Gast sein

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Das ist der Blick, den ich seit 3 Tagen von der Gast-Terasse aus habe bzw hatte, denn ich bewege mich gleich in meine eigene Herberge, die ich 4 Monate lang zur Verfügung habe. Ich bin ausgeruht und auf stille Weise erfrischt Das Schöne am Gast-Sein ist, dass man, sozusagen im beschenkter Zwischen-Raum, mal anders unterwegs ist als im „Sonst.“ Während ich schreibe oder lese, schaue ich ab und zu mal hoch, und sehe eine Mutter, die immer bei ihren Haushaltsgängen zwei kleine Kinder im Schlepptau hat. Auf dem Photo sitzen sie auch beim Wasser, während sie abspült.

Ich fand die ungeschriebene Regel, dass 3 Tage Gastsein das Angemessene ist, immer gut. Es muss aus einer Erfahrung der Menschen kommen, dass man nach drei Tagen auch weiter will, so wie ich jetzt wieder ins „eigene“Leben möchte, das eigene Leben führen und frei und dankbar Abschied nehmen von der großzügigen Geste, die Freunde einem anbieten, sodass man sich erholen und sich an ihnen erfreuen kann. Dann wieder auf die Seite der Gastgeberin wechseln, ja, gerne, oder was auch immer sich gestalten mag. Im Dorf weiß noch niemand, dass ich da bin, zumindest nicht von mir. Allerdings habe ich heute früh schon den SadarJi (von der Sikh Community) getroffen, der mir ab morgen die „Times of India“ wieder bringen wird, um das Zeitungsleseritual nicht ganz zu verlieren. Aus Papier!-
Prem Giri hat mir zum Abschied eine Pistole aus Papier gebastelt. Er war so stolz auf sein Werk, dass es mir nicht schwer fiel, mich zu freuen. Er hat es in Nepal gelernt……

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Im kosmischen Spiel gehöre ich vermutlich zu den Entschleunigungs -Partikeln. Wenn Beschleunigung angesagt ist, bin ich darauf bedacht, sie gut zu organisieren. So habe ich schon gestern den Scooter um 10 Uhr bestellt, der mich mit Gepäck zum Ziel navigieren wird. In seinem Fahrzeug, mit dem ich gestern kurz den Schlüssel zum Haus abgeholt habe, hing ein Photo von Kali Ma. Bestrebt, einen verlässlichen Bruder zu erschaffen, zeigte ich darauf und sagte „mera nam bhi hai“, aber das wusste er bereits, weil er mich seit Jahren vom Sehen kennt. Dadurch ist nun gewährleistet, dass er pünktlich sein wird, der Preis indisch, und alles wird bestens vor sich gehen.

India is great!

 

 

Prem Giri

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Ich wohne noch bis morgen bei Freunden (gesegnet sei die Freundschaft!) und fühle mich wie in einem Wellness.Hotel: indischer Tee/Chai und gutes Essen und ein riesiges Bett in einem gerade fertig gewordenen Zimmer mit genau dem westlichen Komfort, den sich ein wohlwollender indischer Geist als Freude für westliche Menschen vorstellt. Alles glänzender und teurer als bei mir in beiden Zuhausen, zwischen denen ich mich bewege, und unser Gäste-Studio in Deutschland ist, wie ich hier im Vergleich erkennen darf, eher der indische Traum einer bequemen,  und einfachen Herberge. Guter Schlaf ist in beiden Welten möglich. Hier lag ich dann noch nachmittags auf einer technisch durchgetüftelten Liege, bei der man bei 60 Grad Hitze heftige Massageknüppel über das Rückgrat geschoben bekommt, vom untersten Wirbel bis zum obersten. Man kann eigentlich nur durchatmen und entspannen, ansonsten nur laut aufschreien. Wahrscheinlich ist auch deswegen die Wunderheilrate so hoch, weil man zur Entspannung gezwungen wird. Wenn man dann nach 40 Minuten aufsteht, ist man überzeugt, etwas sehr Gesundes erlebt zu haben. Shivani wurde nach vielen Schmerzen wundergeheilt und ihr Vater kaufte ihr eine der sehr teuren Maschinen, auf der sie jetzt nicht meht liegt, weil sie ja geheilt ist. Jai ho Jai ho!

Die beiden Zeichnungen oben sind von Prem Giri. Er ist der neue Servant von Shivani und der kleine Bruder eines früheren Servants. Sie kommen aus Nepal und werden wegen der Armut in der Familie als Dienstboten in Häuser und Hotels nach Indien geschickt und meistens ausgebeutet. Prem Giri ist 13, sieht aus und wirkt eher wie 9, und ist sehr  lernbegeirig. Eine gute Chance, wenn sie Glück haben, an einem guten Ort zu landen wie hier bei Shivani. Gerade saß er neben mir und wollte auch was mit einem Stift machen. Er hat aus einem Buch eine Seite Deutsch abkopiert, um die Buchstaben zu lernen. Dann hat er die beiden Zeichnungen gemacht. Überall schreibt er seinen Namen hin, in großen Buchstaben. Prem Giri heißt „Berg der Liebe“. Er mag seinen Namen und hört oft nepalesische Musik. Er hat Heimweh, und da ich einmal 9 Jahre in Nepal verbracht habe, erzählen wir uns ein bisschen was von den schönen Dingen, die es dort gibt.

unterwegs

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Ich bin noch unterwegs und habe keine Bilder oder Vorstellungen darüber, was sich mir bei diesem Aufenthalt im viel bestaunten Indien diesmal enthüllen wird, denn die Vielfalt „ihrer“ (Bharat Mata!) Tradition ist atemberaubend, und obwohl man überall immer auf alles gefasst sein muss, muss man hier mit diesem Nichtgefasstsein permanent umgehen, man muss wach sein und es ist hilfreich zu wissen, wie es funktioniert, denn das Funktionsmittel ist das Fassungslose an sich. So war es kaum zu fassen, dass, als ich am Airport mit einigen Tausendern und Fünfhunderten in Rupien ankam, (froh, nicht gleich wechseln zu müssen), die Scheine nicht nur über Nacht wertlos waren, wie ich schon in Deutschland informiert worden war, sondern die Banken waren geschlossen, weil es keinen „Cash“ gab. Die Menschen kamen aus dem Flugzeug und hatten kein Geld zum Weitergehen, denn auch das Wechseln von Euros brauchte ja „neue“Rupien, die aber noch nicht schnell genug ankamen im riesigen Land, um ein Chaos zu verhindern. Narendra Modi, hier weitgehend als Halbgott deklariert, pushte sein Land über Nacht genau d i e 5 Minuten weiter, die uns vor zwölf noch geblieben waren. Jahrelang war es Fünf vor Zwölf gewesen, jetzt aber ein Gong! Ein bedrohliches Gemurmel im Underground, das zusammen mit dem Underground-Gemurmel des Westens und der Welt von Donald Trump etc einen dunklen Ton ergibt, der zB mit Humor erleichtert werden kann. Ich hatte zum Glück genug Kleingeld, um zu meinem alten Freund John. zu fahren, der in einer von ihm erschaffenen  Kunstwerkstatt Messing-Schöpfungen hervorbringt für 5Sterne Hotels, aber gleichzeitig auch Sadhu ist, eine Art Mönch, eben: wenn man es fassen will, entgleitet es einem immer wieder, denn es ist so, wie es ist, isn’t it? Als ich mein Geld dann spät am Abend doch auf dem Schwarzmarkt wechseln konnte mit 25% für den Dealer, da hatten wir schon ein Taxi gemietet, denn man konnte mit dem alten Geld noch Benzin kaufen. Sofort wurden neue Welten erschaffen, diesselben Gehirne wie vorher erschufen neue Profite, das erste Falschgeld ist  auf dem Markt entdeckt worden, kurz: Business as usual, höcht flexibel und gnadenlos korrupt.

Kurz nach Delhi fuhren wir in eine riesige Dreckwolke, die der Taxidriver  ruhig und gelassen und extrem sichtbehindert durchquerte… Ich fragte, was das denn sei. „Das ist Staub!“, war seine Antwort. Weiter nichts, eben indische Weisheit. Das ist Staub, was sonst, und wie wahr! Nur Staubwolke, weiter nichts.

Dann kamen wir an einen Ort unterwegs, wo er Cookies kaufte. Kurz danach, links und rechts dichter Dschungel, hielt er an und Hunderte von Affen kamen von allen Seiten auf uns zu.  8000 Affen hätten sie hier gezählt, erläuterte der Driver. Kleine, mit Gittern gesicherte Wägen hatten sich ringsherum niedergelassen mit Bananen, mit denen man füttern konnte. Leuchtendes Indien! Überall Lösung! Ich lehne mich zurück, bereits angefüllt mit Liebe und Geschichten, und lächle vor mich hin.

Ich brauche immer drei Tage irgendwo in einer Art Versteck, bis ich wieder „drin“ bin, bzw bevor ich wieder einfach draussen sein kann, oder bis das Drin und das Draussen wieder in angemessenem Dialog sind. Deshalb bin ich noch unterwegs und wohne bei einer indischen Freundin bis Sonntag und habe zwei Tage Welan.

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Das Bild ist von John’s Werkstatt in Delhi, die Sonne war gerade aufgegangen….

kennen

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Kannte dich nicht
Ich kannte dich nicht
Ich kannte dich einfach nicht
Wie konnte ich auch
Ich kannte es nicht
Das Kennen von dir
o Mensch

bewegen

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Eine Frau fragte sich, ob es wohl
einen letzten Schritt gäbe, der
zu tun sei für ihre Anwesenheit.
Sie sah endlose Schritte über den
Abgrund des Seins gleiten.Ein
Feuer verglühte über der Asche.
Jeder Schritt eine Unmöglichkeit,
jeder Versuch eine Lähmung,
ein Schrei. Das Etwas, das ihren
Kopf sorgsam über die Wasser
lenkte, das nennen wir Gnade,
ein Ort der befreiten Bewegung.

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Von diesen Mini-Stories habe ich letztes Jahr 21 verfasst, immer sehr direkt aus einem Moment geboren, der schnell vorüber war, nur dieses flüchtige Erfassen ist geblieben und lässt nun all das Verschiedene zu, was es auch sein kann, oder nichts, oder all das, was es auch für mich war, bevor es zu diesem Nu kam, mein Nu oder der Nu eines/r Anderen. Heute zB dachte ich an Hillary Clinton und das Bangen um den Ort der befreiten Bewegung, zumindest um Schlimmeres zu verhindern. Eine Frau aus Nigeria, die gestern bei uns zu Besuch war, fragte im Hinblick auf diese Situation: „Wie konnte es dahin kommen“, eine Frage, die wir gut kennen und die mE noch niemand wirklich beantworten konnte.

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Zeichen

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Was mir vertraut ist,
legt verborgene Kammern frei –
wird dort zu Wegen, die zu Weiten führen.
Das Unbeirrte breitet unterwegs sein Wesen aus.
Das Wesen zeigt sich mir in Reflektionen, die
schweigend sind und reich an Möglichkeiten.
Sie ziehen heilsam ihre Zeichen zu sich hin,
zu mir, die ich auf beiden Seiten Spiegel bin:
der Kern der eigenen Sehensweise, die
Stetigkeit des ewig neu Eröffneten,
die Wirkung und ihr Sinn.

 

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Bild: Ein Wasserbecken in unserem Garten

Schlüssel

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Ich werde bewegt durch den Schlüssel,
der gleichzeitig Kreis ist und Tor, und
die Seherin in mir fühlt sich sicher auf
dem unbeweglichen Augenlid unseres
gemeinsamen Schauens.
Nun, da entwaffnet von dieser Lösung
und gleichsam geschliffen vom
Antrieb des Menschseins, von sich
selbst durch sich selbst noch enthaftet,
bleibt mir der Blick auf das ewige
Rätsel erhalten, und im Nu bin ich
Schlüssel, bin der Kreis und das Tor,
bin bewegt vom Nichts des Gleichzeitigen.

Spiel

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Ein Spiel ist immer gut, sagte die Spielerin
und spielte. Solange das Spiel spielerisch
bleibt, spielt sie gut. Da sieht sie im Spiel
weitere Spieler, die bringen Bewegungen
in das Feld, an denen das Spiel zerbricht.
Was sehen die Betrachter?

(Nur das Spiel weiß, was auf dem Spiel steht).

 

Vom Tellerrand

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Wenn man den gängigen Spruch „über den Tellerrand schauen“mal praktisch umsetzt, versteht man sofort, um was es geht. Wenn man am Tisch sitzt während des Essens und über den Rand schaut, ist der Abstand zwischen Rand und Tisch noch klein und man spürt Boden unter den Augen. Nimmt man den Teller aber in beide Hände und hält ihn über dem Boden, wird einem das ganze Ausmaß dieses Quantensprungs bewusst. Ich verstehe also dann, wie heute während des Frühstücks, dass, wenn ich mich am Rande des Tellers, der hier für mein persönliches Ich steht, aufhalte und über den Rand schaue, dann schaue ich direkt in die unheimliche Weite des Ungewissen, d.h. über mich hinaus. Vielleicht hat Nietzsche das gemeint mit seinem Satz „der Mensch muss überwunden werden“, so als stünde er, der Mensch,  verhaftet an die Sicherheit des Tellers, sich selbst im Wege, bis er auch davon loslassen kann. Nun springt man „normalerweise“ auch nicht freiwillig in einen Abgrund, und das  ohne Bungee-Gurt oder die relative Sicherheit eines Fallschirms, und erwartet dort das Pudelwohle. Nein, sondern man hat Angst vor dem Verlassen des Vertrauten, oder etwas haftet an uns aus unserer Geschichte und wir beschäftigen uns noch mit dem eigenen Teller  und den Tellern der Anderen und kommen gar nicht mit uns „zum Rande.“ Muss man überhaupt zum Rande kommen? könnte eine Frage sein. Nein, nicht unbedingt, wäre eine Variante der möglichen Antworten, sondern nur, wenn entweder etwas geschieht, was einen zum Rand treibt und dort zu aufwendigen Prozessen, oder man freiwillig über sich hinausschauen möchte und das gefürchtete Ungewisse als den Ort der Liebe erkennt und erfährt.

Ego-chanting

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Only me!
Me that is all
I see.
Only me,
that is my destiny.
When I hold my hand,
I understand
the magic of this Me!
I’m my dream
come free
I love that only Me!

Only me!
The thoughts of
only me. Only me.
What else can
truly be?
When I look at me
I clearly see,
that I am truly me.
I’m my dream
come real.
It’s me! It’s me
I feel.

Only me
My mirror‘ s
only Me
is all I want to be!
When I look
for more
I still adore
the treasure
of that Me.
I’m my dream
come free
my Me is
only me.

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optimal

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Ein Mensch wollte einst die maximale Flexibilität
erreichen. Er tat alles, was für seine Optimierung
nötig war und erreichte das Menschenschierunmögliche.
Da erschien ihm die Schöpfung wie ein müder, müßiger
Traum, und er beklagte sich bei ihren Angestellten.

Zwei Ohrwurm-Empfehlungen

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Ab und zu kommt ja tatsächlich Erstaunliches auf einen (hier mich) zu,
und man fühlt eine tiefe Dankbarkeit für etwas seltsam Bewegendes, das
durch einen Menschen entstanden ist und wir daran teilnehmen können,
wenn das Erschaffene im offenen Raum erscheint. Spannend ist auch,
dass wir nie sicher sein können, dass das, was uns bewegt, auch Andere
tief empfinden lässt. So habe ich in den letzten Tagen zwei Videobeiträge
gesehen, die ich hier gerne empfehlen würde, weil sie ein gutes Beispiel
dafür sind, w i e unsicher man bleiben darf in der Vorstellung, etwas
gemeinsam Wahrgenommenes könnte gleichzeitig bedeuten, dass wir dasselbe
wahrnehmen (man wird ja nicht müde, sich selbst daran zu erinnern).
Was mir an den beiden Beiträgen gefällt ist, dass sie auf eine humorvolle
Weise politisch und menschlich (und künstlerisch) aussagekräftig sind,
und ja!, es ist erfreulich, diese Art von Humor bei Frauen zu finden, wo der
einst abgrundtiefe Schmerz der Erfahrungen einen kreativen Ausdruck
gefunden hat, der wiederum den gleichermaßen tiefen Humor erst möglich
macht, der in sich das große „Trotzdem“ birgt.

1.

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Der zum Ohrwurm genial geeignete Hit „Keks, alter Keks“ ist, wie ich gesehen habe,
schon eine ganze Weile ein Erfolg unter Netz-Stöberern, und musste einfach ein
Kult-Song werden. Er läuft unter „misheard lyrics“, eine Bezeichnung, die ich mühelos
verstehen kann, da ich in Indien dieselbe Angewohnheit habe, nämlich die aus Lautsprechern
oft unverständlichen Laute in eigene Prosa oder rhythmische Reime zu übersetzen,
ein reizvoller Zeitvertreib vor allem auf indischen Bahnhöfen, wo man oft nichts anderes
tun kann beim Warten als lauschen und auf das Gepäck achten. Der ursprüngliche Text des
schönen Liedes ist von dem Türken Ismail Yk,  fein komponiert und kombiniert
mit den Zeichnungen und Falschhörungen der Videokünstlerin Kathrin Fricke.

2.

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Die zweite Empfehlung ist ein Video der Künstlerin Monira Al Qadiri  (auf dem Photo) mit dem Titel „Wa Waila“, auch ein sehr trauriger und schöner Ohrwurm, den man gerne auch trotzdem genießen kann. Es ist ein uralt Lied aus Kuweit über die Qual und das Leiden…  (Oh Qual !
O armes Herz, gequält von der Leidenschaft und von  der Sehnsucht und von Liebe. Es hat so viel Schmerz gesehen….oh Qual…..etc.)
Der tiefgründige Humor durch einen Gender-Wechsel und das sonst ausschließlich von Männern gesungene Lied dient hier einer mutigen Aussage.

Erstes Video: YouTube „Keks alter Keks“ von Coldmirror

Zweites Video: YouTube „Wa Waila“ (Oh torment)

 

abstrakt

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Gespräche können schwierig sein, wenn die Begriffe nicht wirklich geklärt sind. Wir meinen
verschiedene Dinge mit denselben Begriffen. Ein gutes Beispiel ist der Begriff „abstrakt“,
der gern als „fremdartig“ oder „schwer zugänglich“ benutzt wird, während zB in Indien
unter dem „Abstrakten“ eher das Göttliche verstanden wird, sozusagen als reines Potential
des Geistes, aus dem die Form erst herausgeboren wird bzw.herausgeboren werden muss.
Abstraktion ist Essenz da, wo Form nicht mehr vortäuscht, alles zu sein. Erstes und letztes
Symbol. Dazwischen geschieht, was es zu dem macht, was es ist. Für mich bedeutet Abstraktion
u.a. etwas Praktisches, eine Kunst, sich im Ungewissen aufzuhalten, Yoganautik also und
poetische Navigation, klar, und Humor natürlich, der kann auch sehr abstrakt sein…

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„Die Ablösung der Malerei von der äußeren Erscheinungswelt ist verbunden mit einem Prozess der reflexiven Durchdringung der medialen Bedingungen der Produktion von Bildern; das sich auf sich selbst zurückwendende Werk legt die Eigenart seines Gemachtseins offen. In diesem Prozess stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Kriterien der Organisation seiner Form: auf welche Prinzipen kann sich die Malerei stützen, nachdem die Welt der Erscheinungen ihre leitende Funktion eingebüßt hat?“ Hans Zitko

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tödlich

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Es war einmal eine Zeit, da konnte man auf den
Werbeflächen der Welt auf die eine oder andere
Weise lesen, dass das Leben tödlich sei. Die
Menschen gewöhnten sich an die Aussage und
glaubten sie und dachten letztendlich, dass sie
wahr sei. Und wenn sie nicht daran gestorben
sind, dann glauben sie es noch heute.

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Der gewitzte Gegenspieler, der mich überzeugen wollen könnte, dass das Leben in der Tat tödlich sei, hätte leichtes Spiel mit der Überrumpelung, aber nicht wirklich. Das Leben hat einen tödlichen Ausgang, das ist wahr.

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Bild: Graffiti von der Berliner Mauer aus „Auf die Dauer fällt die Mauer“

erschließen

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Es ist zweifellos ein Phänomen des menschlichen Lebens, dass wir uns selbst im Weg stehen und uns praktisch und paradoxerweise nur über den Weg des Bewusstseins erkennen können und auf uns zugehen, als wären wir Fremde, die es zu ergründen gilt. Sehr vieles weiß ich gar nicht von mir, zB weiß ich nicht wirklich, woher ich diese Leidenschaft des Ergründens habe und es als bereichernd empfinde, am Abenteuer des Lebens als mich selbst beteiligt zu sein. Ich muss schon, auch mal mit Bedauern*, sagen, dass ich ohne professionelle Schulung in geistigen Vorgängen manche Gefahren nicht erkannt hätte. Oft sieht man auch in Prozessen des Erwachens nicht gut aus, denn das Erkennen von sich selbst ist in allen Kulturen immer fachmännisch begleitet worden. Dennoch gibt es keine Garantie, dass man letztendlich auf sich trifft. Eine Idee wie die Wiedergeburt ist sicherlich eine sehr tröstliche Aussicht für Menschen gewesen, die in ihrem Schicksal keine Möglichkeit vorfinden konnten, es zu gestalten. Je tiefer durchdacht, desto einfacher werden die Fragen. Bei aller Unterschiedlichkeit ging und geht es bei allen Kulturen um die ersten und letzten grundsätzlichen Fragen, die das menschliche Dasein betreffen, zB „Wie geht es mir selbst mit mir und dann mit den Anderen? Ich selbst, wer ist das? Warum muss ich mich noch erkennen, da ich schon da bin? „Ich denke nicht, dass Fragen unbedingt eine letzte Antwort brauchen, an die man sich haften kann, aber sie sind doch sehr wertvoll, wenn man mit sich selbst im Gespräch ist, wie es unsere Freunde aus der Antike vorgeschlagen bzw vorgedacht haben, eben damit wir die potentielle Einfachheit des Daseins durch und mit uns selbst erreichen können….

******************************************************************************************************************************Ich habe nachträglich ein Sternchen bei Bedauern eingefügt, weil mir klar wurde, dass niemand verstehen kann, was ich hier bedaure. Und zwar bedauere ich manchmal, wenn ich mich mit Menschen in tiefere Ebenen des Gespräches bewege, dass ich mir aus meiner Erfahrung bis jetzt noch nicht vorstellen kann, dass ein Mensch einfach ohne Praxis im Seinszustand, heißt: bei sich selbst, landen kann. Es soll Ausnahmen geben, und in Indien gibt es Geschichten, die erzählen, wie früh ein bewusster und befreiter Geist sich in einem Menschen gezeigt hat, was nicht heißt, dass diesem Menschen dann die Schulung erspart wurde, im Gegenteil: sie wurde intensiviert,-Bei gelungener Landung gibt es das Bild des Diamanten, ein Symbol des geistigen Zustandes, wenn die Facetten des eigenen Wesens genügend durchleuchtet wurden. Ich bedauere also manchmal sagen zu müssen, dass ich keine Abkürzungen kenne für diesen Weg, der letztendlich ja nicht menschlichen, sondern universellen Gesetzmäßigkeiten folgt wie zB das Gesetz von Ursache und Wirkung….etc

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Die beiden goldenen Schuhe im Bild habe ich gestern von einer Puppenspielerin geschenkt bekommen…

access*

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Aus den Griffen gelöst.
Gedehnt in das weitaus Mögliche…
Das Unvorstellbare bejaht
aus tiefstem Herzen.
Dem Vorgestellten Achtung erwiesen –
allein schon der Vielfalt wegen!
Tief eingeatmet
das unermessliche Reich,
und mit aufquellender Dankbarkeit
Zugang erhalten zum Ureigenen.

 

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*Access=Zugang. Das sind zwei Worte, die ich sehr schätze. Interessant, dass in „Zugang“ der Gang noch zu sein kann, während „access“ schon eine klare Gegebenheit ist. Wer Sprache liebt, liebt wohl auch das selbständige Denken, und das Reflektieren und Kontemplieren, und die Freude, dadurch Zugang zu erhalten zu Menschen und Dingen und Tieren und Pflanzen. Das Denken als eine großartige Möglichkeit, den für einen selbst und für andere  adäquaten Umgang mit dem Daseienden zu finden.

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sichtbare Zungen

Als ich in der „Zeit“ vom 22. September Bild 3 gesehen habe, dachte ich, d i e drei Bilder zusammenzufügen, die ich von imposanten Zungenrausstrecker/Innen kenne, und war damit sehr zufrieden. Da ich aber keinen Text zur Verfügung hatte, schaute ich mal unter „Zunge raus“ nach und hatte einen dieser Netz-Schocks, da es dort von rausgestreckten Zungen geradezu wimmelte. Was tun? Na ja, dachte ich, was gehen mich andere Zungenrausstrecker/Innen an, wenn ich doch mit meinen 3 Bildern zufrieden bin. Es soll ja nur ein kleiner Einblick in die Welt des Zungenrausstreckens sein, dafür ist es doch sehr gelungen, denn auch das Zungenrausstrecken sieht nicht bei allen Menschen überzeugend aus, obwohl es immer bestehende Konventionen durchbricht oder zumindest dafür dienen soll. Die Bilder hier zeigen Einstein, Kali und das Bild der jungen Dame aus der Zeit.

1

2

Kali

3

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sichselbstsein

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Obwohl man davon ausgehen kann, dass jeder Mensch das Recht hat zu behaupten, er oder sie sei sich selbst, wird diese Behauptung ,wenn sie denn eine Frage wird, erst ziemlich spät interessant. Ich erinnere mich an die Aussage einer indischen Yogalehrerin, die meinte, der Mensch könne sich auch verpassen. Wo hält er sich auf, wenn er sich verpasst? Wartet er auf sich oder sucht nach sich, und ist ein Finden dann auch garantiert? Wo ist der Mensch denn gewesen, wenn er nicht bei sich ist, und warum ist er lieber woanders als bei sich? Meistens wird der Wunsch, zu sich selbst zurück zu finden. ausgelöst durch eine Katastrophe, oder so wie es R.D.Laing einmal beschrieben hat: „Immer wenn es einen Abfall-Streik gibt, schauen wir uns in die Augen, immer wenn es einen dringenden Notfall gibt.“Oder immer, wenn einen die Situation zum selbstständigen Denken erzieht, dh., wenn man tatsächlich wissen muss oder will, wie man ganz persönlich über etwas denkt, das kann dann sehr unterschiedlich sein zu dem, was man dachte zu denken oder zu fühlen. Ich bin ja für beides in ausgewogenem Maß, auf jeden Fall bis zu einem bestimmten Punkt, wo man sich durch redliche Arbeit an sich selbst einigermaßen auf sich selbst verlassen kann. Ob ich in den hellen Gebieten meines Innern anfange oder in den dunklen, ist relativ egal, beides muss letztendlich in eigener Dosiertheit zum Ausdruck kommen, sonst ist die sogenannte Meisterschaft über sich selbst nicht möglich. Das Zeichen dieser Art Meisterschaft ist wohl das Menschsein an sich. Bin ich zufrieden mit dem, was ich aus mir gemacht habe?, denn ständig war ich ja durch mein Schicksal  gezwungen, mich zu verhalten und, bewusst oder unbewusst, zu entscheiden, wie ich die vorhandenen Möglichkeiten gestalten soll.  Zwar zeigt das Universum  Gesetzmäßigkeiten, an denen man sich beteiligen oder die man erlernen, erkennen und verstehen kann, aber wer vergisst, dass es immer auch einen Spielraum  gibt, das Jeweilige zu gestalten, der ist nicht gut von sich beraten. Guter Rat ist teuer! Das habe ich auch von einer exzellenten Therapeutin gehört: nämlich, dass der gute Preis einer privaten Therapiestunde u.a. gewährleistet, dass der Mensch sich ernsthaft bemüht, einen Weg zu sich selbst zu bahnen, wenn etwas im Leben entgleist ist und die eigene Spur nicht mehr sichtbar, oder noch nie sichtbar war, oder von Anfang an gestört und die eigene Art (Kunst!) zu sein durch äußere Störung und Behinderung dieses Seins so schwer erkenntlich geworden ist, dass die Schutzhüllen, die sich darüber gelagert haben, durchdrungen werden müssen, damit ein Sich-selbst-sein überhaupt  ermöglicht wird. Sorgen wir uns nicht alle um den Zustand der Gehirne, die ja immerhin die Schaltstationen unseres Bewusstseins sind? Das Wunderwerk Mensch scheint mir etwas outgesourced zu sein im Moment, und viel Raubtierfütterung findet statt in den medialen Gehegen. Manche finden das spannend, andere eher nicht.

 

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o.d.*

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Gestern war ich am Meer. Um 5 Uhr früh los, um 9 Uhr dort bzw. da, am Meer, und am späten Nachmittag wieder zurück, dazwischen Himmel, Sonne, Wolken, Familien, Hunde, Pferde. Ich liebe es, in den Äther zu schauen: wie selten kommt man in den Genuss! Auf dem Rücken im Sand liegen und die Augen und den Geist sich selbst an der großzügigen Weite erholen lassen. Dann wieder der staunende Blick auf die vielen Menschen, die sich vor allem am Sonntag dort ansammeln können, ein Hin-und Herbeschnuppern von Tieren, bei dem auch die sich fremden TierbesitzerInnen leichteren Zugang zur Begegnung miteinander haben. Andrerseits ist es ein geräumiger Spielplatz, wo die neuen Wurfgeschosse oder Bälle oder Drachen oder Surfboards ihren Ausgang haben und in prächtigen Ausführungen ihre Vielfalt zeigen. Das Meer, das Wasser, der Himmel, das Spiel, das Hungergefühl und das Essen, das vereint. Aber ich will (noch) etwas ganz anderes erzählen, das kommt von heute früh, als ich kurz unterwegs in die WDR 5 Nachrichten hineinhörte, es ging um die neuen Vorgänge in Aleppo. Berührt hat mich, dass Ban Ki-moon die Vollversammlung verlassen hat, weil er nicht mehr ertragen oder fassen konnte, dass  die dort unter grässlichsten Bedingungen ausharrenden Menschen nun noch massiver bombardiert werden, und in der Versammlung keine Lösung zustande kam, kein Erweichen versteinerter Gesichter. Manchmal hört man innen einen Gong schlagen, das ist nicht nur der eigene Gong, sondern ein Ton, der durch das Wesen der Menschen zieht und dort Wirkungen hervorruft. Man weiß, beziehungsweise wir wissen , dass auch in Deutschland noch nicht alle Wunden geheilt sind, wenn Heilung von einem Krieg überhaupt jemals möglich ist. Aber da läuft sie schon wieder ab vor unseren Augen, die große Menschenvernichtungsmaschine, für die man keine Worte mehr finden möchte und auch nicht kann. Dass jede/r tut, was er kann, mag wahr sein, aber manchmal kommt es einem doch sehr wenig vor. Eine meiner Kriegszeichnungen habe ich hier unten plaziert statt oben neben das Meer, wo es mir vorhin um ein Bild ging, in dem beides, das Meer mit den spielenden Menschen, und die dunklen Abgründe des Menschseins nebeneinander stattfinden können und ja auch tun. Aber nicht wirklich. Nicht nur das Wort, auch das Bild kann zu viel sein. Es ist trotzdem da.

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Ayesha Lecheyem Inam

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Die junge Frau auf dem Photo wird heute 21 Jahre alt. Am Tag, als sie geboren wurde, lief ich „zufällig“ auf der Straße der  indischen Kleinstadt, in der ich jedes Jahr ein paar Monate verbringe, als ich vor mir ein Bündel sah, das ich zuerst für ein mit einem Tuch bedecktes totes Tier hielt. Als ich genauer hinschaute, weil es sich zu bewegen schien, war es ein sehr winziges Kind, das, wir wissen nicht wirklich warum ausgerechnet an diesem Ort, offensichtlich von der Mutter ausgesetzt worden war. Ich brachte es zu einem naheliegenden Krankenhaus, wo  niemand etwas davon wissen wollte. Nach viel Bemühung fand ich heraus, dass die Mutter tatsächlich in einem privaten, kleinen Krankenhaus und  in einem abgelegenen Raum des Krankenhauses ein 7-Monate altes Mädchen geboren hatte, da die amtierende Ärztin, eine weise und erfahrene Frau, keine Abtreibungen befürwortete und bereit war, das unerwünschte Kind evtl. zu adoptieren. Die Mutter war erst 15 Jahre alt, war wohl in Panik mit dem Kind geflohen, aber wusste dann wohl nicht, wohin damit, da sie es nicht nach Hause mitnehmen konnte, weil der ganze Vorgang streng geheim war. Wie auch immer es gewesen sein mag, ich nahm sie dann zu mir und verbrachte die ersten sechs Monate ihres Lebens mit ihr. Die Ärztin wollte, dass ich ihr einen Namen gebe, und so machte ich so etwas wie eine Geburtsurkunde und nannte sie Ayesha „die Schönste“ Lecheyem „an das Leben“ und Inam „Geschenk“. Wir hatten eine wahrlich wundersame und wunderbare Zeit zusammen und sprechen auch heute noch die Sprache von damals miteinander….ein tiefes Schwingen von Zusammensein, eine nahtlose, vielgestaltige Welt, die mich in ein sehr großes Staunen führte, da ich zuvor niemals die Schönheit dieser seligen Zeit bewusst erfahren konnte. Selig wird sie durch inniges Zusammensein und eine tiefe Freude an gegenseitiger Resonanz. Wir fanden dann, da ich für Adoption keinerlei Karten hatte, eine Familie, die sie adoptiert hat. Das alles waren schwerwiegende Vorgänge, die dann doch letztendlich zu einem guten Gelingen führten. Wir lernten uns kennen und mussten uns irgendwann auch sprachlich aufeinander einstellen, mein Hindi wurde besser, ihr Englisch auch. Die Eltern ermöglichten mir freien Zugang zu ihr und schenkten mir Photos von den Geburtstagsfeiern. Nun ist sie eine 21-jährige Frau und wir telephonieren miteinander und schreiben Mails zueinander. Wenn ich in Indien bin, kommt sie jetzt auch alleine zu mir. Ich erfahre ihre Geheimnisse und sie vertraut mir, dass ich sie bei mir behalte. Obwohl ich nicht ihre leibliche Mutter bin und auch nie eine Mutterstelle vertreten wollte, schwingt zwischen uns immer noch dasselbe große Geheimnis unserer ersten Zeit miteinander: ich das kleine Wesen entzückt im Arm wiegend und ihr Leben verteidigend und schützend gegen alle Hindernisse und Kommentare, die um uns herum in Bewegung kamen, und rechts in der Hand mein Stift, mit dem ich auf 21 Seiten meine Erfahrungen auf Papier bringen konnte. Jetzt, da sie ihre ganze Geschichte kennt, werde ich diese Seiten mitnehmen und für sie übersetzen, denn damals hatte ich noch keinerlei Ahnung, wie sich das Ganze entwickeln würde. „Du bist als Diamant in mein Leben gekommen“, habe ich ihr heute geschrieben,“ und hast ein tiefes Licht in mein Leben gebracht“. Das Bild oben zeigt sie auf der Hochzeit einer Freundin, auf der wir letztes Jahr gemeinsam waren.

Auf der Suche nach der oben erwähnten „Geburtsurkunde“ fand ich das Kleid, in dem ich sie gefunden habe, und habe es an unsere Wäscheleine gehängt, um ein Bild davon zu machen:     20160921_114923

 

„Mensch, werde wesentlich!“ (Angelus Silesius)

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Da in meinem ersten Beitrag heute bereits ein Heiligenschein auftaucht, geht es hier nochmal um eine staunenswerte und überraschende Erfahrung. Ich hatte gestern die Gelegenheit, in einem architektonisch christlichen Rahmen mich zu einem Menschen sagen zu hören, dass ich an gar nichts glaube, und gleichzeitig zweifellos eine zeitlose, heilige Stunde miterleben durfte, kein Zweifel. Noch am Nachmittag kam mir mein Geist irgendwie gelähmt/verdüstert/unkreativ vor und ich war froh zu hören, dass es außer einem Ablenkungs-Angebot an Vollmond auch noch eine angekündigte Mondfinsternis gab und fand den Gedanken tröstlich, dass das herannahende Mondverdunkelungs-Ereignis schon seine Schatten auf mich vorausgeworfen hatte. Da näherte sich der Abend, und Freunde von uns, die vor kurzem nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen waren, waren zu einem Programm angereist, das eine Rezitation der Texte von Angelus Silesius beinhaltete sowie eine musikalische Darbietung des Ensembles „Ültramarine“, wahre Meister ihrer jeweiligen Kunst. Das Ganze fand in einer kleinen  Kirche unweit unseres Hauses statt, von der ich noch nie was gehört hatte. Ungefähr 50 Besucher/Innen, einfach und geschmackvoll gestaltete Einrichtung und ein Meer von brennenden Kerzenlichtern. Ich denke in letzter Zeit öfters mal daran, was die Religionen ausmacht und wie schwer es ist, einiges von dem, was sie anbieten, zu ersetzen… zum Beispiel diese Stille des Raumes, die den Geist in die Vertikale zieht. Die Bilder oben zeigen das schneckenartige Herumwandern meiner Augen, die über zwei dicke Bände mit dem Titel „Gotteslob“streifen…wow, dachte ich, wird Er doch mächtig gelobt, der Hohe Herr….und an einem gut geschmiedeten Nagel hing ein Objekt, das wohl nur hier zu finden ist, edel gearbeitet: ein Knieschutz zum Beten auf den Knieen. Beeindruckend. Der Diakon, der eine ganz passable Rede hielt, sprach von 300 Mitgliedern seiner Gemeinde, das schien mir viel. Ich kenne wenige im westlichen Raum, die beten und knien, aber das sagt ja auch nichts darüber aus. Anschließend an die Rede also das Programm….Gerne würde ich die Minute, die ich mit meinem Phone aufgenommen habe, als Klang hier einfügen, aber es würde wirklich der Erfahrung nicht gerecht werden. Es war wie eine himmlische Brücke, die sich aus den Zusammenklängen der Künstler und ihren sich zulauschenden Ohren bildete, und die Sängerin der Gruppe ermöglichte  einem, bzw mir, eine Auferstehung der Madonna zu visionieren, so rein und gleichzeitig mächtig war ihr Gesang, und ihre Bewegungen kamen aus der Tiefe ihrer eigenen Quelle…alle Fünf waren Meister ihrer Kunst, in spürbarer Bereitschaft und Ausrichtung zum Zusammenspiel, dem alles verbindenden, heiligen Ton, der das Antike, Archaische mühelos verbinden konnte mit dem Klang der Zeit. Das Programm hieß übrigens „Mensch, werde wesentlich!“, eine Zeile von Silesius. Die Mondfinsternis breitete sich in der Tat über unseren Köpfen aus und….na ja, ich muss ja nicht übertreiben, aber tatsächlich hatte ich den Gedanken, in Licht gebadet worden zu sein….durch Poesie! Durch Kunst! Durch Bereitstellung von Räumlichkeiten, die diesen Ereignissen Möglichkeit zur vollen Entfaltung bieten! Hier ein paar Angaben über das Konzert für Interessierte, es gibt auch eine CD…

Das Ukrainisch / Litauisch / Deutsche Quartett ULTRAMARINE
Ute Kaiser:  Verse und Texte des Dichters Angelus Silesius (1624-1677).

Uliana Horbachevska – Stimme/Gesang (Lemberg)
Petras Vysniauskas – Sopransaxophon (Vilnius)
Mark Tokar – Kontrabass (Kiew)
Klaus Kugel – Perkussion (Mecklenburg-Vorpommern)

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Momentaufnahme I & II

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I

Herbstblätter bilden auf den Straßen schon den Mittelstreifen. Der Schreck fährt kurz durch die Glieder. Im Land breitet sich ein mulmiges Gefühl aus. Kollektive Mulmigkeit. Alles kann eine Chance für Weiteres sein. Aber ohne Weiteres? Führt es nicht beständig und zuversichtlich zur eigenen Tür zurück? Und hinter die Türe, wo die Demokratie ihre Wurzeln hat.? Ja, lass, lass zu, mach auf, geh den Aufgang hinauf, durch den Einblick hinein, neben der Gartentür schau dem Garten zu, wie er auskommt auch ohne dich. Schließ‘  die Türe. Wer ist drin mit mir? Wer wartet in den Spiegeln auf mein Vorüberziehen, auf mein Hineinsehen, mein inneres Sein… und du? Auf mein Dabeibleiben am lichten Kamin, auf mein Hier. Wer ist dort im verborgenen Wohnen? Wer hat mit dem traumlosen Schlüssel Zahl und Antwort gefunden und das dazugehörige Licht? Denn wer die Sorge hier ruft, findet sie nicht, klopft an die Tür, wird eingelassen, wird sachte befragt zu den Verlusten. Als ich aufwachte und mich entschied für ein offenes Nichts, für die schlichtende Leere des Aufenthalts. Die Hände sind kühl, doch ich finde in der Tiefe eine große Freundlichkeit, ein Gleichnis, das sich verbindet mit mir.

II

Wir gehen so vor uns her,
vor uns hin.
Die Dinge fallen
auseinander.
Die blutgefärbte
Flut ist losgelassen.
Überall wird sie ertränkt,
die Zeremonie der Unschuld.

 

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Lord of Tofu

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Lord of Tofu. Diese drei Worte lese ich tatsächlich in unserem Kühlschrank auf einer Packung Tofu. Irgendwie beschäftigt es mich und ich gehe extra nochmal hin und überprüfe, ob ich meinen Augen trauen kann, also ob ich richtig gesehen habe. Ja, habe ich. Es ist offensichtlich der Firmenname eines Tofu-Himmelreiches, in dem der Beste der Tofus ein Gott ist, eben Lord Tofu. Neue Welten entstehen mit neuen Begriffen, alle sind beschäftigt mit ihren Navigationsgeräten. Ich habe zum Beispiel eine kleine Liste angefangen, wo ich Worte aufschreibe, die ich vorher noch nicht gehört habe, wie : Seelenechoraum -Pferdemobbing – Weltuntergangsmeise – fußnotenselig – Zeigefingertrottel – Gattungs-Erschütterer – Weltabbildungkrampf  – Blößenwahn – Schwellen-Schwafler – Gemütlichkeitsfalle – und was auch immer dazukommen wird…..Ich weiß auch, dass „geil“ inzwischen „prima“ heißt, wann und wie auch immer der Transit geschehen ist…..aber Lord Tofu! Wäre ich nicht schon auf unumkehrbarer Bahn nahrungsmäßig im Vegetariertum angesiedelt und etwas nachgereift durch Jonathan Foers großartiges Buch „Tiere essen“, dann…..nein nein, ich kontrolliere schon die Vorstellung eines herzhaften  Bisses in die Schöpferhaxe des Logoherstellers von Lord Tofu, klar!  Aber sie sind schon ganz schön unheimlich (in meinem Sinne), die Dinge, die sich überall wie selbstverständlich einnisten, als wäre man in Gefahr, den Lingo der Zeit und seine Neudeutungen nicht zulassen zu können. Kann ich auch nicht. Wie konnte es zu Lord Tofu kommen, lasse ich da meinen 037 Agentinnen -Aspekt herumrätseln. Vermutlich, kombiniere ich, ahnen und fürchten und erfahren zur Zeit sehr viele Menschen, dass von ganz da oben nicht mehr so viel Anweisung kommt (gab es sie jemals?), sodass nun der arglose Tofu (alle Dinge sind an sich leer und bedeutungslos) herhalten muss. Wahrscheinlich aber ist es viel einfacher bzw. viel schlimmer als das, und der Lord-Tofu-Schöpfer weiß einfach, wie er seine Schäfchen zahlreich zum Tofu kriegt.

Das Bild ist von H. Robert und war mal meine Geburtstagskarte. Es hatte damals einen humorvollen Kontext, wobei es auch hier ganz gut passt.

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„Die Welt der Klagen“

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(aus: „Altägyptische Dichtung)

Verhärtung des Herzens ist entstanden.
Bedrängnis ist auf allen Wegen.
So ist das Unheil nicht vorbeigegangen,
solange diese Götter in ihrer Mitte waren,
und der Same hervorging aus den Menschenfrauen.
Man kann sie jetzt nicht auf dem Wege finden,
denn Handgemenge ist aufgekommen, und vertrieben
sind sie durch das Unheil, das sie entstehen ließen.
Es gibt keinen Lotsen zu ihrer Stunde –
wo ist er denn heute?
Schläft er etwa? Man sieht ja seine Macht nicht!
Als ich in Trauer war, konnte ich dich nicht finden.
Man kann dich nicht anrufen, bist du doch frei von
Zorn dagegen. Strafe des Herzens ist das!
Die Empörer aber, die im Munde aller Leute sind,
jetzt ist die Furcht vor ihnen größer
als vor Millionen von Menschen.

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(War es schon immer so?)

Ich bin eine Gegnerin des Satzes „das war doch schon immer so“, zB. manche gut, manche nicht gut, manche oben, manche unten, oder Pest und Cholera und Aids und Ebola usw., oder Erdbeben und Überschwemmungen und Kriege, oder Frauen im Haus, oder Tiere essen…Schon deswegen war es nicht schon immer so, weil ich gerade hier bin und es selber erfahre, auch das nur vorübergehend, aber natürlich für jede und jeden die einzig interessante Variante des Geschehens. Mir kommt es auch so vor,  dass alles, was auf der Erde erscheint, einerseits gewissen unverrückbaren Gesetzmäßigkeiten unterliegt, andrerseits denke und erfahre ich, dass es frei gestaltbar ist und die Beweglichkeit des kreativen Raumes durchaus gegeben. Das scheinbar Grenzenlose wird allerdings eingeschränkt durch Denken und Verhalten der Menschen miteinander. Man denkt ja gerne, man wüsste, wie es besser ginge, bis man merkt, dass alle Anderen auch so denken, was dazu führt, dass einige mal wieder rauskommen auf die Straße, um Pokemon-Monster zu fangen, und andere die Trümmer ihrer Existenz zulassen müssen, da sie davorstehen und es weder Ausflucht noch Ablenkung mehr gibt. Wie weit kann Fühlen geschult und gelernt werden, und wie weit kann es sich ausdehnen – bis in die Schattenreiche!(???) Man scheut sich, das, was man sieht, noch ein Spiel zu nennen, so als wäre der verhältnismäßig harmlose Räuber aus dem Kasperletheater schon lange abgetreten und ersetzt durch einen, den man nicht mehr verstehen kann und will. Das Blut, das unter den Türen hervorquillt, die sterbenden Kinder in Wüste und Wasser. Wenn all das also immer schon war….die Kriege, die Dummheit, das mangelnde Lernen von Fehlern, das Gebaren der Macht, die Verseuchung der Nahrung, der Eingriff in die genetische Struktur… na dann ist es…..Zeit?….. um…….? Hier kann man sich, wenn man möchte, weiterhin an eigenen Gedanken erfreuen.

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My Kilroy

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Eigentlich hatte ich hier einen anderen „Kilroy“ im Sinn, der nun unten vorzufinden sein wird, denn auf ihm hatte ich die Zeichnung entfernt, und da ich nun mehr über Kilroy weiß, weiß ich auch, dass das Bild ganz wichtig ist, denn wie ich höre, hat Kilroy nicht immer was gesagt, sondern Gesicht und Hände waren vor allem verbunden mit einer Botschaft, nämlich, dass er da gewesen war. So soll (um nur d e n Teil der Anekdoten zu nennen, die ich interessant fand) unter amerikanischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges ein Wettbewerb entstanden sein, wo es darum ging, wer als Erster dieses Bild mit Slogan an die unmöglichsten und und entlegensten Stellen zu malen, die man sich denken konnte, um nachher zu behaupten, es sei schon dagewesen….Der Name soll von James Kilroy kommen, einem Schiffsniethämmerkontrolleur, der damit seinen Vorgesetzten ein Zeichen setzte, nämlich, dass schon von ihm kontrolliert worden  war. Kilroy was here!. Nun, m e i n e  kleine Kilroysammlung stammt aus der FAZ, wo er und seine oft sehr unterhaltsamen Texte mit jeweils 3 Sätzen mal hier und mal dort in der Zeitung auftauchten, und ich wunderte mich schon, dass ich lange nichts von ihm gesehen und gelesen hatte. Nun habe ich mich kundig gemacht, wo wir  alle uns kundig machen, und vieles über das Kultobjekt Kilroy in Erfahrung gebracht. Auch, dass er in der FAZ schon länger nicht mehr erscheint. Ach ja, er soll als Graffiti schon erschienen sein (Legenden!) auf dem Gipfel von Mount Everest, an der Fackel der Freiheitsstatue, auf der Unterseite des Pariser Triumphbogens, auf der Marco Polo Brücke in China, auf Hütten in Polynesien,  auf einem Träger der George-Washington-Bridge in New York. Sogar auf dem Mond soll er in den Staub gekritzelt worden sein! Und dieser Kilroy erscheint nun auch in m meinem Blog, das ist ja berührend!!! (Wer mich kennt, kennt hoffentlich auch meinen Humor). Obwohl Kilroy heute nur mein Bild mit Satz sein sollte, ist er unversehens Hauptakteur geworden, gut. Da oben sagt er zB:

Kilroy:

Suchen dich Seelen heim?
Ach wo! Es ist die kleine Maschine,
die da in deiner Tasche piepst.

Wir halten kurz ein und schauen, was uns dazu einfällt. Z.B, dass die kleinen Maschinen der Planetenbewohner ja kaum mehr in der Tasche piepsen, weil sie meist in der Hand lagern, damit nichts versäumt wird. Das ist ja ähnlich wie der Unterschied zwisvhen den Mobiltelefonen der ersten Star Trek Crew und zB der Technik von „Next Generation“, wo auch weiterentwickelt wurde. Wahr an Kilroys Satz ist immer noch, dass das Piepsen nach wie vor keine Seelenheimsuchung ist. Oder doch?
Dazu fällt mir dann noch aus der ganz direkten Lebenserfahrungsebene  ein, dass zwei von uns gestern das Auto, das einen kleinen Schaden hatte, zu Herrn Wischnak in die Reparatur bringen mussten. Ein fleißiger und rechtschaffener Mensch und Meister in der eigenen Werkstatt, und sehr von uns geschätzt. Während des Vorgangs erzählte er uns mit einer tief betroffenen Stimme, dass seine Frau nun auch ein Smartphone hätte und eine Neigung zum Spieltrieb sich zeigte. Es ist die Ernsthaftigkeit, mit der ein Mensch etwas für ihn tief Erschütterndes zum Ausdruck bringen kann, die einem bzw. die mir wiederum den Gedanken eingibt, dass ich dann keinen großen Unterschied mehr sehe zwischen den griechischen Tragödien und dem Schicksal eines Autowerkstattbesitzers, der sein eigenes Schicksal mit Würde und Bedachtsamkeit lebt.

Gut, was soll ich machen, das Ganze ist heute für Kilroy.

Hier den zweiten, klugen Satz, den er gesagt hat:

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Ein Zank der Philosophen:

Sich über alles wundern,
oder über gar nichts –
ja was denn nun?

 

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Berlin 11

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BIS GLEICH ALSO………………………………………………………………………..

Ein Lied

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(Ein Lied für Leute, die eine gute Laune
brauchen und grad keinen Text zur Verfügung haben)

Sänger/In:

Was kommt denn da und will
mir meine Laune nehmen?

Chor:

Das darf doch nicht wahr sein!
Das darf doch nicht wahr sein!

Sänger/In:

Das ist doch hoffentlich
kein Stimmungsdämpfer!

Chor:

Das wäre ja klar klein.
Das wäre ja so klein!

Sänger/In:

Da kommt sie schon, es ist ne
kleine typische Täuschung!

Chor:

Keine Bohne!
Gar nicht ohne!

Sänger/In:

Hurrah! Es ist ne Erbse
und keine Illusione!

Chor:

Wah!Wah!Wah!
Wah!Wah!Wah!

Zusammen:

Das ist ja nochmal gut gegangen!
Sehen Sie! Da ham wir’s schon!
Und nun kommt noch als Richtungslohner
die moralische Krone ohne Bewohner.

Stimme aus dem Off:

Bei uroborischen Periburen
(vermeidbaren Gedankenfetzen)
lassen Sie Licht rein
in ihr Dichtsein!

Zusammen:

Und das Oval von dem Gesicht spricht:
Verwechseln Sie die Erbsen mit den
Bohnen nicht!

Chor:

Wah! Wah! Wah!
Drama!
Wah!Wah!Wah!

 

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Ab und zu, wenn auch höchst selten, schreibe ich  mal ein Lied. Ich mag meine Lieder, weil sie halt auch manchmal aus mir heraus wollen und keinen Anspruch in sich tragen…aber hallo! Stimmt das auch? Also, wenn ich ganz ehrlich bin, erwarte ich eigentlich zB von diesem Lied, dass es, wenn tatsächlich von jemandem gesungen (mit eigener Melodie, Hauptsache gesungen) unbedingt zu einer verbesserten Laune führen sollte oder könnte und damit seinem Anspruch gerecht werden. Aber wie bekomme ich Infos dazu? Ich müsste etwa 108 Versuchspersonen einladen, (den Chor könnte man ja vor Ort kreiren), die nach dem Singen des Liedes über die Wirkung eine Aussage machen. Dazu müsste man sie allerdings vorher in schlechte Laune versetzen, sonst wäre es ja schwierig, wobei auch das schwierig wäre usw….Aber eigentlich hege ich den Verdacht, dass es mir wichtig ist, meinen Humor mal zum Vorschein zu bringen, na gut…

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Wir

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Da hob sie den Blick ins Frei-Feld des
Zwischen-Raumes und zielte mit
erhöhter Aufmerksamkeit auf die Wurzel
des Bilderspeichers und hob aus der Tiefe
ein Etwas, verstört und ängstlich.
„Du!, sagte ich, und nochmals:“Du!
Du hier!?““Wo hier?“sagte es, und „Wer hier?“
„Wir hier!“, gab ich zur Antwort, und
hörte ein leises: „Wer wir?“
„Na wer schon!“sagte ich ungeduldig.
„Wir doch!“
„Wir“, flüsterte der Andere.
Es war der Andere.
Er flüsterte:“Wir.“
„Wir also.“
„Wir hier.“

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Der Text auf dem (etwas zerknitterten) Blatt lautet:“What was it, that so darkened our world!?“ Elias antwortete: „I don’t know, dear, I don’t know.“ Es ist das Photo einer Seite aus einem Programmheft unserer damaligen Performance-Gruppe „Die Yoganauten“…Ich erinnere mich nicht mehr, woher ich die Worte habe, aber es hat mich immer berührt, dass jemand , hier Elias, sagen konnte, dass er nicht weiß, was es war, was ihre Welt so verdunkelt hat, denn wir denken auch immer, wir wüssten es, aber wir wissen es nicht.

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Stellung

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Die Forschung nach den Grenzen der Materie
gehört der Wissenschaft der Erde an.
Die Wissenschaft der Stille jedoch gehört den
Eingeweihten einer hohen Kunst: der Kunst,
ein Ziel zu haben in der Welt des Schweigens.
Und wahrlich, die Poeten
werden das letzte Wort ergreifen und
werden lächelnd und mit Liebe auf dem
Staubfeld der Atome stehen, und werden sich
erinnern an die Ewigkeit der Jahre.
Wir kehren jeden Morgen wieder
aus der Stille, und unser Wesen gleitet
durch das Unbegrenzte, denn die Erfahrung
der Wirklichkeit ist jenseits allen Zweifels.
In den Gesängen von Silenus
steht geschrieben: die Schwäne werden
wiederkehren zu ihrer Zeit zu bannen die
Verwirrung, die entstand am
Firmament der Vögel. Denn es ist Zeit!
Zeit zu erwachen. Und Wachsamkeit sei nun
ein ständiger Begleiter des unbeirrten Auges.
Es nehmen die Agenten des Spiels
die Stellung ein.

Frau Merkel

Bild für das Nachrichtenergebnis

Nachdem auch ich Frau Merkel gestern bei ihrer Sommer-Pressekonferenz gehört habe, danach im Radio noch einige Kommentare dazu, hatte ich heute früh den Impuls, auch mal was zu meinem Eindruck zu sagen, den ich seit einigen Jahren bis heute von Angela Merkel habe, und melde mich gerne als politisch ungeschulte Bürgerin, was ja nicht unbedingt von eigenem oder auch intelligentem Denken und Wahrnehmen abhalten muss. Frau Merkel ist wirklich sehr kompetent, ein Land gut zu führen mit allen wesentlichen Eigenschaften, die gute Führung erst möglich macht wie menschliche und intellektuelle Intelligenz, Humor, hohe Diplomatie, bei deren Ausübung das sogenannte Volk ja selten dabei ist. Überhaupt ist man selten dabei, wenn und wo man Frau Merkel erleben könnte, wenn man wissen wollte, wer sie „wirklich“ ist, und da, vermute ich mal, würde man in ihrer Umgebung sicherlich eine große Ernsthaftigkeit finden und wohl auch ein berechtigtes Vertrauen in die Entscheidungen dieser Frau, die letztendlich, wie sie gestern sagte, eben nur auf ihren Schultern lasten. Dass sie es dann bei einer so wichtigen Konferenz auch noch leistet, einen besonnenen Eindruck zu machen und das Schlimmste der gierigen Nachfragen zu vermeiden versteht, hat mir wiederum Achtung für sie abgerungen. Man bekommt doch den Eindruck, als hätten sich alle Arten von BerichterstatterInnen verschworen, sie auf jeden Fall so viel wie möglich zu kritisieren, obwohl man in den deutschen Haushalten ziemlich wenig Fehlendes zu beklagen hat. Man konnte Frau Merkel auch oft im Kreise mächtiger Männer bewundern und zum Beispiel denken, wie mächtig doch Intelligenz und die im politischen Leben eher unübliche Uneitelkeit zusammen wirken, denn sicherlich spüren wir doch auch die Wirkungen ihres erstaunlichen Talentes als Diplomatin. Ich sage nicht, dass Frau Merkel nicht kritisiert werden sollte, gute und angebrachte Kritik weiß jeder kluge Mensch zu schätzen, aber ich wünschte mir doch etwas mehr Wertschätzung für ihre außerordentlich kluge und bedachte Lenkung dieses Landes, für die ich ihr ganz eindeutig dankbar bin. Und../Oder gibt es vielleicht doch so etwas wie einen Kollektivstachel, der ausgefahren wird, wenn mal wirklich Eine/r ihre/seine Sache richtig gut macht!?

Es lege jede/r, der sich berufen fühlt, einen umwerfend einleuchtenden und stabilen 9-Punkte Plan

vor, mit dem die Bevölkerung hochzufrieden ist und zusammen sinnvoll in einen Jubel ausbrechen kann:

Freude, schöner Menschenfunke!“ Und wenn sich alle so einig sind, dass Frau Merkel zu wenig „Gefühl“

zeigt, dann auch hier bitte: vormachen, damit man weiß, was sich unser Volk darunter vorstellt.

Mächte

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Die Drohungen weltlicher Mächte
und ihr Spiel zwischen Grauen und
Maus dringen auch in den Raum
der Stille. Der Wille erzeugt tief im
Inneren Vertrauen in das Bauwerk der
eigenen Stimme. Schwermut des Ewigen
auf der unsterblichen Erde. Und nun,
schwereloser, immer noch Hiersein,
durch den Tunnel hindurch und wieder zu
Bewusstsein kommend auf einer Lande-Station.
Treppen in die Felder der großen Fülle, hohes
Zuschauertum. Alles auf einfache Weise meistern,
Teilnehmer am automatischen Tun. Ruhe lernen
und lehren. Wahrnehmung leuchtender Angebote
in der Karriere nach oben über das Sehen des Ziels.
Urstille der noch nicht umgesetzten Idee, eingerahmt
in das präziseste Fühlen, das noch erträglich ist ohne
Leid. Beflügelte Einsamkeit ohne Menschengefallen.

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Das Bild ist einer dieser Lieblingspapierfetzen, die einen einfach nicht verlassen, weil man sie so gerne wiederfindet und immer wieder neue Freude daran hat. Auch der Text ist in einem anderen Kontext entstanden, aber immer noch schauen wir dem Grauen-und Mausspiel zu.
Das Bild kämpft vielleicht auf seine Weise um den Raum des Humors, der ohne Liebe nicht überleben kann.

Der Text unter dem Bild heißt übrigens: „Frauen des Siebengestirns verstecken sich vor einem Mann vom Orion.“

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Zusammenspiel der Gegensätze

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Gegrüßt sei der ewige Widerspruch,
der lebendige Widerspruch.
Gegrüßt sei das unsterbliche Ja, denn
es trägt in sich das befreiende Nein.

Ja, wir wohnen im Gegen-Satz, und
unsere Werke leben fern von uns in
ihren Gärten. Wir alle wollen uns
selbst sein, und sind doch nur der
Spiegel eines Anderen, der in uns lebt
als wir, die Wahl also schwer fällt
zwischen dem, was uns am Boden hält,
und dem, was uns erhebt.

Man weiß nicht, ob der Körper das
Gefängnis des Geistes ist oder der
Geist eine Last für den Körper.

Wir wohnen im Zwiespalt, in scheinbar
unversöhnlichen Kluften, und kennen
das Nichterträgliche ungenügender Liebe
noch nicht, noch nicht genug.

Wir sind vertauschbar ohne ersichtlichen
Grund, und träumen heimlich nachts mit
offenen Augen von der bewegten Stille, die
unsere Sehnsuchtsgesten  ins Unzertrennliche
führt und in die formvollendete Zwanglosigkeit.

Schwarz ist hier ein hilfreiches Wesen, das uns liebt
mit seiner unauflösbaren Fremdheit. Wir können
sie ertragen, die Hochspannung ungeborener
Möglichkeiten im eigenen, inneren Raum, in dem
Ende liegen und Anfang zugleich.

Wir leben im Weiß, im Marmor, in der Perle.
Ein Weiß, in dem alle materiellen Eigenschaften
und Substanzen verschwunden sind. Wir leben
im Weiß, in der sichtbaren Abwesenheit aller
Farbe, und gleichzeitig in der Summe des Farbigen.

Ja, wir stehen mittendrin in der Zweiheit und
ergänzen uns selbst, indem wir das Unvereinbare
verbinden, das Lautlose hörbar machen und das
Hörbare lautlos. Und es zulassen, dass in manchen
Ländern der Mond weiblich ist und die Sonne männlich_
und umgekehrt Das extrem Weibliche i s t das
extrem Männliche.

Wir fühlen uns zögernd durch das Verhältnis der
Gegensätze zu einander, und nähern uns einer Ahnung
davon, wie es sein kann, wenn das Ich sich ergibt und
der Geist nur e i  n  e  n Ort hat zum Aufenthalt

Es ist uns ermöglicht worden, die Spannung der Pole
zu erfassen und  aufzufangen in einem einzigen Ton.
Wir sehen Lichtstrahlen, die abhängig sind von einem
Hauch von Materie, um sichtbar zu werden im Raum.

Wir haben Angst vor fremder Finsternis, die in uns
lauert als das eigene Selbst. Ach, zwischen dir und mir
steht dieser Widerspruch: das Unmögliche, das nach
dem Möglichen sucht, ohne das es nicht sein kann.

Wir wohnen in der Wechselhaftigkeit von Ja und Nein,
und haben nichts als diesen einen Punkt, an dem wir
uns begegnen, Juli 2016, virtueller Raum des Geschehens,
mitteleuropäische Zeit.

Mutter-Sprache

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Meine Sprache ist aus der  Asche
entstanden, aus dunklen Korridoren
des Seins, aus der sprachlosen Sphäre
des Katastrophalen. Meine Sprache ist
Aufstieg aus dem Unmenschlichsein,
aus dem verbunkerten Eintritt.
Entvatert die genetische Ausrichtung,
die Mutter erschrocken von blockiertem
Zugang zum Lebenswerten. Da kam
meine Sprache, ein Phönix,
heller Vogel der Entwurzelten,
und war mir der Ort und das Wesen.
Nein! Ich leugne weder,
noch bin ich mein Land.
Ich bin meines Menschseins Sprache
und Ausdruck, ein Baum mit
freigelegten Wurzeln, die hinausragen
in die Fülle des Daseins.

(Mein) Blog

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Das Photo habe ich gerade gemacht; es zeigt eine Seite meines Notizbuches, etwas von meinem Lieblingsstift, ohne den ich ungern, sehr ungern schreibe.Wie man sieht, wird er bereits von einem Band zusammengehalten, was nur die Stabilität fördert; ansonsten dürfen Andere nicht mit ihm schreiben, damit sie nicht zu Schaden kommen, denn wenn was damit passiert, kann man meine eher ungünstig gelagerten „Kali“-Aspekte an mir beobachten. Ein persönlicher Blog-Eintrag also heute, vielleicht auch ein bisschen zur Geschichte meines Blogs, der jetzt genau einen Monat alt ist. Ich hatte schon einmal eine Blog-Adresse installieren lassen, wurde aber sehr schnell blockiert, da der kreative Fluss, in dem man sich gerne bewegt mit dem eigenen Wesen,  nicht zustande kam. Das war diesmal anders. So gab es bereits die „Yoganauten“-Adresse, denn ich war Teil einer Performance-Gruppe mit drei weiteren Künstlerinnen, wir waren bekannt und unsere Kunst geschätzt als „Yoganauten“, da unsere Ausrichtung war,  lebende Bilder zu finden für innere Zustände, sahen es aber auch als eine Art Labor, in dem innere Vorgänge erforscht und die Erkenntnisse sichtbar gemacht werden konnten. Das Wort „Yoganauten“ war meine Wortfindung, und es schien ein sehr geglücktes Wort, da wir auch jahrelang gemeinsam durch meditative Räume navigiert sind und es wesentlich fanden, unser Leben von diesem inneren Raum und seinen Gesetzmäßigkeiten aus in Verbindung mit der Welt zu bringen…ja, genau…in den Ausdruck bringen, „in die Sprache bringen – in die Welt bringen“ (Sloterdijk) Wir haben in diesen Jahren gute, lebendige Bilder in die Welt gebracht, sind ausgezeichnet worden, haben dann nach einer Performance für Amnesty International („antastbar“) empfunden, dass es Zeit ist für Anderes. Das Wort „Yoganauten“ ist nun zu mir zurückgekehrt, und ich fühle mich in der Yoganautik als poetische Navigatorin ganz wohl. Obwohl ich  davon überzeugt bin, dass das extrem Männliche das extrem Weibliche ist, fehlt mir doch immer wieder mal die ganz und gar authentische weibliche Stimme, denn wir hören immer noch nicht genug den Ton, vielleicht auch die Vielfalt der Stimmen weiblicher Kraft, ihren Humor, ihre Weisheit, ihre Eigenheit. Dazu will ich gerne meinen Beitrag leisten.
Es ist nun genau einen Monat her, dass ich dieses Fenster nach „draußen“ geöffnet habe, gehe sehr sachte damit um, schaue, wie ich es gestalten möchte, lechze nicht nach schneller Verbreitung, höre auf Feedbacks von Freunden, die mir wichtig sind. Zu meinem Erstaunen werden meine Texte ab und zu mal als „abstrakt“  empfunden, wobei das schwierige Wort für mich durchaus positiv ist, aber  weder die Bedeutung „fremdartig“ oder „schwer verständlich“ hat, sondern eher eine Ebene anzeigt wie die abstrakte Kunst es vorstellt,  ua als eine Tür in das Dahinter, wo sich Substanz und Essenz in einer bestimmten Form zeigen können….

Im Moment ist es so, dass ich entschieden habe, meine Texte für sich sprechen zu lassen. Sie kommen aus verschiedenen Zeiten, manchmal auch vom Jetzt, und wenn ich eine Wahl treffe am Morgen, ist es konzentriert, aber auch „leichtfüßig“ und mich erfreut es, manche der Texte wieder zu finden oder ihnen neu zu begegnen. Was die „Anderen“ im sogenannten Draußen betrifft, so denke ich, dass alle, die die Adresse haben, ab und zu gerne mal reinschauen können, vielleicht findet sich ja das Eine oder das Andere, das anspricht oder eine Resonanz erzeugt…..

Es ist Sommerzeit und die Ferien beginnen…..auch ich werde den täglichen Beitrag etwas anders gestalten, mal sehen…..vielleicht werde ich meine etwas humorvollere Seite mal zum Zug kommen lassen, bei der auch die Not und der latent unbesiegbare Wunsch, verstanden zu werden, etwas aufgelockert werden können.

Was das gestrige Fußballspiel betrifft, so nehme ich durchaus Teil an der nationalen Kollektivdepression….(ausgerechnet Schweinsteiger!!!!!!), aber gut…..die Unausweichlichkeit des Schicksals im zeitlosen Helden-Epos….das muss auch immer wieder mal geleistet werden, und Jogi Loew wie so oft mit gutem Beispiel voran!

Ich wünsche allerseits einen guten und ungestörten Aufenthalt in den Freiräumen!

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