einbüßen

Man bereitet uns darauf vor, dass wir einbüßen werden müssen. Es muss das erste Mal sein, dass ich das Wort „einbüßen“ schreibe, es klingt seltsam fremd und fast religiös, und kommt sicher auch von „Buße“. Nun ist bereits viel Denken am Werke, wie sich diese Einschränkung(en) auf unser Leben auswirken können. Schon staunt man über die Zahlen an den Zapfsäulen, was vermutlich dazu führen wird, dass viele Menschen auf Züge und Busse oder Fahrgemeinschaften umsteigen werden. Vielleicht wird es auch ein natürliches Tempolimit geben, und ich merke ein erhöhtes Interesse bei mir, an die Lichtschalter zu denken, also wenn man sie wirklich ausschalten kann. Durch die Coronawellen sind wir schon in vielem geschult worden, was Einschränkung anbelangt, und das hatte durchaus seine angenehmen Aspekte. Vor allem im sokratischen Sinne, dass es eben auch anregend sein kann zu bemerken, wie viel es gibt, was ich nicht brauche, ohne dass es in schmerzhaften Verzicht ausarten muss. Neulich meinte ein Kommentator, Europa müsse sich mal aus der Antike lösen, das mag ja in anderem Kontext seine Richtigkeit haben, aber ich denke eher an einen Kreislauf der Menschheitsgeschichte, in dessen Verlauf es sich zeigt, dass bestimmte Ideale des Denkens und Kontemplierens sich eines Tages auf überraschenden Wegen umsetzen könnten. Zum Beispiel, wenn Menschen entdecken, dass ein bewusst gesetztes Genug durchaus mit einem Genuss zu verbinden ist. Natürlich hängt alles, was ich erlebe, von der Einstellung ab, die ich damit verbinde, oder wie ich unvermeidliche Veränderungen akzeptieren kann. Man kann sich ruhig einmal klar machen, welchen uneingeschränkten Zugang wir immer noch zu allen Dingen haben, die unser Herz begehrt, oder ist es gar nicht das Herz, das das alles begehrt. Es ist einfach alles da, weil es unsere Nachfrage bedient, vom gepeinigten Schwein bis zum Luxusschlitten und darüber hinaus. Reichtum hat ja auch was Schönes, weil es viel ermöglicht, was sich sonst nur träumen ließe. Aber nun hat etwas Neues begonnen, das wir noch nicht so richtig denken können, weil die Erfahrungen noch im Schlepptau von Nachrichten sind, die man für sich ausloten lernen muss. Wie leicht kann man überwältigt werden vom Unbegreiflichen, und man daher das für einen Begreifliche dosieren muss, damit es einem bei strahlendem Sonnenschein keinen schwarzen Strich durch den Alltag macht. Die Sorge vor etwas, das sich in vagen Gebilden im Herannahen befindet, die vorgezogene Sorge also, die eher belastend als hilfreich ist. Trotzdem muss es nicht falsch sein, sich auf ein freiwilliges Verzichten vorzubereiten, denn es kann ja nicht schaden zu erkennen, was einem wirklich wichtig ist. Warum auch immer dieser Krieg so einen Unterschied macht für uns alle,  wird von der Welt, also von uns Lebenden, auf längere Zeit hin verstanden werden. Wir stehen ja nicht draußen und schauen rein, sondern wir sind es, die drin sind, also mitten im Handlungsfeld.

 

8. März

Da ich den Frauenwelttag meistens in Indien verbracht habe, ist er für mich von dortigen Anekdoten geprägt, wo sie, die Frauen, freie Busfahrten zur Verfügung hatten und extrem vollbesetzt ins jeweilige Irgendwo fuhren, zu Verwandten oder heiligen Stätten oder beides. Eines der Bücher, die in meinem Wegtu-Karton gelandet sind, trägt den Titel „Der Mythos Frau“. Ich konnte mich nie durchringen, es zu lesen, so wie ich vermutlich ein Buch namens „Mythos Mann“ auch nicht hochmotiviert öffnen würde, als könnte dort bei allen Überraschungen, die stets möglich sind, doch noch etwas stehen, was einen so richtig verblüffen würde. Dass Sigmund Freud  aussagte, die Frau sei auch für ihn ein dunkler Kontinent geblieben, kann einen schon erstaunen, da er so viele von ihnen auf einer Couch liegen hatte, wo sie angeregt wurden, alles zu sagen, was sich ausdrücken ließ. Es sieht in der Geschichte der Menschen tatsächlich so aus, als wären die Männer selten auf die Idee gekommen, den Sprachfähigkeiten der Frauen  freien Raum zu lassen, und das Ausmaß unbezahlter oder nicht gleichberechtigt bezahlter Arbeit hat in seinem Schattendasein nichts an Groteske verloren. Allerdings gab es sie auch immer, die Frauen, die allen Widrigkeiten zum Trotz zu dem kamen, was sie für sich selbst als angemessenen Ort empfanden, nämlich sich selbst als das Aktionsfeld, für das sie geeignet waren. Man konnte sie auch schon immer in Armeen finden, und zuweilen bestanden diese Armeen nur aus Frauen. Eigentlich kann man sie überall finden, in hoch angelegten Positionen im Außenbereich, und in oft noch höher angelegten Positionen im Innenbereich, wo das kelchlos Gemeisterte sich oft genug in Runen und Raunen verlor. Und natürlich in Ruinen auch, denn daraus fliehen dann Frauen und Kinder, wenn Männer mal wieder Lust auf totale Vernichtung haben, vielleicht, weil sie (die Männer) für ihre Selbstwahrnehmung immer ein paar Zentner zu klein waren oder sonst was nicht richtig lief. Deswegen sehen wir heute, wenn wir noch Kraft zum Hinschauen haben, vor allem Frauen und Kinder in andere Länder fliehen, deren Traumatisierungen wir schon von eigenen Eltern hörten oder von anderen Kulturen her kennen. Auch die afghanischen Frauen waren auf dem Weg, ja wohin, man kann es doch nur zu sich selbst nennen, so, als müsste das extra genehmigt werden, dass man sagen kann, wer man ist und auf selbstverständliche Weise tut, was man kann. Aber nun wachsen durch die Brutalität des Krieges wieder sehr viele Kinder in Räumen auf, die ihnen nur entsprechen, weil sie in Not sind. Her geht es um nacktes Leben und den Schutz dessen, was nicht vernichtet wurde. Zum Glück hat ein nicht geringer Teil der Menschheit die Bürde der Reife  auf sich genommen. Dadurch entstehen neue Schutzgebiete, und das ist immerhin keine schlechte Nachricht.

dunkler Spiegel

Das geht ganz schnell, dass man vollgepumpt ist oder sich vollpumpen lässt mit Bildern, die, genau wie die Worte, das Fassungslose nur vertiefen. So ist es in der Tat die Ebene des Fassungslosen, auf der wir, dieses neue Wir, uns bewegen. Einerseits sitzen wir auf der Zuschauertribüne und starren oder lauschen hinein ins Vieldiskutierte, das mit der Blöße der totalen Ohnmacht ringt. Andrerseits wird man gleichermaßen überwältigt vom Potential menschlicher Handlungsentschlossenheit, wenn klar geworden ist, wo sie eingesetzt werden muss. Das wiederum kann seltsame Gelüste hervorlocken, z.B. in den Gehirnen rechtsradikaler (deutscher) Männer, die sich aufmachen, um sich an der Niederlage des letzten Krieges zu rächen. Alles wird sehr kompliziert, nicht nur komplex, wenn man hinschaut auf die Entfaltung eines Dramas, das noch keiner erlebt hat, aber an dem alle beteiligt sind. Wir sagen das ja gerne, dass die Geschichte sich immer wiederholt, was sie aber gar nicht kann, denn ständig verändert sie sich und kann nie wieder sein, wie sie gerade ist. Es sind die Menschen, also wir, die wir die jeweiligen Strukturen gedanklich, also geistig, aus dem Nichts (könnte man es nennen) herausholen oder locken oder zwingen, damit es unseren Vorstellungen und unserem Willen entspricht. Diese Weltordnung also, an die wir uns gerne ein bisschen gewöhnen, so, als gäbe es sie in einem stabilen Format, auf das man sich verlassen kann, die ist jetzt auf ein Ende gestoßen, oder wird gerade auseinander genommen. Explosionsartig wird die dunkle Wolke des Gewesenen in den Raum geschleudert. Niemand will es mehr fünf nach zwölf nennen oder halb eins, sondern diese Uhr ähnelt der Uhr in Hiroshima, sie ist erstarrt, und man lauscht ein wenig nach dem vertrauten Ticken, bis auch d a s nachlässt. Deswegen gefiel mir auf dem uralten Bildlein der Sphinx (oben) vor allem der sperrige Balken, den ich sonst sicherlich entfernt hätte. Aber nun schaut sie entweder auf eine undurchdringliche Wand, die dem durchdringenden Blick eine Sperre auferlegt, oder aber auf einen dunklen Spiegel, dessen Geheimnisse sich für uns nur öffnen, wenn wir selbst hineinschauen, falls so ein dunkler Spiegel sich als hilfreich erweisen könnte für unsere eigenen Ängste und Befürchtungen und Ablehnungen und Wirrnisse und Belichtungen undsoweiter.  Immer noch will man ein bisschen glauben, dass es jemanden geben muss, der einschreiten kann und dem Irrsinn ein Ende machen. Aber diese Person gibt es nicht, egal, wie mächtig die Person in ihrem Umfeld angesehen wird. Es wäre auch nicht nur vergebliche Liebesmüh‘, wenn z.B. der Dalai Lama einen Draht zu Putin hätte und ihm das für ihn Wesentliche sagen könnte. Putin, soweit man ihn überhaupt noch einschätzen kann, findet das vermutlich eher unterhaltend, wieviel Bemühung in der Welt aktiviert wird, um seine Idee zu untergraben und zu verwerfen. Diese Möglichkeit ist aber vorbei, wenn es sie jemals gegeben hat. Denn wir lernen ja gerade das, was wir nie wissen wollten, oder wollten es immer wieder mal vergessen, dass ein einziger Mensch viel Unheil anrichten kann. Größtes Unheil ist da, wo Leben und der lebendige Geist sinnlos zerstört werden und man noch froh sein kann, wenn es überhaupt ein Ende geben wird. Aber die Antwort darauf wissen wir auch schon.

x

 

 

aufatmen

Da hielten wir alle mal den Atem an – um dann kurzfristig in ein Aufatmen übergehen zu können. Ja, so ziemlich alle von uns. Uns: wir alle, oder zumindest die meisten von uns, verloren die nicht mehr ganz stabile Fassung und wir streiften das schlechthin Fassungslose und kamen zurück. Was, wenn einer der Reaktoren getroffen worden wären oder werden wird oder werden würde. Da friert schon mal der Gedankenfluss ein oder wird mucksmäuschenstill, oder sinkt noch eine Etage tiefer, diesmal im Mucksmäuschenhörstil, und man lauscht in sich hinein und in die empfangsbereite Ruhe des Wortlosen. Und kehrt zurück zu den Denkversuchen und den im Nichts sich verankernden Fragen des „Was, wenn…“. Wenn ganze Landstriche und Länder nicht mehr bewohnbar, und Nahrung nicht mehr erntbar und essbar wäre. Auch das lassen wir, oder lasse ich hängen im Nichts, denn es ist noch nicht da, es kam nur sehr nahe. Während wir noch ein persönliches Streitgespräch führen darüber, wie dunkel ein Dunkel werden kann, und ob man da noch was Erhellendes finden muss, müssen russische Restaurant-und Ladenbesitzer um ihre Existenz fürchten, weil sie von derselben Dummheit attackiert werden, die überall zu fürchten ist. Und in all dem geradezu verblüffend Guten und Berührenden und Intelligenten, also den bedeutenden menschlichen Manifestationen, die zur Zeit leicht zu finden sind, bezeugen wir dann den finstren Fleck, der auch niemals fehlt und in letzter Konsequenz dem waltenden Prinzip der Ausgleichung zuzurechnen ist, so qualvoll das Ertragen manchmal sein mag. Nicht nur an Anderen, sondern auch an sich selbst, mir selbst also. Da schaut man aufmerksam um sich und findet schön, was man hat. Tatsächlich ist da eine Ausgeglichenheit zu spüren. Wir hatten ja Zeit und Muße für die Gestaltung dessen, was uns wünschenswert schien und immer noch „scheint“ im Sinne von „leuchten“. Es sieht nach uns Beteiligten aus und hat wenig Mobiliar, das man nicht doch noch verrücken könnte, wenn es Zeit dafür sein sollte. Aber aufgeben? Wieder an die Tasche denken, die schon mal bei Tschernobyl geraten wurde und nie zustande kam. Was würde man denn nun tatsächlich mitnehmen wollen und müssen, wenn einem ein Umstand keine andere Wahl mehr lässt. Wenn es dann eines Tages mehr Flüchtende geben würde als Ansässige, die Stromnetze unwiderruflich gehackt von Darknet-Ameisen, der einst bedeutungsvolle Strom des kapitalistischen Schlaraffenlandes am Boden zerstört –  da muss ich jetzt aufpassen, dass sich in meine samstägliche Bereitschaft zum Düsterbasteln nicht doch ein Schimmer einschleicht, denn Nomaden hätten wieder eine Lebenschance, und Schuhmacher und Wanderer auch undsoweiter. Doch ist auch so vieles gerade im jetzigen Nu verfrüht. Nur muss das Denken und seine herzerfrischende Mühseligkeit ab und zu mal gelüftet und geliftet werden, sonst verzieht sich auch noch der Humor, der einem beigebracht hat, trotz allem das Lachen nicht zu verlernen. Ich wünsche einen gelassenen Samstags-Einkauf, und dann auch noch am Rest des Tages!

Kontakt

Es bleibt nicht aus, dass man einen Weg für sich selbst finden muss zwischen den Berührungen, die in diesem unwirklichen Kriegsvorgang vielseitig ausgelöst werden, und der Notwendigkeit, nicht dem Sog zu verfallen, dem schwarzen Treibsand, der die scheinbare Unlösbarkeit der menschlichen Tragödie durch eigenes Verhalten und Fehlverhalten noch einmal auf dramatischste Weise dokumentiert. Jemand meinte, das wäre doch eine Art komplett überholter Kriegsführung, was mich nur wegen meiner eigenen Gedanken erstaunt hat, als wir alle uns so etwas gar nicht mehr vorstellen konnten. So, als hätten wir die Ausmaße der möglichen Barbarei unter den PlanetenbewohnerInnen etwas tiefer verstanden, indem wir in den Netzwerken auf alles Zugriff hatten und haben, und daraus auch (bestenfalls) eine Art Bildung entstehen konnte und kann, die letztendlich, weil so rigoros unakademisch, in der Zukunft auf vieles Aufbauen geistiger Schaltstellen wird verzichten können. Auch wenn zuweilen von tiefer Trauer begleitet für all das Verlorene, das man für unsterblich hielt. Und doch hält einen (mich) das Schreckensszenario in Atem. Was haben wir nicht alles von Ukrainern und Ukrainerinnen und ihrem Land gehört und gelernt in den letzten Tagen, sodass mal wieder eine Geldspendengroßzügigkeitswelle durch Deutschland wogt, und nun sterben sie vor unseren Augen. Denn auch wir, die wir noch Eltern hatten in der  grausamen Vernichtungs-Orgie, sehen nun vor uns die unüberwindbare Entfesselung der Machtgelüste oder Triebe eines einzelnen Mannes. Oder wie soll man das nennen, wenn die Befürchtung, ein gewaltbereites Gehirn könne nicht mehr kontrolliert werden sondern sich in Bereitschaft versetzt, möglichst viele in den Abgrund mitzunehmen. Wenn diese Angst also bestätigt wird und niemand mehr einschätzen kann, ob der Beschuss eines Atomkraftwerks ein Versehen war oder eine weitere Drohmeldung des Ausgerasteten. Beim Schachspiel gibt es noch Regeln, wenn der König ausgebootet wird. Dann ist das Spiel  zu Ende, aber es gibt immer noch das Remis und die nächste Runde. Das wirklich Gefährliche an diesem laufenden Drama ist, dass es für Putin früher oder später klar werden wird, dass sein Spiel zu Ende ist. Auch eine Waffenruhe, dringend notwendig für alle Anderen, würde diesem Geist nicht vorgaukeln können, dass es für ihn noch einen Ausgang aus diesem total verfahrenen Krieg geben könnte. Auch sieht man ihn nicht auf eine Zyankali Kapsel beißen, um der Weltächtung zu entgehen, nein. Denn wir wissen es nicht, was er ausheckt. Die neue „Zeit“ strotzt geradezu von Fragen, die vermutlich alle in meiner Fragensammlung landen werden als leichte Beute. Auf den ersten 15 Seiten zähle ich tatsächlich 15 Fragen, das muss Absprache gewesen sein. Dann gibt es in der Rubrik „Entdecken“ diesmal eine fast leere Seite, auf der es fragt „Was ist jetzt noch unvollstellbar“?, gefolgt von einer gänzlich weißen und leeren Seite. Man soll eine Antwort auf die Frage geben. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich darauf keine Antwort geben möchte, denn vieles bleibt für mich unvorstellbar, aber das ist ja bereits eine Antwort. Die Frage, wie weit man sich in eine Vorstellung hineinwagen sollte, kann nur persönlich entschieden werden, denn es gilt auch, dass, je präziser die Vorstellung, desto wahrscheinlicher die Manifestation. Trotzdem kreisen die Gedanken um vieles herum, was man bereits bedenken kann in einem möglichst nüchternen Zustand. Wir stecken zweifelsohne in einer bedenklichen Situation, sind aber sehr unterschiedlich damit beschäftigt. Ich schreibe, weil es mir gut tut, mit mir in Kontakt zu bleiben, und dadurch auch mit den Anderen.

noch

 

Noch ist nicht aller
Morgende Mittag.
Alles kann noch geschehen,
oder noch nicht geschehen,
oder gar nicht geschehen.
Manches muss noch
geschehen, manches
soll nicht geschehen,
manches darf nicht
geschehen, ja, darf nicht
geschehen. Doch ist es
geschehen, dann ist es
wohl richtig,
wohl richtig.(?)

Aber noch besser:
Verstehen, dass schon aller Morgende
Mittag ist, und in welcher Reichweite
sind Zeugin und Zeuge in Bezug auf
die ausgerichtete Frage:
Auge?
Mein Auge?

Auge, Auge, mein Auge,
mein Paradiesapfel.
Komm zurück,
zurück zum Baum, wo der
gerissene Film nun die gerissenen
Autoren der Wunde bewegt,  und
bewegt sie, sich selbst zu vergeben.
In den wiedergeborenen Wäldern
weben die Feen den Stoff
für den Mythos von morgen.

Noch ist nicht aller Frühstücke Nacht.
Noch kann alles geschehen.

was, wenn…

abwartend

Gestern schien die Sonne stundenlang, und selbst der kalte Wind hatte sich gelegt. Ich ging mal wieder hinaus, die unverkennbare Ahnung des Frühlings lag in der Luft. Der Schatten des Krieges lag auch in der Luft. In meinem Kopf suchte es nach Gedichten und Texten, die genau das beschrieben hatten, die scheinbare Unvereinbarkeit der beiden Situationen und Gefühle, und doch passiert genau das. Der Frühling ist im Anmarsch, und so sind es auch Soldaten und Panzer und immer gefährlichere Waffen, die auf die Städte zufahren und bereit sind, dort alles zu zerstören, was für sie möglich ist, zum Beispiel auch das eigene Leben. Was wird man dieser Tage wohl oder übel hin-und hergerissen zwischen dem, was man als gute Nachricht einordnen möchte und  dem, was an Schrecklichem bereits geschehen ist. Einerseits will man hören, was weiterhin geschieht, betrifft es u.a. doch auch unser eigenes Leben, und andrerseits schaltet man auch so manche Reden ab, denn wir sind informiert über das, was geschieht, und das, was uns im schlimmsten Falle blühen kann. Wir, die wir noch an friedlichen Frühstückstischen sitzen und die Lage besprechen können. Alle werden sich bereit erklären müssen, die Einbußen mitzutragen, das ist immerhin vorstellbarer als sich mit einem Mann, einem einzigen Mann, befassen zu müssen, weil er in Gefahr ist, bzw. wir in Gefahr sind durch seinen spürbaren Gesichtsverlust und die daraus entstehende Abnahme seiner Vernunft. Selten ist so locker das Wort „Angst“ gefallen. Auf dem Spaziergang treffen wir Nachbarn, die man im Winter selten zu Gesicht bekommt. Sie haben nicht nur Angst, sondern sie haben auch andere Dinge zu bewältigen. Der Mann der einen Frau sitzt seit einem Sturz vom Dach im Rollstuhl, die andere hatte sich vor kurzem das Handgelenk gebrochen, es war noch nicht ganz geheilt. In jedem Alltag gibt es so viel zu bewältigen, was sich auch in kriegerischen Notsituationen als eine extra Bürde herausstellen kann. Was ist es, was man am dringendsten braucht, wenn es um die berühmte Tasche geht, die man dann gerne bereitstehen hätte, um zumindest über kurze Zeit handlungsfähig zu bleiben. Natürlich kann man auch den Wert einer stoischen Einstellung sehen, denn man weiß keineswegs, was kommt, oder wenn es kommt, wie es kommt. Und da ist doch mal eine Gelegenheit für das  ausgeleierte Wort „Achtsamkeit“, mit dem so viel herumgepokert wird, so, als könnte man mühelos den Schalter auf achtsam drehen und wäre dann  ein freier oder eine freie Betrachterin des Weltgeschehens. Dabei spüren wir doch alle die Ohnmacht der Tatsache gegenüber, dass ein einziger Mensch unaufhaltsam so viel Grauenvolles anordnen und durchführen kann. Als hätten wir es nicht schon oft genug gesehen und erlebt, um es wissen zu müssen, sodass auf einmal die eigene Betrachtungsweise erschüttert werden kann, und man immer wieder bemüht ist, das innere Gleichgewicht im Lot zu halten. Damit einen das Heranrauschen der Emotionen nicht im Griff hat. Eigentlich nehme ich eher eine tiefe Ruhe in mir wahr, wach und abwartend.

ordnen

Wenn einem etwas unbegreiflich Vorkommendes begegnet, hat man ja immer noch Worte, aber welche Worte. Hat immer noch Bilder, aber welche Bilder. Auf der Titelseite der Zeit war das Photo eines  weinenden ukrainischen Bauers zu sehen, das hat mehr erzählt von dem, was wirklich unaussprechlicher ist als vieles andere. Dennoch will man Sprache und Bild nicht verlieren, sowie den Humor, den man braucht, will man nicht in Trübsal versinken. Ganz im Gegenteil, denn alles, was Wachsein unterstützt ist hilfreich. Und es stimmt, dass es zynisch klingen kann, will man ganz nebenher Putin Kredit geben für das große Aufrütteln, das die Weltordnung neu zu gestalten beginnt. Ein Anfang, an dem sich Menschen in verblüffender Einigkeit entscheiden, einen Preis zu zahlen, den noch keiner kennt und der gänzlich im Ungewissen gelagert ist. Natürlich sind wir überrascht. Es sind ja nicht nur die 70 Jahre Frieden, die wir erfahren durften, sondern in diesen Jahren ist viel passiert, was allen ErdbewohnerInnen ermöglicht hat, kundig zu werden über den Planeten, auf dem sie leben. Und bei diesem immensen Angebot der Neuorientierung mussten wir ganz persönlich entscheiden, wo wir selbst damit hingehen wollen, denn der Raum schien immer freier zu werden für das, was jedem  wünschenswert vorkam. Jedes friedvolle Miteinander ist eine Art Paradies, an das man sich gerne gewöhnen möchte oder das man zu Recht zu erhalten versucht. Und es gelingt ja auch häufig, und vor allem dann, wenn Menschen keine Angst haben müssen zu sagen, was sie denken. Und dass es eh kein Paradies war auf Erden, das wussten wir ebenfalls schon lange. Eigentlich, wenn man genauer hinschaute, kam es einem zuweilen vor wie ein offener Therapieprozess, in dem Heilung von Verirrungen und Verwirrungen der menschlichen Seinsweisen durchaus gelingen konnte, oder auch nicht. Der Wunsch nach neuen Umgangsformen und Lebenserfahrungen drückte sich sehr stark durch das viele Reisen aus, und Indien stellte für westlich Ermüdete eine vorübergehende Heimat dar, deren innere Architektur in das westliche Leben webte. Menschen wollten wieder erwachsen werden und Reife erfahren durch sich selbst. Da kommt es einem schon seltsam vor, wie viele Männer da noch auf ihren Stühlen sitzen und sich einer Zeit bedienen, die sich eigentlich schon längst selbst überholt hat, nun aber noch einmal ihre volle Wirkung entfaltet. Ein gefährlicher Kampf, das muss man schon sagen, obwohl dieses kriegerische Getümmel  auch in Games nicht gebannt werden konnte, und die epischen Werke voll davon sind. In Indien haben die Gottheiten immer Waffen dabei. Oft sind es Musikinstrumente, die aber im Kampf als Verteidigungsinstrumente benutzt werden können. So gelangt man leicht in den Zwiespalt und muss da schnell wieder raus. Weiterhin bleibt bestehen, dass man tut, was man kann.  Man muss es nur tun, und man muss es auch können.

Joyce Carol Oates

Joyce Carol Oates Portrait © Dustin Cohan

Das Leben ist Organisation, das Leben ist befristet, komplex, es besteht aus Wechselwirkungen, die wir beobachten, aber nicht erklären können. Es gibt immer eine bestimmte Richtung – immer einen Plan. Er besteht auf seiner eignen Erfüllung. Es ist der Sieg der Organisation  auf molekularer Ebene  über die Neigung zum Chaos. Aber er soll nicht begriffen werden, nicht einmal von seinen gewissenhaftesten, exaktesten Beobachtern.

entscheiden


Geisterstunde
Zwischendrin fiel mir der stets etwas naiv anmutende Satz (der Sixties) ein: Stell dir vor, es gibt Krieg, und keiner geht hin. Man kann solche Vorstellungen durchaus mal haben, auch wenn man gleichzeitig weiß, dass es immer welche geben wird, die hingehen, aus den verschiedensten Gründen. Noch schlimmer wie manche dieser Gründe ist es, wenn keine Wahl mehr da ist, wie jetzt für die Männer und Frauen in der Ukraine. Etwas Furchbares setzt sich in Bewegung: Frauen mit Kindern verlassen das Land, um irgendwo anders Flüchtlinge zu werden, und die Männer erleben dasselbe Schicksal, was sie und wir alle aus anderen Kriegen kennen. Wenn das Leid, das keinen Namen mehr hat, in den verletzten Körpern und Geistern sitzt und so viel Raum einnimmt, und selten wirklich Heilung erfährt. Wenn das schreckliche Wort „Welt-Krieg“ wieder über Lippen kommt, und man merkt, wie seltsam befremdlich es klingt, so, als hätte man die Vorstellung vollständig vergessen, dass so etwas Unvorstellbares wieder passieren könnte. Wir wissen und wussten ja auf die eine oder andere Weise, dass wir in einer doch sehr privilegierten Zeit leben, wir aus dem Westen vor allem, die wir uns in einem erstaunlichen Freiraum entfalten konnten und können. Was automatisch im Angesicht der verheerenden Vernichtungsvorgänge in dieser Welt immerhin eine Art Gegengewicht darstellte oder ein Bewusstsein, dass ich zwar die Geschicke, die auf mich zukommen von anderen Orten aus nicht lenken kann, aber immerhin von meinem eigenen Ort aus mir einen Weg bahnen kann durch das immense Chaos des Weltgestrüpps. Das ist doch das Abenteuer, für das ich gerüstet sein kann oder muss. Und selbst wenn ich den Umgang mit Bewaffnung kenne, kommt es darauf an, wie ich damit umgehe. Zum Beispiel irgendwann alle Waffen niederlegen: die Waffen des Mannes, die Waffen der Frau. Dazwischen die Kinder, die ihrem Beispiel folgen, ihren Gedanken, ihrer Handlungsweise. Und dann das unaufhaltsame Schicksal, dass die lebendige Realität der U6kraine bereits in die epische Ebene treibt. Wie aus einem riesigen Amphitheater starren die Länder auf die Beute und die Opfer einer menschlichen Entgleisung, geboren aus innerer Zwanghaftigkeit, die nur noch die Resultate verletzter Begierden durch die verdunkelten Filter lässt, und dann!, wenn die Isolation dieses Treibers spürbar wird, dann kann die Gefahr akkut werden. Damit müssen wir unbedingt rechnen. Mit einem in die Enge getriebenen Raubtier. Deswegen ist auch die Frage, warum Donald Trump, der neulich Wladimir Putins Genius lobte, nicht bereits im Knast sitzt, vor allem zurückzuführen auf Gehirne, die das Ausmaß dieser Entgleisungen einschätzen können. Derweil sitzen und stehen und ruhen wir also noch in unseren Schlaraffenwohngebilden mit allem, was der Mensch so glaubt, brauchen zu müssen, und warum auch nicht, obwohl in der Tat alles (unnötige)Brauchen ganz sicherlich einen Preis hat, für den sich jede/r Einzelne bereit erklären muss. Dann funktioniert das Ganze zumindest eine Weile ganz gut. Interessant finde ich auch, dass genau am hoffnungsvoll erwarteten Ausklang der Pandemie schon wieder etwas geschieht, was uns alle gemeinsam in Bewegung bringt und bei allen erwünschten Solotänzen die unleugbare Abhängigkeit von einander zum Ausdruck bringt. Und deshalb ist es einerseits zutiefst bedauerlich, dass sich die Menschen der Ukraine bei uns Deutschen beklagen, dass wir sie nicht mit Waffen beliefern, aber dass genau d a s die richtige Entscheidung ist und bleibt.

wappnen


Hoffnungsträger
Da hat er doch tatsächlich noch einmal einen Auftritt mit seiner sich lichtenden Farbe, der kranke Fisch im Prozess seiner Heilung, nun schon ein Symbol für das, was auch immer möglich ist. Was machen wir nun mit uns selbst und miteinander, seit wir ab gestern in die Schwärze des politischen Geschehens eingebunden wurden, überrascht, dass doch etwas sein kann, was die meisten für unmöglich hielten, so wie immer mal wieder viele etwas für undenkbar hielten, bis es denkbar wurde. Für die Befürworter dieses beunruhigenden Konfliktes kann es auch als günstigen Zeitpunkt gesehen worden sein, dass Menschen ermüdet und zermürbt sind von den Anstrengungen der Pandemie, man stößt an die Grenzen dessen, was man für aushaltbar hält. Man wiegte sich auch ganz gut in der Hängematte des Friedens, ohne ihn unbedingt als unermessliches Gut einzuschätzen, wohl wissend, dass währendessen an anderen Orten ein Krieg war. Immer war irgendwo Krieg, und da, wo er war oder ist, ist alle Helligkeit erloschen, obwohl es noch Spuren davon gibt in der gemeinsamen Not des Ertragens. Es ist müßig, hier ein Verstehen finden zu wollen, das gar nicht möglich ist.Wer der Mensch ist, der einen Befehl geben kann, an dessen Wirkung andere Menschen massenhaft umkommen oder alles verlieren, was ihnen lieb und wert war. Das sind sehr heftige mentale Bewegungen, die in dieser Zeit erst durch die Pandemie, nun durch die Nähe des kriegerischen Konfliktes in den Gehirngängen ausgelöst werden. Auf was muss man achten, und wie kann man verhindern, durch möglichst nüchterne Wachheit der Panik vorzubeugen, die Menschen ergreifen kann, wenn die Angst sich durchsetzt. Und Angst ist die Waffe, die schon immer funktioniert hat für die, die ihren Willen und ihre Gelüste auf Macht nicht bändigen können und wollen. Gestern fragten sich sicher in einigen Gegenden die Weiberastnachtsliebenden, ob man sich den Spaß verderben lassen sollte, und nein, man wollte ihn wohl haben, denn wo der Spaß, wenn man ihn braucht, aufhört, das muss jede/r selbst entscheiden. Vielleicht hat auch Putin Spaß, wenn er so am Game-Hebel sitzt und alle Figuren auf der Schaltfläche puffh puffh einfach umfallen. Er selbst ist ja ein Umgefallener, denn so, wie er ist, wird man nicht einfach, sondern man steht nach dem Umgestoßenwerden wieder auf und schmiedet ungünstigerweise düstere Pläne. Aber man weiß es ja alles nicht, was in den jeweiligen Gehirnen vor sich geht und muss sich weiterhin um das eigene Gehirn kümmern, damit man (wie immer) gewappnet ist für das Ungewisse.

zur Sache

All dieses Unglück!
Dieses in schrecklicher Ferne
dunkel Gelebte:
ein Strom,
eine Flut,
ein Soldatenheer.
Das Aufweichen und Erhärten
von Menschengesetzen.
Demütiges Einfügen in
Massenauftritte.
Teilnehmer und Teilnehmerinnen
beschäftigt mit Weben am
vorgefundenen und am
selbsterschaffenen Spiel.
Da staunt der Geist, wenn er
hineinsinkt in des Dunklen Heimatgrube,
des Gutgeglaubten ewige Kornkammer,
hinein in des Anderen farbiges Herzblut,
wo die Frage sich nicht stellt nach
existenzberechtigtem Beweismaterial.
Vor dem Sturm, nach der Flut.
Sagt’s mir,  wem es gelingen kann,
das fühlende Auge zum Schmerz des
Nächsten zu wenden, so als könnte
auch mir eines schönen Morgens
ein Sandsturm die eilige Sehrichtung
rauben, und ich wie so viele in dieser
schwer zu entziffernden Dramaturgie
säße auf einmal da
ohne Trost und Gut
bei den Trümmern.

klären

Das Bild habe ich, wie man deutlich sieht, irgendwo aus dem Netz herausgeraubt, wo jemand sicherlich Ähnliches damit ausdrücken wollte, was diese Maske so vortrefflich hergibt, nämlich das fassungslose Erschrecken und Entsetzen, immer wieder aktuell. Eigentlich schwebte mir als heutiges Bild vor, noch einmal den Fisch zu zeigen, dem ich neulich vor einem Heimaquarium begegnet bin und der während unseres Aufenthaltes am Kopf wieder eine Erhellung seiner ursprünglichen Farbe aufwies, bevor eine Krankheit ihn in ein Tiefschwarz getaucht hatte. Es hätte meine Deutung getragen, dass sich etwas Krankes auch in etwas Gesundes verwandeln kann, wenn es eine Möglichkeit der Verbindung gibt. Oder man noch miteinander redet. Oder irgendwann erkennt, dass auch das Reden nur noch eine Farce ist und das Drama sich bereits in den fünften Akt bewegt hat, von dem keine/r weiß, wie er sich auswirkt auf alle Beteiligten, sondern man kann auf einmal mit keinem, sondern muss mit allem rechnen, und dann auch noch mit allen, wenn es zum Härtetest kommt. In den amerikanischen Nachrichten höre ich etwas überrascht, dass Joe Biden Kredit dafür bekommt, dass Olaf Scholz die viel diskutierte Pipeline North Stream 2 zumindest vorerst für beendet erklärt hat. Man könnte auch sagen, dass die Verhältnisse sich geklärt haben. Nun weiß man, dass zumindest Putin nicht nur ein geheimdienstgeschultes Schlitzohr ist, sondern er ist auch der Zar von Russland, der noch nie auch nur das geringste Interesse an der waghalsigen Einführung einer Demokratie hatte, die, von einem Professor klug definiert, die „radikale Einschränkung von Macht“ bedeutet, und das als Idee, die möglichst von allen Interessierten bedacht und möglichst auch umgesetzt werden soll und kann, auch wenn ihr meist ein unvollkommener Beigeschmack anhaftet, weil sie aus einem lebendigen Organismus besteht und von der geistigen Beschaffenheit des Einzelnen seine Nahrung erhält. Wer weiß schon, wie viele Russen Putin gar nicht wollen, aber nun kann ihn keiner mehr von seinem goldenen Schlitten jagen, auf dem er sich mit hungrigen Wölfen in die eigene Phantasie peitscht und keiner es mehr wagt, sich seinen Befehlen zu widersetzen, ohne in irgendwelchen Gulags zu landen. In der letzten Zeit haben Russlandkenner  immer mal wieder darauf hingewiesen, dass man (auch) Putin von seiner Welt her verstehen muss, nun hat er selbst das Vermutete geklärt. Russisch war nach Deutsch meine erste Fremdsprache, und zu gerne hätte ich Dostojewski auf Russisch gelesen, aber auch auf Deutsch war es eine Tiefe, die man in sich ausloten musste. Oder Sergej Eisensteins Filme, die einem unter die Haut legen, wie und wodurch die Dinge oder beziehungsweise die Menschen entgleisen und was die Folgen dieser Entgleisung sind. Da schnappte ich heute früh  noch vor den Nachrichten die letzten Worte eines Priesters auf, der vermutlich aus der Bibel zitierte: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild“. Auch Worte können zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

einschätzen


Durchquerung des Raumes
Das griechische Drama enthüllt noch einmal und genau vor unseren pandemiebetäubten Augen seine Urstruktur: das unausweichliche Schicksal. Man sieht eine Menge Bewegung, um das  zu verhindern, was, so würde man gerne meinen, eigentlich keiner will, nämlich Säbelrasseln und dann legales Totschlagen und Totschießen. Aber man sieht auch, dass da vieles nicht gelingt und durch sein Misslingen  unaufhaltsam sich formiert in das, was man dann als das erkennen muss, was eigentlich vermeidbar hätte sein können, dann aber doch nicht. Und gab es wirklich einen Weg aus den abgrundtiefen Ängsten des Gesichtsverlustes, die gar nicht bewusst wahrgenommen werden, sondern der Hass stellt sich ein auf das Nichtverstandenfühlen und die Rachegelüste für fehlende Anerkennung und Akzeptanz. Wenn die Gräben oder der Irrsinn so groß werden, dass weder die diplomatischen noch die menschlichen Stimmen mehr durchdringen durch die errichteten Mauern, dann muss man mit einigem rechnen. Nun will man die kostbare Zeit nicht mit unnützen Gedanken verbringen und muss entscheiden, wie man die Lage jeweils vernünftig einschätzen kann. Gibt es Handlungsbedarf oder Mäßigungsbedarf. Es wird Hamsterkäufe geben, denn schon wird öffentlich geraten, für eventuelle russische Cyberattacken gerüstet zu sein, jetzt nicht mit Waffen, sondern mit Überbrückungsmaterialien im Falle von Strom-oder Gasausfall, oder was auch immer ausfallen kann, wenn politische Krisenherde sich auszubreiten drohen. Aber gut, ich hab’s mir mal gesagt, bleibe dann jedoch weiterhin bei den beweglichen Einstellungen des eigenen Systems und der Ruhe und Gelassenheit, die dort gefördert wird. Ansonsten soll morgen viel Sonne scheinen. Auch ihr muss man wieder ohne Fremdheit begegnen lernen.

überraschend

Die beiden kontrastreichen Bilder dokumentieren zwei Überraschungen, die uns während einer kurzen Reise in einen anderen Landstrich Deutschlands begegneten, bzw. sich unterwegs manifestierten. Das eine war die aktuelle Sturmflut, vor der gewarnt wurde und wo man auch in den kurzen Ruhezuständen mit herumfliegender Materie rechnen sollte. Auf der Autobahn war der Verkehr derart karg, dass wir zeitweise das einzige Auto in Sicht waren. Immer noch etwas Nieseln, dann aber langsame Aufhellung und trockene Bodenfläche. Alles schaukelte sich wohlwollend in den Modus des Staunens ein. Es ist verblüffend, wie viele Sorgen sich mühelos produzieren lassen, die sich im Nachhinein als vollkommen unnötig herausstellen. Da weiß man dadurch schon eher, dass etwas bereits in uns Liegendes sich mit dem potentiellen Sorgenfeld verbunden hat und nun seine Wirkung entfalten möchte. Da schien bereits die Sonne mal zwischendurch, und der Wind ließ locker. Alles zu Erledigende hatte sich bestens umgesetzt und wir fuhren weiter zu Freunden, um dort zu übernachten. Sie haben ein sehr großes Aquarium, in dem ein paar exotische Exemplare ihr eingeschränktes Leben durchschwimmen. Man muss sich immer wieder einreden, dass sie ja nichts anderes kennen. So wie es als Pelzmäntel extra gezüchtete Tiere gibt, so gibt es eben Fische, die zur Unterhaltung und Freude des Menschen in gewissen Gefängnissen herumirren, so, als könnte sich noch irgendwas in der Genetik daran erinnern, dass es auch mal anders gedacht war, das gehört dann zu den Archiven des kollektiven Vergessens. Nun gut, ich bin in meinem Leben noch nicht oft vor einem Aquarium gesessen und hatte auch als Kind keinen Goldfisch im Glas (dafür einen Wellensittich und eine Schildkröte mit Migrationshintergrund). Während fünf der Exemplare in bunten, schillernden Farben leuchteten, hing ein einzelner Fisch regungslos in einer Ecke, abgewandt von den anderen. Wir hörten, dass er schon wochenlang hauptsächlich dort verharrte und offensichtlich sehr krank war. Man sprach von einem durchlöcherten Gewebe und nahm an, dass er bald sterben würde. Wir nahmen Anteil und sprachen mit ihm. Der Hausherr fühlte sich angeregt, den Fischen einen Namen zu geben, aber nur der Kranke erhielt einen und der Besitzer nannte ihn Blacky. Eigentlich war Blacky von Natur aus gar nicht schwarz, sondern von nahezu hellblauer Hautfarbe, wovon nichts mehr zu sehen war. Allerdings passierte mal wieder ein Wunder, was ja ziemlich häufig der Fall ist, ohne dass man gleich aufschreien muss, und Blacky fing an, in die Mitte des Bassins zu wedeln, und dort blieb er auch, solange wir da waren. Am nächsten Morgen sahen wir, dass sein Kopf angefangen hatte, sich wieder blau zu färben. Ich würde durchaus so weit gehen zu behaupten, dass er sich durch die extra Aufmerksamkeit angesprochen fühlte und einen Energieschub erlebte. Oder erfuhr nur ich durch die intensive Teilnahme an seinem Schicksal einen Energieschub? Auf jeden Fall war der Himmel bei der Rückfahrt strahlend blau, und die Wolke oben im Bild fiel mir auf, und die Sonne schien auf die immer noch leergefegten Straßen, weil vor dem nächsten Sturmtief bereits gewarnt wurde.

Sándor Márai

Sandor Marai

Und ich will davon bis zum letzten Augenblick, solange man mich den Buchstaben niederschreiben lässt, zeugen: dass es eine Zeit gab und einige Generationen, die den Sieg des Verstandes über die Triebe verkündeten und an die Widerstandskraft des Geistes glaubten, der die Todessehnsucht zu zügeln vermag.

Aus: „Bekenntnisse eines Bürgers“.

fast

Draußen das Sturmtief. Drinnen: Ruhe.

Da fiel mir doch tatsächlich eins meiner
ersten Gedichte ein, wenn man es denn
so nennen kann. Es war in Englisch und
bestand aus zwei Worten.
„Imagine: almost.“ Stell dir vor: Fast.
Noch heute schaudert es mich.
‚Fast‘ ist immer so nahe. Beinahe.

(nicht) brauchen


Mental Olympics
Hier und da zeigen sich vorsichtig kommentierte Lockerungen, am Himmel, im Ukraine Konflikt, in den Pandemievorsichtsmaßnahmen. Klar ist, dass wir ab und zu etwas Sonne, aber keinen Krieg und keine weitere Viren-Mutation brauchen. Wenn bald alle wieder überall hingehen können, und die Masken nur noch irgendwo rumhängen als Erinnerung an eine Zeit, in der wirklich mal vieles anders war als sonst. Eine Menge neuer Worte sind dazu gekommen, die man dann nicht mehr braucht, die sich aber in vielen Berichten verewigen werden, und die Enkel der Welt könnten Geschichten hören von den Geboosterten und den Ungeboosterten.  Damals, als wir im Frühling 2022 einen Lichtschimmer am Ende des Pandemietunnels sahen und wie Omikron, der kranke, aber nicht tödliche Windhauch uns am Leben ließ. Eben das Leben, das wir immerhin noch haben und für dessen Gestaltung wir zuständig sind. Zwei Jahre bin ich in keinem Flugzeug gesessen, ich konnte es mir gar nicht mehr vorstellen, nach der Pandemie wieder in einem Indien anzukommen, das tausende von Menschen hat jämmerlich krepieren lassen, weil es keinen Sauerstoff mehr gab. Wo unzählige Leichen im heiligen Ganges an die Ufer geschwemmt wurden, weil die Menschen sich das Holz zur Verbrennung der Körper nicht mehr leisten konnten. Werde ich noch einmal dort landen können und mich ohne Maske im Land bewegen. Niemand weiß es und ich weiß es auch nicht. Eigentlich herrscht das Ungewisse immer vor. Es ist der eigentliche Zustand des Weltgeschehens. Wir bannen und festigen ihn ständig, den fließenden Strom. Wir kanalisieren unser jeweiliges Erleben in ein Verstehen hinein, das nur vorübergehend haltbar ist, denn es ist ja alles ständig im Wandel  und kann nur bedingt beeinflusst werden. Wir geben hinein, wer wir sind, das ist unsere Möglichkeit, Leben zu gestalten aus dem Geist heraus, der zur Verfügung steht. Um den eigenen Geist muss man sich kümmern, kein Zweifel, sonst rückt einem der Weltgeist zu leibe mit all seinen Schauermärchen und seinen Glückskeksangeboten. Nun hatten wir Gelegenheit, die sogenannten großen Fragen ein wenig näher zu bringen, nach Hause nämlich, wo meist auch Andere sind und mitspielen, und dann noch näher zu sich selbst heran mit der Frage, wie es nun mit einem selbst weiter geht. Oder vielleicht tauchen ja gar keine Fragen auf, und man wacht auf, schaut in sich hinein und um sich herum und erkennt das, was man tatsächlich schon lebt, und wird erfüllt mit einer tiefen Freude.

, aber…


Der Schein des Gutmenschentums
Offensichtlich war ich noch mit dem Ausdruck päpstlicher Formen beschäftigt, die in strahlenden Gewändern  unsägliches Leid hervorrufen durch Missachtung ihrer eigenen hehren Vorstellungen oder festgezurrten Gesetze wie: du sollst kein Leben zerstören. So kann man Schaudern und Staunen weiterhin in sich erfahren, wenn nicht weit von unserem kriegsbefreiten Leben dieselben Kriegsherren wieder bereit sind, wegen irgendwelchen unmäßigen Streitereien ein neues Schlachtfeld zu eröffnen, damit weitere Menschenmassen aus ihren Heimaten fliehen, um am Leben zu bleiben. Und die vielen anderen, denen das nicht gelingt, weil ein paar Dummköpfe sich nicht einigen können, da sie immer noch glauben, sich die Erde untertan machen zu können, hat doch immerhin ein Gott es so angeordnet. Vielleicht war es aber ein Feldherr, der das wollte und noch nicht wusste, dass es auch andere Maßstäbe gibt, nach denen man sich richten kann. Am besten natürlich den eigenen Maßstab erstellen und schauen, wo er mit anderen kompatibel sein kann, und wo nicht. Die Intelligenz, die für solche Vorgänge angemessen ist, ist durchaus vorhanden, denn da, wo die Masse Mensch gerüttelt und geschüttelt wird, wie zum Beispiel durch die Pandemie, da entsehen auch neue Denkräume, in denen sich die Gewohnheitsblockaden öffnen können oder gar müssen, und geistiges Stoßlüften kann stattfinden. Nun kommt es wie stets und bei allem darauf an, was ich damit mache. Leide ich darunter, dass ich nicht mehr wie einst in Läden herumstöbern kann, oder freue ich mich über die automatische Begrenzung meiner oft überflüssigen Wünsche. Wird zum Beispiel langsam gelockert und man findet heraus, dass Menschen weniger kaufen wie vorher, kann sicherlich auch die Wirtschaft langsam etwas herunterfahren und schauen, ob es neue Wege aus den Abhängigkeiten gibt, die einer Gesellschaft nicht gut tun. Dabei weiß ich selbst, dass jede Idee eines „Besser“ vor allem in der Erwartungshaltung bereits überflüssig ist. Auch im persönlichen Haushalt kann sich nur der Einzelne befragen, was man also an sich selbst noch schleifen oder polieren möchte, oder was für Begriffe man auch immer für diese Reflektionen anwenden möchte. In Indien ist mir einmal ein Gedanke vermittelt worden, der besagte, dass in dieser Zeit, also dem dunklen Zeitalter, ganz viele brauchbare Lösungsvorschläge für das gesunde Verhalten der Menschheit auftauchen würden. Pläne, die vollkommen einleuchten und die man durchaus für umsetzbar hält, die aber nicht mehr durchführbar sind. Das Aber bedeutet hier, dass das menschliche Intelligenzpotential sich alles Mögliche an guten Veränderungen ausmalen kann, und vieles davon geschieht ja auch, aber…Das Aber muss offen bleiben, denn wir wissen es nicht. Oder wissen wir es doch.

aufschlussreich

Es gibt an sich keinerlei dringende Notwendigkeit, sich mit den lebenden Figuren der politischen oder religiösen  Bühnen unnötig viel zu beschäftigen. Oder dass man eben nur d a s bedenkt, was die Geheimtür zur nackten Realität tatsächlich zulässt. Oder den Zugang zum noch wahrnehmbaren Darknet des Missbrauchs und der Korruption, sofern tatsächlich vorhanden und bewiesen und unumkehrbar von vielen in Kenntnis genommen. Aber natürlich kann man von diesen zeitweilig herrschenden Gestalten im dahinfließenden Strom des Weltgeschehens doch einiges lernen, wenn auch von der Schattenseite her gesehen, aber deswegen nicht weniger aufschlussreich für die eigenen Grübeleien. So bedeutet mir, vor allem auch als Nicht-Christin, das Verhalten des Papstes herzlich wenig, außer wenn beispielsweise eine weitere Anekdote missbräuchlicher Handhabungen ein ganzes Glaubenssystem ins Wanken bringt und man, wenn auch nur kurzfristig, die Erwartung hegen kann, einmal Zeitzeugin einer System-Sprengung zu werden, die das Wurzelwerk des faulen Baumes mit sich reißt und Platz macht, erst einmal für nichts als Raum an sich, in dem sich die Beteiligten von der Sprengung erholen können, bis neue Impulse sich auf den Weg machen. Was mir ganz persönlich (z.B.) von der Papst-Anekdote geblieben ist, geht über seine Person hinaus, obwohl er, Herr Ratzinger, seiner Kirche und sich selbst wahrlich einen Bärendienst erwiesen hat. Nun versteht er die Welt nicht mehr.  90-jährige Augen starren verletzt aus der Blase. Wie kann es  sein, mag er wohl sinnen, dass er, der Ex-Papst, die heilige geistige Unversehrtheit per se, nicht nur der Lüge bezichtigt wird, sondern man bezichtigt ihn auch noch des größten Übels, nämlich sein Ich, ergo sein Ego, in den Vordergrund zu spielen, weit mehr beschäftigt mit eigenem Leid als mit dem Leiden der Betroffenen. Der Punkt, den man sich für den Alltag merken kann, ist, dass er sich keinerlei Schuld bewusst ist. Es ist .m.E. nicht so, dass er wissentlich die Unwahrheit spricht, nein, sondern viel schlimmer: er ist total überzeugt von seiner Redlichkeit. Lange schon wohnt er in der schillernden Blase der Redlichkeit. Es ist kaum zu erwarten, dass jemand um ihn herum ist, der ihn darauf hinweisen könnte, dass da draußen noch eine andere Welt ist, die erwartungsvoll auf einen Mann schaut, für den sie gar nicht existieren. Das kann man für sich mal aus der Anekdote herausschälen und reflektieren, wie weit man selbst von der eigenen Redlichkeit überzeugt ist und gar nicht mehr in der Lage, das Resultat eigener Wirkung oder Verursachungen anderen Menschen gegenüber nüchtern einzuschätzen zu können, um notwendige Konsequenzen oder Erkenntnisse daraus zu ziehen.

W – (anonym)

Weltweit wandern wehmütige Wesen
am Wurzelwerk wild wuchernder
Wege entlang, während waghalsige
Wogen und  Wellen des Wahnsinns
wertfrei und wunderlich weben.

 

aus: „Misthäufchen“

nachfragen

Man kann sich auch den eigenen Gedanken zuwenden und nachfragen, was sie so vorhaben oder woher sie kommen. Gehören sie mir nicht?, oder bin ich identisch mit ihnen? Ich finde die Vorstellung, dass am Anfang, wie auch immer man ihn denken möchte, am Anfang also das Wort war. Das ist insofern nachvollziehbar, dass von da an das Wort zur Verfügung stand, also allen zur Verfügung stand, und Menschen Worte als ihre Möglichkeit erkannt haben, in Verbindung zu treten. Nicht, dass Verbindung im Raum des Wortlosen nicht wahrgenommen werden kann, und vielleicht ist gar Verbindung dort verankert, ohne an Anker gebunden zu sein. Doch von dort aus bewegt sich auch der Wunsch nach Manifestation, nach Verstehen des Erlebten, nach Erkennen des oder der Erlebenden. Man kann Worte suchen und finden, die einem entsprechen und die man erträglich findet. Man kann entscheiden, ob man Worte wie „boostern“ oder „Pieks-Putsch“ in den eigenen Sprachhaushalt aufnehmen möchte. Oder man legt mit dem inneren Wortschatz Sammlungen an. Große Worte, kleine Worte, Lieblingsworte, bereichernde und leere Worte, die man als Träger von Ideen einsetzen kann als das jeweils Erforderliche. Einfacher als die Idee, mich aus einer Affenrasse heraus entwickelt zu haben, kommt mir die Vorstellung vor, aus einer Welt zu kommen, in der noch nicht gesprochen wurde. (Ich meine jetzt nicht die Säuglingswelt, obwohl das Wortlose da auch zutrifft.) Nein, sondern so, wie ich einst vom alten Ägypten geträumt habe und wie das Wort noch aus dem Schweigen gerufen wurde, um damit das, was gebraucht wurde, über die Idee und den Ton zu manifestieren. Die Dinge erhielten ihre Deutung, bis sie nur noch bedeuteten, was man ihnen zugesprochen hatte, und nicht mehr mit ihrer Quelle verbunden waren. Es könnte sich als e i n e Bedeutung des ganzen Spiels herausstellen: dass alles gedeutet werden kann, in Wirklichkeit aber noch etwas anderes ist. So holt man viele von ihnen (den Worten) wieder zu sich herein und kommt ins Gespräch mit ihnen. Man kann sich nur wünschen, dass (z.B.) Wladimir Putin die Anregung spürt, mit seinen Gedanken ernsthaft und abwägend in Kontakt zu kommen, obwohl ich nicht anstrebe, die Meisterin des naiven Zugangs zu werden.

bewirken

Man könnte es auch so sagen: Da war ein Netztwerkfehler, und dadurch hat sich das System selbständig heruntergefahren. Erstaunt richtet sich die dort unten Gestrandete auf und schaut um sich. Wow!, denkt sie, das ist ja interessant hier unten, sozusagen in der Tiefgarage. Schön leer und leise. Warum sagt sie „unten“?  Weil es nicht oben ist. Es ist am Grunde. Sie spürt feinen Sand zwischen den Zehen, ein vertrautes Gefühl. Und dort steht auch der Banianbaum. Sie kennt ihn aus ihrer Welt der Bilder. Sie geht auf ihn zu, auf seine Säulen, seine Ruhe, seine Zeitlosigkeit. Hier scheint alles sie selbst zu sein. Scheint es nur so oder ist es. Kein Zwiespalt taucht auf. Keine Rastlosigkeit. Kein Smartphone wartet auf eine Hand. Das alles kann Krankheit bewirken und ans Licht des Tages bringen.

zuhause

Andrerseits ist natürlich der Name ganz wichtig, z.B. bei einer Diagnose. Erst vermutet man selber, was wohl mit einem los ist, dann weiß man es. Es hat einen Namen und kann behandelt werden. Ein heftiger Infekt hatte mich also irgendwann und irgendwo attackiert, und nun gab es die Medizin dafür, zum Glück nur für ein paar Tage. Während der akuten Phase vorherrschender Schmerzen und einer ansteigenden Zermürbtheit konnte ich weder lesen noch schreiben, eigentlich gar nichts, wenn auch mit bester freundschaftlicher Unterstützung, als mit mir zusammen zu sein und auszuhalten, was da gerade vor sich ging. Irgendwann dachte ich: was denke ich eigentlich?, und so paradox es auch klingen mag, erhöhte sich auf einmal mein Interesse, im Denkraum mal nachzuschauen, was da läuft. Da ist ja immer was los, und wenn man die Zügel loslässt oder sie einem auf einmal leise entgleiten, dann kann man ins Staunen kommen, wo das alles herkommt und hingeht und einen mitschleppt und wieder woanders hinfliegt. Wo es auf einmal hängen bleibt und eine Szene immer und immer wieder durchspielt, mal mit d e m Text, mal mit jenem. Wälzt sich träge dahin in bedeutungslosem Allerlei, oder erzeugt high level Drama, wo gar keine Bühne ist. Das läuft ab wie in Träumen, nur im Wachen kann man, wenn man möchte, mal zuschauen. Oder ein bisschen mitreisen von Blase zu Blase, und lässt dann weiterziehen, wobei es da schon wieder ums Bändigen geht. Und was ist das denn, was da wie von selbst vor sich hinagiert, so, als hätte ich es einmal ins Leben gerufen und es kommt jetzt einfach mal vorbei, In meditativen östlichen Praktiken wird dieses Treiben zuweilen mit dem Verhalten von Affen verglichen. Andere Praktiken raten, sich dem Denken ernsthaft zu widmen, sodass man es gut genug kennen lernt, um es auch mal zur Seite legen zu können, damit man sich d e n Dingen widmen kann, bei denen Denken eher stört, wie zum Beispiel bei der Bildbetrachtung oder bei der Atemübung usw. Dann kann man sich dem Kultivieren der Kunst zuwenden, in beiden Räumlichkeiten (des Denkens und des Nicht-Denkens) gleichermaßen zuhause zu sein.

Winterblues

Winter-Blues – das ist doch ein passendes Wort für die Zustände, die man in einem Winter erleben kann, der noch nicht einmal ein richtiger Winter ist, wo man mal auf glitzernde Schneeflächen schauen könnte, ohne dass sie gleich wieder zu Matsch verfallen. Doch nichts lockt einen (nämlich mich) in die glitschigen Furchen, und die Augen halten Ausschau nach was Belebendem. Wobei sich natürlich der Atem da draußen ganz wohlfühlt, das allein könnte schon reichen als Ansporn. Und man will sich ja schließlich auch die Unabhängigkeit vom Wetter bewahren, und wenn es einem gut geht, lässt sich das ganz zufriedenstellend bewältigen. Der Tag muss eh jeden Morgen neu erschaffen werden, und nicht immer wacht man auf wie eine Löwin und legt die lebensfrohe Tatze auf den Überlebensplan. Und dann dieses dritte Jahr der Pandemie, in der das kollektiv Nichtgewusste in den Vordergrund tritt, das Navigieren im Ungewissen aber nicht kollektiv geübt wurde, oder wurde es doch geübt, eben bewusst oder unbewusst. Zuweilen denkt man ja, alles auf diesem Planeten sei so ziemlich durchdefiniert und leidet eigentlich eher an seiner Namensgefangenschaft, vom All bis zur Medizinkapsel. „Das ist Standard“, sagte die Ärztin zu mir, wohl mit der Bedeutung verknüpft, dass man das zur Zeit unter diesen Bedingungen gibt, ohne dass gewährleistet ist, dass dieser Standard auch jedem System Heilung ermöglicht, oder nennen wir’s lieber Unterstützung. Es hat auf jeden Fall einen Namen, und Heerscharen von Tieren sind dafür krepiert. Jemand schlug gestern vor, ich könnte unter dem Weißkittel-Syndrom leiden, das Wort kannte ich (auch) (noch) nicht und checkte kurz nach und nein, ganz so weit ist es noch nicht. Auf jeden Fall bin ich noch offen für Überraschungen, also auch die, die ich selbst erzeugen kann. Dann hat mich das Wort Winter-Blues dazu inspiriert, einen Text zu schreiben, der das alles einfangen kann, aber mein Bild (oben) ist schon trostlos genug, und Leonard Cohen hat einiges meisterhaft Unerträgliche von sich gegeben, das diese Lücke nach Bedarf bereichern kann. Genau, es geht um das Ertragen des einem unerträglich Vorkommenden. Nicht unter zwanghaften Bedingungen, nein!, das kann nicht gesund sein. Freiwillig und leidenschaftlich ertragen, das wär’s doch. Das, was man nicht ändern kann. Bis es von selbst vorüber geht, oder man gelernt hat, einen angemessenen Umgang damit zu finden, der einem bestimmten,  inneren Unruhe-Strang ein Ende setzt. Außerdem ist ja das Licht an sich noch da. In der indischen Wüste habe ich meine Augen immer an der Weite und dem Nichts weiden lassen, es hat ihnen gut getan. Hier vergesse ich manchmal, das die  Weite und das Nichts überall sind. Namenlos atmet das Ungewisse.

x

Meine Ordnung ist durcheinander geraten. Ich meine die, die einem selbst entspricht und die einen angenehm durch den Tag transportiert, mit Freiräumen darin und Spielplätzen, die die Handlungsfähigkeit in Gang halten. Dann plötzlich schlägt etwas zu, ein Insekt oder ein Virus oder ein Infekt, lang oder kurz, bedrohlich oder weniger bedrohlich, es ist ein Gong. Dann höre ich mich, fast erstaunt, zu mir sagen: Hey, du bist krank. Man kann das ja nicht erwarten, tut man nicht eh schon, was man kann. Außer der täglichen Bewegungsstrecke, das könnte noch mehr werden, und wer will sich schon auf das Frühjahr fixieren, das ja kommen muss, damit man sich wieder daran erinnern kann, wie es ist, einen Sonnenstrahl auf der Haut zu spüren. Man kann sie gut verstehen, die Winterflüchtlinge, und viele dachten, ich gehe im Winter nach Indien wegen der Sonne, aber dort habe ich sie erst kennen gelernt. Sie hat mich mit Unterstützung von kulturellen Riten von einem Nacht-Mensch in einen Tag-Mensch befördert, mit frühen Morgenden und nicht zu späten Nachtzeiten. Dort wurde ich auch jedes Jahr mit großer Regelmäßigkeit krank und lernte die Furcht kennen, in ein indisches Krankenhaus zu kommen, ausgeliefert an das gründlich Unfassbare. An menschlich Undurchdringliches gebunden, wissend, wie wenig ein Menschenleben irgendwo bedeuten kann, wo einen keiner kennt. Wo man dem Arzt Vertrauen schenken muss, ob man will oder nicht. Oder klar, den Richtigen finden, der noch Zeit hat, einen in der aktuellen Not zu begleiten. Ansonsten muss man vor allem aufpassen, nicht in die Maschinerie zu geraten, das kann sehr schnell gehen. Wenn man krank ist, wird man herausgeschleudert aus dem Weltgetriebe. Man ist ja verknüpft und vernetzt, und auf einmal ist man nur noch krank. Schmerzen, die einem auf engstem Raum zusammenhalten. Da merkt man dann erst, wie das Chaos im Kopf schon läuft. Ein paar Tage konnte ich keine Zeile lesen und schreiben. Dann habe ich den Samstag mit dem Sonntag verwechselt, also Leonard Cohen am Samstag statt am Sonntag. Nicht, dass es jemandem auffallen würde, aber hallo, es ist doch aufgefallen. Hey, sagte der Freund, keine Beiträge?! Genau, konnte ich dann sagen aus meiner Unwohlseinsblase heraus: ich bin krank und seit ein paar Tagen schon zu schwach, um am Schreibtisch zu sitzen, und meine Aufmerksamkeit  war sowieso nur auf den Zustand gerichtet:. Das Krallen, das Stechen, das Wehtun. Oder die Möglichkeiten des Gegensteuerns bedenkend. Man will ja das Vertrauen in sich steigern, dass man zu angemessenen Entscheidungen gelangt, eben auch nicht ausschließt, dass es zu ärztlicher Behandlung kommen muss. Das habe ich auch jetzt entschieden. Auch wenn man eine Fachkraft zu rate zieht, muss man nicht unbedingt Glauben schenken, aber es hilft doch in der Ausrichtung. Krankheit bringt einen nahe an den Körper heran. Das kann sie auf jeden Fall. Der Geist wiederum muss sich einstellen und die neuen Bedingungen unterstützen. Das ist nicht so leicht, wenn auf einmal die Pferde davon galoppieren. Bis man sie finden und wieder beruhigen kann.

So viel

 

So viel vom Ich
an Wirkung und an Rändern,
und mittendurch der Weg
der Dornenkrone.
Um eine Frau legt sanft und
leise sich ein Tier.
Ein Heer. Ein Blick.
Ein Dankgebet am Morgen.
Ein inneres Sein,
an dunklem Flussbett ruhend.
Als wäre ich die Andre von der
Einen, und ließe den süßen Apfel
in die Stille fallen.
Das Niegedachte greift von hinten
förmlich an. und ebnet sich im
tiefen Grund der Spiegel.
Und das bin ich.
Das Reich der Tausendjährigen
verstrich und legte mir ein
Bildnis um den Hals.
Das Gleich trägt meine Stimme
gelassen aus dem Namensteich.
Da draußen wehen Winde.

hinführen

Bevor etwas einfach werden kann, wird es meist ungeheuer komplex. Mir fällt eine Szene ein, die fest verankert ist in meinem Gedächtnis. Ich lief durch den Wald und sah auf einmal zwischen zwei weit auseinander stehenden Bäumen eine winzige Raupe fleißig an ihrem Seil basteln. Das Seil war schon meterlang und schwang mit dem Tier hin und her. Würde mich das tiefe Staunen dieser Beobachtung nun nicht mehr loslassen und ich wollte herausfinden, wie das möglich ist, würde es sofort komplex werden. Ich würde mit allen fädenspinnenden  Raupen der Welt früher oder später in Kontakt kommen und hätte Bücher über sie und alles, was Menschen schon vorher über sie gewusst haben. Und dass die wunderbaren Rätsel der Welt anderen ebenfalls aufgefallen sind. So gibt es auch über den sogenannten inneren Weg tausende Bücher mit Anweisungen und Geschichten und Anekdoten und Ratschlägen und Formeln darüber, wie einer erreicht hat, von was er schreibt und nun möchte, dass andere angeregt werden zu diesem Weg, obwohl es nur einen gibt, eben jeweils den, den man geht. Nichtsdestotrotz braucht es die Anregung, den Kontakt mit der Materie, für die man sich erwärmt, die einen anspricht.  Auch dass man vom Weltgeschehen immer  einiges ausklammern muss, um klarere Umrisse zu finden von dem, was man selbst ist. Die Zerbrechlichkeit der eigenen Wahrnehmung zu stabilisieren, denn es kann doch leicht zerbrechen, was keine Fassung hat und nicht bedacht und begleitet wird mit Aufmerksamkeit. Mit Liebe, möchte man sagen und bremst sich der Komplexität des Begriffes wegen. Wir wissen von Händen, die tagsüber Vergasungsbefehle gaben und nachmittags über Kinderköpfe streichelten, so als könnte beides miteinander vereinbar sein. Das Kennenlernen von sich selbst unterliegt keinem Zwang, und Gefängnisse sind nicht berühmt für Erleuchtungen, eher für Stumpfsinn und Schwächung des Augenlichtes. Ich habe irgendwann einmal angefangen, meine Innenwelt (u.a.) als ein Rotationssystem zu sehen. Das heißt ich erlaube mir zu surfen, wohin ich mein Denken führen möchte, lasse aber genug Raum, um Beweglichkeit zu gewährleisten. Damit sich nichts verbohrt und keine Welle zu attraktiv wird, um in ihr verloren zu gehen. Vieles gilt es erst einmal zu unterscheiden, dann die Entscheidungen zu benennen, dann nach Wegen forschen sie umzusetzen, wenn sie einem wesentlich erscheinen. Dann, nach Jahren in den scheinbar paradiesischen Anlagen des Labyrinthes entdecken wir wie durch Zufall ein Tor oder einen Satz oder einen Vogelschwarm, und die Strukturen lösen sich auf, weil sie getan haben, was nur sie konnten. Nun also weiter. Mal sehen, wo es hinführt.

durch

Wenn man sich mit einer gehörigen Portion möglichst tieferem Interesse in die Verhaltensweisen der Menschen und die daraus folgende Ergründung vertieft, muss man Geduld mit sich haben. Eine, die nicht aufhört, und über die man dann froh ist, und die letztendlich auch den Anderen gegenüber eingesetzt werden kann. Ich meine natürlich jetzt nicht die ganz speziellen Berufe und ihre Meisterschaften, die sich mit diesen Vorgängen befassen, sondern ich meine uns alle, die wir ein einziges Leben zur Verfügung haben, mit dem wir uns bis an sein Ende wohl oder übel beschäftigen müssen und auch möchten, also eher „wohl“ statt „übel“. Doch zuweilen auch übel, wenn ich selbst in meinem Verhalten etwas finde, das ich für ungeeignet halte, es weiterhin als Bürde mitzuschleppen. Oder weiterhin das, was ich ja erlebt und verursacht habe, im Dunklen halte, in Ecken, in Kellern, in Korridoren. Das ist ja keine kleine Welt da unten, nein, beileibe nicht. Es ist riesig, und wenn man Dante nicht lesen will, dann kann man selbst herumwandern und schauen,was da alles so rumhängt. Da wohnen Zwerge und Engel hängen schwermütig an Abgründen herum. Da schreit einer fragend, warum keiner Antwort gibt. Auch sieht man bei irgendwelchen Anlässen immer noch Orpheus nach Eurydike suchen. Obwohl, das sag ich ganz ehrlich, habe ich selbst mal zu ihm gesagt „Hör endlich auf, sie zu suchen“. Aber wer will dem Einen oder Anderen noch sagen, was er tun soll, zumindest nicht im freien Fach der Selbsterkenntnis. Und dem letzten Windhauch des unseligen Wunsches, im Anderen sich Veränderung vorzustellen, wo es einen gar nichts angeht. Deswegen einen aber trotzdem berühren kann und muss einem nicht gleichgültig sein, alles im Rahmen des angemessenen Kontextes. Wenn es sich nun tatsächlich herausstellen sollte, dass wir bei diesem Erddurchgang nichts weiter zu tun haben, als über das Intensiv-Training unserer Wanderungen und Erfahrungen wieder zu uns selbst zurück zu finden, dann würden die errungenen Teile des Spiels vermutlich langsam aber sicher ein Bild ergeben. Bis man dann eines Tages entweder hinein -oder hinausschaut, oder beides gleichzeitig, und spürt, dass man es tatsächlich ist, was immer das sein mag, denn es hat keinen Namen im Pass, obwohl es den braucht, wenn ich reisen will. Und das will ich. Wieder ein Winter, wo Indien nicht sein wird. Ungewiss, ob es dieses Jahr noch einmal gelingt. Der ganze Weltzustand sehr am Schwanken.. Die einzige Stabilität ist der geistige Zustand. Er navigiert uns durchs Ungewisse.

Antonio Machado y Ruiz

Wanderer, deine Fußstapfen
sind der Weg und nichts sonst.
Wanderer, einen Weg gibt es nicht,
den Weg machst du beim Gehen.
Beim Gehen machst du den Weg,
und blickst du zurück,
so siehst du den Pfad,
den du nie mehr wieder
betreten musst.
Wanderer, einen Weg gibt es nicht,
nur Wirbel im Wasser des Meeres.

Erwärmung

Ein Bild aus Indien, man möchte förmlich den Duft des Landes einatmen. Doch der Text dazu ist nicht zum Einatmen geeignet. Es geht um Erderwärmung und eine Landschaft, in der es sehr lange schon so heiß ist, dass sich die Kohle unter der Erde als Feuer entfacht und den Menschen das Leben zur Hölle macht. Der Ausstieg aus der Kohle ist, so sagt es, an Indien gescheitert. Immer wieder erinnere ich mich selbst daran, dass wir den Kipppunkt unserer menschlichen Existenz bereits erreicht haben. Das ist nicht neu, das läuft schon lange, und wie immer kommt es darauf an, wie man es sieht oder sehen möchte oder sehen muss, wenn es nicht mehr geheimgehalten werden kann. Aber auch das geheime Halten geht weiter, das Aufrechthalten der Tier-und Menschenquälerei geht unaufhaltsam weiter, und natürlich gehen auch die großen Bündnisse der Wohlmeinenden und Gutestuenden und menschliches Leid Begleitenden weiter. Hält sich das noch die Waage? Irgendwo stand der Satz, bzw. die Frage „Reicht es nicht, ein Mensch zu sein?“ Man lässt einen Nu das eigene Denken los und schweift um die Frage herum. Klar reicht das, möchte man meinen, doch man kommt nicht weit. Es sind doch alles Menschen, weiß man, und die Skala ist an Immensität nicht zu überbieten. Jeder und Jede ein Mensch, und niemandem kann man den Titel aberkennen. Es wäre dann sinnlos, auf die Frage zu antworten. Sie ist also komplexer und führt zur Definition des Wortes „Mensch“. Und was meint man genau mit „menschlich“? Nun  habe ich das T-Shirt, das ich mir wie viele Andere in Indien erstanden hatte, fast vergessen, aber da steht es auf vor meinen Augen. Auf der einen Seite steht „Human being“, auf der anderen Seite „Being human“, den Kern der Sache so trefflich auszudrücken nur in Englisch möglich. Da spürt man die Veränderung,  die mit einem geschieht. Einerseits ist jede/r ein Mensch, andrerseits ist nicht jeder Mensch automatisch menschlich. Menschlich werden scheint zumindest eine der lichteren Aufträge, die man sich selbst als Mensch geben kann. Man kommt nicht herum, es für sich selbst zu definieren. Das Menschlichsein fordert einen heraus  und befördert einen in eine Bereitwilligkeit, sich mit dem Aufenthalt auf Erden auseinanderzusetzen. Wie will ich sein und wer kann ich sein in Anbetracht meines mitgebrachten Gepäcks, meinem Schicksal, meiner sich ständig neu formierenden Einstellung zu ihm. Menschlich zu werden oder zu sein verlangt von einem eine Bereitschaft zum Reifeprozess, zu angemessenen Entscheidungen, zum Umgang mit der geistigen Freiheit, die sich nicht automatisch entwickelt, sondern mit ziemlich viel Mühe verbunden ist und mit sehr viel Navigieren im Ungewissen. Denn hier kommt zum gründlichen Denken ja noch der Raum dazu, durch den sich das Menschliche bewegt und als solches immer in Gefahr ist, zerbrechlich und scheu, wie es nun mal ist. Das Menschliche fühlt sich dem Sein verpflichtet, oder vielleicht ist das Menschliche identisch mit Sein. Nun sind das alles erst einmal nur Begriffe. Wie sie sich zu Seinsgehalten entwickeln, das müssen wir selbst schauen, allein auf weiter Flur. Aber auch das nicht. Überall gehen wir weiter und kontemplieren und setzen um, was uns möglich ist. Das viel zu Beschäftigte eindämmen und zur Ruhe bringen. Tun im Nicht-Tun.

wundern

Nach dem Wust an dunkelumwölkten Nachrichten, denen man sich selbst über karge 3 Minuten Zufuhr aussetzt, und nach einer Reihe von geistigen und körperlichen Unbefindlichkeiten meinerseits, die durch Anhäufung unnützer Gedanken entstanden waren, konnte sich der ansonsten eher plump klingende Satz „Es ist anders, als man denkt“  zu einem Realitäts-Check entwickeln und durch günstige Verläufe endlich ein Ende finden. In diesem Sinne hatte ich eigentlich vor, heute früh ein ungeschminktes Photo vom Himmel in seiner steten Gräue zu machen, nicht ohne einiger Poeten zu gedenken, die wohl u.a. auch an diesen Himmeln gescheitert waren. Aber siehe da: ungewohnte Erhellungen zeigten sich am Firmament, was zu tiefem Durchatmen anregte. Vorgestern war ich zum ersten Mal gezwungen worden, mich testen zu lassen und stellte mir eine endlos im tröpfelnden Regen wartende Menschenschlange bis an den Rand der Straße vor. Dann aber war es so leer, dass wir Wenigen nur auf den Ausdruck des Resultats warten mussten, von sehr freundlichen Menschen gereicht. Wohlwollend fielen die Augen auf das erwartete Wort: negativ, hier mal mit positiver Konnotation. Das bringt mich erst einmal zu dem, was frei von Wundern ist. Der Papst zum Beispiel, von jemandem als weißer Elefant benannt, den sich keiner traut zu beflecken. Und nun hat die öffentliche Befleckung dennoch stattgefunden, und ich denke an viele Geschichten aus den religiösen Kreisen Indiens, in denen es nicht besser aussah, und auch dort den Heerscharen der Opfer keinerlei Gehör geschenkt wurde, sondern alles wurde verdreht und versteckt und im finsteren Bündnis mit Anderen gutgeheißen. „Jetzt austreten?“ fragt es auf der Titelseite der Zeitung, und ja!, rufe ich da herzhaft und vermutlich wirkungslos ins All hinein, ja! Austreten! Aufhören, was nie mehr geflickt werden kann. Mit was für einer Substanz soll da eine neue Institution aufgebaut werden können, wenn es noch nicht einmal ein Vorgestern gibt, wo etwas aufhört, sondern das läuft doch einfach weiter, weil die Missstände noch weiter und dann noch weiter zurückliegen. Und auf all das dann die grotesken Gewänder, die hohen Hüte und der Hirtenstab. Weg mit dem Zirkus, denn der Abgrund der Bedeutungslosigkeit all dieser Einrichtungen ist doch bereits erreicht. Die Followers sind gefragt sich zu überprüfen, u.a. auch, um dem immerhin gut informierten und daher wacheren Bewusstsein etwas gerecht zu werden und das nicht aus kindlichen Bedürfnissen heraus zu missachten, nur, um keine Eigenverantwortung übernehmen zu müssen. Natürlich kann man auch einfach ab und zu mal erschrecken in der Vorstellung, wie viele durchaus krankhafte Gehirne sich durch das Daseinsgewebe bewegen. Das alles also bedenkend, sitzen wir dann beim Frühstück, bereits erstaunt über die blauen Flecken am Himmel. Doch dann werden wir verzaubert. Sieben Rehe, die wir noch nie gesehen hatten, betraten unseren Garten. Und eines war weiß. Ein weißes Reh. Das macht doch was mit einem. Auf schnellstem und mühelosestem Weg erreicht man das eigene, ursprüngliche Kinderauge. Hemmungslos strömt das Entzücken über die Macht der Natur, so als hätte man vergessen, wie sie einen durchtragen kann durch so manches Beschwerliche.  Und diese Wesen, die irgendwo wohnen und einfach nur sind, was sie sind!

weitreichend

Seht hier: eine Flotte.
Majestätische Schiffe, so weit
das Auge reicht. Es reicht weit.
Und zeigt keine Erschöpfung.
Boote, Yachten, Schiffe, alle
unterwegs zur Küste hin,
zur Küste. Alle unterwegs
nach dem Ei in der Wüste.
Die Kraft des Gemäßigten und
des Gebändigten öffnet das Tor.
Wir werden erwartet. Wir
werden begrüßt und eingeladen
zum Miteinandersein.
Vielleicht kann das nicht mehr
beschrieben werden, das ist gut.
Und ganz ohne förmliches Zutun.
Auf dem Deck ist es leise.
Ich bewege mich lautlos voran
und bin froh, dass mein
herumstreifendes Auge auf
fließende Bewegungen fällt.
Dann das Ufer.
Die Sphinx starrt mich an.
Starrt mich an.
Wir kommen dem Rätsel näher.
Wir sind ganz nahe.
Sind dran.
Docken an.
Steigen aus.
Sand und Licht,
das bereitwillig scheint.
Geist, der bereitwillig eint.
Gemeinsames Land in Sichtweite.

 

lautlos voran

Tonart

Es rasseln die Säbel, es klirret mal wieder der Stahl. Der russische Zar fühlt sich in die Enge gedrängt, also missachtet, also gefährlich wird es dann für uns alle. Die Herren auf den Hochsitzen wiegen sich noch erstaunlich häufig in der Illusion, ein herrliches Geschöpf zu sein, das ist allerdings bekanntlich auch ein paar Frauen passiert. Und das dürfte damals keine Bagatelle gewesen sein, wenn es um die freiwillige Amputaion der linken Brust ging, damit die Waffe besser Platz hat. Es gab auch Zeiten, wo die Heldenrolle herzhaft von allen angestrebt wurde, und immer ging es um viel. Aber selbst in dem Epos der indischen Mahabharata kommt einem so einiges lächerlich vor, oder wer liest sich begeistert durch das Schlachtgetümmel der Ilias. Wir wissen jetzt, dass im Menschen der Kampfgeist steckt. Fragt sich nur, wo er oder sie ihn hinlenkt. Auch der Kampf gegen die Viren ist ein Schlachtfeld, und es ist ja nicht so, als würden die Götter in Weiß nicht an ihren Ausübungen heldenhaft verdienen. Vieles davon ist vorhersehbar, bis wir, bewusst oder unbewusst, in eine Zeit, unsere Zeit, hineingleiten, wo das Nichtvorhersehbare sich ins Bewusstsein drängt. Wie, man hat nur den Moment? Klar, was hat man denn sonst. Denn genau in diesem Moment lässt sich doch alles entscheiden, verändern, bestimmen, beleuchten, erspüren, verhindern, oder was auch immer vom lebendigen Moment gefordert ist. Das ist doch die vergessene Heldenreise, wenn es darum geht, die Prüfungen zu erfassen und sie angemessen zu bewältigen, damit für einen selbst und andere so wenig Schaden wie möglich entsteht. Darum habe ich das nie ganz verstanden, dass Krishna, der indische Gott der Liebe, dann auf einmal den Streitwagen lenkt und Arjuna unterstützt im Krieg gegen die eigene Familie. Schicksalsbestimmt sei das alles, und unausweichlich das Schicksal der Einzelnen. Darüber kann man streiten. Allerdings soll er (Krishna) in der Mitte dieses  Kampfes die Säulen des Yoga gelehrt haben, was immerhin auf einen tieferen Sinn hindeutet, mit dem man sich befassen kann. Und natürlich können wir Putin gar nicht verstehen, der sich außerdem noch mit russisch orthodoxen Patriarchen berät und nie werden sich die Schleusen zu solchen Kammern öffnen. Oder doch? Ist die katholische Kirche nicht gerade in die Knie gegangen mit dem unredlichen und schicksalshaften Ende der Unfehlbarkeit des Papstes. Zu viele sind in Versuchung geführt worden. Der Herrgott hat es ganz offensichtlich nicht verhindern können. Was sollte er auch machen, wenn es ihn gäbe. Natürlich soll er auch gegeißelt haben und sehr wütend geworden sein. Halt wie Menschen, die nicht wollen, das alles an ihnen klebt. Das schwierige Leben. Die begrenzte Zeit. Die Suche nach den Richtlinien. Die fehlenden Vorbilder auf den Friedhöfen der Heldentode. Vorbei. Darin liegt eine Chance. Kommt jetzt darauf an, wer mit wem redet, und wie, und warum. Denn wie gesagt kann man jederzeit den lebendigen Moment ergreifen und das Unkalkulierte hervorbringen. Es kommt auf den Ton an. Wir werden sehen.