Luxus

Wenn ich „Luxus“ sage und es mein eigenes Leben betrifft, so meine ich den zeitlichen und örtlichen Freiraum, in dem ich mich bewegen gelernt habe. In Indien hatte ich über viele Jahre hinweg stets die Unterstützung meines Namens (Kalima), der gewisse Gefühle und Gedanken in Hindus auslöst (vielleicht weil sie ihn mir selbst gegeben haben), weil er im olympischen Spiel der Götter eher dem Schattenspiel zugeordnet wird als eine Kraft, für die man geeignet sein muss. Viele verschiedene Kräfte sind in uns Menschen angelegt, und das, was wir jeweils daraus gemacht haben, ist das, was man dann als Zeugen und Zeuginnen vom eigenen Spielfeld aus betrachten und erleben kann. Jedenfalls konnte ich mir allein durch den Namen eine gewisse Freiheit gestatten, und selbst als klar wurde, dass ich bei ihnen, den Einheimischen, bleiben würde, wurde kein konventioneller Auftritt von mir verlangt. Und genau d a s, nämlich die Abwesenheit von Erwartungshaltung, ermöglichte mir, die vorsichtig und aufmerksam gezügelte Leidenschaft für eine bestimmte, in der indischen Kultur angelegte Ordnung zu erforschen und zu erfahren, die mich gleichzeitig mit der westlichen Antike verbindet: wenn Bestes und Einfachstes nicht nur zusammenkommt, sondern dieser Vorgang die eigene Persönlichkeit so in Anspruch nimmt, dass zumindest für eine ganze Weile nichts anderes daneben Platz hat. Der Raum, den das Beste und das Einfachste zusammen brauchen, besteht natürlich auch aus einer Daseinsform, die eine Kultur geboren hat, mit der die meisten Einheimischen sich zutiefst verbunden fühlen. Sie haben selbst erfahren, dass bei ihnen tatsächlich alles möglich ist, nicht nur innen, sondern auch außen. Daher wird jeder Versuch und jede Mühe, sich den Ordnungen zu verpflichten, die diesem Getriebenwerden durch weltliche Vorgänge entgegenwirken können. Auf jeden Fall habe ich Indien noch in seiner manifestierten Entschleunigung erlebt, allerdings in einer Oase am Rande der Wüste, die seit undenkbaren Zeiten geprägt wird vom ins Unsterbliche hineinfixierten Narrativ. Doch auch hier hat das Unsterbliche mit seinem eigenen Widerspruch zugeschlagen, denn überall, wo es einmal sehr voll war  (Pleroma), wird es zu seiner eigenen Zeit wieder leer, und wenn man vom Kairos berührt und getroffen wird, muss eigentlich von sich selbst aus nicht mehr so viel geschehen. Außer dass man wissen muss, dass der ganze Rest (Mühen, Wahnsinn, Ärger, Entzücken, Ablenkungen etc (etc) nur eine Unterstützung war für das, was jetzt geschehen kann. Wenn man sich selbst zutraut, die Zügel wieder locker zu lassen, weil man im Luxus eigener Verantwortung lebt, bis auch diese Fügung  (vermutlich) keine Worte mehr braucht.

interessieren

Algorithmen
Da ich einen Teil meiner Aufmerksamkeit (zur Zeit) auf den ganz persönlichen Rhythmus meiner einströmenden Algorithmen gelegt habe, kann ich diese Beobachtungen durchaus dazu nutzen, etwas über mich selbst zu erfahren. So erfahre ich, dass mich bestimmte Verbrechen zutiefst interessieren. Es ist dabei nicht die vorherrschende Frage, wer nun der Mörder sei, sondern mich interessiert, was Menschen antreibt, bis sie z.B. einen Mord begehen. Auch in Indien habe ich manche Fälle verfolgt, manchmal bis zu ihrem, ja, ziemlich bitteren Ende wie im sogenannten „Nirbaya-Fall, wo drei der Täter (außer dem grausamsten, dem 17-Jährigen) dann gehängt wurden. Die Vier also, die gemeinsam in einem fahrenden Bus derart entgleist waren, dass eine junge Frau vor den Augen ihres Freundes daran starb. Klar, im Gefängnis muss man sie jahrelang kleiden und ernähren, denn sie wären ja nie wieder herausgekommen. Wie leicht gleitet man mal hier, mal da ins Fassungslose. Oder ein angesehener Geschäftsmann aus Jaipur, der  in einem seiner Häuser Frau und Kinder hatte, im anderen Haus und Leben Geschäfte tätigte und einen Servant hatte. Von dem ließ er sich regelmäßig Kinder zuführen, deren Leichen später (23 von ihnen) in einem Abflußkanal gefunden wurden. Der Servant war aber auch ein Menschenfresser, ein Kannibale, der dadurch, was er bediente, auch einen Profit hatte, also beide ihren finsteren Trieben gnadenlos folgten.  Da standen sie nun mit ihren getrennt ausgeübten Taten eines Tages gemeinsam vor dem Richter. Auch auf der dunklen Seite der Menschenkenntnis kann man sich erweitern. Und nun ist mir eben aufgefallen, dass ich wieder mit zwei Fällen in Kontakt blieb, also immer mal wieder reinschauen, wie die Sache steht. In Amerika kann man während des Prozesses in den Gerichtsaal hineinschauen, bis das Urteil gesprochen wird nach der Aussage der Geschworenen. In Idaho, wo einer der Fälle stattfindet, gibt es noch die Todesstrafe. Der noch junge Mann hat vier Jugendliche ermordet, man sieht ihn in Handschellen, wie er mit roboterhaftem Gesicht durch die Gänge geführt wird. Man hört (ich höre), er sei sehr überrascht  gewesen bei der Verhaftung und es wird vermutet, dass er sich ziemlich sicher war, das perfekte Verbrechen begangen zu haben. Er hat Kriminologie studiert und kennt sich aus im Gewerbe. Ein Politiker aus Idaho meint, dieser Mann könne der Erste werden der, statt mit einer Spritze, durch ein  Erschießungskommando hingerichtet werden, da man mit Spritzen oft schlechte Erfahrungen gemacht habe. Fast unmerklich verteilt sich im ( in meinem) Inneren ein Teil der Verbrechen auf die Selbstgerechten. Und wie unangebracht ist es (von mir) zu denken, der Mann könnte immerhin noch viel Jahre leben und eines Tages vielleicht sein schreckliches Geheimnis preisgeben?, und man wüsste etwas mehr von allerschwärzesten Vorgängen in uns – oder auch nicht. Aber als Mensch einem anderen Menschen sein Leben nehmen, also bewusst daran beteiligt sein und es auch noch „Gerechtigkeit“ nennen, das geht nicht, zumindest nicht für mich. Und wenn Liebe tatsächlich der Verzicht auf Mord ist, wie es mal jemand behauptete, dann wäre es doch auch für die Täter (innen) besser zu wissen, wo und wann und wodurch ihnen ihre Liebe abhanden kam.

aufhören

Natürlich ist es in dieser Zeit von Interesse, sich selbst zu fragen, warum man etwas, von dem man weiß, dass es einem nicht gut tut, trotzdem tut. Wenn ich an meine Raucherzeit denke, so kam ich gar nicht auf den Gedanken, das Rauchen könnte mir nicht bekommen, nein. Ich war leidenschaftliche Raucherin und besaß die nötigen extravaganten Requisiten, um das Rauchen noch angenehmer zu gestalten, das Aufhören damit allerdings dadurch noch schwieriger, wäre der Wunsch dazu überhaupt aufgetaucht. Wenn ein Aufhören von etwas tatsächlich von einem selbst von sich selbst gefordert wird, muss man Wege finden, um es umzusetzen. Zum Beispiel könnte es einem auffallen, dass man oft sinnlos zum Smartphone greift, aber zuerst müsste man „sinnlos“ für sich definieren, denn sonst reiht man die Handlung ins Selbstverständliche ein, ohne dass das Selbst versteht, was es  da tut. Es muss einem also auffallen. In Kaschmir baggerte ich einmal einen Einheimischen um eine Zigarette an. Sein abschätzender Blick genügte, um mir klar zu machen, dass meine Zeit gekommen war, mit dem Rauchen aufzuhören, denn ich hatte kein Geld dafür. So war es nicht ganz freiwillig und ich musste später nochmal den freiwilligen Teil nachholen. Denn auch sich selbst kann man nicht zwingen, etwas aufzuhören, was einem nicht tief genug einleuchtet, um es umzusetzen. Oder man lässt die Sachen im Vagen hängen und widerstrebt bewusst dem Bedürfnis nach Klarheit, damit keine Entscheidung gefällt werden muss. Auch kann man nicht behaupten, wir wären nicht gewarnt worden. Überall dröhnt Warnung durch die Kanäle: wir werden vermutlich an uns selbst zugrunde gehen, das Wort „Klimawandel“ taumelt sinnentfremdet durchs Weltall, schon denken philosophische Geister darüber nach, ob es den Menschen überhaupt hier weiterhin geben muss, oder hat sich diese schwer begreifbare Spezies selbst in ein Aufhören hineinkatapultiert? Dabei behaupten doch die meisten Menschen, wenn man ihnen ein Mikrofon zur Verfügung stellt, dass sie gerne leben, auch gerne gesund und munter, und wollen meistens lieben und vor allem geliebt werden, denn sonst ist der ganze Wahnsinn gar nicht zu bewältigen. Zarathustra kam, als er reif dafür war, von seinem Berg herunter, um die Menschen zu lieben, andere flohen kichernd hinweg über die Berge, der Prophet (Kahil Gibran) ließ sich von den Einheimischen ein paar kluge Sätze entlocken und entschwand dann auf das Schiff, das ihn abholte. Wohin er wohl ging, und wer war noch auf dem Schiff? Und so wird auch das Narrativ der Menschheit aufhören, wenn es aufhören soll, und ziemlich sicher wird dann in dem freigewordenen Raum etwas Neues geschehen. Oder wir sind schon mittendrin.

Algorithmus

Endlich bringe ich die Kraft auf, mal nachzuschauen, wie „Algorithmus“ eigentlich definiert wird. Sofort erschrecke ich darüber, dass ich schon das Wort des öfteren (oder immer schon?) falsch geschrieben habe, weil ich offensichtlich davon ausging, dass es was mit Rhythmus zu tun hat, eben ein mir selbst aufgedrängter Rhythmus, der dadurch entsteht, dass ich so tue, als wäre es selbstverständlich, dass, wenn ich z.B. „Alan Watts“ eingebe, schnell auch Swami Vivekananda auftaucht, oder ein buddhistischer Lehrer, oder ein Advaita Explorer, oder Baba Ram Das, also eine ganze Palette illustrer Köpfe, die alle durch einen simplen (westlichen) Namen ausgelöst wurden und mir sagen, dass sie mich interessieren könnten, weil ich doch neulich mal nachschauen tat, wer Muho aus Osaka ist. Was ich nun an der neu entdeckten Info interessant finde ist, dass das Wort „Algorithmus“ abgeleitet wurde (Allah only knows how) vom Namen des persischen Astronomen und Rechenmeisters  Abu Dsche far Muhammad ibn Musa al Chwarizmi, der aus Choresmien und aus einer Zeit kam, wo es noch keine Smartphones gab, weil er vor 1200 Jahren lebte und deshalb es nur gemalte Bilder von ihm gibt. Wie dem auch sei, so baute dieser Mann seine Arbeit wiederum auf die Arbeit des indischen Mathematikers Brahmagupta auf, der im 7. Jahrhunder lebte. (Ich habe flüchtig das Gefühl, Indien auf keiner Spur entrinnen zu können, warum auch). Chwarizmis Lehrbuch „Über die indischen Ziffern“ (verfasst um 825 im Haus der Weisheit in Bagdad) wurde viel später ins Lateinische übersetzt und dadurch zur wichtigsten Quelle für die Kenntnis und Verbreitung des indisch-arabischen Zahlensystems und des schriftlichen Rechnens. So, und was hat das mit mir zu tun. Wenn in sehr gewagter Abwandlung „Algorithmus“ in Wirklichkeit „Chwarizmi“ heißt, werde ich doch wohl nicht „mein“ Chwarizmi“ sagen können. Und das will ich ja eben sowieso nicht, „mein Algorithmus“ sagen (müssen) obwohl er mir gar nicht gehört. Nein, ganz im Gegenteil will ich mir klar machen, dass ich doch weiß, dass „Algorithmen“, eben ganz ohne Rhythmus, (eher eiskalt) bei werbefinanzierten Angeboten bestimmem, welche Inhalte dem User gezeigt werden. Klammheimlich lässt man sich also usen, beziehungsweise used man sich selbst, indem man das einem Gefütterte für die selbstgewählte Nahrung hält.

 

einleuchten

Ganz im Gegenteil zu dem leisen Schaudern, das mich öfters mal,  beim Lesen der „Times of India“ ergriffen hat, etwa bei den mit gusto beschriebenen Verbrechen, die man ungern mit indischem Geist in Verbindung bringt mit schier endlosen Photos von ins dunkle Nichts geschleuderten Tätern oder zuweilen auch Täterinnen.  Ich also ganz im Gegenteil dazu irgendwann bei meiner Rückkehr ins deutsche  Land zu den daliegenden Ausgaben der „Zeit“ greife, und mich, völlig überfordert vom Angriff der Qualität, mich wieder einlesen muss, bzw. in die Feulletons, hinten denen sich wiederum das Blatt „Entdecken“ verbirgt. Dort fand ich gestern einen anregenden Artikel bei „Therapie-Spezial“, wo ein Psychiater interviewt wurde, wo, wie und wodurch das Reden in der Therapie eigentlich hilft. Gegen Ende des Gespräches erkundigte sich der Interviewer, was Menschen davon abhalten könnte, durch Therapie und durch Reden zu ihrem Kern zu kommen. Der Psychiater (Jakob Hein) antwortete: „Es gibt keinen Kern“. Alle Gedankengänge in meinem Inneren, die in der Gewohnheit gelebt hatten, einen Kern als selbstverständlich zu sehen und zu verstehen, erstarrten gleichzeitig. Wie, kein Kern. Das Aufregende war, dass ich sofort wusste, dass das einen hohen Wahrheitgehalt hatte, denn ich hatte ihn (den Kern) oft genug gesucht und immer weniger gefunden. Der Zeit-Zeuge fragte spürbar verblüfft: Wie, es gibt keinen? Und Hein sagte: „Es gibt nur Level, die man erreicht.“ Wie erfrischend, wenn tatsächlich ein plötzlich aktiver Scheibenwischer einem übers Auge fährt, und man muss nur den Schock der veränderten Wahrnehmung aushalten. So, als hätte man nur diesen kleinen  Anstoß gebraucht, um das ganze, immerhin stets bewegliche Bild  in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Hein meinte noch, dass die Idee hinter einem Kern sei, dass es einen Schalter gibt, den man nur umdrehen muss und alles ist gut. Aber dass auch Therapie keine Garantie sei, nie mehr leiden zu müssen. (usw.) Es gibt, meinte er, keine psychiatrische Sonnenschutzcreme. Und dass er nach all den unzähligen Gesprächen mit Menschen jeden Menschenhass verloren habe. Das leuchtet doch ein.

trotzdem


Travelling shoes
Das Erinnern an Indien hat interessanterweise (für mich) stets so etwas Lichthaftes, und in der Tat haftet  dort viel Licht an allem, und auch wenn die Sonne mal zu heiß wird, ist es doch immerhin die Sonnenwärme, in der man sich aalen kann. Und ich kann mir keinen Inder vorstellen, der sich eine D3 Tablette einwerfen möchte, um gewisse lichtlose Mangelerscheinungen zu kompensieren. Wohnt man lange genug in einer verlässlich sonnengetränkten Welt, kennt man fast automatisch einige der guten Seiten des Welterlebens, zum Beispiel dass man sich nahezu überall in Licht oder Schatten setzen kann und allein dadurch in Kontakt kommt mit Anderen. Selten war ich bei der Rückkehr in den Westen gewappnet für die klimatisch bedingte Kälte, geschweige denn für Eis und Schnee, also eine Wetterlage, die man sich in der indischen winterlichen Tageswärme gar nicht vorstellen kann. Auf jeden Fall muss der Transit jedes Mal geleistet werden, und wer will schon abhängig sein von klimatischen Bedingungen. Und abgesehen davon kam mir dieses Mal das indische Leben nicht mehr so unterschiedlich vor zum westlichen Leben, sogar ziemlich ähnlich kam es mir vor, zumindest in seiner momentanen Manifestation. Der indische Mensch möchte Geld, und neulich an einem hochmodernen Kaffeetisch in Delhi sitzend schaute ich erstaunt auf das üppig wirkende Smartphone meiner Begleiterin, das, was sie mir auf Nachfrage berichtete, ein Lakh Rupien gekostet hatte. Das sind 100 000 Rupien, na ja, so ungefähr 1.140 Euro, das kommt mir auch nur in Indien so unmäßig viel vor…und, sagte sie (über die Klagen ihrer Schwiegereltern) : was geht es sie an, was wir mit unserem Geld machen, zustimmendes Nicken meinerseits. Das erinnert mich an Prakash, einen Freund aus dem Städtle, der in den Westen kam und sich, neben seinen Yogalehrstunden, unbändig befreit fühlte, indem er tun und lassen konnte, was er wollte, ohne unter Beobachtung zu stehen. Zum Beispiel mal viel schlafen oder Wein trinken oder Zigaretten rauchen undsoweiter. Ist irgendwann einmal alles gesagt (?), wenn immer klarer wird, wie unbändig frei der Mensch hier oft gelassen wird (auf dem Planeten), und wie er Freiheiten und Gefängnisse selber bastelt, sodass einem zuweilen jedes Wort dazu im Hals stecken bleibt, wo es ganz gut aufgehoben ist. (Außer man findet es nach wie vor und trotz allem spannend, das sich weiterhin als Geheimnis präsentierende Weltgeschehen unermüdlich zu ergründen: dass wir hier sind, busy mit Welt-und Selbstschöpfung.)

Dinge


Ding
Das hat mir immer gefallen, wenn und wo sie erwähnt wurden: „die zehntausend Dinge“. Mir haben diese Worte u.a. vermittelt, dass es die zehntausend Dinge überall gibt, als Schuhe, als Hosen, als Autos, als Ablenkungen, als Verlockungen, als Hinweise auf etwas, was wir gar nicht brauchen und dennoch haben müssen, obwohl wir schon umgeben sind von zehntausend Dingen, die irgendwie bewältigt werden müssen oder als Darlegungen und Meinungen und Projektionen ins Außen dringen und dort weitere zehntausend Dinge verursachen. Die klare Zahl sagt einem, dass man spätestens bei ihr den Überblick verliert, denn auch bei Verbrechen, die es in der Welt tausendfach gibt, ist es sinnlos, sich so häufig wie möglich aufzuregen, eben zu was Menschen alles in der Lage sind anzurichten (als wüsste man’s nicht). Auch wenn, eindeutig als Tragödie gesehen, zwei Kinder ein anderes Kind ermorden, heißt das nicht, dass nun Kinder andere Kinder ermorden werden, sonder dieser tragische Fall ist (auch) nur eins der zehntausend Dinge, die auf der Welt geschehen, und es kann mir nicht egal sein, was ich persönlich damit zu tun habe, und was genau habe ich damit zu tun. Dann schrumpft das Überwältigende auf eine überschaubare Menge, und die Fragen des Menschseins können mich betreffen, oder auch nicht. Von wem soll ich lernen, wen befragen, was für ein Menschsein mir eigentlich vorschwebt, ich meine mein eigenes. Und dabei sind die Vielzahl der Dinge oft im Weg. Auch braucht man zum Durchwandern der Jahre weder den Olymp der Götter noch das Darknet, doch wer entscheidet, wohin ich mich wende? Wann passieren die Übergänge, wann die Gaukeleien der persönlichen Spielart, wann die großen Erleichterungen, wenn auf einmal die Kraft da ist, genauer hinzuschauen, und da ist vielleicht nur ein einziger Punkt im Raum, aber immerhin kann dieser Punkt nicht geleugnet werden. Von wem auch.

inspire


eripsni
Wir (wer auch immer ihr seid), die wir in diese schwer ermüdbare Liebe für Indien gefallen sind, haben uns vermutlich alle mal zwischendurch gefragt, was es denn nun mit dieser…wie soll ich es nennen…“Seinskraft“ dieses Landes nun tatsächlich auf sich hat. Oder wo sie sind, die sprudelnden Quellen der vielgerühmten Weisheit und ihre bis zum Riksha fahrenden Bruder hin kostbar menschlich manifestierten Bausteine. Und dass wir, jenseits von all dem, was wir schon liebten, aber vor allem lieben lernten, in diesen Quellen baden durften, ohne zu ahnen, dass auch wir Zeugen und Zeuginnen werden würden von versiegenden Quellen, so, wie es Unzählige vor uns waren. Wenn ich es einfach haben wollte zuweilen, dachte ich an das Klima, dem indische Menschen ausgesetzt sind, wenn wir, die Wandernden oder fremdartig Einheimischen schon wieder unterwegs waren in unsere Geburtsländer mit den legalen Pässen. Und wie oft stand ich erschaudernd vor Kälte am westlichen Zugbahnhof, gerade die 40 Grad Celsius verlassen habend, eisiger Wind um die Ohren und auch mal Schneegestöber. Meist war es ja März, das Erwarten des Frühlings zum Mantra gestylt. Und dort die brütende Hitze, in der sich immer weniger Menschen schnell bewegen würden und werden, also eine monatelange Entschleunigung und sehr mühselige Bewältigung des Alltags. Aber muss er nicht überall bewältigt werden, doch, muss er, halt unter anderen Bedingungen und Spielregeln. Je länger man sich in einer anderen Kultur aufhält, desto klarer wird einem, dass sich Menschen bei aller vorhandenen Vielfalt doch sehr gleichen, vor allem in ihren Bedürfnissen und Wünschen. Und ja!, Bildung und Geld sind tolle Werkzeuge, mit denen man gestalten kann, aber in scheinbar armen Hütten habe ich auch viel Reichtum gesehen, kommt darauf an, wie man Reichtum definiert. Und da, wo es einerseits zu heiß wird für ein Wohlgefühl, da wird es andrerseits zu kalt dafür , und wenn es hier überhaupt eine Frage gibt, so hat sie mit unseren Befindlichkeiten unter den jeweiligen Umständen zu tun. Und wer weiß schon genau, wo und wie und wodurch man seine/n Meister/in macht, und ob man gut gespielt hat, damit das Ankommen bei sich selbst nicht infrage steht.

14. März 2023


Obwohl alles (auch) Bild ist, steht (noch) keines
zur Verfügung (oder ist es trotzdem eines)?
Seit ich dieses B/Logbuch in Bewegung gesetzt habe, kam es dabei 2021 zum ersten Mal zu längeren Pausen, die mit Verabschiedungen zu tun hatten. Mich ergriff das Gefühl, eben diesem (dem Gefühl), mit maschinellen Vorgängen nicht mehr gerecht werden zu können. Ein Mensch, dem man einen Platz unterm Banaianbaum eingeräumt hatte, verlässt die Erde, sodass man erschüttert wird von der Entgeisterung. Ein Tier, das bei mir ein- und ausging, wird von irgend jemandem überfahren, man wird nie wissen von wem. Und nun also Abschied von Indien. Was lasse ich zurück vom Unersetzbaren, dem Unvergleichlichen, dem langsam Versinkenden im Staub der eigenen Geschichte. Dem uralten Indien, Bharat genannt, dem ich den Rücken kehre: so, als ließe sich der Staub noch auffangen, oder als könnte man der bereits duplikaten Illusion doch noch eine weitere Maske aufsetzen, die bestätigt, dass dies einmal das gottergebene Paradies war, in dem Menschen die Gelegenheit hatten, sich unendlich viele Male zu reinkarnieren und fleißig und in eigenem Rhythmus voranzugehen. Auf sich selbst zu natürlich, und dann vielleicht sogar noch darüber hinaus: die Freiheit also von den eigenen Einstellungen und Meinungen. (Die Freiheit von den eigenen Meinungen.) Und hier ist also das Abendland, in das ich mich wieder einmal hineinfüge wie in ein Puzzlespiel. Kein Zweifel, ich bin hier geboren, in Berlin (Schöneberg), wo ich aber nicht mehr wohne, sondern woanders, auf dem Land, wo es stiller ist als in Indien am Varaha Ghat. Mal sehen, was sich auftut Ein neues Buch, oder das Buchlose.

Abschied

*

 

 

*Photo: Beatrice Ohlaver

zu euch

Überall Konstrukt –
Überall Leere und Ewigkeit –
Keiner weiß, dass ich hier sitze
in meiner Essenz – und tanze!
Ich und das Sitzen
in ihrem gemeinsamen Tun –
der Aufschrei im Klitzekleinen
die Wüste, die Wüste im Ruhn‘.
Am Nachmittag – irgendeinem –
gibt es dir alles, was ist. Alles,
was ist das? Schweigsame Zeiten –
belauscht vom Wortgefecht.
Ich spüre den Atem, meinen Atem,
im strömenen Flug des Jetzt –
da sehe ich meine Liebe
ihr Unausweichliches zu euch tragen.

Das Puskara-Mahatmya

A man of good fortune will
visit in the world of men
the famous ford of the God
of Gods, renowned in the
three worlds, which is called
Puskara…Just as Madhusudana
is the beginnung of all the
Gods, so is Puskara said to be
the beginning of all the fords.

hinausstarren

Da sitze ich gerade und starre hinaus,
aber ich weiß gar nicht genau, was ich
sehe oder sehen will. Ich bin gesättigt.
Gestern fragte mich Reena, was ich
denn fühlen würde bei diesem
wahrscheinlich endgültigen Abschied
von meinem direkt erlebten indischen
Leben. Sicher ist, dass eine tiefe Trauer
sich mühelos verbindet mit einer tiefen
Freude. Ich mache jetzt hier in meinem
Blog eine Pause, damit ich mich dem
Wortlosen widmen kann und darin
vielleicht ein paar neue Impulse finde.

home


zuhause
Und wie geht das, Abschied zu nehmen vor allem von e i  n e m Ort in einer Kultur, in der man sich – ich mich – ein halbes Leben lang zuhause gefühlt habe – meistens ein halbes Jahr hier und die andere Hälfte im Westen, bis das W/O sich wie von selbst ergab und eins vom anderen sich erfrischen und mit neuen Impulse entfalten konnte. Auch barg der indogermanische Weg immer noch unendlichen und schwer messbaren Reichtum – und in jeder Hinsicht seine abgründigen Gefahren. Deswegen tauchten 2020 im Netz eine ganze Reihe von Bildern auf mit Hitler/Modi Vergleichbarkeiten, die durchaus angebracht sein können. Da, wo es einem Menschen gewährt wird, eine Art Gott darzustellen, lauern Gespenst und Dämonen nicht weit. Man bittet darum, vom Humor nicht verlassen zu werden, denn hey!, ist es nicht durchweg eine Tragik -Komödie. Manchmal mehr Tragik  – dann wieder mehr Komödie. Ich freue mich von Herzen über die guten und liebevollen Begegnungen, die mir weiterhin überall entgegenströmen, denn ohne sie, die vielen Angestellten des brahmanischen Schöpfers, wäre auch meine Liebe für den uralten Stein und die zeitlose Asche bedeutungslos gewesen. Und ja, Inder, bzw.Hindus, verstehen etwas vom Spiel. Sie haben keine Wahl, was nicht immer nur ein Nachteil sein muss. Und für sie ist nach vorne alles offen, man kann sich im nächsten Durchgang verbessern. Aber wesentlich für mich ist vielleicht zu merken und zu spüren, wie so vieles aus meinem Leben hier eine Wärme in mir auslöst, eine Liebe, die inmitten der mächtigen Widersprüche in sich selbst wohnhaft geworden ist. Und über dieses erstaunliche Glück der Liebe, das wissen wir doch, lässt sich nichts wirklich Handfestes sagen. Aber immer wieder unterliegen wir dem Drang, Worte zu finden für das Unerklärbare. Dadurch erleichert sich die beseligende Bürde des Herzens.

Holy cow


Chandni aus Mohans Kuh-Herberge

Siesta


Siesta
Für mich als Kind stellte das Wort „Mittagspause“ immer eine unnötige Lebensbremse dar, vor allem, wenn sie von jemandem zelebriert wurde, den oder die man gerne wach und aufmerksam neben sich hätte. Aber dann lernt man sie irgendwann selbst schätzen, die wohltuende Unterbrechung, wenn so eine Variante im Alltagsablauf einem überhaupt möglich ist: also eine Ruhepause zwischen Vormittag und Nachmittag einzulegen, wo der Körper sich mal in der Horizontale erfrischen kann und sich bereitmache  für Akt II des Tages. In Indien wird dafür meist ein Tuch benutzt, das auch für viele weitere Tätigkeiten und Handhabungen einsetzbar ist. Zieht man das Ding ganz und gar über den Kopf, dann weiß jede/r, dass man nicht verfügbar ist. Ach, wer kennt nicht dieses wohlige Wegtreten vom Weltgetümmel, wenn man allein ist für eine Weile unter dem Schutzschirm, befreit von Kaste und Kisten. Und in jedem Betrieb könnte so ein Siesta-Raum sein, damit Menschen ihren eigenen Gedanken nachhängen können oder auch nicht. Auch die Affen schlafen oft mittags oben auf der Terrasse, während die Kleinen auf ihnen herumturnen. Das war jetzt ein Mini-Plädoyer für die Siesta. Gleich kommt Mohan, der Wächter des Ghats (Zugang zum See), mit dem Motorrad vorbei und fährt mich zu seinen Kühen, die die ganze Familie ernähren (mit Milch und Yoghurt und Ghee und Malai), und ein Leuchten in seine Augen zaubern können, wenn er von ihnen erzählt.

hüten


Engel des Vergangenen
Natürlich hatte ich all meine kostbaren Lieblingsporzellanfarbtöpfchen hierher in die Oase  mitgenommen, aber bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal herausgeholt. Seit meiner Trauer um Mensch und Tier im vergangenen Jahr habe ich keinen Pinsel mehr angefasst, und noch immer regt sich kein Impuls zum Farbfeld hin. Ich habe aber dann so ein bisschen herumgerührt im Grüngold und gleich den Engel  gesehen, der ins Vergangene hineinschaut. Nicht so ein prächtiger Erzengel, am Abgrund des Daseins die unlösbaren Rätsel des Menschenwesens durchgrübelnd, nein. Es ist ein eher stiller und wortloser Hüter all des Vergangenen, dem man mit Sprache (leider) niemals gerecht werden kann. Es tut mir auch gut zu wissen, dass mein eigenes Vergangenes in behüteter Schwebe gehalten wird, wenn auch nur von  mir bzw. dem Pinsel und natürlich dem Grüngold. Denn ich weiß, dass der noch tiefere Dank dem lebendigen Nu gilt, und das ist, wofür ich dann frei bin: für den Aufenthalt im Nu.

OmG


Das ist die Ecke. wo ich die Flügel der Tauben,
die Sukho der Kater, den ich füttere, erwischt
hat, hinkehre. Natürlich möchte ich, dass die
Taube ihre volle Lebenszeit genießt, aber ich
freue mich auch für Sukho.
„O my God!“ lässt sich leicht rufen, kann auf Entzücken angewendet werden und auf Erschrecken, und der berühmte Satz von dem sich verlassen fühlenden Jesus taucht auf. Was war da geschehen, und warum fühlte er sich genau in dem Moment, wo er die göttliche Hilfe dringend gebraucht hätte, allein gelassen? Und Mutter Theresa, die in Kalkutta gewirkt hat, erzählte mal, sie hätte nur eine einzige direkte Verbindung mit Jesus gehabt, dann nie wieder. Aber sie machte einfach weiter, vielleicht, weil ihr nichts anderes einfiel. Auch in der Philosophie ist gesagt und erfahren worden, dass das Thema „Gott“ nicht übersprungen werden kann – oder kann es ? Natürlich ist vielen von uns aufgefallen, dass die Trennung zwischen Göttlichem und Menschlichem ziemlich unerträglich ist, aber es ist auch nicht so, dass beides automatisch beisammen ist. Der göttliche Mensch als Idee musste einfach aufkommen, aber wie hinkommen? Man unterscheidet hier in Indien zwischen „zertifizierten“ und „selbsternannten“ Gurus, was nicht unbedingt etwas heißen muss. Aber es geht ganz eindeutig um das Maß des vom göttlichen Nektar getrunken Habenden, wer soll das beurteilen. Was mich zum Grübeln bringt ist die Tatsache, dass ich mich auch jahrelang in belebendem Gespräch mit Gott befand. Shiva war keineswegs ein Fremder, er war ein Vertrauter.Und abgesehen davon, dass seine überall zu findenden Abbilder von verführerischer Anziehungskraft waren, muss ich ihn mir genau so geistig gebastelt haben, wie mir ein höchst inspirierendes Wesen als Gegenüber wünschenswert erschien. Es entlockte den Strom der Gedanken und der Gefühle und brachte sie in eine Richtung, in der sich der freiwillige Wunsch nach Ordnungen entwickelte. Neue Herausforderungen kamen ins Spiel: das gute und schmerzlose Sitzen im entgrenzten Raum, das nach innen gerichtete Auge und das nach innen gerichtete Ohr,um aufnahmefähig zu werden für das, was sich auf dieser Ebene erfahren ließ. Es war nicht wenig und hätte sich mühelos ins Mystische oder Phantastische ausdehnen können, hätten die LehrerInnen  nicht vor Phänomenen gewarnt. Oder man selbst war letztendlich mehr angezogen vom Nüchternen, zum Beispiel dem Zustand des Menschlichen auf diesem gottverlassenen Planeten. Aber wer weiß schon, ob er ihn verlassen hat oder noch da ist und immer da war als ein Gefühl, oder ein Bedürfnis, oder eine Notwendigkeit. Ich sehe mich, wenn diese Gedanken auftauchen (z.B. „…wer war ich denn damals und hielt das Geglaubte für Wissen)(?)), einfach herauswandern aus diesem speziellen Bereich der Wahrnehmungen. Ich traue uns Menschen vieles Kraftvolle zu, als Mensch unter Menschen. Wo der Gott, mit dem ich mich einst verbunden fühlte, geblieben ist, ich weiß es nicht. Es war jedenfalls kein Abschied, nur eine Veränderung. Die Instanz hat ihre Wirksamkeit verloren, ohne den Glanz des Lebendigen zu verringern.

Abschied nehmen…


Ein Teil des Unten von der Terrasse aus
Kein Zweifel, ich bewege mich im Prozess des Abschiednehmens und finde, dass Abschied auch ein Geben ermöglicht. Vielleicht eher ein Zurück-geben aus tiefer Dankbarkeit heraus  für die Möglichkeit, an eine Quelle hingeweht worden zu sein, von der ich zu wenig wusste, um mehr als reine Neugier einzusetzen. Oder war es doch mehr, etwa ein kleiner geistiger Bluttransfer einer Sehnsucht meines Vaters, der immerhin Paul Brunton las und dadurch wusste, was man in Indien suchen ging (außer Gold und Edelsteine) und was angeblich dort zu finden war. Und immer mal wieder gab es Momente, wo Menschen sich aufmachten, um persönliche und kulturelle Grenzen zu erweitern  oder gar zu sprengen und neuen Strömungen Einlass zu gewähren.  Und hier, in Indien, ist mentales Dehnungspotential in jeder Hinsicht vorhanden. Und obwohl die sagenumwobene, uralte Weishei, verkündet durch einen von Praxis gestähltem Mund (langem Bart und schlohweißem Haar) (also der Herrgott persönlich) nicht mehr zu finden ist, so kann man Wissen doch jederzeit erwerben. Und nur hier in Indien fand ich auch, dass es gerechtfertigt war (nach vielen Jahren Aufenthalt), auf die Frage, wo man in einem Ashram was lernen könnte, auf einen Chaishop hinzuweisen mit dem Rat, dort mit offenem Geist das Geschehen wahrzunehmen. Denn überall findet episches Drama (und Denken) statt, überall exzellente Spieler-und Spielerinnen, zutiefst verbunden mit ihrer (hier im Hinduismus ja nimmer endenden) Rolle. Und ja, hier fand ich die Zeit und den Ort und den Raum, um mich  nach Herzenslust der Wahrnehmung des doch oft überwältigenden Daseinsgeschehens zu widmen. Ich meine natürlich die Fahrt, immer im Raumschiff durchs All, und dass sich diese Art von Natürlichkeit nicht im Widerspruch befand mit der immensen Fähigkeit der Inder, einfach schlicht und einfach alles für möglich zu halten, weil man draußen und drinnen sehen gelernt hat. Und wenn jemand gesichtet wurde, den oder die es offensichtlich mehr nach innen als nach außen zog, dann gab es klare Angebote für die gesuchte Entscheidung. Ich weiß nicht, wie es ist, sich in andere Kulturen einzulassen, aber ich kann mein Einlassen in die indische Kultur am besten als einen Segen bezeichnen. Und wenn mich jemand fragen würde (oder ich mich selbst), wie sich dieser Segen ausdrückt, so könnte oder kann ich um mich schauen: ich lebe am (sich nähernden) Ende meiner Reise als Gast in einem der schönsten Häuser am See. Es ist ein altes Haus mit dicken Mauern, die mitten im oft lauten äußeren Getöse eine wunderbare Art von Stille haben, und so bin ich mittendrin und doch wohnhaft in dieser Stille. Es fällt mir nicht schwer, auf dieses Gefühl, das aus allen Ecken und Winkeln und der Wüste selbst und ihren BewohnerInnen auf mich zuströmt, zu antworten mit der Liebe, die aus mir herausfließt und sich nicht interessiert für die Grenzen. Und vielleicht ist es ja genau das, oder nur sie, die Liebe, die man hemmungslos in den offenen Raum strömen lassen kann, denn sie wird (vermutlich) keinen Schaden anrichten.

Portrait

 


Sakshi mit  Maggie und Stella

typisch (?)

Heute kommt die Sunday Times, obwohl Montag ist, das geht schon so seit Wochen. Ich habe aufgegeben, den Zeitungsbringer aus der Sikh Community zu fragen, ob es wohl eines Tages mal wieder zusammentreffen könnte, der Tag und die Tageszeitung. Egal, sonst beklagt sich ja keiner. Es macht eh keinen bedeutsamen Unterschied, man hat ja noch andere Quellen und wusste deswegen vieles schon gestern, was man heute überfliegen kann. Was mir jetzt (nochmal) auffällt ist, dass auf der Titelseite entweder ein neues Phone gepriesen wird, heute von Apple (das FURSAT) (?), auf dessen display man  eine schön geschminkte Frau im erzkonservativen Hochzeitsdress sieht, oder einem ein schickes Appartment ans moderne Herz gelegt wird in diesen Hochhäusern, wo bald Therapeuten dringend gebraucht werden für die von ihrer „Mata Bhoomi“  (Erdmutter) Getrennten.  Dann kommen wir in die Politik, und wir sehen hier in meinem schlecht abphotographierten Photo
Herrn Chandrachud, den Obersten Richter von Indien, sich über ein Budget (immerhin von 7000 Millionen Rupien) für das Rechtwesen freuen. Die Hände sind gefaltet, der Blick geht nach oben, wo einst Gott saß, und Krawatte und Turban bilden keinerlei Widerspruch.
Dann starb die Sängerin Vani Jayaram mit 78 Jahren durch einen Sturz im Haus. Sie sang über 10 000 Lieder in 19 Sprachen, die sind jetzt alle mit ihr verbrannt….und kannte sie jemand, der oder die das hier liest?
 Dieses Bild auf Seite 2 spricht eigentlich für sich selbst – doch sind das die Eltern oder das glückliche Brautpaar, die für einander gefunden wurden, das ist nicht so klar.
In der Kailadevi Wildlife Sanctuary fehlt der Tiger T-132. Man vermutet, dass er der schwangeren Tigerin T-138 gefolgt ist, aber man weiß es nicht, weil sie beide verschwunden sind.
Dann der übliche Mord, diesmal inspiriert durch einen Film, in dem der Körper (der Frau) in viele Stücke zersägt wurde und diese Praxis neuerdings zu mörderischen Anregungen geführt hat.
Dann ein Racheakt, bei dem der Vater eines Sohnes, der ermordet wurde, ins Haus des Mörders geht und dort eine Menge Wertsachen stiehlt. Jetzt sitzt er selber im Knast, was soll das.
Nun ein paar langweilige Photos vom Desert Festival in Jaisalmer, wo mich keine 10 Pferde hinkarren könnten in diesen Tourismus Hotspot.
Und dann kommt, ganz bescheiden unten auf Seite 5 ein Loblied auf Narendra Modi, der, heißt es da, beliebter ist als Joe Biden und Macron und sogar Rishi Sunak, die neue britische Sonnengestalt. 78 % Approval Rating hat er, der PM, mit dessen Namen ich hier im Dorf vorsichtig hantieren muss, denn es gibt viel approval rating für ihn, den Führer der Hindutva Bewegung. Sie lieben ihn, wenn mir eher übel wird von seiner ekelhaften Betulichkeit. Auch wenn es vielleicht eine andere Seite zu der BBC Dokumentation über Narendra Modi gibt, sollte man sich den Streifen anschauen. Das, was darin zweifellos auch wahr ist, ist in Indien verboten worden, weil Herr Modi den finstren Schatten nicht los wird (dass er mal befohlen hat, 3 Tage lang nicht einzugreifen, als Hindus Muslime gejagt und getötet haben auf bestialische Weise. Hindus sehen sich gerne als friedlich, das kann noch eine Weile dauern.
Schah Rukh Khan, der hier in dem viel umstrittenen Film „Pathaan“ (der am ersten Spieltag ungeheure Summen einspielte) Neues und vorher selten Gesehenes mit Deepika Padukone zum Besten gibt, ist ein Muslim, der mit einer Hindu Frau verheiratet ist, sich aber als bester Schauspieler durchsetzen konnte. Der Anstoß war, dass Frau Padukone dieses gewagte Kleidungsstück in orangener Farbe trug, also die heilige Farbe der Auserwählten damit kühn ins Lasterhafte geworfen wurde, das ließ die Besucherzahlen nach oben schnellen. Selbst ich war etwas überrascht, als mir Shivani den Trailer zeigte, denn vor Kurzem war Küssen in indischen Filmen noch verboten. Allerdings singt sie hier zur Szene im Film, dass es ihr scheißegal ist, was andere denken, denn sie will einfach tun, was sie will, und dagegen ist ja nichts einzuwenden.
Das war der Montagsbeitrag von mir, die ich gerade mein eigenes, ganz persönliches Indien lebe, das sich auch zuweilen mit diesen Facetten unterhalten kann.

r.m.drake

She asked if there was anything
I wanted for next year? If I had
any goals?
I looked at her and said: healing.
I just want healing. That’s all.

The Dilbert Experience

Der Comic „Dilbert“ begleitet mich auch schon viele Jahre in Indien, und obwohl ich ihn gruselig finde (weil er gruselig ist), lese ich ihn jedes Mal, das mag viele Gründe haben. Das andere Zeug auf den abgründigen Karma-Seiten der „Times of India“ habe ich dann schon hinter mir, die Gruppenvergewaltigungen, die unter Büschen abgelegten, weiblichen Neugeborenen, die gnadenlos überfüllten und daher verunglückten Jeeps, die sich sorgfältig zerhackt habenden Ehegatten oder Gattinnen etcetera. Dann kommt die Seite, wo die anderen Sachen stehen, die sogenannte „Sacred page“. Kann auch ein bisschen ermüdend sein, der Tanz um die Methoden und Wege der Selbsterkenntnis herum, und wie man definitiv zu Gott oder sich selbst kommt, oder gar zu beiden, oder zum Nichts,  und wie man definitiv nicht dort hingelangt. Das ist dann der Moment, in dem „Dilbert“ seine nüchternen Fühlerchen zur Wirkung bringen kann. Alle Figuren im Spiel setzen ihre offensichtlich grotesken Fähigkeiten ein. Der Boss ist ein Unhold, die Mitarbeiter/innen von penetranter Gefühllosigleit. Aber immerhin, im obigen Comic möchte Dilbert Asok aus der Gefangenschaft der „Jargon-Matrix“ retten, und wer möchte denn nicht aus der Jargon-Matrix gerettet werden!? Auch kann hier, ebenso gut wie woanders, der über die Groteske geleitete Durchbruch hin zum Tröpfchen Wahrheit sich wie von selbst ergeben, und  deswegen lacht man ja, weil man was verstanden hat, auf das man s o nicht gekommen wäre. „Wo zum Teufel kommst denn d u her, fragt der aus der Blase Gerissene den tapferen Helden Dilbert, der sich für den Kollegen auf die gefährliche Dimensionsverschiebung eingelassen hat. Nur durch diese Heldentat des Herbeigeeilten wird ihm (Asok) ja klar werden, oder auch nicht, dass er sich in einer Blase aufgehalten hat. Groteske mit einer erlösenden Wirkung kann eine warmherzige Komponente haben. Gestern war ich zu Besuch bei Freunden, die in einem Marmorpalast wohnen. Dort wohnen auch fünf kleine, sehr fette Hündchen, die jede substantielle Unterhaltung unmöglich machen, und so klafften viele Themenfetzen zwischen Modi, den sie alle lieben, ich aber unerträglich finde, und ob nicht die praktische Wasserspülung des indischen Toilettenverhaltens gut zu verfeinern wäre mit westlichem Klopapier, was noch immer zu indischem Erschaudern führt. Auf jeden Fall immer die Hündchen überall, geradezu unbeweglich gemacht durch Überfütterung, im Bett auf der werdenden Mutter liegend und so verwöhnt, dass sie alleine kein Fressen zu sich nehmen, sondern handgefüttert werden müssen, also die Chapatis mit dem Yoghurt runterschieben in die Hundekehlen, das Ganze fünf Mal. Warum ich darüber lachen kann ist, weil ich die Menschen mag, sie sind mir wichtig. Wir haben sehr viele bereichernde Stunden miteinander verbracht, sind durch riesige Dramen miteinander und ohne einander gewandert, haben einander überrascht und gefordert. Das können doch ein paar Hündchen nicht stören, isn‘ t it, Dilbert?

herumstehen

In Indien wird viel herumgestanden – allein oder auch zusammen. Es fällt nicht weiter auf, da es überall zu sehen ist. Die neue Variante ist das Smartphone, das in der Hand nicht fehlen darf, ich meine natürlich vor allem Männer. Denn wenn eine Frau einfach nur herumsteht, fragt sicherlich jemand, ob sie nichts zu tun hat. Ich stehe zur Zeit auch öfters mal herum, das hat mit meinem heranziehenden Abschied von Indien zu tun. Ich stehe und starre hinein in das unzerstörbare Ewig, in dem ich immerhin mein halbes Leben herumwandern und wirken konnte mit dem, was ich jeweils war. Nun bin ich tatsächlich die, die „in it“ ist, aber nicht mehr „of it“. Alles, was ich höre und sehe, ist zutiefst vertraut: das Herannahen der Affen, das Brüllen der Ochsen, der ohrenbetäubende Lärm der Hochzeitsmusik, das konstante Hupen der Rikshas und Scooter und Motorräder, und das laute Schreien natürlich der Menschen, die direkt vor dem Haus am See ihr brahmanisches Ego ausleben. Und wehe, es macht jemand was falsch, dann sind sie in ihrem Element, die selbsternannten Halbgötter. Nun ist mir aber vor ein paar Tagen beim Stehen aufgefallen, dass gegenüber, in einem der unzählbar vielen neuen Hotels, zum „Weißen Lotus“ betitelt, auf einmal keine Techno Musik mehr nervt, sondern langsame Stücke einer friedlichen Musik sich in mein Lauschen hineinversenkt haben. Das kommt nicht so häufig vor, dass Musik mich direkt anspricht, seit meine eigene Musik sich aus meinem Leben in Form einer Geige zurückgezogen hat. Ich hatte sie noch hier, als ich anfing, am Feuer zu sitzen, bis mir klar wurde, dass sie den Sand der Wüste nicht überleben würde, und gab sie weiter. So ging ich eines Morgens tatsächlich hinüber zur Musikquelle und traf dort Arnold der Costa, einen jungen Mann aus Goa, der drei Foreignern gerade sein Yoga vermittelte. Er versprach mir, ein paar Stücke von seiner Playlist zu meinem WhatsApp zu schicken, und tatsächlich, heute früh trafen sie ein. Ich stand noch eine extra Weile herum und freute mich. Es ist meine Abschiedsmusik – neu – ruhig – zutiefst berührend und Kunde gebend vom Unaussprechlichen.

yatra


Rahul Gandhi, der Wanderer
Nun sind die vom Unwetter durchnässten Materialien getrocknet, und man kann sich mit anderem beschäftigen. Es segelten (wegen der klimatischen Verzögerung) gleich drei „Times of India“ durch meine Haustür, der austragende Sikh war sichtlich überfordert. So erfuhr ich, dass Rahul Gandhis sogenannte „Bharat Yodo Yatra“ in Kashmir zu Ende gegangen ist, was auch das Ziel war. Dort schneite es, und selbst Gandhi hatte eine Jacke an. Man sieht auch, dass er ein bisschen verklärt wirkt. Aber klar, er hat vierzehn indische Staaten zu Fuß durchquert, und das in fünf Monaten. Ich erwarte nicht, dass diese Nachricht jemanden vom Hocker reißt, aber mir gefällt die Geschichte, weil sie m.E. nur in Indien stattfinden kann. Ein Politiker also, der es eh schon schwer hat wegen seiner Zugehörigkeit zur Gandhi-Dynastie, aber auch persönlich gegen ein schwer auflösbares Weich-Ei-Image zu kämpfen hatte und hat,  dieser Sohn von Sonia Gandhi, (halt auch mit dem italienischen Blutstropfen drin), der hatte irgendwann diese Idee, dem Volk näher zu kommen und dem Volk zu zeigen, dass er das kann. Denn man nahm ihn nicht ernst wegen dem Goldlöffel im Mund, und so zog er aus und verkündigte, von sich aus auch alleine seine Wanderung zu machen, nur für seine eigene Liebe für Bharat (Name für Indien), also nicht für das Vater – sondern für das Mutterland, Bharat Bhoomi eben (Kosenamen für die (indische) Erde). Bald folgten ihm Tausende, überall küsste und herzte er Menschen, und stramm ging’s weiter, bald mit mitreisender Küche im großen Stil: Zelte für die Zugelassenen, Essen und Trinken von guter Qualität. Die Inder sind wahre Meister dieser organisatorischen Vorgänge, alles klappt am Schnürchen, überall Helfer für die immer größer werdende Sache, bei der man nun dabei ist: Rahul Gandhi wandert von unten im Land nach oben, wo die Feinde (Muslime) wohnen, aber nicht seine, er ist auch menschlich und herzlich zu Muslimen. Es wäre ein Leichtes, einen Heiligen aus ihm zu machen, aber er läuft eben bereits wieder als Politiker, und ob ihm die Menschennähe bei der nächsten Wahl helfen wird, das steht in den Sternen, aber leider nicht geschrieben, sonst könnte man’s ja lesen. Für mich ist das so, dass ich daran interessiert war und bin, ob es ihm gelingen wird, diese gruselige BJP-Partei von Narendra Modi zu besiegen wegen der Hindutva-Gefahr. Nicht ohne Grund blitzt das Hitler-Gespenst vor dem Auge auf. Wann ist etwas schon zu weit gegangen, und wann gibt es endgültig kein Zurück mehr. Wenn die Spieler merken, auf welchem Feld sie stehen, und wo der Rubel rollt. Wir leben in einer Zeit, in der menschliche Qualitäten viel diskutiert werden, aber wo bleiben Raum und Zeit, sich um die Umsetzungen zu kümmern? Sie kommen ja nicht von alleine, die Qualitäten, man muss sich (ständig) um sie kümmern. Und was könnte der friedliebende Rahul Gandhi tun, wenn er beim Republic Day als Prime Minister da säße, wenn die nur in indischer Produktion gefertigten Waffen an ihm und den Anderen vorbeifahren würden (weil sie nun mal da sind), und irgendein politischer Unhold müsste aus verschiedenen Gründen sein Ehrengast werden?

klimawandeln

Kaum hatte ich vom Doomsday gehört, hatten wir hier im Städtle unseren eigenen kleinen Doomsday. Im Januar kann es zwar vorkommen, dass es mal zwei bis drei Tage bewölkt ist, dann bleibt man besser drin, denn niemand ist guter Laune. Es hat auch schon mal kurz gehagelt, was zu allgemeinem entzücktem Aufheben der glitzernden Kügelchen führte, aber d a s, was Sonntag in der Hergottütsfrühe hereinbrach, an sowas konnte sich niemand von denen, die ich befragte, erinnern. Ununterbrochen brüllte und toste und wütete ein gigantisches Wolkenungetüm nach dem anderen durch die Gegend, begleitet von furchterregenden Blitzen und (beim Zeus!) einem Donner, der durch alles Menschengefügte hindurchdrang und es erzittern ließ. Noch nie fühlte ich mich so geschützt durch dicke Mauern, obwohl durch die obere Öffnung in der Decke ein Wasserfall herabsschoss, den ich immer mal wieder in die monsoongeprüften Abflusslöcher des Bodens dirigieren musste. Irgendwo fing es an zu tropfen, ein Eimer konnte es auffangen. Ich staunte über die Ausdauer der elektrischen Zufuhr, bis das dann auch kollabierte und uns mit nervösen Blicken auf unsere Smartphones zurückließ – wie lange würde das Aufgeladene durchhalten? Immer wieder musste ich an Manchu (die im Haus zweimal in der Woche putzt) denken, die in einer Art Zelt wohnt, also einer Plastiküberdachung, die nicht verbunden ist mit dem Bodenbelag. Auch konnte ich immer mal wieder spüren bis in die späte Nacht hinein, wie die dicke Haut des als „normal“ Betrachteten und als solches Gelebten sich aufzulösen begann und darunter die nervöse Ahnung einer Katastrophe sich meldete. Mal öffnete ich das Tor, dann ein Fenster – alles menschenleer. Ich bedaure jetzt am Dienstag und nach der gestrigen Putzorgie, von dieser Menschenleere kein Bild gemacht zu haben, eine geradezu atemberaubende Seltenheit in diesem Land: kein Mensch und auch kein Tier weit und breit. So versuchte ich immer, mir den indischen Lockdown vorzustellen, die Frauen natürlich eh meist drin, aber auch alle Männer drin im Haus, aller testosteronregulierenden Spielplätze beraubt! Aber es hat zweifellos auch etwas zu bieten, so ein Ausnahmezustand, vor allem, wenn der Schaden nicht zu groß ist. Es lässt die Blase erzittern, in der man sich eingerichtet hat, und jedes menschliche Lächeln kann zum Geschenk werden. Es kann auch das eigene Lächeln von seinen eingefahrenen Bindungen befreien.

Marie-Luise Kaschnitz

Alles

Sprecht sie nicht aus, die Schönheit,
Verschweigt die Liebe.
Rührt nicht an Gott.
Sehr jung habt ihr euern Tod
Hinter euch gebracht.
Jetzt trägt der Mittag das Gesicht der Nacht.
Jeder Schritt die Gebärde des Falles.
Da wir im Leeren stehen,
Was kann uns noch geschehen?
Alles.

 

 

 

Doomsday Clock

In einer Mail drückt Tamara Ralis ihre Fassungslosigkeit über „den Willen zum Krieg“ aus, da habe ich gerade in einer Ecke der Times gelesen, dass es eine „Doomsday Clock“ gibt, auch Weltuntergangsuhr oder Atomkriegsuhr genannt. Sie zeigt, wie nah sich die Menschheit am Abgrund der Auslöschung befindet. Nein, es ist kein esoterisches Phantasiegebilde, sondern das Wissenschaftsmagazin „Bulletin of the Atomic Scientists“ verkündet diese drohende Gefahr jedes Jahr im Januar, also jetzt. 1945 kam die Idee vom Ausschuss für Wissenschaft und Sicherheit, der von Albert Einstein gegründet wurde. Von 1947 an gab es dann diese Uhr, die eine Metapher ist für die Gefahr der Menschheitsselbstauslöschung. Mitternacht steht für den Weltuntergang. Jedes Jahr wird die Uhr neu eingestellt. 17 Nobelpreisträger werden konsultiert. Nun sind die Zeiger (so nah wie noch nie) auf 90 Sekunden vor Mitternacht gestellt worden wegen dem Krieg in der Ukraine und der Klimakatastrophe (und fortschreitenden Technologien und biologischen Bedrohungen wie Covid). Ich schaue hoch von Mail und Artikel und denke an die über eine Milliarde Inder, von denen ich keinen Willen zum Krieg vernehmen kann, wenn auch der Gewaltpegel ständig steigt, und kenne auch sonst niemanden mit diesem Willen, aber dass die Zeiger noch nie so nah an der ultimaten Katastrophe standen, das kann schon beunruhigend wirken. Als wüssten wir’s nicht, wie blitzschnell es passieren kann, aber nicht muss. Offensichtlich trauen sehr viele Menschen Putin zu, Atomwaffen einzusetzen, auch wenn man grübelt, was er wohl davon hätte, aber er muss ja nichts davon haben außer der Erkenntnis, dass seine Schlupflöcher nicht mehr brauchbar sind, so wie einst Hitlers Hand dann doch zum Zyankali griff und dadurch selbst von Nahestenden als feiger Hund erkannt wurde. Aber zu tief will ich ja gar nicht hinein in den visionierten Abgrund, nein. Ich möchte weiterhin mit der verbleibenden Zeit so umgehen, wie es mir möglich ist: friedlich, nicht schadend, voller Achtung für das Lebendige, und wachsam, wachsam, wachsam den globalen Bewegungen gegenüber.

zerbrechlich


Lücke im Stein
Eine kleine Lücke im Stein (kann man so viel Aufmerksamkeit von sich fordern?), und alles ist anders. Kalima!, ruft ein Vorübergehender und eilt zu Hilfe, aber ich bin nur noch Wirkung des schwer Denkbaren. Zuerst ist es nicht nur der Körper – das System steht unter Schock. Es wird um mich gekümmert. Das ganze Gewicht ist auf das Handgelenk gefallen, der Knochen ist gebrochen. Eine Weile denkt es gar nichts – es ist erfüllt von Übelkeit. Auf dem Weg zum Government Hospital, und auch dort,  ist nur Schattenreich, betäubt von Schmerzen. Das X-Ray überrascht nicht, es muss operiert werden, dafür gibt es hier keine facilities. Ich muss das wunde, verdrehte Ding halten, bis es an den richtigen Ort kommt. Aber die Spritze hilft schon, in Verbindung zu kommen mit dem, was ich zur Handhabung brauche: die Unterscheidung zwischen dem, was meinem Körper zugestoßen ist, und mir, die ich nun gefordert bin, damit umzugehen. Klar!, wenn das Schiff in Not ist, muss das erst einmal geregelt werden, um es wieder seetüchtig zu machen. Der Anker wird ausgeworfen, die Beweglichkeit eingeschränkt. Nun muss die rechte Hand (zum Glück) alles übernehmen, und siehe da!, sie kann es. Gerne überschreitet man (oder ich?) eigene Grenzen, und es ist befriedigend zu erleben, was alles anders geht als das, was bisher so selbstverständlich schien. Wie oft hat man von ihnen mehr oder weniger flüchtig gehört, von den Toten, ja, aber auch von den Verletzten, von denen man hinterher nie etwas hört, warum auch, Wir sind so verletzlich, so zerbrechlich. David, ein alter Freund von mir aus Guatemala, wollte seinem schwerreichen Vater mal, als er 17 Jahre alt war, beweisen, dass er arbeiten konnte, und ging in den Semesterferien auf den Bau, wo ihn eine fehlerhaft schwingende Eisenstange vom Gerüst fegte und an den Rollstuhl bannte. Ich habe ihn hier in Indien getroffen – er reiste allein und sah im Rollstuhl aus wie ein König. Es ist lebenswichtig, wer um einen herum ist, aber viele Stunden ist man auch allein und froh, wenn der nötige Schlaf kommt oder die notwendige Energie, um das zu tun, was auf einmal viel Zeit und Aufwand kostet. Und doch kann ich damit rechnen, dass sich der gebrochene Knochen wieder zusammenfügt. Mit den „karmischen“ Zusammenhängen, mit denen im meditativen Raum so gerne gepokert wird, bin ich sehr locker geworden. Denn das aus einem sich Herausdichtende ist schön, wenn es sich meldet, aber das Hineindichten von außen ins Ungewisse halte ich nicht mehr für angebracht. Es ist allerdings  nichts dagegen einzuwenden, Erlebtes als eine Stimmigkeit zu empfinden, was ja nur bedeutet, dass man das Überraschende und Erschreckende angenommen und mitgenommen hat, damit es (auch) in eigener Regie gut heilen kann.

 

 

(Babasaheb) Ambedkar

Die indische Flagge des Nachbarn an einem dunstigen und windigen Tag
Dass ich trotz Einschränkung meines linken, gegipsten Unterarmes ausgerechnet am „Republic Day“ einem Schreibimpuls nachgehe, liegt daran, dass ich heute früh an Dr.Ambedkar dachte, der maßgeblich an der Ausarneitung der indischen Verfassung beteiligt war, die heute gefeiert wird  mit pompösem Zirkus, und vor allem mit Waffen. Stolz wurde verkündigt, dass dieses Jahr bei der stinklangweiligen Show ausschließlich in Indien produzierte Waffen gezeigt werden. Man sieht Ambedkars Asche erzittern. Er war geboren als ein „Dalit“, als ein Unberührbarer (auch Harijan genannt), der nur zur Schule durfte, weil  sein Vater bei der Armee war. In der Schule musste er hinten allein auf einem Tuch sitzen und durfte (auch) den Wasserhahn nicht anfassen, weil er als unrein galt, was bis heute z.B. daran zu erkennen ist, dass Dalitfrauen als Freiwild gelten, und viel zu träge bewegen sich die Veränderungen. Ambedkars Intelligenz wurde von einem Mann erkannt, der ihm mit geringer Buchstabenveränderung zu einem Brahmanen-Namen verhalf und damit den Weg zu ungehinderter Entwicklung freilegte. Ambedkar setzte sich unermüdlich für die Rechte der unteren Kasten ein, befreite sich selbst aber letztendlich von dem unerbittlichen System, indem er den Hinduismus verließ und (1956) zum Buddhismus wechselte. Hunderttausende Dalits folgten ihm, ein Grund dafür, dass der in Indien schon fast versiegte Buddhismus neuen Aufschwung erhielt. Das buddhistische Rad (dharmacakra) auf der indischen Flagge  soll auch von einer Anregung Ambedkars stammen, und das „Löwenkapitell“ des buddhistischen Kaisers Ashoka wurde zum Staatswappen der indischen Republik erhoben. Warum zittert die Asche Ambedkars? Weil nicht viel pasiert ist, nein, viel schlimmer: etwas vom Dunkelblut der Auserwählten ist in die falsche Richtung gegangen, und bewirkt dort die als Normalität empfundene Ausgrenzung und den bewussten Missbrauch von Menschenleben. Ich selbst lebe im Haus von Brahmanen, die mir gegenüber keinerlei wahrnehmbare Kastenablehnung demonstrieren, ganz im Gegenteil. Als ich den Unfall hatte und ich mich wehrte gegen zu viel Hilfestellung, meinte die junge Frau des Hauses, das sei doch selbstverständlich, ich wäre doch ihre Mutter. Ich wiederum lege sehr viel Wert darauf, niemandes Mutter zu sein, oder sagen wir mal, ich ziehe die nackten Tatsachen vor. Und die sehen so aus, dass ich zwar dankbar das brahmanische Essen annehmen darf, aber würde ich selbst was kochen und ihnen bringen, würde es niemand im Haus auch nur anrühren. Auch das Geschirr, das ich mit dem Essen bekomme, wird drüben nicht gebraucht, es ist für Nicht-im-Haus-Wohnende. Im Jahr 2020 wurde ich von der Familie eingeladen, Republic Day auf der riesigen Flatscreen ihres Fernsehers zu schauen, und bald saß ich da allein im kalten Wohnzimmer und wurde (kurz) erfasst von der ungläubigen Gier, immer mehr Display von Erbärmlichem zu sehen. Ich glaube, Jair Bolsonaro war damals der Ehrengast bei Narendra Modi, dem aufgestiegenen Sohn des Chaishopbesitzers aus Gujarat. So sind wir alle Zeugen und Zeuginnen des hellen und des dunklen Wahns. Draußen donnern die Trommeln. Ich habe mich an den Vater der Verfassung erinnert als ein ehrenwertes, menschliches Beispiel.

*

 

 

 

*aus: „Kali-The feminine force“ von Ajit Mookerjee

Pause


Miracle
Leider kann ich nicht in vollen Zügen mit meiner Begeisterung für’s Tier fortfahren, denn gestern habe ich mir das linke Handgelenk gebrochen, obwohl ich auch hier von gutem Schicksal umgeben war. Denn Alok (der Bruder meines Hausbesitzers) kannte buchstäblich jeden Arzt, der infrage kam, und dann kam einer in einem Privatkrankenhaus infrage, damit das Ganze nicht zum Alptraum mutiert durch endloses Warten und Infektionsgefahren in anderen Krankenhäusern, und nun ging es wie das Haar durch die Butter (indischer Ausdruck). Ich verstand auch den Ausdruck „Operation Theatre“, denn es war für mich eine Möglichkeit, trotz Schmerz und Übelkeit  die Exzellenz einer Performance-Kunst zu schätzen, auch wenn sie am eigenen Körper demonstriert wird. Er meinte, er hätte diese angewandte Methode von einem italienischen Freund gelernt, in ein paar brutal wirkenden Handgriffen hatte er die sichtbare Verdrehung wieder ausgerichtet, dann der komplizierte Drahtvorgang bei angespannter Stille, bevor wir über Narendra Modi sprachen. Nun werde ich ein paar Tage nicht (nur) mit der rechten Hand hier umhertippen, sondern warte mal ab, wie sich das alles entwickelt und der Schmerz etwas nachlässt. Ich fand es jedenfalls wertvoll, dass ich zuschauen konnte, das schien mir doch sehr indisch zu sein, jedenfalls interessant. Greetings!

Tierische Freude


Guruji
Gerne möchte ich noch einmal meine Liebe für die Tiere ausdrücken, wohl wissend, wie wortlos ich oft geworden bin und werde in ihrer Gegenwart angesichts des unermesslichen Reichtums, den sie, so nichtsahnend von unserer (oder meiner) Bewunderung ausstrahlen, voll beschäftigt in ihrer eigenen Welt. Oft genug natürlich auch abhängig von uns, denn nicht immer gibt’s Nahrung, und der Dschungel, den ich noch kannte, ist längst abgeholzt, und alle sind froh, wenn im See wieder genügend Wasser ist, denn er war schon mal völlig ausgetrocknet (und alle Fische und Schildkröten starben) und  wird nun teilweise vom Monsoon und von Wasserleitungen gespeist. Aber wo fange ich an? Bei den Tieren, die ich noch erleben durfte, und die es gar nicht mehr gibt, weil Nahrungsknappheit und Lärm sie verjagt haben? Der paradiesische Nilkantmahadev Vogel, oder die Fledermäuse mit den Menschengesichtern, alle immer nah genug, sodass man auf sie achten musste und ihren Raum respektieren. Oder Ali Baba, das Kamel, das mich und die beiden Jungs (exzellente Kamaelnavigierer), 10 Tage lang durch die Wüste trug und ich merkte, dass man nichts von ihnen begreifen kann, wenn man nicht mit ihnen lebt und sich erfreut an ihrer Eigenart. Einmal wurde ich von einer Hündin gebissen, die gerade Junge hatte, weil ich zum ersten Mal da entlang ging. Ein anderes Mal wurde ich von fünf braunen und gefürchteten Affen angegriffen, und konnte mich, ein göttlicher Scherz, in einen Tempel retten, während die Bisswunde am Bein heftig blutete. Stimmt!, Rahul, der Pandit, der mich gerade besuchte, hat mich damals ins Krankenhaus gebracht, und zack! war ich dran mit der Spritze und wieder draußen. Bei beiden Unfällen war ich nicht aufmerksam genug. Es ist in jeder Hinsicht förderlich, aufmerksam zu sein mit den Tieren. Hindus sehen sich gerne als oberfriedlich, aber ich habe auch schlimme Sachen erlebt. Die Kühe haben es ja verhältnismäßig gut, weil sie als heilig gelten, und man sieht schon mal einen obsessiven Brahmanen seine Hand unter das urinierende Tier halten und es trinken, von mir aus. Aber als die Kühe von der Maul-und Klauenseuche  erfasst wurden und ihre eitrigen Klauen im Seewasser kühlten, da sprach ich schon genug Hindi, um über die extreme Teilnahmslosigkeit der Einheimischen zu klagen.Vor allem empörte es mich, dass sie unten am Wasserrand ihr heiliges Zeug laberten, während die Tiere Hilfe brauchten. Es ist eine meiner wenigen Lebensanekdoten, in denen ich behaupten kann, Männer in die Gänge gebracht zu haben, denn die Kühe mussten aufgeladen werden und zum Tierarzt gebracht, was sie (die Männer) zu Helden morphen ließ. Das Kastensystem macht auch vor Tieren nicht halt. Die braunen Affen werden abgelehnt und gefürchtet, während die bildschönen Lemuren als Götter verehrt werden (wegen Hanumann, dem Affengott). Dabei habe ich die Braunen schon einmal an einem anderen Ort gesehen, wo man tausende von ihnen per Hand füttert, und ringsum haben sich Bananenverkäufer angesiedelt, die den Heranfahrenden (wie ich von meinem Taxifahrer). ihre Wahre verkauften, und alle hatten davon einen guten Vorteil. Die Lemuren sitzen täglich auf meiner Terrasse. Sie bleiben auf ihrer Seite, ich auf meiner. Sukho, der wilde Kater, den ich zur Zeit füttere, muss schauen, dass er gut durchkommt durch die Affenbande hin zu seinem Frühstück, dann rein in die Tür zum Schutz, wo er eine Weile unbehelligt schlafen kann (solange ich da bin). Katzen sind nicht beliebt bei Indern, noch habe ich keine Hauskatze erlebt, und oft sind sie sehr hungrig. Die Hunde haben es geschafft, in Häusern zu leben, aber nun sind sie nicht mehr frei. Denn ist das nicht das Beste: dass auch die Tiere frei leben können unter uns? Ach, meine Liebe für die Tiere, die hier nicht geboren, aber sehr gereift ist: 500 Zeichen können euch nicht gerecht werden, und wie viele von euch habe ich noch gar nicht genannt. Vielleicht muss ich morgen nochmal ausholen.

erinnern


Luigi
Ich habe ihn gestern beim Verlassen des Abendgottesdienstes (Puja) erwischt, der direkt vor meinem Fenster stattfindet. Irgendwann habe ich ihm mal erzählt, dass einige von uns Foreigners ihn „Luigi“ nannten, weil er für uns aussah wie ein Italiener, und bis heute weiß ich nicht, wie er wirklich heißt. In seinem Laden gab es so ziemlich alles, was wir bzw. ich brauchte, wenn denn Rupien vorhanden waren, und immer war und ist er freundlich und zuvorkommend. Jetzt erweitern seine Söhne das Ganze, er sitzt im Laden und schläft oft ein. Ich bin keine natürliche Begabung im Erinnern und traue dem Erinnern wegen seiner oder meiner Löchrigkeit darin nicht so sehr. Aber nun kommt sie auf mich zu, weil es ein Abschied ist, den ich bereits vorprogrammiert habe, als ich 2020 drei Tage vor Landeslockdown Indien verlassen habe. Durch das Einreiseverbot war es einfach gemacht, aber nun steigt durch mein wieder Hiersein doch mein persönlicher Abschied  am Horizont herauf, und das Erinnern steht auf der Tagesordnung. Was mich aber heute angeregt hat zu diesem Beitrag ist eine Mail, die gerade bei mir hereinkam. Eine Frau meldete sich, mit der ich vor 45 Jahren nach Goa reiste, um dort Freunde zu besuchen, dann aber unterwegs, nämlich hier, ausstieg, weil ich genau spürte, dass es mein Ort und mein Platz war, was sich als unbedingt stimmig herausstellte. Nach den 9 Jahren in Kathmandu war ich in einer Art ekstatischem Zustand, endlich Indien (wieder) erreicht zu haben und herauszufinden, was es für mich bedeutet. Jetzt geht die indische Reise ihrem Ende zu, immerhin war ich fast die Hälfte meines Lebens an diesem Ort anwesend und kann mir mein Leben ohne diese Hälfte nicht vorstellen. Auch will ich nicht mehr selbst nach Erklärungen für dieses Abschiednehmen suchen und sie dann anbieten. Denn ich spüre es ja, dass es Zeit ist, es gibt keinen einzelnen Grund, und der Spruch, man solle gehen, wenn es am schönsten ist, trifft in gewissem Sinne auch zu. Hier sitze ich in einem wunderbaren Haus, das mir Freunde zur Verfügung gestellt haben, und lebe mitten unter ihnen. Ihnen, das sind die Vielen, mit denen ich jahrelang Kontakt hatte, oft nur durch freudiges Grüßen, oder durch gelegentliches Teetrinken in ihren Shops. Oder dann die doch tieferen Beziehungen mit den Frauen, deren Schicksal ich kennen lernte, oft genug katapultiert in gemeinsame Schockzustände über die unlösbaren Schrecken der Realitäten in den Haushalten, aus denen es bis heute wenig Entrinnen gibt. Aber beiden, Männern und Frauen, bin ich zutiefst verbunden, denn sie haben mir ermöglicht, mich in einer Gesellschaft zu bewegen, in der das, was ich jeweils war und mich zu erleben befähigte, viel Raum hatte. Denn ich war nicht in der Zwangsjacke der Ehe, sondern auf dem Weg, wo Kaste und sogar Gender keine Bedeutung mehr hatten, sondern es ging um das Erfassen und Manifestieren dessen, was wir für wesentlich hielten. Das wiederum war nicht so viel anders als bei Epikur. Unbedingt sollte man ihn (u.a.) nochmal zur Hand nehmen, um zu sehen, dass es diesen Weg immer und überall gab und immer noch gibt. Eine Sache, um die es da geht, ist sicherlich, die Furcht vor der Freiheit zu verlieren. Es braucht Mut, ja, und günstige Sterne, die einen begleiten.

 

 

 

verändern

Gestern hatte ich Besuch vom Pujari (Tempelpriester) des Krishna-Tempels, der gehört hatte, dass ich schon länger hier bin und sich fragte, warum ich nicht wie sonst an meinem Steinsitz am See aufgetaucht bin mit meiner Schreibausrüstung. Damals hatte sich in der Nähe auch ein Sadhu niedergelassen, den ich aus meiner Sadhni Wanderzeit kannte. Und so kam es dazu, dass wir morgens öfters mal zusammen herumstanden, bis Lakshmi Kant dazu kam und von nun an uns allen besten Chai brachte, er hatte um die Ecke einen Chai-Shop. Das erzählte mir alles Rahul am Morgen noch einmal mit einer gewissen Wehmut, denn so etwas konnte nicht immer geschehen, sondern es hatte seine eigene Zeit, immerhin über Jahre hinweg. Es erinnerte mich an das Thema über die Anderen, und wo uns ihr Dasein betrifft. Unsere Treffen waren schon deshalb gelungen gewesen, weil wir aus vier vollkommen verschiedenen Welten kamen und uns auch sprachlich bemühen mussten, damit das jeweils Gemeinte bei allen ankommen konnte. Der Sadhu und Lakshmi Kant sprachen kein Englisch, Rahul, der Pujari sprach es fließend, ich lag so in der Mitte zwischen Hindi und Englisch, und so war es für uns alle auch eine kleine, angenehme Abwechslung in unseren verschiedenen Routinen des Alltags. Nun klagte Rahul darüber, dass alles im Tempel unerträglich für ihn geworden war, zu viele Menschen ohne wirkliche Ernsthaftigkeit, dadurch zu laut und leer, sodass er nun  nur noch ganz früh seinen Dienst macht und um 10 Uhr wieder geht. Da so eine Tempelarbeit auch immer eine Geldquelle ist, will er sich demnächst was anderes einfallen lassen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, das ist doch vernünftig. Auf meinem Tisch lag die deutsche Übersetzung des heiligen Textes über diesen Ort hier, den mir Aditya Malik, der Übersetzer und brilliante Kommentator dieses Werkes,  vor vielen Jahren auf der Terasse der Maharani von Jaipur überreicht hatte und der scheinbar nur in Sanskrit, aber nicht in Hindi existiert. Gierig blätterte Rahul darin herum und war hell entzückt, als er auf der noch schwarz/weißen Bilderstrecke „seinen“ Tempel vorfand, allein auf weiter Flur, während er nun von Hotels und einer befahrenen Straße umringt ist, auf der anderen Seite aber immer noch an den See grenzt. Dieser Besuch bestätigte mir den Eindruck, dass wir uns alle auf irgendeine Weise verändern und neu orientieren müssen, um den Tatsachen gerecht zu werden. Diese Tatsachen des global Unabänderlichen, mit dem man umgehen muss, gab es sicherlich auch schon „immer“. Aber es besteht kein Zweifel, dass durch die Neuheit der durch und durch informierten Weltbevölkerung sich vollkommen unbekannte und ungewisse Dimensionen auftun, die uns weiterhin bedrängen und beschäftigen werden. Denn wir sehen nun die Möglichkeit, dass der Mensch seinen Wohnort unlebbar machen kann. Und so beschäftigt es uns, die gerade Lebenden, wie wir mit dieser seltsamen Todessehnsucht oder dem Vernichtungswillen umgehen sollen, und ob wir als Einzelne noch die Kraft aufbringen können für ein gutes Überleben mit den Anderen.