Denn immer wird ja der Geist zuerst angesprochen. Ob es die Erleuchtungskarotte ist oder das neueste Computerspiel, die Karotte bleibt immer Karotte. Der Entscheidungszwang ist für die Einzelnen so schwierig geworden, dass man, wenn man kann, es am besten (manchmal auch) als Spiel sieht. Das Spiel, mit den Gegebenheiten angemessen umzugehen, kein Spielverderber zu sein, aber auch kein Mit-Spieler im unterwürfigen Sinn. Was bleibt anderes übrig, als vom Schlaf zu erwachen. Da kehrt man dann automatisch wieder zu den Fragen zurück. Was ist Schlaf? Ist Routine Schlaf? Sind Gewohnheiten Schlaf? Andrerseits ist alles das Eine wie auch das Andere. Es hängt ziemlich offensichtlich von dem Bewusstsein ab, vom Blick, mit dem man etwas betrachtet, und von dem, wie man das Betrachtete aufnimmt. Die verfügbare Begeisterung über das Erfassen von Welt und ihrer und meiner Geschichte muss nicht unbedingt einen Plan oder irgendetwas Vorgegebenes haben, sondern kann schlicht und einfach die Freude am Durchblick sein, soweit es der jeweilige Blick ermöglicht. Dass sich dieser Blick wandeln kann, hängt von inneren Einstellungen ab. Sind die Einstellungen zu fixiert, wird der Blick starr. Der Glaube, etwas erhalten zu müssen, was es gar nicht gibt, kann die Folge sein. Das innere Leben ist gern in Bewegung, aber wirklich nur von der Stille aus. Aber bei zu viel Lautlosigkeit setzt der Schlaf ein. Der Traum hat ja die Eigenschaft, dass er einem ein Erleben vorspielt, aus dem man erwachen muss, will man es als Traum erkennt. Wer kennt nicht die Erschütterung dieser Traum-Realität? Den ganzen Tag kann so ein Film an einem hängen, so als könnte man es gar nicht glauben, dass man erwachen konnte. Wie oft wünschen sich Menschen, aus bösen Träumen zu erwachen, aber oft genug ist das Erschreckende wirklich passiert. Wir als Betroffene  können auch aussehen wie Träumer. Wenn das Fassungslose einen erfasst und einen zwingt, mit sich selbst in Verbindung zu bleiben und vor dem Erwachen nicht zu weichen. Der Schlaf ist ja auch schön und so wohltuend. Seine wohltuende Wirkung hängt allerdings vom Wachsein ab, denn was im Wachsein für mich geschieht hat die Neigung, sich im Traum zu versymbolisieren. Das ist auch ein von Freud „Königsweg“ genannter Weg, wem es Freude macht. Ich kenne niemanden, der über die Traumtheorie vom Schlaf erwacht ist. Wahrscheinlich gibt es sie. Nach gutem Schlaf ist Wachsein das Angenehmste, denn der Blick, der sich da formen kann und wird, wird später „mein Leben“ genannt. Und dann:  wie viel Erwachen ist möglich? Und von was oder wem hängt es ab?

 

Tomas Venclova

Bildergebnis für tomas venclova

Uzupis

Im Rauschen der Linden, am steinernen Ufer
Des wirbelnden Flusses, der dem Tiber so gleicht
Sitz ich mit Milchbärten rum, trinke mein „Gilbey’s“.
Abendämmerung, Gläserklirren und Rauch.
Ich kenne sie nicht. Nur ihre Väter hab ich gekannt.

Generationen wechseln, so ist es. Das Diktaphon
Stottert und knackt. Doch meine jungen Frager
Beschäftigt dasselbe was mich einmal umtrieb:
Ob Leid einen Sinn hat und später die Reue,
Was von der Kunst bleibt, da keine Regel mehr gilt.

Ich war wie sie, eh mir ein Schicksal zustieß,
Seltsam vielleicht, doch nicht schlimmer als andre.
Ich weiß nur das eine: das Böse stirbt nie,
Nur die Blindheit, sie läßt sich verscheuchen,
Und daß Verse mehr wert sind als jeder Traum.

Im Sommer oft wach ich noch vor dem Morgenrot auf.
Ein Gefühl, frei von Angst, sagt mir, die Zeit ist nah,
Wo den neuen Geschlechtern nur Lexika bleiben,
Die Wolken, Ruinen, das Salz und das Brot.
Ich aber hab an der Freiheit genug.

wahrgenommen

Man staunt doch immer mal wieder über das abgrundtiefe Bedürfnis von (uns) Menschen, wahrgenommen zu werden. Wenn neben der natürlichen Freude, als Mensch wahrgenommen bzw reflektiert zu werden eine Not oder ein tiefer Mangel damit verbunden ist, weist es in der Tat meist auf ein Erleben in der Kindheit hin. Ich kenne meine eigenen Widerstände gegen das gedankliche Zurückkehren in den Mutterleib, um mit dem Schmerz der stattgefundenen Katastrophen noch einmal in Verbindung zu kommen, damit er durch das Medium des Wortes in meinem Bewusstsein landen und wahrgenommen werden kann. Als wahr akzeptiert, als existent, als nur für meine eigene Psyche unleugbar. Hier im Westen (im Gegensatz zum Orient) wird auch im Alltag wesentlich komplexer und differenzierter gearbeitet. Alles wird gründlich auseinandergenomment. Wir haben Überlebensfähigkeiten entwickelt, Schutzmechanismen, Stellwände, Widerstände. Das sind jetzt meine eigenen Erfahrungen. Es sind die, die mich im Westen haben wach werden lassen. Was in Indien gelehrt wurde und wird, war auch hier vorhanden. Nur abgetrennter vom persönlichen Leben, mystifizierter, isolierter. Das theoretische „philosophische“ Wissen, meine ich. Bis Freud kam und eine Praxis gestaltete, an die sich der Mensch halten konnte, wenn er Hilfe für die inneren Zustände braucht. Damit man sich im Dschungel menschlicher Verhaltensweisen zurechtfinden kann. Für die Erzeugung wesentlicher Aha-Momente. Aha! Das habe ich mit Anderen deswegen gemacht, und das haben sie mit mir gemacht. Und was für einen tiefen Eindruck hinterlässt der Augenblick der Geburt wirklich fürs ganze Leben, wenn man, wie man’s immer gern hätte, freudig willkommen geheißen wurde zum Licht der Welt, oder ob die Mutter gerade mit der möglichen Abtreibung beschäftigt war. Man hat das nicht für möglich gehalten, ich auch nicht, dass sich die Störungen auf dem ansonsten gelingenden Weg nicht von selbst auflösen. Aber auch keine noch so tiefe Meditationspraxis ist eine Garantie für so eine Auflösung. Das indische „Atma“ heißt auch „Seele“, aber die Wahrnehmung davon ist völlig anders. Die Inder gehen von einer seelischen Einheit aus, wie auch immer du sie erreichst, ist dein Ding. Hauptsache irgendwie göttlich, da eindeutig von oben gelenkt. Hier in Europa wird individuelles Verhalten viel komplexer und differenzierter reflektiert und alles auseinander genommen, um zu sehen, wie es ist. Dabei geht dann das Ganze verloren. Und die Frage ist wieder da: was ist das Ganze? Auch wenn ich mein Leben einfach so vor mich hinleben will, wie es halt kommt, kommt es doch letztendlich immer so, wie ich selbst es erlebe und gestaltet habe. Sonst wäre es ja nicht mein Leben. Auf allen Ebenen, die mir zugänglich sind, habe ich immer die Qual der freien Wahl. Denn auch wie ich mich selbst sehe, ist wirklich nur ein Konstrukt. Daraus entsteht die Verantwortung. Jeder Blick kann ein Leben-oder ein Sterbenlassen sein Und dann und daher: ja!, tatsächlich!,: Sein ist Wahrgenommensein.

Bild: kleiner Stein aus Portugal

regen

Ach ja, der Monsoon ist auch rübergekommen nach Deutschland, genau dann, wo er eigentlich dort sein sollte. Ich bekomme die jährliche Mail aus dem indischen Dorf, die mir meistens verkündet, wann der erste Regen eingetroffen ist. Aber jetzt im August ist es dort superheiß, und kein Regen, und zu wenig Wasser im See. Ich sinniere in das hiesige Getröpfle hinein, ob es nicht Wege gäbe, die Dinge wieder etwas mehr auszugleichen. Aber sie kommen ja vom Ausgeglichenen. Oder wer weiß  noch, was von wem und wo und wodurch verursacht wurde, was zu jenem und dem und dem anderem führte. Außerdem kann es sehr wohl sein, dass sich die vorhandenen Energien immer in einer Ausgleichung befinden, nur vielleicht mit jeweils schwerpunktmäßig unterschiedlicher Verteilung. Oder es sieht nur so aus, zum Beispiel, dass die Gewalt stetig zunimmt. Und gibt es eine automatische Ausgleichung auf der Seite der „Friedfertigen“? Die letzte grandiose Illusion, dass wir gar nicht frei sind, sondern Partikel der Ausgleichung? Gut, selbst wenn es so wäre oder ist, wäre und bin ich trotzdem an mich selbst gebunden im Sinne, dass ich meine Existenz ja nicht leugnen kann. Ob ich sie nun als Senfkorn wahrnehme (meine Existenz), oder als Formkonstrukt, ist bereits im Reich der Bezeichnungen, der Zuschreibungen, der Gestaltungssphäre. Zweifellos gestalte ich mein Sein gemäß dem vorhandenen Umfeld. Aber ich denke auch, dass die vorhandene Freiheit oft viel größer ist, als wir wahrhaben wollen. Nur wo ist sie? Was ist mit ihr geschehen. Mit ihm, dem großen vertrauten Raum, in dem das eigene Sein sich ungestört aufhalten konnte. Insofern ist, ganz klar, der Weg zu diesem Raum nicht eigentlich ein Weg zurück, sondern ist ein Kreislauf der Entwicklung, in der ich irgendwann wieder mit dem Ausgangspunkt in Verbindung kommen  kann. Ein Freiraum, in dem die Liebe gar nicht so sehr das zu Erringende ist, sondern das Gegebene, das Vorhandene, auf das ich mich dann, ausgereift und als eigenes Wesen, wieder einlassen kann. Wenn mich manchmal bei all den horrenden Geschehnissen auf dem Planeten ein Mitgefühl ergreift, ist es häufig der abgeschnittenen Leben wegen, denen durch haltlose Eingriffe Anderer das verbleibende Leben verwehrt wurde. Das Leben Anderer nehmen, das ist schon ein verstörender Vorgang, dem sich Menschen immer wieder aussetzen, und sich deshalb immer wieder irgendwo mit Kriegen in Schach halten müssen. Es gibt eben kein Rückwärts, sondern was in die Welt gesetzt wird, will wachsen und gedeihen. Kaum einer kann sich mehr vorstellen in den jeweiligen Epen, wie es war, bevor der Mensch aus den Paradiesen gejagt wurde. Wie sah es aus, und wie fühlte es sich an, als um Punkt 12 Uhr des kosmischen Gongschlags auf einmal Frieden war? Oder kann bei jedem Einzelnen um 12 Uhr kosmischer Zeit jederzeit ein Gong schlagen? Kain, wo ist dein Bruder Abel? Ja wo isser denn? Ich, ich soll sowas getan haben. Ich? Das bin doch nicht ich, die das getan hat. Doch, ich. Ich habe jetzt Abel nicht umgelegt, und ich kniee auch nicht auf einem virtuellen Beichtstuhl. Es genügt, dass ich weiß, was ich tue. Wo ich etwas ändern will an meinem Verhalten, kann nur ich etwas ändern. Im Raum der Liebe ist auch mit den Anderen Wachheit und ein Zulassen voneinander. Mir macht es nichts aus, wenn Menschenkinder zu reifen Erwachsenen werden Es gibt auch nicht wirklich Spielregeln, die man einhalten muss. Ja, in gesellschaftlichen Konstrukten ist das ja angebracht, aber nicht innerlich. Ich kann sein, wer ich bin. Wer soll mich hindern.
Das Bild zeigt ein durch deutsche Monsoontätigkeit entstandenes Moosgewand eines Yogis bei uns im Garten.

unabhängig

Bildergebnis für Bharat Mata
Die indische Nation als Göttin, das würde (noch) keinen Inder und keine Inderin erstaunen oder erschrecken. Ja, es war Unabhängigkeitsaufmarsch-und jubel, vorgestern. Ich war unterwegs und wurde durch das Radio darauf aufmerksam. Ein indischer Musiker klagte darüber, dass die Entwicklung der modernen indischen Musik global gar nicht wahrgenommen wird, weil die Westler sich immer noch keine Musik aus Indien ohne Tabla vorstellen können. Generationen von Westlern haben sich in kleinen Räumen die Finger wundgetrommelt, das will man doch nicht einfach vergessen. Wir mochten ja das grandiose, staubige Getümmel mit den herrlichen Orten, den noch einigermaßen sauberen, heiligen Gewässern und der genialen Überlebenskraft der Hindu Gesellschaft. Auch sie haben das blutige Erbe hinter sich, sind permanent von irgendwem bestimmt worden, bevor der kleine weißgekleidete Kauz Ghandi seine Lebensaufgabe entdeckt hat, aus den Indern eine eigenbestimmte Menschheit zu machen. Mir wurde oft vermittelt, wie friedlich Muslime und Hindus einst lebten, aber über die blutigen Kriege kann man mit niemandem reden. „Geh doch nach Pakistan!“ ist ein gängiges Schimpfwort geworden. Als Mani eine Niere brauchte, brachte ihn sein Bruder heimlich nach Pakistan, weil es da welche gab. Alles war wie im Krimi. Der Preis, das schreckliche Geheimnis, das auch ich hüten muss, denn niemand darf jeh erfahren, dass die Leber eines Brahmanen aus Pakistan kam. Die Mittelschicht will sich natürlich weiterentwickeln, wer will es verübeln. Man kann der ganzen Schicht ja nicht zumuten, sie müssten sich um die Millionen Abgehängter kümmern, die mit ziemlicher Häufigkeit noch ihre Kinder zerhacken, wenn die nicht die richtigen Menschen in der vorbestimmten Kaste heiraten. Wir hatten davon ja auch keine Ahnung. Wir kamen in ein riesiges Land mit freundlichen Menschen, die an Höflichkeit und eingefleischtem Wissen kaum zu überbieten waren. Und das bei gutem Milchtee und einer sehr spürbaren Zeitlosigkeit. Bis heute kann man in Indien zu spät zur Arbeit kommen, weil jeder versteht, was geleistet wird. Überhaupt ist das Zuspätkommen eine Volkseigenschaft, an der noch niemand rüttelt. „Unabhängigkeit“, ein sehr anspruchsvoller Begriff. Sind sie denn unabhängig geworden, die Hindus? Von Pakistan sicherlich nicht.  Täglich kriegelt es hier und dort, sie hängen ganz schön aneinander, die neuen Feinde. Wenn sinnloses Schlachten stattgefunden hat, kann man das wirklich vergessen, ohne mal kollektiv darüber nachgedacht zu haben? Kann das gut gehen? Nach dem großen Schweigen kamen die Telefone, erst in öffentlichen Häuschen, dann an der eigenen Wand mit Schnüren, dann in der Hand ganz klein. Nun wachsen sie wieder in der Hand, die unerlässlichen Sprachrohre, an denen auf einmal die ganze Nation hängt, als hätten sie tausende von Jahren gar nicht gewusst, mit wem man alles reden kann. Und was man wählen kann mit dem eigenen Gehirn oder mit der Familie auf den riesigen Flatscreens. Nur wir Indien-Reisenden vermissen dieses bunte virtuelle Gewimmel nicht. Wir trauern ja den staubigen Straßen nach und dem ungiftigen Tee. Wir trauern dem Indien nach, von dem wir abhängig waren und das sich jetzt durch Kopieren von uns und unseren Gesellschaften aus unserem anhänglichen Blick herausschält in die moderne Unabhängigkeit. Klar war das beeindruckend, einen indischen Transgender-Sänger im deutschen Radio ein schönes Lied singen zu hören. Den Paragraphen 337 gibt es immer noch. Und wenn ihr euch anständig anzieht, ihr Frauen, und abends nicht draußen rumhängt, passiert euch auch nichts. Die Wege der sogenannten Entwicklung sind weit und gefährlich. Und ob es Menschen wirklich gelingen kann, in eine innere Unabhängigkeit zu kommen, um über ihr eigenes Leben souverän entscheiden zu können, hängt nicht vom Atomprogramm der Nation ab und nicht von ihren militärischen Darbietungen.
 
Das Bild ganz oben zeigt „Bharat Mata“. „Bharat“ ist ein altes Wort für Indien, und „Mata“ heißt Mutter. Das untere Bild zeigt einen göttlichen Fußabdruck auf einem herumliegenden Sandstein im Dorf.

passt

Worte können auch geistern, ja, sind oft wie Geister, die in mehr oder weniger klaren Formen auftreten und ihre Wirkung entfalten Was hat man nicht alles von ihnen gesagt! Sie kommen hervor, sie ziehen sich zurück, sie können zärtlich sein, sie können töten. Wo kommen sie her? Wie sind sie entstanden. Über das Erscheinen des Wortes „Selfie“ weiß man, dass es nicht nur auf einmal da war, sondern dass genug Menschen es überall in der Welt aufgegriffen und benutzt haben, sodass es nun in der hehren Gruppe der Duden-Bewohner aufgenommen wurde. Werden musste, weil es nicht mehr wegzudenken ist. Selfie ist da, ob man will oder nicht. Die Worte selbst erscheinen ja auch erst einmal jung und frisch, bis die, die in der Masse landen, dem Volk auch zum Opfer werden können oder von ihm missbraucht werden. Und es entstehen Obsessionen und Krankheiten, von denen man dann spricht, als handle es sich um eine geschichtliche Ära: vor und nach dem Selfie zum Beispiel. Die beiden Worte „Alles gut!“ waren sicher auch einmal bei ihrer Geburt gut gemeint, jetzt können sie als subtile Waffe eingesetzt werden, die mir den Anderen vom Leib hält. Stör mich bloß nicht! Alles gut! Ach ja? Alles gut? Alles ist schon viel, aber „alles gut“ ist das perfekte Rüstzeug, um genau das zu vermeiden, was eigentlich gar nicht gut ist. Und wann war schon mal alles gut? Der selige Traum vom diamantenen Hafen der Einheit, des Zustandes der Einheit, kann sich sicher durch das duale Prinzip nicht wirklich umsetzen, und überhaupt die Frage: wie sieht das aus, wenn „alles“ „gut“ ist. Gewichtige Worte auch im Paradies: „wehe wehe ihr esst von der Frucht (des Wissens), dann aber…Menschen erschaffen sich Lichtgestalten und geben ihnen Namen. Und ich persönlich kann nicht behaupten, dass ich es in bestimmten Zeiten nicht förderlich fand, durch ein Wasauchimmer in die Vertikale gezogen zu werden, damit das dunkel Bewusste sich selbst belichten kann. Und was geistert da immer noch herum aus der Antike? Wer hat’s zuerst gedacht, wer eingemeißelt in die Menschheitspsyche, damit auch das Wissen zugänglich wird, wie man aus dem leidvollen Schlamassel des Menschseins einen Weg herausknobelt, und ob es den überhaupt gibt. Das Orakel von Delphi mit der mysteriösen Botschaft bzw. dem wohlgemeinten Hinweis, der Mensch soll die Möglichkeit und das Angebot, sich selbst erkennen zu können, wahrnehmen und nutzen, damit durch wissensvollen Umgang mit dem Schicksal die Freude am Abenteuer nicht flöten geht. (flöten?) Und dann der Schrecken der Worte. Welches Wort hat den Befehl zur Auslösung der Atombombe über Hiroshima ausgelöst, oder waren es nur Zahlen? Und „Heil“? Was heißt das? Wie war das gemeint? Das wissen sicherlich welche, aber ich weiß es nicht. War der Heiland gemeint oder das Heilen? Heil Hitler? Wie kam es zu dieser unseligen Form, die so viele so überzeugend fanden: die straff ausgestreckte Hand zum Heilsversprecher hin.? Kein mulmiges Gefühl, als es anfing? Keine Fragen? Wortlos im Unsereins. Worte sind Kräfte. Seit alle redend im Netz unterwegs sind, sind Worte auch Freiwild. Wir WortwertschätzerInnen haben das nicht so gern Unsere eigengeborenen Worte laufen schon Gefahr, in und mit den Handschriften verloren zu gehen, das Gefühl für Papier. Ich schreibe auch manchmal Worte auf, die ich noch nie gehört habe und bewahren möchte und damit meinen eigenen Schatz erweitern. Es kommt selten zur Nutzung, aber die Freude ist dennoch da. So. Heute schließe ich mal ab mit einem Worteraub, oder vielmehr ist es ein ganzer Satz, den ich kurz mal raube und wieder loslasse. Er kommt aus einer Ohrwurm-Werbung, und jede/r kennt ihn. Er ist genial, denn lässt man das Produkt weg, für das er wirbt, kann man ihn nahezu grenzenlos einsetzen. Also sozusagen ein illegaler Akt vor aller Augen: „Bei allem, was dir wichtig ist, machst du keine halben Sachen: Wortschatz, wenn’s gut werden soll“. Passt doch!

original

Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass es in unserem Zeitraum der Geschichte vordergründig immer so scheint, als wüssten wir, wer und was gerade die Welt regiert. Aber es gibt nicht nur hinter den „Macht-Habern“ immer die Strippenzieher, die zum Glück auch manchmal auf den Vordermann Macht ausüben können, sondern es gibt viele Welten und Mächte, die sich gleichzeitig im Verborgenen und Sichtbaren entwickeln und erscheinen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Auch die Inder haben Atombomben bereitstehen, und Menschen aus dem Westen würden oft staunen, wie sehr der Inder sein Land als eine Weltmacht sieht. Mark Zuckerberg ist auch eine Weltmacht. Es kommt eine ganz klare Botschaft aus dem Nerd-Reich: es ist die Optimierungsmöglichkeit des Menschen als einem Objekt, in das in immer technisch ausgefeilterer Perfektion Projekte hineingestaltet werden können, die das als menschlich bekannte System hinter sich lassen.  Auch Oppenheimer, ein genialer Kopf, konnte nicht widerstehen. Ist das genial? Der Genius mutiert nahezu unbemerkt in ein trojanisches Pferd, das seinen Inhalt selber nicht mehr erkennen kann, oder wegen tierischer Triebe das Bewusstsein darüber aus dem Wege befördert hat. Dann gibt es die Möglichkeit, diese ganzen sogenannten „bedrohlichen“ Mächte nicht so ernst zu nehmen, weil das eigene Leben eben auch interessant ist und man nur dadurch mitgestalten kann. Und mitdenken. Und vor allem selber denken, damit man irgendwann die gewohnten Prägungen lüften und dahinter schauen kann, ob sie auch wirklich meiner Quelle entstammen. Ent-stammen, genau…Jetzt muss ich doch hier den Satz von Aristoteles zitieren, den ich vorgestern auf der Website von Francis Norman, einem Jazz-Violinisten aus Ghana, gefunden habe, und zwar dass, „wenn die Bedürfnisse der Welt mit den eigenen Talenten zusammen kommen, unsere Berufung genau d a  liegt.“ Sehr schön, weil es eine immense Freiheit ausdrückt, und gleichzeitig der Hinweis auf die Verantwortung des Sich-selbst-Seins, ohne die man kein eigenes Denken und förderliches Tun haben kann. Und natürlich ist es höchste Zeit angesichts der nackten Tatsachen auf der Weltbühne, dass man erwacht vom Schein des Autoritätsgehabes- und glaubens. Das will nicht heißen, dass nicht jeder Mensch durch die Verbindung mit sich selbst eine natürliche Autorität besitzt. Die „Hörigkeit“ hat vor allem mit der gängigen Überschätzung von Autoritäten zu tun, die das Vertrauen in das eigene Wesen behindert. Heute früh beim Brombeeressen im Wald fiel mir ein, dass meine Mutter während meiner Schulzeit, als ich mich über einen Lehrer ärgerte und sie zufällig da war, vorschlug, ich solle ihn mir doch einfach in Unterhosen vorstellen. Na ja, das habe ich nicht gemacht, aber es hatte die gewünschte Wirkung in Form gemeinsamen Lachens. Oder „des Kaisers neue Kleider“, auch effektiv. Dann wiederum sind wir uns unserer eigenen Kraft oft nicht bewusst. Die Einzigartigkeit unserer Anwesenheit kann nicht bestritten werden. Und als diese auftauchenden und wieder verschwindenden Originale sollten wir auch glänzen. Als würde es keinen Unterschied machen, wer wir sind! Und wie wir unterwegs sind.

vertreiben

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Ist doch wirklich unglaublich, was man in einem Leben von der Geschichte des Menschen (und der eigenen) erfahren kann! Gut, Trump ist hier auch nur der Avatar für das schlechthin Unglaubliche, an dem sich die Geister erproben. Aber hier hat sich für mich in der laufenden D.T.-Oper eine Variante gezeigt, die mir s o nicht bewusst war. Da zieht sich also ein Fackelzug von Neo-Nazis durch eine amerikanische Stadt, die teilweise „Heil Hitler“, aber auch „Heil Trump“ rufen. Es erinnert an den Mythos der Hydra. Man bemüht sich um den angemessenen Umgang mit einem Kopf, und währendessen wachsen  ganz woanders zwei neue nach. Der Kopf in der Mitte galt ja als unsterblich, sozusagen unausrottbar, und könnte hier als eine Tendenz im menschlichen System stehen, die mit einer gewissen Freiheit des Menschen verbunden ist, den eigenen Neigungen, jenseits von Gut und Böse, zu folgen. Der Mensch ist eben permanent im Entscheidungszwang, und nur der freie Wille, die Verantwortung für diese Freiheit zu übernehmen, kann uns aus diesem Zwang befreien. Die Transparenz von Trumps Schauspiel ist geradezu beeindruckend. Einige haben sich ja auch der Gerechtigkeit oder was auch immer halber um eine ausgewogene Beurteilung dieses Spielers bemüht, aber ob man will oder nicht, so neigt doch die Waagschale immer aufs Neue auf eine Seite. Trump neigt sich hin, wo er angelächelt, nie kritisiert und vor allem gelobt und als  Retter der Nation gefeiert wird. Dass nun herauskommt, dass eine zu große Menge diesem dunklen Spiegel von verstecktem Rassismus zuapplaudiert und sich entlarvt als die Unterstützer rassistischer Ausrottung, das gibt schon zu denken. Auf einmal wird aus dem vermeintlichen Helden und Herrscher ein Sklave, der die Gefahr wittert, die von der Sucht der Eitelkeiten ausgeht, gepaart mit der aufgewühlten Psyche eines gefährlichen Tieres. Der Präsident versteht die Welt nicht mehr. Gerade haben noch alle zu ihm hochgeblickt, jetzt muss er seine Zujubler abstrafen. Selbst die Vertrauten zwitschern gegen ihn. So ein Moment kann wie alle Katharsis-Momente zu einem Erwachen zur Bedrohlichkeit des Seins durch eigenverschuldetes Verhalten führen, aber das ist ja nicht so einfach, wie man’s dann gern hätte. Wie gesagt, man kann auch vom Ego nicht erwarten, dass es sterben will. Und wenn man im eigenen Zuhause etwas verursacht hat, was ganz offensichtlich daneben war, und kann mit liebevoller Unterstützung in diesem leidvollen Prozess der Selbsterkenntnis rechnen, dann kann das Erschreckende auch eine Chance sein zu menschlicher Reife. Dass sich im globalen Geschehen genug kluge Köpfe für eine Deeskalation der Spannungen einsetzen, liegt daran, dass die Gefahr erkannt wird, weil u.a. auch die Gespenster von Nagasaki und Hiroshima und  vom Dritten Reich um die Regierenden herumtanzen und zeigen, wie weit Machthunger gehen und wohin der Vernichtungswahn entsperrter Egomanien führen kann. Nämlich zu einer Art von Vernichtung, die das Ende der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies bedeuten könnte, nur mal bildlich gemeint. Man mochte gerne gedacht haben, dass es im Menschen tatsächlich eine Sperre gibt, und zwar die der eigenen Auslöschung, bei der der Selbstmord immer eine Ausnahmestellung hatte. Aber seit im Himmel wieder viele Jungfrauen versprochen werden  undsoweiter, sieht man, dass auch diese Erwartung getäuscht hat. Menschen schrecken vor nichts zurück. Das weiß man nicht gerne. Für so manchen könnte der letzte Kick aus einer bewussten Fehlentscheidung bestehen. Daher: auf die Blumen achten, und die Sternschnuppen, und auf die bereitwillige Klärung der Störungen, und den eigenen Anteil daran, und auf die Freude, wenn die Verbindung gelingt. Und mit was und wie ich meine Zeit vertreibe.

Pablo Neruda

 Bildergebnis für Pablo Neruda

 

Ode an die Dinge

Ich liebe die Dinge über alles,
alles.
Ich mag die Zangen,
die Scheren,
ich schwärme
für Tassen,
Serviettenringe,
Suppenschüsseln —
vom Hut
ganz zu schweigen.
Ich liebe
alle Dinge,
nicht nur
die höherstehenden,
sondern
auch
die un-
end-
lich
kleinen,
den Fingerhut,
Sporen,
Teller,
Vasen.
Bei meiner Seele,
ist der Planet
schön,
voller Pfeifen, die
von Händen
durch den Rauch
geführt werden,
voller Schlüssel,
voller Salzfässer,
voll von
allem,
was Menschenhand erschaffen, allen Dingen:
den Rundungen am Schuh,
den Geweben,
der zweiten,
diesmal unblutigen
Geburt des Goldes,
den Brillen,
den Nägeln,
den Besen,
den Uhren, den Kompassen,
dem Kleingeld, der weichen
Weichheit der Stühle.
Ah, soviel
reine
Dinge
hat der Mensch
entworfen,
aus Wolle,
aus Holz,
aus Glas,
aus Stricken —
Tische,
wunderbare Tische,
Schiffe, Leitern.
Ich liebe
alle
Dinge,
nicht weil sie
brennen
oder
duften,
sondern
ich weiß nicht warum,
weil
dieser Ozean dir gehört,
mir gehört:
Die Knöpfe,
die Räder,
die kleinen
vergessenen
Schätze,
die Fächer,
in deren Federn
die Liebe ihre
Orangenblüten
wehte,
Gläser, Messer,
Scheren —
auf allem
findet sich,
am Griff, am Rand,
eine Fingerspur,
die Spur einer entrückten,
ins vergessenste Vergessen
versunkenen Hand.
Ich gehe durch Häuser,
Straßen,
Fahrstühle
und berühre dabei Dinge,
erkenne Gegenstände,
die ich insgeheim begehre:
mal weil sie läuten,
mal weil sie
so weich sind
wie die Weichheit einer Hüfte,
dann wieder, weil sie wie tiefes Wasser
gefärbt oder dick wie Samt sind.
0 unumkehrbarer
Strom
der Dinge,
keiner kann sagen,
ich hätte nur
die Fische
geliebt
oder die Gewächse des
Urwalds und der Wiesen,
ich hätte
nur geliebt,
was hüpft, klettert, überlebt und seufzt.
Falsch:
Mir sagten viele Dinge
vieles.
Nicht nur sie rührten mich
oder meine Hand rührte sie an,
sondern so dicht
liefen sie
neben meinem Dasein her,
daß sie mit mir da waren
und so sehr da für mich waren,
daß sie ein halbes Leben mit mir lebten
und dereinst auch
einen halben Tod mit mir sterben.

umgehen

Mein Denkapparat hat wirklich lange gebraucht, bis sich einige Erfahrungen und Einstellungen zu dem Erkennen der Tatsache gebündelt hatten, dass es tatsächlich die „Störungen“ zwischen Menschen sind, die, bekommen sie Raum, durch Auseinander-Setzung zu den jeweiligen Klarheiten führen können, die zum Verständnis eigenen Verhaltens notwendig sind. Was heißt Klarheiten. Und was heißt „Störungen“? Dass tatsächlich jeder Mensch, der auf diesem Planeten erscheint, auch gleichzeitig in einem ganz bestimmten Schicksalsforum ankommt, ist deutlich. Aber die Einzigartigkeit eines Wesens resonniert auch auf es umgebende Einflüsse in dem Versuch, die eigene Wirkung zu entfalten und damit auch im Umfeld anzukommen. Da sich Katastrophen von Anfang an in jeglicher Variation vorfinden, geht es eigentlich sofort darum, sich mit eigener Wesensart durchzusetzen, soweit es das Feld erlaubt. Schon in der Kindheit darf der Mensch ja oft schon gar nicht sein, wer er ist, sondern wird bestimmt vom Sollen und Wollen der Anderen. Ich denke, das sogenannte“Leben“ geht oft darum, wie ich einen Umgang finde mit dem Brocken, den ich wohl oder übel als „mein Schicksal“ erkennen muss, bevor ich mich aufmache, darüber nachzudenken, wie ich meinen Weg freischaufle. Nun will nicht jeder schaufeln, denn das Geröll kullert aus allen Richtungen herbei und kann jederzeit meine Existenz bedrohen. Die Welt ist u.a. auch eine Ablenkungsshow, in der letztendlich jedem ermöglicht wird, das zu tun, was ihm oder ihr einfällt, wenn man die jeweiligen Gesetze einigermaßen im Auge behält. In vielen Ländern kann man auch Schmiergeld zahlen. Unser Nachbar sagte gestern zu mir, dass man in dieser Welt nichts umsonst bekommt, und dass jedes Ding seinen Preis hat. Er meinte, dass man fleißig sein muss, um seine Existenz zu verdienen. Ich habe gemerkt, dass mir die Formulierung nicht gefällt, obwohl ich verstehen konnte, was er meint. Ob nun das Universum selbst von einer Businessmentalität geprägt ist, konnte ich aber noch nicht feststellen. Ich bin radikaler in meinem Freiheitsanspruch. Mir geht es darum, dass der Mensch genug Raum bekommt, um d a s Leben zu gestalten, was für ihn oder sie stimmig ist. Dafür muss ich aber wissen, dass ich eine Wahl habe, und ich muss wissen, was ich mit mir und meinem Leben in der verbleibenden Zeit anfangen will. Wenn ich in Indien jemanden im Dorf auf eine aus jeglichem Rahmen fallende Absurdität aufmerksam mache, höre ich oft den klassischen Satz: that’s life, Kalima, so, als wäre mir das noch nicht aufgefallen. Nein, sage ich dann, das isses vielleicht für dich, aber nicht für mich. Wenn ich anfange, es ok zu finden, dass ich mit dem Geld von Pilgern meine Drogen finanziere, dann habe ich, bzw der Brahmane hat dann die bestehende Ordnung durchbrochen, und ja, klar, hat das einen Preis. Man muss sich auch einer bestehemden Ordnung nicht unbedingt fügen. Wo jermanns/ und fraus Freiheit lebendig ist, ist die Verantwortung der Einzelnen für Taten, Wort und Gestaltung des eigenen Daseins. Dass man auch den Blick des Gegenübers braucht, um sich selbst wahrnehmen zu können, ist der Kern der Sache, denn durch mein eigenes Verhalten erschaffe ich auch das Verhalten des Gegenübers. Schaue ich von der verhältnismäßigen Freiheit meines eigenen Fensters aus auf das Andere, kann ich wählen, welches Verhalten mir angemessen erscheint und ob es mir gelingt, das umzusetzen, was ich unter Menschen für möglich halte…….(……wir können froh sein, wenn in dieser Schweigsamkeit Wesen uns wohlgesinnt sind, wenn lebendige Lichter brennen, wenn die Liebe aufgehoben ist vom Staub ihrer Knechtschaft, und das Herz in sich ruht ohne Fremdheit….)

 

Das Bild zeigt einen Schicksalsbrocken

zugehen

Nochmal kurz zurückblickend auf meine gestrige Empörungstirade, muss ich sagen, dass ich nicht bedaure, die Technik des Schwertstreiches erlernt zu haben, wenn es klar ist, dass die Technik nur kunstvoll sein kann, wenn keine Wunden entstehen. Erlernt man aber die Handhabung im Übungsfeld, ist nichts gefährlicher als schlampiges Fuchteln, statt darauf zu achten, dass kein Blut fließt. Worauf gilt es zu achten? Was liegt mir am Herzen? Wo muss ich Worte finden für das, was mich umtreibt, oder wo mich die Missachtung bestimmter Werte empört, sodass es meiner Ohnmacht zwar nicht direkt abhilft, und doch…es ist mir doch wichtig, innere Klarheit zu erschaffen über die Art und Weise, wie ich selbst die Dinge erfahre und was sie in mir auslösen. Über eine Frage aus dem Freundeskreis musste ich nochmal nachdenken, und weiß eigentlich noch keine Antwort darauf: ist es angebracht, in gewissen Kontexten „die Menschen“ als „dumm“ zu bezeichnen, so als wäre dieser Blick nicht automatisch arrogant. Ich denke, es kommt auch hier auf den Background an, die Hintergedanken, die Motivation. Für Philosophen zum Beispiel kann es sehr schmerzhaft sein, von den Idealen, die man in sich trägt und die Menschheit gerne nach dorthin unterwegs sehen möchte, mal abzulassen, um zu realisieren, dass es in jeder Geschichtsepoche eine bestimmte bewegliche Menge von Menschen gab, die einen geradezu frappierende Neigung zeigen, kein Interesse an der Selbsterforschung zu bekunden. So mutiert dieses Interesse immer mal wieder zu einem Spezialgebiet, wo in allen geistigen Lehren wie auch in der Psychologie, einerseits Wege aufgezeigt werden, wie man das dunkle Schicksalspaket etwas belichten und erleichtern kann, andrerseits aber verhältnismäßig wenige Menschen davon d e n Nutzen nehmen, durch den ein zufriedenstellendes Leben entstehen kann, wenn man die entsprechenden Fragen und Antworten für sich selbst finden und daraus Handhabung und Umsetzung erschaffen kann. Ja, Dummheit ist immer verfügbar. In der Politik kann man manchmal den leise tretenden Wechsel ins Perfide beobachten. Gestern wurde ich noch in einem guten Gespräch darauf hingewiesen, dass die Tatsache, dass ich die beiden gefährlichen Männer, die gerade mit entflammtem und schwer einschätzbarem Ego herumhantieren und sich offensichtlich nicht mehr daran erinnern, was in Nagasaki und Hiroshima wirklich bis heute am Laufen ist, dass man diese Männer eigentlich nicht mit dem Wort „Kinder“, oder „Jungs“ betiteln sollte, weil man sonst den Schrecken des Vorgangs mindert, und nebenher auch die Kinder beleidigt. Es stimmt. Wer will schon sprachlos werden vor Schrecken. Der Schrecken ist ein schwarzes Loch, aus dem man nicht so leichtfüßig wieder herauskommt. Wenn überhaupt. Kommt man aber wieder heraus, hängt es davon ab, wieviel Schaden entstanden ist. Wenn Menschen einfach Boote bewusst umkippen können, damit die Insassen, die vorher bezahlt haben und in diesem Fall noch in ihren Teenagerjahren sind,  einfach verschwinden, dann weiß man, was auf der Erde los ist, wie es zugeht im menschlichen Miteinander. Es ist ja nicht die einzige Unmenschlichkeit, die stattfindet, sondern es ist wie ein Ruck in der kollektiven Psyche, der die Hoffnung ersticken kann, dass man vom Menschen noch viel „Gutes“ erwarten kann. Daher der Druck auf uns allen in der Mitte des Friedensmärchens: Was für ein Mensch bin ich selbst, und wie und wer kann ich sein als Mensch. Die Inder haben halt auch die Weisheit mit Löffeln…ach  nein….mit Händen gegessen, und geben den guten Rat: in der „dunklen Zeit“, wenn keiner mehr durchblickt, schau dich selbst an und erkenne, wer du bist. Das erinnert uns dann wieder an das antike Griechenland und alle hohen Kulturen, wo Menschen noch Zeit hatten, das Wesentliche zu bedenken.

 

Die Zielscheibe auf dem Bild hing bei uns im Wald an einem Baum und wurde von einer Bewohnerin unseres Hauses abgenommen und hierhergebracht. Sie empfand es als beunruhigend, dass die Löcher so groß waren und wahrscheinlich von Luftschußgewehren oder wie die Dinger heißen, durchschossen. Die Übergänge können so nahtlos sein, das ist das Erschreckende. In der Tat: Wo fängt das Kinderspielzeug an, und wo hört es auf, Spielzeug zu sein.

fletschen

Rassel rassel, trampel trampel, das große Zwitschern aus der Ferienluxusvilla des Milliardärs lässt aufhorchen. Wer hätte gedacht, dass so ein kleiner Dummkopf uns in die Nähe des nächsten „kosmischen Vergehens“ bringt, als wären es nicht immer die gleichen kleinen Dummköpfe, die die aufgepumpte Leere ihres Daseins mit Menschenverachtung  und einem gnadenlosen Machthunger füllen. Der gefährliche, weil sadistisch inklinierte Junge aus Nordkorea hat sein hungerndes Volk mit einem kleinen Atomraketenaufsetzer geehrt. Die wissen schon, dass man stirbt, wenn man nicht dankbar lächelt. Der blonde amerikanische Bleichling ist sein Mitspieler beim nuklearen Milchzähnefletschen, zwei Dracos (Harry Potter Finsterling), das darf stutzig machen. Wer nicht fühlen kann, wird auch nichts hören, niemanden hören, gar nichts mehr wahrnehmen als den dunklen Glanz der Psychopeitsche auf den erstarrten Gesichtern der Angestellten. Jeder kann gefeuert werden. Jeder Mann, jede Frau, jedes Land. Bevor es zu spät ist und aus vielleicht menschlichen Gründen nicht mehr angebracht, möchte ich hier eine Frau mit einem Satz zu Wort kommen lassen, der so präzise und wohlgeformt ist, dass man von erfrischender Klarheit ergriffen sein kann. Gut, er ist an die Männer gerichtet, aber ich kenne auch Männer, die diesen Satz verstehen können. Es spricht Christina Thürmer-Rohr:

„Angesichts des großen, von Männern angerichteten
Misthaufens bedürfte es einer heftigen Gefühlsakrobatik,
würden Frauen die Intention entwickeln, jenen a u c h
besitzen zu wollen und ihn den Männern zu neiden.“

 

 

Bild: Ausschnitt eines Gemäldes von Magritte.

aufnehmen

 
Ich nehme  mal den Faden von gestern wieder auf, und zwar an der Stelle, wo der Text aufgehört hat. Ich kann also unter günstigen Bedingungen zu mir selbst finden, bzw. „mich selbst sein“. Gibt es denn ein Sein, in dem ich mich nicht selbst bin? Und ist nicht jeder Mensch sich selbst? Von was gehen wir aus? Es gibt eine Anzahl von Situationen, die einem hier einfallen könnten, wo jemand zu jemand anderem sagt: „Das bist du doch gar nicht, oder „das steht dir doch gar nicht“, sieht nicht aus wie du, hört sich nicht an wie du usw. Auch kennt jede/r ein Gefühl von Entfremdung von sich, eine Unstimmigkeit  im Inneren oder im Äußeren als möglichen Anlass. Wenn wir Menschen wüssten, wer wir sind, könnte uns auch keiner zu etwas zwingen, was uns nicht entspricht. Aber wie erlernen wir dieses „Mich-selbst-sein“, wenn wir von Anfang an schon sind, was wir sind? Was sind wir denn von Anfang an? Auf jeden Fall sind wir bei und nach der Geburt schon mal etwas, das es geschafft hat, anwesend zu sein. Auch das war nicht gewiss. Ungewiss geht es auch weiter. Mit wem bin ich zusammen, wer kümmert sich um mich, solange ich es noch nicht selbst kann? Viele Menschen haben sich darüber beklagt, dass sie gar nicht gefragt wurden, ob sie da sein wollen.  In Indien wird das Erreichen der menschlichen Form als ein hohes Schicksal empfunden, war man doch ihrer Auffassung nach vorher vieles andere, Tier, Pflanze, was auch immer, und hat es nun geschafft ins Reich der Menschen. Man ist Mensch geworden. Und weiter geht’s mit dem Ungewissen. Was heißt das, „Mensch“ zu sein? Habe ich Einfluss darauf, was für ein Mensch ich sein möchte? Sobald ich denken kann, wächst auch mein Einfluss, obwohl ich da bereits selbst von allem Möglichen beeinflusst worden bin: von dem Zeitraum, in dem ich gekommen bin, von der Gesellschaft und der Religion, in die ich hineingeboren wurde, was von mir erwartet wird, und ob ich es erfüllen oder mich dagegen zur Wehr setzen kann. Unendliche Möglichkeiten an jeder Stelle des Lebens. Es sieht nicht danach aus, aber es ist so. Es kommt darauf an, wie ich mein Bewusstsein, das Navigationsinstrument des Menschen, für mich und andere einsetze. Wo navigiere ich hin, wie ist meine Ausrichtung, wie fühle ich mich am Steuerrad meines Schiffes? Und wann wird mir bewusst, dass die Richtung, in die ich steuere, immer von mir bestimmt wird. Und die Anderen? Es gilt für alle. Wer sich steuern will und kann, wird es tun, wir müssen damit und miteinander leben. Aber es hängt nicht von den Anderen ab, sondern von uns persönlich und dem Menschen, den wir aus uns gebildet haben. Haben wir nicht? Doch, haben wir.  Eine meiner früheren Lehrerinnen hat diesen furchterregenden Satz geprägt, dass man sich auch verpassen kann. Kann man, und wodurch merkt man es? Und kann man die Richtung wechseln? Dann habe ich neulich den Satz gehört, dass alle Menschen als Originale geboren werden, die meisten aber als Kopien sterben. Kopien von was und von wem? Wer sorgt dafür, dass man sich treu bleibt? Und wie sieht „Sich-treu-sein“ aus?  Für mich ist der Humor immer ein Gradmesser gewesen. Habe ich ihn mal unterwegs verloren, war es sicher auch wichtig, denn in manchen Tiefen wird wenig gelacht, aber dann!, wenn er wiederkommt, bzw. ich wieder auftauche und mich nicht mehr so ernst nehmen muss, weil etwas verstanden oder aus dem Weg geräumt wurde, (schwitz! strauchel! schrei!), dann ist es doch sehr schön, wenn man wieder lachen kann, vor allem aber über sich selbst und die unter schwierigsten Bedingungen zu erlernenden Künste des Seins. Meine Güte, ist das anstrengend manchmal, dann aber auch wieder so abenteuerlich und unterhaltsam. Überhaupt! Als sich selbst durch die Welt gehen, den Tellerrand als Surfboard dabei haben, aber nicht abhängig sein von diesem Transportmittel, sondern es auch mal abstellen und Zeit verbringen mit Menschen, die man liebt.

skandaloso

  „Skandale und ihre Brut“    *
Das  Gute an Skandalen, wenn man diese beiden Begriffe zur Abwechslung mal positiv verbinden kann ist ja, dass, häufen sich die Schreckensnachrichten und der schmerzhafte Tropfen nackter Wahrheiten  langsam, aber stetig in die Volksadern hinabsickert, dieser dort ein Unbehagen auslöst, das von „oben“ schwer einzuschätzen ist, da man dort an Gehorsam und Gläubigkeit gewohnt ist und nach Belieben damit herumhantiert. So kann es geschehen, dass zuerst etwas stirbt, und dann etwas erwacht. Jetzt ist damit nicht Reinkarnation gemeint, sondern Resinnation, ein neues Wort, das ich gerade erfunden habe.  Ich vertrete schließlich das Wortfindungsamt, und Resinnation bedeutet also in diesem Kontext, dass ein größerer Teil der Nation wieder zur Besinnung kommt, weil ja jeder diese undefinierbare Masse, die man „Volk“ nennt, mal überschätzt und mal unterschätzt. Das sogenannte Volk lässt sich bekanntlich gerne leiten und lässt sich gerne nieder abends zu Ablenkungsmanövern, die nach den Nachrichten oft auch dringend nötig sind als Verdrängungstechnik, weil sonst die untrainierte Verdauungsmaschine einsetzen würde. Das aber braucht Zeit, das braucht Ruhe, beides hat man nicht. Und eines Tages gallopieren die neuen Spieler an einem vorbei, denn man hat sich gar nicht entschieden, mit welcher Mannschaft man spielt, sondern man hat sich fleißig unterhalten lassen. Das ist ja auch nicht ungefährlich, seit wirklich niemand mehr nachvollziehen kann, wer sich in den dunklen Kanälen alles rüstet zum (Wahl) Kampf, oder zur Volksoptimierung oder zur Robotmenschenangleichung und zur Mutterschaft ohne Väter oder zur Rückführung von Fliehenden in ihre Folterkammern. Gut, man muss ja nicht immer gleich düster werden. Also gar nicht informiert sein geht ja nicht, sorry. Man muss ja nicht regressiven. (wortschöpferisch unterwegs)  Aber man muss in der Tat ganz schön viel entscheiden, was einen nun was angeht und was nicht. Jede skandalöse Politnummer kann allerdings auch in einem den rechtschaffenen Zweifel an den Machenschaften der Regierungsvertreter/innen wecken, ja, einen durch Wachsein so richtig bei sich landen und wirklich die letzten blutigen Spuren einer unangebrachten Autoritätshörigkeit in sich verenden lassen. Das ist ein großer Tod, der unbedingt ist. Bedingungslos. Dieser Tod hat keine Bedingungen, er stellt keine Bedingungen. Warum? Weil diese Erkenntnis, keiner „Autorität“ mehr Vorrang zu der eigenen Wahrnehmung zu geben, auf Freiheit beruht und keineswegs ausschließt, dass angemessene Formen der Autorität den  Rahmen verlassen oder sprengen müssen. Es ist das ganz und garige Annehmen eigener Verantwortung für Wort und Tat und Umsetzung persönlicher Werte, die den “ Tod“ der Ablademechanismen herbeiführen. Wenn man unbedingt Autorität braucht, kann man immer noch Liebe als höchste Autorität einsetzen. Dann hat man erst mal viel zu tun, um auch da wieder von Fernsehserien und Romanen und Facebookposts und Volksklischees usw über das Thema loszuwerden und zu erkennen, dass man hier nicht nur Gespenster gegen sich hat wie Gefährder, User, Eivergifter, Optimizer, Influencer und Schattenspieler, sondern die ganze Menschheitsgeschichte. Denn nicht nur Sokrates musste sich eine Frau ausdenken, die einen Monolog über die Liebe hält, auch hier nur von Plato reported, sondern allen Menschen fällt es schwer zu wissen, was man nur wissen kann, wenn man Risiken und Gefahren mutig und letztendlich heiter und entschlossen ins Auge blickt. „Manchmal besuche ich mich“, sagte ein tiefsinniger Komödiant (K.Valentin?). „Mal schauen, ob ich heute zuhause bin“. Zuhause, wenn man da Zeit hat, und nicht zu eingespannt ist in das innere und äußere Drama,  kann man durchaus zu dem werden, wer man ist.  Bei diesem Satz zu landen, macht mich ja jetzt echt heiter. Es ist wie wenn man morgens einen Rundgang durch den Wald macht und auf einmal weiß, wie man sich fühlt.

Die beiden Bilder sind von U. Güdelhöfer und haben nicht wirklich diesen Titel. Aber nun haben sie einen, nur heute, hier, und dürfen in den neuen Kontexten glänzen. Das mit den Skandalen hatte ich schon im Kopf, aber die Bilder sind, wie man so schön sagt, beim Vorübergehen „ins Auge gefallen“.

wertschätzen

Wenn die Sonne (wieder mal) scheint, und das All umwölbt einen mit offener Bläue, und die Zeit (die es in Wirklichkeit gar nicht gibt), ermöglicht es einem, ein tiefes und schönes Wort im Geist zu betrachten oder auf der Zunge zergehen zu lassen, um die Wirkung der auf mysteriöse Weise zusammengefügten Buchstaben auf sich wirken zu lassen, dann kann man das tun. „Wertschätzung“ ist für mich so ein Wort. Mysteriös deswegen, weil man ja nicht weiß, wie es zustande kam, dass z.B. dieses Wort so eine eindeutig positive Deutung in sich birgt, obwohl hier etwas geschätzt wird, nämlich ein Wert. Es gibt in der Menschheitsgeschichte auch Gedanken oder Sprüche, die besagen, dass es um einen Wert ging, der sich aber nicht manifestieren konnte oder gescheitert ist, wie der Spruch  (aus dem Babylonischen) „mene mene tekel u-parsin“ besagt und gedeutet wird als „du wurdest in der Waage gewogen und zu leicht befunden.“ Wertschätzung unter Menschen ist immer eine erfreuliche Erfahrung. Einerseits die eigene Freude, wenn man Menschen trifft, in denen man einen Wert erkennt, der wie ein Schatz ist, ein Juwel, ein schöner Zug. Andrerseits ist es auch schön, selbst wertgeschätzt zu werden. Liebe ist ja oft sehr großzügig mit dem Vergeben von positiv projezierten Eigenschaften, die auch mal gründlich zusammenbrechen können, wenn es gleichzeitig an gesunder Kritikfähigkeit gefehlt hat. Auch das ist nur möglich, wenn Auseinandersetzung  erfahren werden kann als ein förderlicher Lernprozess, der die Liebe nicht beeinträchtigt, sondern vertieft. Wertschätzung der eigenen Qualitäten und Fähigkeiten und die positive Resonanz auf diese Werte ist sicher ein wesentlicher Anteil der Liebe, die sich ja ständig, will sie lebendig bleiben, in dem Balanceakt aufhält, Ausgewogenheit zu erschaffen zwischen mir und der/dem Anderen, ohne  Verlust meines eigenen Wertes und Wesens zu erfahren. Leider sind wir meist erst als Erwachsene in der Lage, Einschätzungen gemäß unserer eigenen Werteskala vornehmen zu können, da diese Werte ja mit etwas in Zusammenhang stehen, was wir überprüfen müssen. Kommen meine Werte aus der Kultur, oder aus der Religion, in die ich hineingeboren bin, oder den Köpfen meiner Eltern usw., oder sind es meine eigenen, die ich schätzen gelernt habe und die mir eine gewisse Verhaltensstruktur geben im Umgang mit Menschen. Nicht, dass man umhin kommt, sich im lebendigen Prozess immer wieder neu einschätzen und korrigieren zu müssen, wenn man das möchte. Und wenn man das kann. Wertschätzung ist eine Großzügigkeit des Herzens, der man unbedingt Raum geben sollte. Selbst mit so einer verblüffenden Erscheinung auf dem planetarischen Spielfeld wie z.B. Donald Trump kann man letztendlich wertschätzend umgehen, nicht in persönlichem Sinne, aber als Erfahrungsangebot. Bei einem Menschen, der sich derart anbietet als Dauerbrenner zum Witzereißen, will man irgendwann nicht mehr irgendwo mental dabei sein, vor allem, wenn die kollektive Psyche lustvoll in ein Vernichtungsprogramm steuert. Was man machen kann, da es (er) nun mal da ist und auf seine Art das Weltenschicksal, also unseres, mitsteuert, kann man z.B. die Wahrnehmung ändern und, solange es möglich ist, einen Wert in der Sache sehen wie: Wow! Da kann man tatsächlich mal zuschauen, wie sowas vor unseren Augen vor sich geht. Man versteht Formen der Ohnmacht, die im Umgang mit stark narzisstischen Menschen zu erfahren sind, deren Wahrnehmung sich grenzenlos um sich selbst dreht und dadurch erst zu einer massiven Grenze wird. Wenn kein Zweifel mehr Platz hat in der Selbstgerechtigkeit. Wenn wir vergessen, dass ein notwendiger Schliff am Selbstsein fehlt, wenn wir nicht für möglich halten, dass besorgte und wohlgemeinte Wahrnehmungen anderer von einem doch auch ein Korn Wahrheit enthalten. Und dass es dieses Korn zuzulassen gilt, bevor der Spiegel erblindet.

 

Dsa Bild ist durch eine Mail zu mir gekommen. Es zeigt eine Wahrnehmung bzw ein Auge, das ich wertschätze, denn es zeigt, was jeder kennt, aber man sieht das Gesehene auf eine neue Weise. Man sieht es dadurch überhaupt erst in seiner Besonderheit.

Kerstin Preiwuß

Ähnliches Foto

Kraftmenschen

wir haben doch nur
die katzen ertränkt
die hähne gehenkt

nun schwillt kein kamm
tanzen die mäuse auf
dem zerbrochenen rücken

nun säufst du
seufzt der regen, ach

wir schießen doch nur
mit Kanonen auf Spatzen

samstags (shaniwar)

„Shaniwar“ heißt „Samstag“  auf Hindi und ist dem Gott „Shani“ geweiht, einem schwarzen Gesteinsblock, der wiederum für „Saturn“ steht. Zwei Dinge, die mich auf dem deutschen Land irritieren können, erlebe ich in Indien nicht: Rasenmähen und Grillen. Kein Grillen, weil im Dorf Eier, Fisch und Fleisch streng verboten sind und Tofugrillen noch nicht eingeführt. Kein Rasenmäher, weil nicht genug Gras und noch nicht genug Bedarf, dass ein Importbusiness daraus entstehen könnte. Heute nun Samstag hier in Deutschland, es regnet und ich freue mich heimlich darüber, weil es draußen still sein wird. Da wir alle dem Wetterbericht hörig sind, wissen alle Mäher/Innen, wann es geht, und deswegen muss ein Mensch, der sich gerne auch freitags auf etwas (meistens Buchstaben) konzentriert, schon am Freitag ein bisschen leiden. Schwamm drüber, denn es geht ja oft bei gewissen Störungen um ganz andere Dinge. Man legt also die Arbeit nieder, und weil der Rasenmäher (z.B.) nicht wegzudenken ist, denn er ist ja da, denkt man über den Rasenmäher an sich nach. Man merkt nach einigen Minuten, dass man gar nichts gegen den Rasenmäher hat, sondern die Frage lautet eher: warum ist er so laut? Braucht der/die Mäher/In diesen Lärmpegel? Gehört es etwa zum Glück der RasenmäherInnen, das alles auszuhalten, um nachher den Ausstoß der Glückshormone zu genießen, wenn sich hinter dem Lärm eine sichtbare Leistung ausbreitet!? Wie dem auch sei, auf jeden Fall heute Stille, gemäht war gestern, und der Samstag, der vor dem Sonntag thront, liegt da. Manche genießen die Supermärkte. Mal unter Menschen sein und sicherstellen, dass keiner im familiären Umkreis aus Versehen verhungert. Und so langsam komme ich zu meiner eigenen Samstagsbeschäftigung und lasse ein latent vorhandenes Thema sich selbst ausbrüten. Es ist ein typisches Wochenendthema und heißt „Politische Träumereien“. In dieser reinen Phantasiesphäre hören deutsche Jetztzeitregierende auf, mit Waffen zu handeln und gleichzeitig darüber erstaunt zu sein, dass sie in die falschen Hände geraten. Gibt es die richtigen Hände, die zu Waffen greifen? Ich weiß, das schafft keiner/e, diese Milliarden umzupolen in menschenförderliche Richtungen. Oder eine Robin Hood Bande, edel und gleichzeitig kriminell begabt, bestrebt, endlich Gerechtigkeit walten zu lassen, hackt sich in das saudiarabische Bankkonto ein, durch das die 220 Millionen Euro oder Dollar die Hände wechselten für einen Fußballer, der jetzt wahrscheinlich bereits traumatisiert ist. Das stresst doch, wenn man zu teuer wird. Die Robin Hood Bande aber, das ist das Neue, steckt den Betrag nicht in die eigenen Taschen, sondern tut damit zusammen was Gutes. Gut, was träum ich noch so vor mich hin. Da wird ja wieder mal eine beschämend große Menge von Essbarem vernichtet, obwohl es aus Belgien und Holland keinerlei Nachrichten gibt über Ausmaß und Wurzel des Übels. Da fällt nicht nur der Kuchen unter’s Schwert, sondern die Börse kann stolpern bei so viel Entlarvtem. Eier hin oder her,  die Vernichtung von Essen wegen einer kriminellen Handlung oder warum auch immer hat einfach ein anderes Gewicht in einem Land, wo so ziemlich alle alles zu essen haben, auch wenn mal kein Ei dabei ist. Es sind nicht nur die verhungernden Afrikaner, die mir in den Sinn kommen können, sondern ich sehe und kenne auch sehr viele Menschen in Indien, für die das Beschaffen von Nahrung noch immer  die größte Sorge ist. Ich stelle mir also kurz innerlich eine Regierung vor, der es tatsächlich am Herzen liegt herauszutüfteln, wie man einen direkten Lebensmittelweg in die betroffenen Gebiete erschafft, und nicht nur einmal, sondern bei jeder Gelegenheit, sodass es sich eines Tages zu einer Normalität entwickeln könnte, dass alle Menschen was zu essen haben. So. Ausgeträumt.
Bild:Ausschnitt aus einem (mal in der FAZ erschienenen) Gemälde von Llyn Foulkes.

wirklich

Neulich, als ich mal wieder Donald Trump in ein Gespräch einschleichen ließ, habe ich bemerkt, wie unwohl mir wurde bei dem Gefühl, automatisch in die Nähe von ununterbrochenem Kopfschütteln zu kommen, wo man den grotesken Playern eine gewisse Macht zugesteht, einen mit ihrer Selbstdarstellungssucht permanent zu verblüffen. Dass in solchen Zeiten die komödienhafte Betrachtung in Hochform gerät, ist kein Wunder. Die Entlarvung des „Bösen“ als ein geradezu unheimlich banaler Ausdruck einer Persönlichkeitsstruktur, wie wir es von Hannah Arendt gelernt haben, ist schon deshalb verstörend, weil wir es nicht für möglich halten, obwohl es offensichtlich ist. Sicherlich sind da auch im Hintergrund oft diesselben Triebkräfte am Werk wie Unverfrorenheit, Habsucht, Unterwürfigkeit usw, oder einfach Dummheit, die dem Sog des ihr jeweils Einleuchtenden folgt. Wenn dann mal wieder was ins Brodeln kommt wie die Russland-Affäre oder der Eierskandal, weiß man ja eh nicht, wie man sich das vorstellen soll: vermummte Fieslinge rotten sich zusammen, und das zB in Holland, dem Land von Milch und Honig, nicht wahr?, und träufeln nachts bei ihren dunklen Treffen Gift in die Eier der Völker. Wer hat hier alles mitgeträufelt? Nein! Das waren Rechtschaffene…wie? Gift? Wo? Millionen von Eiern werden vernichtet, leere Eierregale, weil zufällig jemand mal wieder was entdeckt hat. Die Chefetagebewohner in der Autoindustrie atmen ein bisschen auf: jetzt sind die Eier dran. Is ja schon gut, wir bauen ja um. Und für mich, die ich gar keine Eier esse, sind Eier nur ein Symbol: Ur-Ei undsoweiter, und Ich (I) und Eye (Auge), und was man so alles mit allem verbindet. Das schützt einen ja nicht. Morgen sind es die Gurken oder ein Taifun, der neuerdings auch uns wegen der globalen Missbrauchszusammenhänge wegfegen kann. Und sollen wir die Tanne absägen, bevor sie auf unser Haus in irgendeiner Zukunft krachen könnte…? Leicht kann man den (roten) Faden verlieren und muss sich fragen, worum es einem geht. Ich grüble zur Zeit an einer anderen Erschütterung herum und sammle Kräfte, damit sie ihre Wirkung entfalten kann. Dass der Gedanke des Weltgeschehens als einer großen und komplexen und ständig sich wandelnden Theateraufführung nichts Neues ist, ist klar. Es ist ein sich selbst organisierender Vorgang, egal, was die jeweiligen religiösen Prediger vor sich hinmurmeln, um sich in fanatischer Selbstüberzeugung weiterbewegen zu können während des Mordens an Andersdenkenden. Wer will schon hören, wie es wirklich war, wenn man das Volk schon mal für die Gerechtigkeit der Steinigung erzogen hat? Das geht schnell, dass Hände zu Steinen greifen. Und doch wird er eben nicht als Steinwerfer geboren, der Mensch, sondern es ist was mit ihm geschehen, das ihn aus der Bahn gebracht hat. Aus welcher Bahn? Gibt es eine Bahn? Das eben denke ich und frage ich mich: wo ist die Bahn? Jede/r, der eigene Existenz erfährt, kann nicht leugnen, dass er oder sie da ist. Wie konstruiert sich dieses Dasein? Wie frei bin ich in meiner Gestaltung, egal, wo ich mich aufhalte. Wie fixiert bin ich auf meine Geschichte, sodass ich letztendlich denke: das bin ich. Wer bin ich? Wie definiert sich dieses Ich-sein? Wo ist die Quelle? Und hat sie einen Namen? Neulich habe ich einen Wissenschaftler, der sich mit künstlicher Intelligenz befasst, sagen hören, dass es keineswegs unmöglich ist für einen Computer, zu fühlen. Alles, was man tun muss ist, ihm die paar Gefühle einzuprogrammieren, die wir kennen, und er kann sich damit entwickeln und vielleicht ja eines Tages mehr fühlen als ein Mensch. Gibt es ihn schon? Hält man so etwas für möglich, schwinden die Barrieren des Menschseins, und wir nähern uns einer weiteren uralten Frage, die nie eine Antwort gefunden hat (oder hat sie?): Wie wirklich ist eigentlich die Wirklichkeit?

Freud (sich)

Die junge Frau auf dem Bild heißt Kaja und ist gerade bei uns zu Besuch. Sie ist achtzehn Jahre alt und will Psychologin werden und wird es wahrscheinlich auch, wenn die Leidenschaft für Tiefe und Komplexität und das Ergründen seelischer Zustände sich durch alle noch zu bestehenden Mühen hindurch vertiefen und erhalten kann. In Hinblick auf jetzt lebende Jugendliche verfalle ich selten in bestehende Klischeesätze wie „ich muss mal schauen, wie „die“ ticken. Sicherlich gibt es ein generationsmäßig anders gelagertes Ticken als das  „Ticken“ in der eigenen Jugendzeit. Dann die erkennbare Mode, die sich in allen Ländern durchsetzt: die zerschlissenen Bluejeans, die Rastahaare, die Tätowierungen usw. Man könnte tatsächlich denken, alle Jugendlichen sind von denselben modischen Erscheinungen betroffen, aber es erfreut einen ja stets, wenn man die Gelegenheit hat, etwas differenzierter sehen zu können. So ist diese Generation tatsächlich auch eine der ersten, deren Eltern nicht mehr vom Kriegsgeschehen so betroffen sind, wie es die Großeltern noch waren, obwohl es nie wirklich klar ist, wie lange die Spuren eines Krieges noch nachwirken. In Kaja sehe ich die ungeheure Aufgabe heranreifen, so früh schon die Verantwortung für die eigene Freiheit übernehmen zu müssen und zu wollen, wenn das erstrebenswert erscheint für sie, denn es scheint in der Tat ja so, als seien alle Türen offen, und keine massiven gesellschaftlichen Blockaden stehen der persönlichen Freiheit im Weg. Auch wenn mich die Eltern in meinen Plänen unterstützen, so muss ich doch entscheiden, wie dieser Weg zu gestalten ist. Es ist ja erst ein langes Menschenleben her, dass vor allem für Töchter diese Art der Freiheit nahezu unerschwinglich war. Vieles ist heute noch unerschwinglich. Letzte, patriarchale Strukturen schleppen sich immer noch mühsam durch alle Studiengänge hindurch, und es ist bereits Allgemeinwissen, dass eine Frau, die sich irgendwo durchsetzt in den Männerwelten, nicht nur mehr leisten muss, sondern immer noch schlechter bezahlt wird. Das nur nebenher, es muss sich ja nicht bestätigen, sondern kommt darauf an, wie das „Spiel“ selbst gespielt wird. Es beruhigt meinen Geist, dass die Kernfragen der Menschheit unverrückbar im Ungewissen plaziert zur Verfügung stehen. So wie man von jeder/m neugeborenen Poet/en/in erwartet, dass sie oder er sich mal zu Gott und der Welt und der Liebe und dem Tod äußert, so erwartet man von einem an Bewusstsein interessierten und zu geistigem Wachsein befähigten Neuankömmling im Garten reflektierender Geister, dass die Frage „wer bin ich“ eher ein passionierte Grübeln hervorlockt als ein abwehrendes Gähnen. Da Kaja z.B. dieses tiefe Interesse am Sein auf dieser Erdkugel in sich birgt und hervorbringt und ausdrückt, gibt es hier zwischen uns einen sehr schönen Draht, der das unterschiedliche Alter nicht ausgrenzen muss, aber auch dadurch nicht getrennt wird. Wir ticken d a gleich, wo uns das Wesen und das Angebot der Zeit gleichermaßen berühren, sie mit schwungvollem Aufstieg, ich mit schwungvollem Blick auf einen (auch für sie) jederzeit möglichen Abgang und den durchlaufenen Erfahrungen. Wobei, wie ich feststelle, der Grad des Wachseins sich nicht unbedingt vermindert, bleibt man dem, was einem als „Wesentliches“ erscheint, verbunden.
Diese Gedanken wurden inspiriert durch das T-Shirt. In Indien habe ich mich mal eine Zeitlang für T-Shirts interessiert wegen der verblüffenden Feststellung, dass die meisten T-Shirtträger/innen nicht wissen, was auf ihren Shirts steht und mit den wahrlich irrsten Sprüchen Reklame laufen. Daher heute eine freudige Abwechslung mit „Sigmund freud sich“ auf dem Shirt einer angehenden Psychologin. Und Sigmund, manchmal bei einem psychologischen Bankett zur Rechten Gottes thronend, freud sich bestimmt über das gute Bild mit der Zigarre und dem baumelnden Shiva, hier als Yogi,  über seiner Stirn, und auf dem Tuch von Kaja’s  Turban sind die unsterblichen Namen von „Sita und Ram“ als Einheit (Sitaram) gedruckt, die beiden Hauptdarsteller im ältesten und hochgeschätzten indischen Epos. So fließen die gutgemeinten Dinge zusammen und stören sich nicht. Und was wäre die westliche Welt auch geworden ohne die durchgeackerte Psyche des Meisters, auch wenn er sich oft, wie alle nach ihm, an manchen Stellen gravierend geirrt hat. Und was was wäre Indien ohne Sita und Ram: unvorstellbar!

 

Au-to

 Viel Spaß also, Jungs, heute beim Diesel-Abgas-Autogipfel-Skandaltreffen. Wahrscheinlich darf man hier kein Gruppenphoto bzw. Gruppenselfie erwarten, wer will schon gut drauf sein bei so was. Wir (Frauen) fahren ja auch gerne Auto und sind froh, dass wir nicht in Saudiarabien geboren sind, und dass wir uns nach einigem Grübeln doch nicht für einen Diesel entschieden haben, weil man jetzt mehr oder weniger von der Autoindustrie hypnotisiert werden würde. Werde ich behalten dürfen oder nicht undsoweiter. Oder: bin ich Täterin geworden, ohne es zu ahnen? Wir sind ja auch schon einen großen Schritt weiter, und trotzdem. Ausgerechnet hier in Deutschland, wo sich Heerscharen von Menschen hochgerappelt haben auf der makellosen Erbschaft der Autobahnen…eins der wenig übriggebliebenen Länder der Erde, wenn nicht das Einzige, auf dessen Bahnen man, wenn grad mal kein Stau ist, mit 240 Stundenkilometern über die Fläche brettern kann, wie ich mal erleben konnte in einem Jaguar. Ja, Autos! Meine Güte, wer will sowas nicht! Und dann dieses dreiste Potenzspiel auf der linken Überholspur, da treiben die sich Großfühlenden der Automaffia das geringe Gemüse nach rechts auf die ihnen vorbestimmte Bahn. Traumagebeutelte bei jedem Lackkratzer. Einer meiner Kollegen während der Erstlingstage in der Flüchtlingshilfe war gerade (als Mathematiker) bei Ford in Frührente gegangen. Sein Wissen war noch frisch und er erklärte mir, man könne gewisse Auto-Typen auf persönliche Wünsche hin zusammenbasteln lassen. Allein für das Kopfstützending gab es 500 Varianten. Nenne ich das noch kreativ. Nun gut, zum Glück bin ich nicht von der Branche, nur erstaunt bin ich, wenn ich irgendwo hinfahre und Radio höre, wie langatmig und existentiell davon berichtet wird. Man will es nicht glauben. Die Herren selbst können es gar nicht glauben, dass sie das selbst sind, die da jetzt hingehen müssen und Rede und Antwort stehen. Diese Geschöpfe sind ja gar nicht in der Lage, einzuschätzen, was „schlimm“ ist. Das machen andere für sie. Die wiederum fangen mit der Schätzung erst an, wenn zu viele von den tollen Ideen zu Krankheit und Tod geführt haben und weiterhin führen. Wer soll schon draufkommen, wenn da was Krummes im Busch ist, und wer sagt, dass es krumm ist, und wo ist der Busch!!?? Es ist zu viel verlangt! Das ist das Bedeutsame an der fiesen Erkenntnis. Man kann es gar nicht verlangen, dass Verantwortung übernommen wird für die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen! Verstehen wir doch selbst erst, was das wirklich bedeutet. So manche patente Mechanikerin in den Autowerken fühlt sich bestimmt beklommen vom letztendlich doch getrübten Glanz ihrer Hochleistungen. Wer hätte das gedacht von den Herren in den teuren Anzügen. Haben die in ihren Fahrzeugen auch diese Dinger drin? Weiter will und muss ich nicht forschen. Ich komme aus einer Familie, in der vor allem besonders elegante Wagen sehr geliebt wurden. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als die Kinder, aber das kann ich nicht genau sagen. Der Auto-Virus hat sich auch auf mich übertragen. Das Auto. So eine tolle Erfindung. Also schämt euch, Jungs, mit sowas spielt man doch nicht so leichtsinnig.

Dsa Auto im Bild habe ich mal in Holland an einem Spielzeugstand erworben.

info @?

Immer wieder geschieht es, dass sich in Gesprächen Meinungen oder Wahrnehmungen oder Reflektionen darüber bilden, welche Haltung zum „Weltgeschehen“ nun für jede/n angemessen erscheint. Für alle derzeit Lebenden bedeutet Weltgeschehen u.a. ja auch, dass das Geschehen, das in d e r Zeit, in der wir durch sie hindurchgehen, uns alle mitprägt, seien wir auch noch so individuell beschäftigt mit den Vorgängen und der persönlichen Sphäre. Die erfordert wahrlich genug Aufmerksamkeit, will man sich dem Erzeugten so redlich wie möglich stellen. Für mich geht es nicht so sehr darum, sich als politisch oder sozial engagiert oder vegetarisch ausgerichtet usw. zu deklarieren, sondern ich merke, dass ich für offene und fließende Grenzen bin. Natürlich kann ich nicht jedem geschundenen Hühnchen hinterher trauern, ganz zu schweigen von den geschundenen Menschen. Zu viel Geschundenes hat sich hier breit gemacht und berechtigte Überforderung und Abwehr erschaffen. Dass sich das alles nun durch die unheimliche digitale Vernetzung ins Unermessliche steigert, ändert nichts an der Tatsache, dass die Menschheitsgeschichte durchweg auch von Gräueltaten gezeichnet ist. Alle forschenden Geister kamen nicht umhin, diesen ihnen als Irrsinn erscheinenden Abarten menschlichen Verhaltens ein selbständiges Denken  entgegenzusetzen, das zumindest das Licht im eigenen Umkreis nicht zum Erlöschen bringt. Der Planet ist nicht nur Raumschiff, sondern auch geistiges und praktisches Übungszentrum. Hier findet Spiel statt und Tragödie zugleich. Auch durch meine Einstellung zum „Draußen“ werden Konsequenzen ausgelöst. Wie will ich sie vermeiden? Ihre Probleme interessieren mich nicht? Sie lauern schon an der Ecke. „Unsere“ Freude soll nur bei uns sein?  Ich denke auch manchmal: Super, wir Deutschen haben den Abgrund schon hinter uns, da kann es nur aufwärts gehen. Wir leben ja im Aufwärts, aber die Hölle sind trotzden nicht nur die Anderen. Menschsein ist ein anstrengender Job. Ein bisschen Ermüden, und schon wird einem flau zumute. Dieses weltregierende Grüppchen gefährlicher Psychopathen, die wir zur Zeit an zu vielen Gipfeln herumhantieren sehen gibt einem wahrlich nicht das beruhigende Gefühl, politisch in guten Händen zu sein. Es gibt auch Fragen, die zu oft gestellt wurden und immer in der Ohnmacht landeten, wie: Wusstet Ihr wirklich nichts von den Judenvernichtungsplänen!!?? Meine Mutter hat auch immer erzählt, wie sie ziemlich lange im eleganten Abendkleid ausging. Gerade war Rauchen für Frauen schick geworden, mein Vater war Wissenschaftler und trug gern Monokel. Dann wurde es immer gefährlicher, draußen zu sagen, was man dachte. Sie hatten ihre Welt und ihr Szenario, wir haben Nordkorea und Putin und Donald Trump. Wir haben die schleichenden neuen Krankheiten wie „digitale Demenz“. Muss ich darüber nachdenken? Nein, muss ich nicht, das ist wichtig zu wissen. Und wichtig zu wissen ist m.E. auch, wie ich all das, was ich draußen beklage, in meinem eigenen Leben bewältige. Man kann den Blick auf die Welt ja auch strömen lassen und Dinge und Wesen unterschiedlich sehen in all den vielfältigen Kontexten. Aber es gibt keinen Zweifel, das Ganze ist auch ein großes Theater mit Tragödien und Komödien. Es ist auch eine ziemlich umfangreiche Universität, wo man sich durchaus den besten Lehrern, tot oder lebendig, zuwenden kann. Es ist auch ein Therapie-Raum, der einem ermöglicht, die eigenen lichtleeren Brocken in die sichtbare Ebene zu befördern. Ich spüre doch, allmählich immer besser, was mich angeht, und was nicht. Gibt es sie denn wirklich, diese Trennung zwischen Drinnen und Draußen???

Das Bild zeigt den Ausschnitt eines Gemäldes von Daniel Richter

 

ha(ha)

Als ich mich dann doch noch überreden konnte,  eine Runde im Wald und der wiedergekehrten Wärme des Sommers zu machen, fiel mir auf, wie gut es mir geht. Nun ja, zur Zeit geht es wahrscheinlich hier sehr vielen Menschen gut. Die Hälfte des Volkes (?) hat Ferien und  wälzt sich auf Autobahnen zu fernen Stränden hin. Sie alle überkommen enorme Hindernisse, und  das alles freiwillig oder für die Kinder, das macht einen Unterschied. Natürlich gibt es die verborgene Hoffnung, es möge kein irrer Wüterich aus einem Sonnenschirm heraus zur Waffe greifen und das eigene Leben kürzen. Aber, vernetzt wie wir sind, wissen sie dort auch, dass es hier nicht sicherer ist. Wenn einer bei Rewe durchdreht, wird dort Neues montiert, nächste Woche dreht ein anderer bei Aldi durch. So kann man sich ein wucherndes Überwachungssystem vorstellen. Aber das sind auch so typische Montagsgedanken, und die andere Hälfte des Volkes muss schließlich hier ausharren und alles in Fluss halten, und deswegen ist die Stimmung am Montagmorgen anders als z.B.am Donnerstag, weil Donnerstag einfach ein schöner, vielversprechender  Tag in der Mitte der Woche ist, während der Anfang der Woche für viele im Geist erscheint wie ein Teppich der Qualen, der sich in unermesslicher Länge in die Zeit ausstreckt. Eigentlich hatte ich die Idee, statt einer Hineinhorchung in eigene Labyrinthe und Korridore des Seins, an eben diesem Wochenbeginn meine äußerst karge Witzesammlung zum besten zu geben. Ich kann Witze  nicht ausstehen und hoffe, ich habe noch nie in einer Runde meinen Finger gehoben und gesagt, ich wüsste auch einen.  Ich weiß aber drei, vielleicht sogar vier. Mir geht es natürlich auch so, dass, wenn ich mal über einen Witz lachen muss, es keine Garantie gibt, ob andere darüber auch lachen müssen. Immer ist Risiko. Aber noch spüre ich eine Hemmschwelle, etwas so Doofes zu machen, obwohl meine Witze gar nicht so doof sind. Einer davon ist gar kein Witz, kann aber als solcher eingeschmuggelt werden. das ist der mit dem Nichts. Jetzt kann ich nicht mehr zurück. Den mit den Wolken und den Männern habe ich neulich zwei sehr jungen Damen erzählt und war trotz meinem heimlichen Wunsch nach Treffsicherheit erstaunt, wie sehr sie darüber lachen mussten und sich sichtbar eine innerliche Notiz gemacht haben für die demnächstige Anwendung. Das Gute am Witzigen ist ja, dass man es nicht erklären kann. Es beruht auf genug Erfahrung mit den Dingen, um von der Essenz der Komik schlagartig getroffen zu werden. Da ich nur vier Witze kenne, habe ich einen gewissen Überblick und stelle fest, dass die Protagonisten meiner drei Witze, die ich hier zum besten geben wollte und jetzt natürlich auch werde, alle männlich sind. Das ist natürlich inmitten der leidenschaftlichen Genderdebatten auch im Witz nicht angebracht, und muss nun grübeln, wer in dem vierten Witz, den ich auf Lager habe, vorkommt. Und ja!!!! hier sprechen zwei Frauen miteinander, das freut mich. Und das wären dann alle, die ich in petto habe. Was so ein Montagmorgen alles so aus einem herausholen kann! Dabei ist es gar nicht der Montag, sondern es ist das Verlassen des Sonntags. Keine Rasenmäher u.s.w., oder man will sich mal einschleusen in die Volksgemeinschaft und muss zuschauen, wie die deutschen Frauen das Spiel verlieren! Auch der Tatort, den ich jahrelang tabuisiert habe, übte nicht die entspannende Wirkung aus, die man sich von einem bescheuerten Krimi erhofft. Genug, dass die Heerscharen der Gefährder nicht mehr überschaubar sind, da fangen schon die Computer an, mehr und besser zu denken als wir Menschen. Das heißt, das s i e es bereits sind, die uns im Griff haben. Gähn!!???, sagen Sie? Das wussten Sie schon? Ach ja? Dann muss ich nun meine Witzversprechung einlösen. Hier sind sie also, meine 4 Witzlinge zum Weiterschenken.

  Was haben Wolken und Männer gemeinsam?
Wenn sie sich bis mittags verzogen haben, kann es noch ein schöner Tag werden.

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Ein Sohn fragt seinen Vater: Papa, was ist ein Vacuum?
Der Vater sagt:
Ich hab’s im Kopf, aber ich komm grad nicht drauf.

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Ein Mönch ist allein im Tempel. Er wirft sich zu Boden, schlägt sich auf die Brust und murmelt:
„Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts…“ Da betritt ein Novize den Tempel, sieht den
Mönch, kniet neben ihm nieder und stimmt ein: „Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts….“
Da kommt der Hausmeister herein, um den Boden zu fegen. Im Takt des Besens murmelt er mit den anderen:
„Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts…“ Der Mönch stößt den Novizen an und sagt: „Schau,
wer sich einbildet, ein Nichts zu sein….!“

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Und nun der Witz, in dem die Frauen vorkommen:

Frau Maier und Frau Schmidt treffen sich nach längerer Zeit im Supermarkt.
Sagt Frau Maier: „Wie geht’s denn ihrem Sohn so?“
„Ohh!“, sagt Frau Schmidt, dem geht’s sooooo gut! Der meditiert jetzt!“
Ach nee!, murmelt Frau Maier gedehnt.
„Na ja, besser als rumsitzen und nichts tun.“

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Keine Ursache. Gerne. Die beiden Pinseleien kommen aus meiner Serie „Akrobatisches.“

Felix Philipp Ingold

Bildergebnis für felix philipp ingold

Fremd

ist was sich berührt und 
aber Entferntes 
so ähnlich. Wo nämlich 
Liebe nährt statt

nähert. Kostet Gabe als 
Schwester der 
Schwere das Begehren. 
Eine Apfelblüte

lang wehrt sich die 
Glut. Länger 
währt immer Verrat. Bis 
der Freude die Luft

wegbleibt und keine Lust 
ihr Lachen nicht 
entlässt. Kein Ja ist 
achtsam genug.

Ist genug auch ohne Sieg 
und Schmerz. Nun 
versteht sich vielleicht ein 
bisschen besser 
wer abkommt vom Menschen.

Bleibt kein Du und 
kein Hauch sonst wenn eine 
Nacht wie Wir 
hereinbricht von unten.

 

fremd

 
Mal wieder durch ‚reinen Zufall‘ habe ich ein Gedicht entdeckt, das morgen hier erscheinen wird und das „fremd“ heißt. Da fiel mir auf, dass mir das Wort so vertraut ist. Nicht im Sinne von isolierend, oder mit Trauer behangen, oder mit Sorge befangen, sondern ich sehe mich tatsächlich gerne als eine Fremde. Etwas in mir war immer bereit, Fremde zu sein auf dieser Reise. Für mich sind auch die Anderen Fremde, vielleicht finde ich es deshalb so schön, mit Fremden in Kontakt zu kommen, das Wunder der Nähe zu genießen, gemeinsam das Erstaunliche des Weltendaseins zu bedenken und sich einzusetzen für das, was man als wesentlich erachtet. Auch in der Liebe ist doch das Fremde das Beglückende, auch das Nachlassen von Fremdheit in einem Raum des Vertrauens. Erfahrung wird dann ermöglicht, wenn jemand klar aussagt über sich und die jeweiligen Befindlichkeiten und Gedanken, und wir erhalten Einblick in die inneren Welten eines/r Anderen, wo so vieles sich erahnen lässt, da man es vielleicht ähnlich sieht oder denkt, dann aber doch zulassen muss und auch kann, dass der/die Andere das einzigartige Wesen bleibt, das nur sich selbst erkennen kann wie ich mich selbst. Und was bedeutet schon „erkennen“? Ist es nicht eher die Fremdheit, die wir erkennen an uns, aus Mangel an überzeugendem Verständnis darüber, was Menschen hier tun und lassen, nur dem eigenen Gefühl und Geist auf der Spur, die uns belehren, dass es die unvorstellbaren Grenzen tatsächlich gibt, und dass uns die hellsten Momente sehr wohl aufklären, dass alles Gedachte und Behauptete unbedingtes Konstrukt bleiben muss, sei es auch noch so fleißig und fließend dargebracht. Es bleibt Fakt, dass ich Reisende bin, Fremdling, unterwegs auf einem Planeten, der für alle Anwesenden etwas anderes bedeutet, für manche ein Garten mit Freunden, für andere ein Schlachtfeld mit Toten. Und ein kollektives Bewusstsein existiert über all dieses Geschehen, das hervorblüht aus den Gehirnen, den toten und den lebenden, unserem, für das wir Verantwortung übernehmen, weil es sonst keiner tut und auch keiner tun kann, da es unsere eigene Zeit ist auf der Erde, mit der wir so wissensvoll umgehen müssen, wie es uns möglich und auch ermöglicht ist. Manchmal berührt uns die Not der Frauen, manchmal die Not der Männer, manchmal die Not der Transvestiten, dann die der Tiere, dann das Sterben der Wälder, dann die unermessliche Not der Kinder. Beim Reisen auf dem Planeten haben wir Zeit, berührt zu werden. Wir haben ja Zeit für das, was wir sind. Wir können sagen, was wir als störend empfinden, und wir können zuhören, wenn sich jemand über unser Benehmen beklagt. Immer ist Freiheit, auch wenn ich nicht weiß, ob ich heldenhaft sterben könnte, wenn mein Leben bedroht wird. Vielleicht gibt es ‚freie‘ Frauen unter den Burkas. Ich habe sie leider noch nicht getroffen. Asib, der afghanische Ehemann meiner Freundin Atiyeh, hat mir bei unserem Besuch erzählt, wie es war für ihn, als er mit vier schon frühmorgens zur Moschee gehen musste in Kabul, und beten, und lernen, dass es ein Verdienst ist, wenn Ungläubige durch seine Hände sterben. Was soll ich dazu sagen? So ein Glück, fremde Freunde, dass ihr die Hölle verlassen konntet, die kein guter Ort ist für Menschen. Nur wir Fremden sind hier auf dem großflächigen Raumschiff, während die Uhr läuft und es nur für liebevolles Beisammensein keine Grenzen gibt. Wie gut kann es tun, wenn man mal eigene Tugendlatten lockert und ja sagt zu etwas, was dem Eigenen nicht gleich entspricht oder auch nein danke! zu dem, was einem nicht bekommt. Das schließt doch die Freude nicht aus. Ich bin in der Fremde zu Hause. Setzt mich ab im Irgendwo, und ich werde einen Weg zu euch finden. Und zu dir, die du mir Nähe schenkst und Teilhabe durch dich am Einzigartigen.

vorgestellt

Genau: was man sich nicht vorstellen konnte über sich und von sich selbst, das kann doch auch eine angenehme Überraschung sein. So sehr  eine errungene Erkenntnis einen ergreifen kann wie z.B. die Erkenntnis, dass es am Grunde des Seins keine Worte gibt, so entsteht genau dadurch ein freierer Raum, in dem unser existentielles Know-how die Sprache und den Ausdruck finden kann, der am besten dem eigenen Wesen entspricht. Man kann das auch lassen. Man kann alles Mögliche lassen, aber warum sich nicht am Ausdruck der eigenen Existenz erfreuen!? Was heißt erfreuen? Wer die Muße nicht mehr zur Verfügung hat oder die Wichtigkeit ihres Aufenthaltes, unterschätzt auch, was unter „Genuss“ verstanden werden kann. Für den einen ist es Genuss, dass es so viel gibt, was er nicht braucht, für den anderen ist es die Entgrenzung des gängigen Geschmacks, die Betrachtung der Wolkengebilde, das Zulassen von Schmerz. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich an einem Blog Freude habe. Freude ist hier, dass damit eine Möglichkeit auf mich zugekommen ist, in deren Räumlichkeit ich um etwas in mir ringen kann. Klingt nicht so federleicht, und ist es auch nicht. Es ist das Risiko, jeden Morgen diesem leeren, wenn auch wohlwolled wirkenden Raum gegenüber zu stehen, bzw. zu sitzen. Die Weltgestaltung läuft, und ich bin „nur“ zeitweilig Anwesende. Geht es mir um etwas? Ist es wichtig, ob und warum ein kleines Bild aus Damaskus mich berührt. Weil es so schön ist, oder weil ich das Ausmaß des Schreckens nicht wirklich fassen kann? Ob ich das, was mir am Herzen liegt, auf einer Trompete spiele, oder ob sich meine Gedanken oder Zeilen in den Ruinen zerstörter Städte niederlassen…auf jeden Fall muss ich schauen, dass ich für das, was mich kümmert, den Weg frei halte. Ich meine: frei auch von mir und meinen Widerständen. Jeder Morgen ist anders. Obwohl ich Grund habe zu vertrauen, dass aus dem Freigeräumten etwas auf mich zukommt, was mein Geist gerne aufnimmt und zu weiteren Gedanken anregt, so gibt es doch keine Garantie. Möglichkeit ist nur, wo ich letztendlich bereitwillig da sitze, wo etwas entstehen kann, um  dann mit dem Material aus den inneren Archiven, das mir zufließt, etwas zu gestalten, was dem Moment und meinem Zugang dazu entspricht. In der Meditationspraxis scheitern Menschen oft an dem Irrtum, gutes Sitzen mit Yoga zu verwechseln. Gutes Sitzen ist aber nur die Voraussetzung für andere Erfahrungen oder Zustände, um die es geht. meistens basierend auf Weisheitslehren oder Zielen, die als universell gelten. Man lernt günstigerweise, sich so lange aus dem Üben nicht zu entlassen, bis das Üben einen entlässt und man ein weiteres Feld betritt. Auch der leichtfüßige Schritt täuscht gerne darüber hinweg, dass es einen leichten Schritt an sich gar nicht gibt. Es ist die Regelmäßigkeit des mutigen Sprungs, der einen wissen lässt, dass er gelingen kann, aber dass es keine Garantie dafür gibt. Eine vollkommen durchtrainierte Stabhochspringerin analysierte jahrelang die Sekunde, in der sie d e n Fehler machte, der sie in den Rollstuhl brachte. Was, wenn ich keine Antwort finde? Was, wenn es keine gibt?

verhalten

Unterwegs hörte ich gestern die Nachricht, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden. Das zählt ja sicherlich zu den guten Nachrichten, deren Mangel immer wieder beklagt wird. Was heißt das, mehr Kinder!? Ich war auf dem Weg zu einer befreundeten Familie aus Afghanistan, deren Fluchtgeschichte uns vertraut ist, aber da die afghanischen Familienclans ziemlich groß sind, dauert es eine Zeit, bis man weitere Zusammenhänge mitbekommt. So habe ich zum ersten Mal von Asib, dem Ehemann, gehört, dass er eines von 11 Kindern ist. Er hatte einen Bruder, der mit 16 Jahren von Talibankämpfern auf der Straße angehalten wurde und befragt, warum er englische Bücher bei sich habe, die seien doch von den Ungläubigen. Daraufhin haben sie ihn erschossen und dann tot vor die Haustüre gelegt. Asib hatte nur noch e i n Bild von ihm auf seinem Smartphone, ein hochgeschossenes Kind. Ich sage jetzt nicht, warum mehr Kinder haben, die können doch erschossen werden, aber man staunt  immer mal wieder darüber, dass all diese Menschen, über die wir uns gern beklagen und die in der Überzahl scheinen, vor kurzem noch Kinder waren. Das Staunen kann man auch auf Friedenszeiten ausdehnen, die wir gerade genießen dürfen und uns umschauen können, was so alles in dieser paradiesischen Fülle aus uns geworden ist, und was wir den kommenden Erwachsenen anbieten. Ich habe mal kurzzeitig notiert, was einem etwa in Statistiken verklickert wird, da sie meistens aus größeren Menschenmengen geprüfter Tatsachen hervorgehen wie z.B. dass allein in NRW 10.000 Menschen an Aids erkrankt sind, oder dass sich alle 40 Sekunden in der Welt jemand umbringt u.s.w, sodass man froh ist, dass Lebende übrigbleiben, und nicht wenige, auch wenn von kerngesundem Menschentum kaum die Rede ist. Was ist schon kerngesund? Kleine Kinder sind oft kerngesund, da schaut dann jeder gern hin und freut sich auch darüber, wenn diese Kinder genügend Raum haben und liebevolle Aufmerksamkeit, um zu werden, wer sie sind. Als ich die kleine Asna (1 1/2 Jahre) gestern mit dem Smartphone ihrer Mutter ziemlich kompetent umgehen sah, fiel mir der Ausdruck  eines Philosophen ein, den ich neulich gehört hatte und der vor „digitaler Demenz“ gewarnt hatte, da das ewige Fingern auf der Tastatur einiges im menschlichen System aussterben lässt. Das klingt schon wieder, als würde ich vor dem Kinderkriegen warnen, aber das würde mir nicht in den Sinn kommen. Was mir aber in den Sinn kommt ist die Frage, ob wir selbst schon bewusst genug mit unserem Verhalten umgehen, sodass wir das Menschsein nicht nur leben, wie es zu kommen scheint, sondern die notwendige Mühe im Umgang mit Anderen einsetzen und erkennen, wie wahrlich schwer es ist, ohne Verlagerung auf Gott und die Welt und ohne Erwartungshaltung an alle Menschen außer uns selbst zu suchen und zu finden, wie das geht, ein sogenannter „guter“ Mensch zu sein, dem man gerne Kinder anvertraut. D.h, m.E. wenigstens zu sehen, was ich anrichte und wie vernichtend die Wirkung meines eigenen Verhaltens sein kann, wenn ich mich nicht in das Blickfeld nehme als jemanden, der durchaus darüber nachdenken muss. Neulich hat mir eine Mutter erzählt, wie erschüttert sie war, als ihre kleine Tochter sie wutverzerrt angestarrt und geschrien hat „ich hasse dich“. Ja, Kinder sagen so was, aber ernst nehmen darf man es trotzdem. Vielleicht ist Liebe wirklich der Verzicht auf unangemessenes und vernichtendes Verhalten. Es sind die Kinder, die uns mit ihren wachen Beobachtungen begegnen, überall auf der Welt. Von wem sollen sie lernen, wenn auch wir noch von Anderen ein menschliches Verhalten erwarten, zu dem wir selbst oft  nicht fähig sind?

Monsoon

Es ist ja nicht nur so, dass nur was vom Okzident in den Orient schwappt  durch die unzählbare Menge, die dort durchgewandert ist und weiterhin wandern wird, sondern es ist auch ganz schön viel herübergeschwappt und hat hier Fuß gefasst. Auch Yoga und Meditation erscheinen nicht zum ersten Mal im Westen. Ich habe ein Eranos-Jahrbuch aus dem Jahre 1933 von einer Tagung in Ascona, wo als damals gedankliche Koryphäen geltende Menschen ihren Beitrag gaben zum Thema „Yoga und Meditation im Osten und im Westen“. Man ist ja öfters mal konfrontiert mit dem Wunsch, Neues wahrzunehmen, dann sieht man: es ist nur ein anderes Kostüm“, von dem man sich hat beirren lassen, und vielleicht ist die Sucht nach dem Neuen selbst eine Art Kostüm, um eine der wesentlichen und unverrückbaren Essenzen der Welterkenntnis immer mal wieder galant zu vermeiden, indem wir vermeiden, was wir alle niemals wissen können, nämlich, warum wir da sind, und was wir hier tun. Nun ist also auch der Monsoon hierher gekommen einerseits, aber andrerseits etwas weiter so viele Waldbrände, und leider kann man die Wassermengen nicht hinüberleiten nach Portugal oder Frankreich, sondern muss sich mit dem eigenen Zustand während des Prasselns beschäftigen. Für einen richtigen Monsoon müsste es ja viel heißer sein. Statt dessen denkt man daran, die Heizung einzuschalten. Der gefürchtete Gründlichkeitsanspruch der Deutschen kommt gewiss nicht von Muße und Sonnenschein, sondern vielleicht eher einem sonnenlosen Misstrauen, das wir dem eigenen Wesen gegenüber pflegen. Der Inder sitzt in seinem Monsoon herumgrübelnd mit Anderen unter Dächern, die Deutsche (in dem Fall ich), sitzt allein vor den Tasten und tastet sich an die Befindlichkeit heran. Nein, nicht allein, was rede ich! Schon einen super guten Kaffee und ein Croissant liegen hinter mir und der Austausch mit den Menschen, mit denen ich lebe. Im Kontext einer gemeinsamen Arbeit, die uns zur Zeit beschäftigt, tauchte nochmal eine von uns gedanklich erzeugte Situation auf, zum Beispiel ein Publikum und eine Moderatorin und ein Gast, in der man innerhalb von drei Minuten eine als Zettel gezogene Frage innerhalb von 3 Minuten spontan beantwortet. Diese Woche hatten wir bei dem Treffen entschieden, dass wir mit Fragen kommen, auf die man persönlich antworten muss, also nicht die Möglichkeit, aus einer Rolle heraus zu antworten, sondern aus sich selbst heraus als sich selbst. Es gab eine Situation, wo die Befragte auf die Frage „wie oder was (oder wer) bin ich ganz persönlich“ nahezu die ganzen drei Minuten zwar mit den Händen etwas im Ozean herumfischte, letztendlich aber keine Antwort fand. Das kam mir bedeutsam vor. Sind wir nicht letztendlich das ganz und gar Undeutbare, ein von der Sprache losgelöstes Potential, das durch die Sprache zwar erst Kenntnis von sich selbst erhält, aber stets geht es nur von dieser Quelle des Sprachlosen aus, diesem Ausgesetztsein in eine Ungewissheit, die nie ein Wissen berühren oder verändern kann. Diese „azurne Einsamkeit“ kann nur durch  Liebe, gepaart mit Freiheit, beflügelt werden. Nicht, weil ich den oder die Andere/n bei mir habe, sondern weil ich in der Liebe Menschen begegne, die meinem Sein als solch ein Ungewisses Raum geben können wie ich meinerseits dem Gegenüber. Dann erst die Worte. Ohne die Worte keine eigene erschaffene Wirklichkeit, und ohne diese individuelle Wirklichkeit keine Präsenz, und dadurch kein Wohlgefühl in der Mitte von Welt und Gesellschaft. Das Mysterium des Menschseins balanciert geradezu auf diesem niemals zu leugnendem Ungewissen. Dass genau dieses tiefe Erkennen des Menschen von seinem Hineingeworfensein in das Spiel entweder zu der Sucht führt, sich bestimmen zu lassen von einer autoritären Struktur, die es anscheinend besser wissen soll als ich selbst, oder man ist bereits als Kind einer autoritären Struktur ausgeliefert, gegen die man erstmal keine Chance hat. Daher der zeitlose Hinweis auf das selbstständige Denken, das einem u.a. ermöglicht, die eigene Wertelatte rechtzeitig aus dem Weg zu räumen, damit der Blick auf die Welt nicht an Heiterkeit einbüßt.

reflektieren

In einem Satz, der Sokrates, (der selbst nichts Geschriebenes hinterlassen hat), zugeschrieben wird, sagt er aus, dass seiner Meinung nach ein Leben, über das man nicht nachdenkt, nicht lebenswert ist. Nun gibt es verschiedene Formen der Reflektion. Die philosophische Reflektion z.B.lässt zwar das eigene Erleben nicht aus, bemüht sich aber um ein Erkennen, das Menschen, denen das fremd ist, oft „abstrakt“ erscheint, so als wäre dieses Denken nicht übertragbar auf das persönliche Leben. Natürlich wäre es nicht uninteressant, Sokrates heute ein paar persönliche Fragen stellen zu können, die damals noch nicht so aktuell waren. Es ist ja nicht nur unnütz, auch mal zu bedenken, warum er wohl geheiratet hat, und wo war diese mit schlechtem Ruf behaftete Alibi-Frau, als er den Giftbecher trank? Und wenn man sich mit den Kindern von Sokrates auch noch hätte beschäftigen müssen, den zum Glück nicht existierenden Ahnen des –  männlichen Lenden zugetanen – Giftbechertrinkers? Auch damals schon hat die Liebe die Menschen bewegt, vor allem, wenn sie in der glücklichen Lage waren, Muße und gesellschaftliches Ansehen zu genießen, da Arbeit im antiken Griechenland noch sehr anders definiert wurde. Wir wissen ja auch nicht, wie die, die damals in der brütenden Sonne nicht im Schatten der Bäume ungestört reflektieren konnten, sich gefühlt haben, und wie „faul“ den Schuftenden wahrscheinlich diese herumlagernden Gesellen vorkamen, deren gedankliche Ergebnisse bis heute in den Schulen gebüffelt werden müssen. Es kamen ja auch immer wieder welche nach, die das bis dahin geltende Weltbild zerlegten und neu formierten gemäß der Wahrnehmungen der Zeit, in der sie sich bewegten. Denn es ist  vor allem das Bewusstsein des Menschen, das sich wandelt, indem die Wirkung jeweiliger Erkenntnisse den Sog bildet, der dann, von Einzelnen ausgehend, nach und nach Kulturen und Gesellschaften gestaltet. Die beliebte Frage „Was ist Freiheit“ hat ja vor allem als Antwort damit zu tun, ob ich in einem Raum lebe oder ihn selbst erschaffen helfe, in dem eigenes und selbstständiges Denken überhaupt stattfinden kann, sodass es darauf hinauskommt, dass, je mehr Menschen solche Zeiträume als förderlich für die Entwicklung ihres eigenen Bewusstseins nutzen, desto wacher und bewusster ist die Gesellschaft. Als Freud, der Unterbewusstseins-Avatar, seine unermüdliche und faszinierende Arbeit aufnahm (möge man denken über ihn, was man will), muss sich das kollektive Bewusstsein der Menschheit schon derart verdunkelt haben, dass es auffiel, nämlich ihm, dass hier Hilfe vonnöten war. Noch ging er am Anfang selbst aus von dem Wunsch, es mögen eher „gesunde“ Systeme das Interesse an einer Selbst-Analyse kultivieren, bis der Zweifel bzw. die Erkenntnis kam, dass es davon recht wenige gibt. Und nun leben wir in unserer Gegenwart ja bereits in dem Paradox, dass es nicht nur genug Nahrung gibt, um alle Hungrigen zu ernähren, sondern auch genug frei verfügbares Wissensmaterial, um das, was man einst törichterweise „Erleuchtung“ nannte (meine Stimme ist hier kurz in die Zukunft gerutscht), in Wirklichkeit die durch tiefe Reflektion wiedergefundene Schlichtheit des Seins ist, bei der das Wort „normal“ vielleicht mal wieder eine Berechtigung hätte. Denn das, was durch mutiges und unermüdliches Eintauchen in fassungslose Abgründe und Schluchten des Verborgenen ans Tageslicht geborgen werden kann, kann man m.E. nicht mehr wirklich das „Natürliche“ nennen, wo mir hier aus den inneren Archiven der Satz von Nietzsche zufliegt, dass die Natur überwunden werden muss. Denn abgesehen von allem Schönen, was sie als Urgrund und Bühne unseres Seins bedeutet, so hat sie doch die Tendenz zu wuchern und alles zuzulassen, was herauswill aus ihr, und jeder Gärtner kennt diese Probleme. Ich selbst beobachte die anarchischen Aspekte meines Wesens mit ziemlich großzügigem Blick, aber ich kann mich auf mein ordnendes und reflektierendes System inzwischen ganz gut verlassen. Wieso in aller Welt sollte der Mensch nicht frei sein können und wollen und dürfen, jede/r in ihrem/seinem Maß. Auch in meditativen Wissenswelten spricht man oft von tiefer Verzweiflung und Schmerz als einem Auslöser von eigenem Denken.  Ich selbst empfinde als außerordentliches Glück, mit und durch alles Ackern hindurch, als Frau (na ja, nicht ohne), in dieser Zeit in einem Garten zu landen und Muße und Zeit zu haben, mein Leben nach Herzenslust zu gestalten und zu reflektieren, wobei „Reflektion“ ohne ein Gegenüber (und ohne liebevollen Blick) nicht wirklich gelingt.

Bild: es sind Picassos Augen, die aus der Eule schauen.

anrichten

Im Gespräch mit einer Afrikanerin aus Nigeria reden wir über die endlosen Gräuel in ihrem Land und die Erleichterung und den Schutz, den sie hier in Deutschland erfährt. Wir haben ja hier noch vor ein paar Jahren auch ganz schön was angerichtet, sage ich. Sie ist entrüstet. Wie, du! Du hast doch nichts angerichtet, sagt sie. Das waren deine Eltern und Großeltern vielleicht, aber nicht du. Ganz abgesehen davon, dass ich mich nie wirklich wie jemand fühle, der nichts angerichtet hat, so ist mir dieser Gedankengang natürlich auch vertraut. Es ist jetzt eine Weile her, dass bei „uns“ Krieg war,  und neu und unbelastetere Generationen ziehen durchs Land, dh. unbelastet von diesem einen Krieg, den Deutschland noch am Verdauen ist. Wir wissen ja, dass es schon immer Kriege gab und weiterhin gibt, sodass es naiv ist zu denken, irgendeine extreme Form der Finsternis könnte die Großmogule der Welt von ihren Psychosen befreien, für die Mord nicht nur der unbewusste Verzicht auf Liebe bedeutet, sondern lediglich die blindwütige Erringung einer Macht, die nichts als Vernichtung zurücklässt. Wie gesagt, aus der Asche kann wieder aufgebaut werden, aber selten genug wird es ein Phoenix, solange in der Asche noch das Unverdaute brodelt, oder der gedankliche Märchenwunsch, aus dem Erkennen der eigenen Taten möge reifere Frucht entstehen. Auch mit zeitlicher Messung können einem 70 Jahre entweder sehr lang oder sehr kurz vorkommen. Auf jeden Fall kann man so einen Durchgang nur einmal erleben. Die 70 oder mehr Jahre, die Syrien und alle weiteren Länder, die sich gerade im Krieg befinden, brauchen werden, um wieder zu relativ „normalen“ Verhältnissen zurückzukehren, wer wird sie mitempfinden können, und wie wird die neue Ordnung aussehen? Und ja!, ich vertrete auch die mir überzeugend scheinende Einsicht, dass die persönliche Ohnmacht dem sich abspulenden globalen Irrsinn gegenüber sich nur ausgleichen kann mit einer erhöhten Aufmerksamkeit auf das eigene Wirken und Anrichten, denn aus Erfahrung weiß man doch inzwischen, dass da, wo sich wirklich was ändern konnte, auch was erkannt worden ist. Es geht ja nicht darum, sich eine Welt vorzugaukeln, wo Lämmlein und Löwlein friedlich zusammensitzen, sondern um die Klarheit, mit der Menschen sich irgendwo orten, bevor sie eingeordnet werden von Anderen. Das Ausmaß des Schreckens, dem Deutsche gegenüber standen, als der Albtraum des höheren Menschseins  endlich vorbei war, hatte schon Wirkung, das lässt sich nicht leugnen. Aber hängt weitere Entwicklung der Individuen aller Himmelsrichtungen nicht vor allem davon ab, wieweit die überall lauernde Gefahr eines autoritären Soges den Einzelnen bewusst wird und dadurch zu eigenem Denken führt und zu eigener Verantwortung? Das ist ein Hoffnungsstrahl, den ich mir noch gönne, nämlich, dass diese voneinander unabhängige Gruppe sich leise und unentwegt erweitern möge, bis sie der anderen Kraft gleichermaßen kraftvoll gegenübersteht: die Teilnehmer eines Wachwerdens Einzelner aus dem Griff einer Kollektiv-Ohnmacht. In diesem Sinne erkläre ich alle verbleibenden patriarchalischen Befürwortungen und Zuspielungen  in mir und außerhalb von mir für beendet.

 

Es fasziniert mich immer mal wieder, wie Worte zwei so gegensätzliche Bedeutungen in sich bergen können. Im Falle von „anrichten“ kann man z.B. für beide vollkommen unterschiedlichen Begriffe dasselbe bedeutungsvolle Ausrufezeichen setzen: Es ist angerichtet!

Ingeborg Bachmann

Bildergebnis für Ingeborg Bachmann

FRÜHER MITTAG

 Still grünt die Linde im eröffneten Sommer,
weit aus den Städten gerückt, flirrt
der mattglänzende Tagmond. Schon ist Mittag,
schon regt sich im Brunnen der Strahl,
schon hebt sich unter den Scherben
des Märchenvogels geschundener Flügel,
und die vom Steinwurf entstellte Hand
sinkt ins erwachende Korn.

Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht sein enthaupteter Engel ein Grab für den Hass
und reicht dir die Schüssel des Herzens.

Eine Handvoll Schmerz verliert sich über den Hügel.

Sieben Jahre später
fällt es dir wieder ein,
am Brunnen vor dem Tore,
blick nicht zu tief hinein,
die Augen gehen dir über.

Sieben Jahre später,
in einem Totenhaus,
trinken die Henker von gestern
den goldenen Becher aus.
Die Augen täten dir sinken.

Schon ist Mittag, in der Asche
krümmt sich das Eisen, auf den Dorn
ist die Fahne gehisst, und auf den Felsen
uralten Traums bleibt fortan
der Adler geschmiedet.

Nur die Hoffnung kauert erblindet im Licht.
Lös ihr die Fessel, führ sie
die Halde herab, leg ihr
die Hand auf das Aug, dass sie
kein Schmerz versengt!

Wo Deutschlands Erde den Himmel schwärzt,
sucht die Wolke nach Worten und füllt den Krater mit Schweigen,
eh sie der Sommer im schütteren Regen vernimmt.

Das Unsägliche geht, leise gesagt, übers Land:
Schon ist Mittag.

dann…und wann…

Ähnliches Foto
Es soll zur Zeit also ungefähr 120 gezählte 100-Jährige in unserem Land geben, wahrscheinlich ist die Dunkelziffer noch größer…aber halt, nein!, denn wenn „sie“ hundert werden, bekommen sie ja vom Rathaus einen Glückwunsch zugesandt, eine Hundertjahrelebensjubiläumsurkunde, bzw., wenn  Bürger-und Bürgerinnen diese frappierende Zahl eines Jahrhunderts erreichen, werden sie womöglich besucht oder interviewt wie in einer „Zeit“- Ausgabe geschehen. Manche fürchten schon die Frage „Ja, wie macht man das denn?“, so als wüsste es jemand, warum es so lange gedauert hat und wodurch sie da hingekommen sind. Auch sind ja dann nicht viele um einen herum, mit denen man das auf Augenhöhe  diskutieren könnte, ganz abgesehen davon, dass man wahrscheinlich an diesem Punkt gar nicht mehr viel diskutieren möchte.  Das rührt  auch verdächtig an den geheimen Unsterblichkeitswunsch, der in manchen Kulturen stärker im Unbewussten lagert als in anderen. Das Hundertjahredasein kommt auf die Menschheit zu, kein Zweifel. Da fällt mir ein ganz schrecklicher Satz ein, er muss aus dem Biblischen kommen, so gewaltig, mit einem Tintentropfen von Wahrheit drin, der vom Licht noch nicht getroffen ist: „Sie werden sterben wollen, und sie werden es nicht können.“ Das kann ich mir gut vorstellen, wenn der Wunsch nach langem Leben mit den technischen Konsequenzen gepaart sein wird. Wer könnte schon widerstehen, wenn nach dem berüchtigten Lifecrisis-Schema nochmal so viel Lebensraum hinterherkommt und die Frage sich nähert, wie dieser verbleibende Raum zu gestalten ist. In Indien habe ich mal während einer 10-tägigen Kamelwagen-Reise extra einen Mann besucht, der mir jahrelang vorher schon als 127 -Jähriger verklickert wurde. Da lag tatsächlich in einer Tempelanlage ein gekrümmtes Häufchen Mensch herum, dessen sterbliche Hülle immer noch dafür diente, dass ein paar Andere von den Besuchen und Spenden leben konnten. Wie alt er wirklich war, steht in den Sternen. In Indien habe ich lange niemanden getroffen, der wusste, wie alt er oder sie war, denn es gab vor allem indische Horoskope, die nicht an solche Daten gebunden waren. Selbst eine gebildete Frau wie meine Freundin Lali, die nach dem Schulabschluss Lehrerin wurde, weiß nicht, wann sie geboren ist. Vielleicht wird bei Söhnen genauer notiert. Dann gibt es Frauen, die schon mit vierzig Großmutter werden und besorgt die weißen Strähnen verdunkeln und mir mitteilen, dass das Leben jetzt vorbei ist. Was machen sie, wenn sie hundert werden? Millionen von älteren Frauen sitzen genauso erschöpft und tödlich gelangweilt in Ashrams herum wie hier in Altersheimen, wo die Wurzeln von Demenz auch noch nicht nachvollziehbar geklärt sind. Klar, wer möchte nicht lieber Albus Dumbledore sein als jemand, der fürchten muss, dass ihm oder ihr ab einem bestimmten Alter ein Rollator vorgeschlagen wird, weil es so praktisch ist. Irgendwo ist die Einstellung, dass ein einigermaßen würdiges Alter nur durch ein einigermaßen würdig bzw. lebendig gelebtes (reflektiertes?) Leben erreicht werden kann, verloren gegangen. Es soll ja nicht alles Bewusstsein auf den unvermeidlichen Tod hin zugespielt werden, aber dass doch die Wichtigkeit der Nähe zur Todesschwelle in uns lebendig bleibt, damit wir wachsam erleben können, wie das dann an gegebenem Zeitpunkt so ist für uns ganz persönlich, vom Leben in den Tod zu gehen.

erinnern

Als ich über das Lied im gestrigen Beitrag den Namen „Grace Jones“ mal wieder hörte, kam eine Erinnerung zu mir, die schon eine ganze Weile zurückliegt. Ich landete „damals“, nach Jahren aus der indischen Wüste emportauchend, direkt in der Notwendigkeit deutscher  Lebensfinanzierung. Das einigermaßen Vorstellbare fand sich in einem Verlag, den ein Paar leitete. Er war ein intelligenter, blasser Bücher-und Wissenswurm, sie eine wesentlich jüngere, frische und aufgeweckte junge Frau, mit der ich oft in den Pausen Gespräche führte. In einem dieser Gespräche erzählte sie mir in keineswegs verstörtem Ton, dass sie ihn im sexuellen Kontakt immer peitschen musste. Ich kann mich nicht erinnern, wie mein Geist, beschäftigt mit meiner persönlichen Neu(er)findung in deutschen Gefilden, das aufnahm. Etwas später schickte mich eben dieser damalige Chef mit einem Kuvert in die naheliegende Stadt zu einem weiteren Angestellten, da ich nach der Arbeit in dieselbe Richtung fuhr. In die Wohnung dieses Mannes eintretend, fiel mir die extreme Leergefegtheit der Räume zuerst auf. Kein Schnipsel nirgendwo. Wohnte er hier wirklich? Dann erst fiel mein Blick auf die Wände. Sie waren mit riesengroßen Glanzfotos, alle von Grace Jones, bedeckt und lagen dort in keineswegs billigen Rahmen unter Glas. Staunend fragte ich nach. Ja, diese Bilder bedeuteten ihm viel, und auch hier war es nicht in Form eines sich stockend enthüllenden Beichtgeheimnisses, als ich vernahm, dass er einmal die Woche in ein bestimmtes Bordell ging, um sich dort von einer von ihm hoch geschätzten Domina in die höchstmöglichste Nähe des Ertrinkens bringen zu lassen, damit das gewünschte Ergebnis in Todesnähe stattfinden konnte. Die „Regierung“, sagte er, wertschätzt diese Frauen, da sie wissen, dass dort potentielles Unheil, wenn auch auf seltsame Weisen, vielleicht nicht ganz verhindert, aber doch vielleicht gemildert wird. Ob die beiden wohl voneinander wussten? Nutzlose Frage, denn was heißt schon wissen? Was hätten sie denn voneinander wissen können, was miteinander austauschen? Die Sucht nach als normal geltendem Auftritt in der Gesellschaft ist ja sehr vorherrschend, die Definition von „normal“ schwankt wie eh und je in Absurdistan herum. Wer erschafft die Norm? Wie, du hast kein Tattoo!!!??? Man darf also nicht rauchen  bei euch im Haus, sagte meine Mutter einmal mit gedehnter Stimme, in der das Bedauern lag, dass aus mir so ein kleiner Spießer geworden war. Das geht schnell. Das Ringen um Verstehen ist nicht nur mühselige Arbeit, sondern es warten weder Thron noch Krone, da es nicht um Erfolge geht, sondern um ein Ringen um das schwer Fassbare. Da haben es die Religionen der Welt einfacher. Sie wissen, wo´s langgeht und wer, wenn das Spiel vorbei ist, rechts und links vom heiligen Vater sitzen wird. Dort ist natürlich auch ein Gedränge und wahrscheinlich geht der Kampf weiter, oder der Herr persönlich schlägt die „Reise nach Jerusalem“ vor, damit jeder mal drankommt und versteht, dass genug Nebenthrone für alle da sind. Woher Menschen kommen und und wohin sie damit gehen, um in den paar vorüberziehenden Jährchen d a s zu tun und zu bewirken, was ihnen unerlässlich erscheint, wer kann das wissen und wer kann es verstehen. Ich höre aus einem Raum fachlicher Kompetenz, dass die Schulung und die Expertise vor allem darin bestehen, einen Raum zu ermöglichen, wo Schmerz und Leid und vor allem die verborgenen inneren Vorgänge, die oft den erwünschten Lebensraum zunichte machen, sein können, damit sichtbar wird und zu einem gewissen Grad verständlich, wie gravierend doch das Verborgene in den nüchternen Tag hineinwirkt, und wie zeitaufwendig es werden kann, die eigenen Gewölbe und Labyrinthe und Gärten in den Blick bzw. den Augenschein zu nehmen.

Das Bild zeigt das Tor in einem Garten in Lissabon. Dahinter war ein schöner Sitzplatz mit chinesisch gestaltetem Holzrahmen, auf dem mit Filzstift eine Botschaft (in Französisch) stand, und zwar „Madame Katastrophe, sie ist da, sie wartet auf dich im Sand des Kindergartens. Sie empört sich, sie verlässt dich, sie zwingt dich dem Tod entgegen, sie wirft dich über Bord.“
Oft so nah beieinander, das leuchtende Tor und die bedrohliche Botschaft.

Song

Dieses Lied habe ich unterwegs gehört und sofort während der Fahrt zum bereitliegenden Stift gegriffen, um das Ungefähre festzuhalten, das in meinen Ohren wie ein Medikament klang. Kovacs. (Kann ja auch vorübergehend medizinisch wirksam sein). Kovacs, nie gehört, aber dann gefunden,  jetzt der textfreie Ohrwurm-Effekt. Froh, ein Lied zu hören, das  gut gefällt, nicht als eingeschränkter Musikgeschmack, sondern als Sahne auf gelungenem Moment. Dann auch schwebt da drin ein Wissen von der Schwärze der Vorgänge, das hier mitfühlend in die tragbare Schwingung gerät. Ich merke, dass es mir nicht um den Text geht und versuche, so wenig wie möglich davon zu verstehen. Die Stimme gefällt mir. The mood. Grace Jones soll das Lied auch mal gesungen haben, oder es ist ein Lied von ihr. – Grace Jones…

Hier aber: Kovacs

 

 

oh

Ich kann wahrlich nicht von mir behaupten, dass ich mich unangemessen in Schreckensbilder vertiefe, aber dieses Bild oben hat mich dann doch verblüfft. Verbietet einem jemand etwa den irren Sinn, den man in unbeabsichtigten Dingen entdecken kann, die mehr über das Geschehen aussagen können als so manch andere Ohnmacht, die erkannt werden muss? Man sieht auf dem Bild zwei Rauchwolken von Bombeneinschlägen in Mossul. Mossul, ja? Die eine Wolke sieht aus wie eine diktatorische Großmaus, die mit narzisstischer Grimmigkeit den Wahnsinn vorantreibt. Rechts von ihr ein feuerspeiender, durchgedrehter Bär. Unter ihnen das Mossul, das einst war und nun in Schutt und Asche liegt. Ob weitere Mossule möglich sind, weiß keiner. Auch Berlin lag in Schutt und Asche. Trümmerfrauen fanden Sinn und Tun im männerlosen Wiederaufbau. Die Städte und die Verlierer können wieder aufblühen, die Verräter auch und die autistischen Micky Maus Täter. Ist so eine Sicht mit Gefühlen gekoppelt, neigt man zu Scham, das macht auch keinen Sinn. Auch das scheinbar Gute zeigt Suchttendenzen. Sollte sich jemand schämen? Der jetzt grenzenlose Zugang zu den menschlichen Lebensarchiven führt zu Extremen auf beiden Seiten. Einerseits die gefürchtete hordenmässig auftretende Verrohung kaum zu kontrollierender Lebensformen, andrerseits die ebenso schleichende Sucht nach Sauberkeit und gutem Gewissen, wo von Gewissen gar nicht mehr die Rede sein kann.Darf man hier religiöse Domspatzenchorleiter, die Kinder missbrauchen, neben IS-Schergen stellen. Man darf, aber man muss nicht. Und doch: sind das immer diesselben? Die, die den wahrlich erschreckenden Tatsachen des Seins nicht wirklich antworten konnten, oder konnten sie einfach wirklich nur tun, was sie tun, weil es ein wirkliches Wirklich gar nicht gibt? Im alten indischen Epos „Mahabharata“ geht es auch um Ehre und Krieg. Wenn dein Schicksal dir zeigt, was du musst, dann musst du, belehrt Krishna, der Gott der Liebe, hier als Kriegsherr und Wagenlenker, seinen Schüler Arjuna. Der will  seine Verwandten nicht töten müssen, das kann man verstehen, aber er muss, weil er keine Wahl hat, sagt Krishna. Er muss sein Schicksal erfüllen. Man merkt, wie man hier leise die Ebene wechselt…und wandelt mit den Götterboten, die einem plausibel machen, oh Menschling, dass alles letztendlich ein Spiel ist. Auch nicht wirklich ein Scheiß-Spiel, sondern da muss man schon tüfteln, denn wenn man nicht tüftelt, weiß man ja gar nicht, wie es funktioniert. Die Kenntnis der Grundausstattung und die Betriebsanleitung können im weiteren Verlauf hilfreich sein für das Know-how. Mossul, euer Mossul, ein dunkler Ort der Trauer. Mossul. Nur noch Schall und Rauch.