Dieses Photo kann bzw. muss man, wenn man es ohne ‚Album‘ will, mit 14.50 Euro bezahlen.
Die destruktive Seite des Fortschritts muss immer wieder vor Augen geführt werden, um nicht am Ende einer Fortschrittsdynamik zu erliegen, die uns alle zugrunde richtet.
Juli 6, 2024
Gestatte mir, o geheimnisumwölktes Universum, hier (kurz) zu einem der auf dieser Weltbühne sich etabliert habenden Phänomene meinen bedeutungsfreien Senf hinzuzufügen, ja warum? Natürlich wurde mir gestern gegen sechs Uhr auf der Couch, ohne eine Kartoffel zu sein, bewusst, dass ich quasi mit locker auf 60 Millionen geschätzten weiteren deutschen Staatsbürger:innen das gleiche Spiel betrachten werde und auch tat. Wir taten es also auch und rauf ging’s und runter, und yeah!!! rief ich laut in den Raum und U. zu, als das uns alle erlösende Tor doch noch fiel, ein wahres Wunder, und die Spannung stieg ins Unmessbare, alles offen, alles wieder möglich, und dann wieder die bittere Medizin der realen Vorgänge, die nicht einmal von Leistung abhängen, sondern ganz einfach von Kismet. Wenn der peinigende Dolch des Schicksals mit seiner unerbittlichen Botschaft zustößt, kann man dann durch das schmerzhafte Scheitern hindurch dennoch zurückblicken auf Leistung, die erbracht wurde, und genau hier kann die Verwandlung des Senfes in Erkenntnis stattfinden. Da tragen diese paar Jungs die emotionale Ladung ihrer Followers, und man weiß dann, wie Helden aussehen, wenn sie die Arena verlassen. Und einige von ihnen werden wir nicht wiedersehen, denn sie sind in ihrer Mittelreife schon zu alt für dieses Spielfeld, auf dem es um die Exzellenz des körperlichen Trainiertseins geht. Auch hier muss man wissen, wann genug ist und wann die Würde anfängt zu bröckeln. Oder ganze Brocken davon herausfallen, wenn in irgendeinem Hintergrund Victor Orban sich mit Wladimir Putin trifft und niemand weiß, was sich in seinem Kopf gerade zusammenbastelt, oder in Joe Biden oder Macrons Kopf oder gar Donald Trumps Kopf, obwohl uns das leider, wenn es durch die Raster der Gehirne geschleust ist, durchaus betreffen kann oder gar trifft. Da ist es schon einfacher, wenn man den Computer einfach zumachen kann, denn nach gestern abend (o herumschleichender Patriotismus): wen kümmert’s, ich meine das mit dem Fußball.
Dann gab es noch im Außen den Wolfsgruß, der in lockerer Verknüpfung an Joe Biden erinnern konnte, indem ein einziger Moment, schlecht gesteuert, die Weltpolitik kurz aus den Angeln heben kann, was gar nicht so schlecht sein muss, wenn die daraus resultierenden Umstände klug gehandhabt werden. Männer (und Frauen?) tun ja gerne so, als wär‘ nix gewesen, weil vieles im Dunkel der Nacht nicht überprüfbar und beweisbar ist, aber trotz klarer Lage setzt dann trotzdem das Getue der Harmlosigkeit ein – wieeee, Wölfe, wollte ich doch nur mein Land loben. Die offiziell Zuständigen werden vorgeladen, und der türkische Führer kommt zur angepeilten Krisensitzung nach Berlin zum Fußballspiel. In der Zwischenzeit wird Biden auf alle möglichen Arten und Weisen beigebracht, dass die vermasselte Rede nicht nur ein kleiner Schwächeanfall war, sondern der letzte Schluckauf einer kollektiven Beunruhigung, die in berechtigte Beängstigung umschlagen kann, wenn das Phantom des Ex-Präsidenten, verschwiegen werde sein Name, nun ins Unheimliche anwachsen könnte. Der Faden, an dem das Ganze nun hängt, ist Joe Biden. Joe Biden möchte aber wegen dem kleinen Anfall nicht zum Faden degradiert werden, und man ahnt, was da an Toben und Knirschen im Inneren stattfindet. Dabei wird schon hektisch nach Ersatz gesucht, und siehe da!, es gibt ihn, beziehungsweise und genderweise gibt es s i e, und dann gleich zwei, die in den Vordergrund treten könnten mit besten Chancen auf Erfolg: Kamala Harris und Michelle Obama, die zwar nicht will, aber immerhin könnte. Nun sehen wir tatsächlich rechts und links und in allen Farben Frauen in Führungspositionen, und es macht auf einmal politischen Sinn, dass als Gegenpol zu weiblichem Rechts ein demokratisches Weiblich gut angebracht wäre. Und natürlich ermüden auch Spiele schneller, als man denkt, wenn man sie nicht selbst spielt und dadurch u.a. lernt, wie man aus dem Schatten von Gewinn und Verlust tritt durch Überprüfung des Relativen.
Juli 4, 2024
Wahrheit ist überall möglich: Weit, groß, kalt und schön. Wahrheit ist sehr persönlich, und wohnlich wie die Halle des Alls. Die Wahrheit ist immer für einen da. Das macht sie ungewöhnlich. Da steht sie, meine Damen und Herren, gar nicht zur Debatte. An eine diamantengletschernadelglatte Inspirationswand kann sie sich genauso gut anlehnen wie nicht. Wahrheit ist… Wahrheit ist… Wahrheit ist. Oder ist sie es etwa nicht?
Wenn wir zuweilen die düsteren Korridore des Fassungslosen durchkreuzen in bezug auf Handlungs-und Denkfähigkeit des Menschen, also unsere, so kann einen doch auch eine tiefe Dankbarkeit durchströmen, wenn man bedenkt, und hier bedenkt gerade eine denktrainierte Frau, zu wieviel Wissen und gar Weisheit wir Zugang haben, obwohl wir nicht wussten, dass auch dieser Zugang einmal durch ein Zuviel blockiert werden kann, ebenso wie es das Zuwenig kann, nämlich die Entwicklung blockieren und sich selbst aus den Augen verlieren. Ohne diese beiden Augen jedoch, die im Außenraum Wache schieben, kann das Dritte (Auge) nicht hervorkommen, denn das Hüten des Augapfels braucht Raum und Ruhe und Geduld und muss verarbeiten, was ihm zugeführt wird. Meine Hochachtung für das Gedachte ist ja sehr schlicht, denn ich finde, dass ein Mensch, der einen einzigen Satz in die Welt schickt, dem an Wahrheitsgehalt nichts mangelt, das heißt, man kann ihn überall einsetzen, ohne dass sein Wahrheitsgehalt schwindet, der oder die hat schon einiges Gute beigetragen. Aber so viele davon gibt es gar nicht, und (z.B.) fällt mir Karl Jaspers ein, der den Olymp des wahren Denkens bewohnt, da beugt man gerne mal den gefährdeten Kopf. Denn wer sich eingelassen hat auf die Struktur und die Architektur und den Inhalt, also die Substanz des eigenen Denkens, der oder die weiß, wie herzergreifend einsam es dort sein könnte, würde einen die Liebe nicht begleiten. Deshalb werden die letzten, durch uns Menschen erfahrbaren Geheimnisse nicht geschrieben, und es ist nicht nur wegen des Missbrauchs, sondern wegen des Schweigens, das eintritt, wenn das Auge die Einfachheit des Systemlosen erspürt, und die Worte am Rande des Seins verharren.
In der spirituellen Ausbildung (wo auch immer sie stattfindet) tauchen innerhalb des jeweiligen Wissens Symbole, also Bilder auf, die in leichten Abwandlungen in vielen Kulturen zu finden sind, wenn innere und äußere Aktivitäten auf eine bestimmte Weise verbunden, bzw. ausgerichtet sind. Das buddhistische Mantra ‚Om mani padme hum‘, das vom Juwel in der Lotusblüte erzählt, ist derselbe Diamant, der sich in der Wüste des Seins selbst zum Strahlen bringt, wenn er den Kohlezustand durchschritten oder sich seiner Schlangenhaut entledigt hat. Wer oder was kann das also sein, diese geheimnisvolle Kraft, dieses Urei, das gleichzeitig als Ich, als Selbst, als Auge, als göttliche Instanz gesehen wird. Wer sieht hier was und wen? Den vielen Erfahrungen, die Menschen in dieser langen Menschheitserzählung gemacht haben, ist es zu verdanken, dass man den ureigenen Erfahrungen (erst unter Anleitung, dann ohne) Vertrauen schenken kann, wodurch der Intellekt geschärft wird, der sich zumindest eine Zeitlang in wachsamem Training aufhalten muss, um die Tücken und Gesetzmäßigkeiten des Labyrinthes zu kapieren, was uns befähigt, dieselben Gesetze im Kosmos wiederzufinden. So weit, so gut. Man kann auch als Yogi:ni im Schlaraffenland aufs Feinste leben, und im Notfall um des Humores Willen kann man sich ‚Alien‘ nennen, dann ist ausgegendert. Gut, wo waren wir, beziehungsweise ich, wo war ich? In diesem Früher habe ich mal einen Text geschrieben, der fing an mit ‚Ich bin das Ei, das Ei und ich, ich Ei bin eine Seele usw‘, und nun, also in jetztiger Zeit, benutze ich manche Worte gar nicht mehr wegen Irreführung, aber dieses in sich gesammelte Etwas, das bin ich noch immer. Was wir, die Hüter:innen des Ei’s, im Inneren erleben und erforschen, unterliegt nur teilweise den Gesetzen der weltlichen Wissenschaft. Aber es gibt Beweisführung und hat mit der Handhabung des Schicksals zu tun. Die für alle vorhandene und furchterzeugende, lähmende und lebensspendende Freiheit, sie ist doch die wahre Herausforderung. Auf was richte ich das Licht meiner Wahrnehmungsfähigkeit aus, auch wenn die Lage oft hoffnungslos scheint. Gut, kann ich neue Hoffnung schöpfen, auch wenn sie meist nur vorübergehend hilft und oft, wenn es schon fast zu spät ist. Dann hilft noch das Entstauben des Sehwerkzeugs in der wohltuenden Einsamkeit der geschulten Tätigkeitsausübung: also d a s, was wir zur Verfügung haben, um in der Welt als ein Lebewesen zu erscheinen.
Es blitzt und donnert und wolkenbrucht nicht nur klimatisch, sondern politisch und planetarisch, sowie fußballerisch. Die Kommentator:innen (wie wir selbst) ringen um die Korrektheit der Wahrnehmungen. Aber was hilft’s, wenn man wissen konnte, dass (z.B.) Macrons Fehleinschätzung gravierende Folgen haben würde, aber vielleicht nahm er die ja inkauf. Denn nun wird einem schon schwummriger zumute, nämlich wenn das Schicksal der Welt derart abhängt von der Ausrichtung der Erzählungen. Und ja, o weh, ‚oh Mensch, gib acht, es spricht die tiefe Mitternacht‘ (*), die die Inder das dunkle, das eiserne Zeitalter nennen, wo die Ignoranz blüht und die Schurken auf den Thronen sitzen. Das hat seine Zeit gedauert, bis die Kunde an die Schwellen der Herbergen kam, hinein in die Hütten, wo noch darüber geplaudert werden konnte, wie gut das Leben ist, wenn man es einfach und übersichtlich hält. Da sind wir als potentielles Gegengewicht natürlich erschrocken darüber, was so alles möglich ist unter Menschen, was auch von Meditationskursen nicht geheilt werden kann, weil dann oft die begleitende Reflektion nicht mit eigener Sprache stattfindet, sondern als ideologisches Beiwerk die praktische Anwendungsmöglichkeit verliert. Und vielleicht ist aus kosmischer Sicht das angeworfene Triebwerk der spaltenden Kräfte auch ein Signal für das sogenannte „Gutgehen“, das ebenfalls einen Schlaf verursachen kann, aus dem man entweder selbst erwacht, oder aber unsanft wachgerüttelt wird. Nun kommt es darauf an, wen man als sich selbst vorfindet. Denn mit mir, und dann erst mit den Anderen, muss ich das Vorgefundene bedenken. Vielleicht, fällt mir ein, ist Werner Herzog deshalb in die Zellen von amerikanischen Todeskandidaten gegangen, um ein flackerndes Licht in die Finsternis der Taten zu bringen, auch wenn das nicht immer gelingt.
(*)aus dem „Nachtlied“ von Nietzsche
Juni 29, 2024
Auf einem der kälteren Gipfel der politischen Narretei ist das denkbar Ungünstige abgelaufen: Joe Biden hatte einen Schnupfen, alles Weitere ist Anekdotenmaterial, das Land und wir in anderen Ländern auch ein bisschen am Ächzen unter der misslungenen Debatte, ja, wie konnte das nur passieren. Nun ist es passiert und der Ameisenhaufen der Imageschadenausbalancierer setzt sich in Gang oder ist schon im Gange. Hier geht es um kläglich wenig, das gleichzeitig das eindeutige Zuviel ist: Trump darf nicht gewinnen, flüstert es in unserer Welt der vielen Abhängigen. Aber man hat die Rechnung ohne den gekrönten Narzissten gemacht, da ist jetzt Jubel und Aufschwung. Am nächsten Tag, sagt man, war Biden wie ausgewechselt, beide Zustände könnten etwas mit Medikamenten zu tun haben. Eine große Verunsicherung kann auch Kräfte hervorlocken, noch ist Zeit für das Gegentor. Inzwischen haben sich 100 000 Menschen aufgemacht aus der Komfortzonencloud, um gegen die AfD zu demonstrieren, das gibt dem politischen Strang des Tages einen Aufschwung. Dann noch das Spiel der deutschen Fußballer am Abend, wenn d a s nicht eine gigantisch positive Turbulenz im Äther erzeugt! Vor einigen Jahren gab es einmal eine Bewegung namens „Hungerprojekt“. Die Verfechter:innen der Idee gingen davon aus, dass jede bewusste Beschränkung der überdosierten Nahrungszufuhr einem Hungernden zu Nahrung verhelfen kann (im Denkmuster Wimpernschlag & Schmetterling). Mir gefiel der Gedanke, weil man auch Vertrauen bilden kann in das Unbeweisbare, indem man das Tröpfchen Wahheit erspürt, für das man sich verpflichtet hat. Insofern geht es für die einzelne Frau oder den einzelnen Mann oder das einzelne Kind immer um alles oder nichts, und d a s möglichst gleichzeitig.
Kein Zweifel: da ist er. Der Sommer. Ganz benommen wird man auf einmal von seinem Erscheinen und seiner Leuchtpräsenz. Jetzt kommt das auch meinen stets etwas lichtgedämpften Fenstern zugute, sie dienen als südliche Schattenfensterläden, draußen die Wiese als Meer, und überall diese berauschende Fülle, erdrückend wie eine Überdosis Mutterarme. Tür und Tor stehen weit offen, in den Diebesnaturen muss es schon fiebern. Da muss doch was los sein während der EM-Spiele, wenn besagte Herumschleicher sich darauf verlassen können, dass die Augen der Wohnenden an einer Bildfläche kleben. Vor allem nachmittags, in der schwülen Phase, weiß man, dass man nichts Produktives mehr anfangen wird, vielleicht Wäsche waschen, oder einfach warten, bis es abkühlt. Man muss den Sommer ja jedes Mal neu kennen lernen. Immerhin hat man zwischendrin unsäglich viel erlebt, wovon zumindest ein kleiner Hauch übriggeblieben ist, den man jetzt gern im Haar spürt. Komisch, dass keines der Bücher, die man da zum Durchlesen bereitliegen hat, einen ansprechen. Die Augen wollen gar nicht sprechen, lieber mit gesenkten Lidern ins pralle Here and Now starren. Da keine weiteren Muskeltätigkeiten des Gehirns bemerkbar sind, meidet sich der Algorithmus, der neue Butler unserer Devotionsbereitschaft, ich hebe den Hörer ab: ja, stimmt, ich habe etwas hineingeschaut in den Fall Wade W., den Mörder zweier Frauen, und habe vor allem in sein Gesicht geschaut, wo auf eine durchschimmernde Intelligenz grässliche Tätowierungen plaziert wurden von ihm. Links und rechts von seinem Mund eine nach oben führende Narbe, der Mund die offene Wunde, an einer Schläfe steht „glory“. Ich überquere innerlich einen riesigen Abgrund und komme bei einem Kind an, dass wegen Armut abgegeben wurde. Kein Grund, andere Menschen abzuwürgen. Er wird sterben. Die Beteilgten gieren oft nach dem Schuldeingeständnis, nach Reumütigkeit, aber es gibt keine Aussicht auf mildernde Umstände. Er sieht aus wie einer, der schon gestorben ist, bevor er stirbt. Ach ja, der Sommer. Die Vögel. Die Blumen. Die Beeren. Der Wald. Das Wasser.
Juni 27, 2024
Nun war es nicht unbedingt einfacher, die eigenen Begrenzungen zu bemerken, und man konnte nicht einfach halten und sich stehen lassen und sagen: „Wer braucht schon dich!“ Egal, wie viel man gelogen, betrogen, falsch Zeugnis geredet und oft im Schein gebadet hatte, man musste sich aufraffen vom verwundeteten Würdeknie und weitermachen. Die Ekstase unendlicher Kläglichkeiten verlöschte unbeirrt. Doch war alles vorbereitet. Im tiefdunklen Licht des Feuers reichte man das geheime Buch weiter.
Und hier noch einmal Stonehenge, die ehrenwerten Steine vor ein paar Tagen besprüht mit orangener Farbe von zwei Aktivisten (73 und 21 Jahre alt) der Umweltgruppe „Just stop oil“, die sich vermutlich auch ehrenwert fühlen, weil sie der Dringlichkeit ihrer Pläne Ausdruck verleihen. Es drängt sich der wohlwollende Gedanke auf, dass man ja ganz freiwillig auf die Hervorbringung der eigenen Meinungen verzichten kann. Nicht also, weil man keine zur Verfügung hat oder hätte, sondern aus Respekt für die Belastung der Gehirnwindungen, die wegen Überdosierung kaum mehr zu sich kommen. Und rasend schnell können die sein, die Meinungen, und einen quasi überrumpeln, wenn man (z.B.) will, dass die Ukrainer gewinnen und (z.B.) nicht die Schweizer. Es würde doch zu weit führen, wenn man auch noch hinterherforschen müsste, ob man was gegen die Schweiz hat. Deswegen kann man allerdings vor jeder Art von Glotzgerät diese persönlichen Beobachtungen von sich aktivieren und etwas Ordnung schaffen in den komplexen Gängen der Synapsen. Es ist also förderlich, eine Auswahl zu treffen bei den Lernfeldern. Will man Narzissmus in der momentanen Weltpolitik studieren, kann man die Welt als aufs Feinste geeigneten Hörsaal verstehen, indem man einfach hinschaut und hinhört und vor allem für möglich hält, was da geschieht. So gibt es auch den Spalt, wo ungebremste Selbstsucht sich mühelos als Gottesgabe verkauft und als fixierte Tatsache hineinströmt in die Wesen, und was soll man da machen. Gar nichts kann man da machen oder wissen, wie sowas überhaupt entsteht. Zuweilen löst sich aus meinen inneren Archiven ein hilfreicher Gedanke, angeregt von Epikur, der besagt, dass alles nur aus Leere und Atomen besteht, die sich in nicht vorhersehbarer Weise zusammenfügen, um sich dann wieder aufzulösen. Das leuchtet doch ein.
Ja, das ist Stonehenge in makellosem Nu, neulich photographiert von einem der 15.000 Besucher:innen, die sich aufgemacht hatten, eben diesen Nu gemeinsam zu erleben. Ich erwähne es als Korrektur meiner Klage, es würden vor allem bei sportlichen Events große Mengen zusammenkommen (so, als wollte man wirklich bei bestimmten Künsten große Mengen dabeihaben). Dabei machen sich allerortens Menschen in großer Vielzahl auf, sei es zum Morden oder zum Demonstrieren oder zum Beten. Und lassen ihr Leben zurück wie in Mekka, wo über 1300 Menschen an der Hitze verendet sind bei der Pilgerfahrt Hadsch, wo alle Muslime einmal im Leben hinmüssen, damit das zukünftige Einst ihnen zulächelt. Ich saß auch schon mal, lange ist’s her, in einer Gruppe von 20.000 Meditierenden, und genau in so einem Nu, wenn die Sonne durch die Rundung bricht, hörte man im Damals keinen einzigen Laut. Pindrop silence. Kein Räuspern, kein Schneuzer, kein Scharren. Oder wenn der Sieg praktisch sicher ist, und da fällt in der letzte halben Minute der Nachspielzeit doch noch ein Gegentor. Und nicht nur die Euphorie reist durch den Äther, sondern auch die Schockstarre. Und wie trefflich ist es doch, eine Einzelne zu sein, die den Anblick und seine Perspektiven immer aufs Neue wählen kann, sodass die Matrix selbst als Geschenk erscheint, und das ist dann der Moment, sich vor der Matrix liebevoll und losgelöst zu verbeugen. Da man ebenfalls dort seinen Durchgang hat, in möglichst großer Unabhängigkeit von äußeren Umständen. Natürlich habe ich beim Zuschauen bemerkt, dass 1:1 auch nicht immer die ideale Lösung ist, weil Schmerz und Lust getrennt in zwei Ländern auftreten, und vielleicht ist ja das der Punkt, die mystisch umrankten Bewegungen des Balles also und seine Wirkungskraft auf die Gläubigen (weiterhin zu bedenken).
Man kann es (das Fußballspiel an sich) auch als ein (im Homeoffice) fast kostenlos angebotees Studierfeld des Phänomenalen sehen, oder des psychisch Hypnotischen, odes des volkstümlich Mächtigen oder des maskulin Manifesten. Oder man kann und muss an sich selbst erkennen, dass man , also ich, auf dem Spieleplan schaue, wann die Deutschen und gegen wen sie dann spielen, und nun weiß man es noch gar nicht. Aber man kann davon ausgehen, dass man mit mindestens der Hälfte des Volkes auf einer bestimmten Ebene (Spielbereitschaft) gleichgeschaltet ist, obwohl man auch in der eigenen Schaltzentrale bleiben kann. Und obwohl ich mich persönlich gestern abend bei flackerndem Feuer etwas durchgelangweilt habe, meine Güte, und dafür dieser ganze epische Aufwand, so habe ich doch durchgehalten, um den fehlenden Treffer nicht zu verpassen. Und dann der Strom der Erleichterung, der das Land durchzog…warum kann das nur Fußball! In Indien war es Cricket, und dort rollte bei Siegen eine heilige Wunderwelle durchs große Reich, und wenn die Pakistanis verloren haben, grenzte die Euphorie ans Göttliche. Ja, da staunen die Philosophen und Philosophinnen, vielleicht auch ein bisschen im Spinnengewebe des Urneides herumhängend, dass eben hier alle Triebwerke des Emotionalen in aller Fülle ausgelebt werden, obwohl die strengen Strukturen und mühsam erworbenen Disziplinen und Praktiken einander gar nicht so unähnlich sind, sie finden nur auf anderen Feldern statt. Aber natürlich gäbe es da (zum Beispiel bei der Debattierkunst) keine Fanmeile, und kein Debattierthema könnte so viele Begeisterte anlocken, um sich zum Beispiel in den Supermärkten Dichterkleidung einzukaufen und weiche Samtstiefel. Und Sokrates, geliebt von allen, würde einem auf T-shirts entgegenlächeln, das Bild von künstlicher Intelligenz ins Leben gerufen. Auch da gab es ja Blut an jungen Dichterstirnen, und man müsste vielleicht auch in diesem scheinbar hehren Gewimmel nach weiblichen Geschöpfen suchen, obwohl sie bereits den Lorbeerkranz der Duchtung trugen. Und klar, das wäre nicht von langer Dauer, denn es wäre zuviel des Guten. Wie uns Gottfried Benn schon erzählte, dass er sich oft gefragt und keine Antwort gefunden hat, woher das (selten) Schöne und das (rare) Gute kommt, und es auch heute nicht weiß und dann gehen muss.
Plötzlich liefen neben meinem Computer ein paar Ameisen herum. Nanu dachte ich zuerst, wo kommen denn die her. Als ich mehr als sechs zählte, spürte ich ein, wenn auch mildes Maß an Panikattacke heranschleichen und erinnerte mich an Alfred Hitchcocks Aussage, jede Ansammlung von hundert Tieren mutiere automatisch zum Alptraum. Ich holte eine Sprühflasche aus dem Badezimmer und whoosh, waren sie erledigt. Ein paar bewegten sich noch, da musste ich nachhelfen. Und da kamen noch ein paar um die Ecke. Das Gefühl dieser Ausrottung war nicht schön. Wenn es das Himmelstor gäbe (bewahre!), und als Einlassticket müsste ich die Frage beantworten, warum ich Leben ausgelöscht habe, also in diesem Fall das Leben der Ameisen, die auch nur unterwegs waren in der Ausübung ihrer Ämter, da käme ich schon in eine Bredouille. Aber was hätte ich denn tun sollen, würde ich vielleicht klagen, aber das würde dort vermutlich keiner hören wollen. Dann wiederum, denkt es so vor sich hin, müssen auch Gärtner sehr viel tilgen, was dem Gedeihen im Weg steht, und überhaupt, ja, überhaupt ist die Natur ein einziges Chaos, wo es vor allem um Fressen und Gefressenwerden geht (habe ich neulich mal gelesen), aber das alles hat nichts zu tun mit meinem Gefühl, als ich nochmal nachgedrückt habe auf die kleinen Körper. Wie muss das im Krieg sein, wenn Leben unter Befehl ausgelöscht werden muss! Und oft genug wegen der Egozentrik eines einzelnen Mannes töten sie hemmungslos vor sich hin, obwohl es auch darüber Anekdoten gibt, wenn einer es mal nicht getan hat. Oder sich krank gestellt, damit er nicht mitmachen muss. Absurderweise ist die Selbstauslöschung verboten, stets wird unteramauert mit löchrigen Gründen. Auf der einen Seite müssen also alle folgen und unter allen Umständen hierbleiben, auf der anderen Seite wird Vernichtung gelehrt und unterstützt. Und manche wollen gar 120 Jahre alt werden. Ein Ehrgeiz, dem ich nicht frönen kann. Ich will auch nicht in ein Psycho-Loch fallen wegen der Ameisentötung. Mir reicht schon für heute, dass ich durch mein persönliches Erleben verstanden habe: die wollen auch leben!
Juni 21, 2024
Wie ungewiss alles ist! Wie getragen mit zarten Händen. Wie hinter der scheinbaren Härte des Bildes sanft das Einfache lächelt. So soll das bei uns sein, wenn sich uns hinter dem geistigen Vorhang Tiefengeheimnis enthüllt und Quantensprung. Es soll sein wie das Licht auf der Lieblingsmauer: berückend, tief atmend, nicht zu stören das lebendige, funkelnde Gut.
Gestern fiel mir vor allem der Unterschied zwischen nackten Fakten und der Kollektivhypnose durch die Europameisterschaft auf. Natürlich gibt es auch im Sport gruselige Vorkommnisse, aber die Vorstellung eines Treffens zwischen Wladimir Putin und Kim Jong-un für allerlei beidseitigen Profit, das macht die EM zu einer Verschnaufpause, in der sich etwas Entspannung breitmachen kann, durch die selbst Testosteronbomben aufgefangen werden können. Und das erfreut einen doch in jeder Hinsicht und überall, wo man es antrifft: ein gut gespieltes Spiel, das einen weder aufwühlt noch enttäuscht, sodass auch die Fans weniger Gefahr darstellen. Denn man fürchtet sie doch ein wenig, diese Turbulenzen rohgelegter Emotionen, an sich selbst schon erfahren, und nun durch eine Niederlage sich draußen millionenfach vergrößernd und potentielle Eskalationen hervorbringend. Aber so war es ja gestern gar nicht. Es war ruhig. Wir (das zuschauende Volk), waren froh, das Gemäßigte und elegant Trainierte betrachten zu können und man konnte ein bisschen im Wohlgefühl baden, denn es gab nichts Schweres zu verdauen außer dem dazugehörigen Tropfen Mitgefühl für die Verlierer. Wer hätte gedacht, dass ich mich noch einmal in Sportreportage übe, was es dann wiederum nicht sein kann, da mir die Regeln des Spiels, also des Fußballspiels, fremd sind. Aber man spürt es doch, diesen Bann über dem ganzen Land, so als würde einem die disziplinierte Form einer Bewältigungsstrategie angeboten, die dankbar angenommen wird. Denn draußen toben Kriege. Da planen Menschen unseren Untergang. Da schleichen Entwurzelte herum, die keiner sieht. Da werden Kinder misshandelt und sexuell missbracht. Die Worte helfen da nicht mehr weiter. Auch nicht die Spiele. Doch weiterhin gilt es, die geheimnisvollen Vorgänge des Alltags zu ergründen, damit einem klarer wird, woraus das menschliche Leben besteht. Daher die Nutzung der Freiräume, die dafür geeignet sind.
Ich gehöre zu der losen Gruppe derjenigen, die während einer EM oder WM sich sagen hören, dass sie eigentlich nie Fussball gucken und dann doch gucken und ganz erstaunt sind, wenn nicht gerade die Fußballödnis vorherrscht, wie viele interessante Dinge auch hier zu entdecken sind, von denen man ansonsten nichts wüsste, gar nichts wüsste. Und auch wenn man weiterhin weiß, dass man von vielem, was da am Bildschirm abläuft, herzlich wenig versteht, enthüllen sich dennoch Geheimnisse und ein Verständnis, das weniger auf Fakten als auf eigener Erfahrung beruht, kann durchaus wie nebenher aufblühen. Wo sonst sieht man zum Beispiel alte Männer mit kreativen Gebilden auf dem Kopf, mit denen sie im Normalverkehr sichtliche Unruhe erzeugen würden, hier sehr lebendig herumhüpfen und der Verlängerung ihrer Jugendsehnsüchte immer wieder huldigen. Dazwischen auch mal Kinder oder eine sportlich interessierte Frau. Hier sieht man die spontanen Ausbrüche von riesigem Jubel und abgrundtiefer Zerschlagenheit. Und neulich konnte man bei einem 1:1 zuschauen, wie die einen Einser frohlockten, die anderen Einser in Grabesstimmung verharrten; davon kann man viel lernen. Es hat natürlich auch was Gladiatorisches, wenn tapfere Männer in die Arena steigen und sich dort, allerdings erwünscht, selbstbestimmt und gut bezahlt, allerlei Verwundungen zufügen lassen. Und wir erinnern uns sehr wohl an den Helden einiger Stunden, als Bastian Schweinsteiger mit blutender Wunde über die Bildfläche lief, um der Erotik des Unvermeidbaren eine Spielecke einzuräumen. Nun kann man ihn auch zufällig als Moderator entdecken und ist froh, dass es einen gibt, der das Ganze offensichtlich prächtig überlebt und vor allem rechtzeitig aufgehört hat. Ab und zu lohnt es sich sogar, mal bei anderen hereinzuschauen, weil man dadurch die Gleichheit der Phänomene bei Spielern wie bei Fans beobachten kann, Schnell können auch Vorurteile an einen herankriechen und man möchte lieber, dass die da gewinnen und nicht die anderen da. Das sogenannte Schicksal spielt natürlich auch mit. Da schießt einer aus Versehen das Ding ins eigene Tor und ein ganzer Block gröhlender Fans feiert den unverdienten Sieg, weil das eben als Sieg gewertet wird, das sind dann die knallharten Fakten. Schön ist es, meisterhaften Verläufen zuzusehen, die nur möglich sind, wenn nicht ständig verzweifelt gestört wird. Halte dich, sagte der Mentor, immer an die Besten. Auch beim Fußball.
An der Art und Weise, wie zum Beispiel Tätowierungen in die große weite Welt gekommen sind, kann man einiges ablesen über die Entstehung der Bewegungen, die zu unleugbaren Tatsachen werden. Von den Anfängen kann man nur Märchenteppiche weben, denn sie liegen im Nebulösen, wo „der Gott der kleinen Dinge“ sich abrackert, um die wertvollen Samenkerne durchs Raster zu schieben, damit sie inmitten der Menschheit aufblühen können. Wann fing das denn an, dass sich die Einstellung zu Tattoos verändert hat, sodass man nun mit einer angebrachten Milde auf die vielen Arme schaut, die so ziemlich überall vor einem auftauchen, ob beim Ober im Café oder beim Fussballer oder der Ärztin. Etwas hat es geschafft, „beim Volk anzukommen“. Dieses sogenannte Volk denkt dann nicht mehr an irgenwelche Urwurzeln der Künste ferner Kulturen, sondern lockert die Urangst des Fremden, indem es das Fremde aufsaugt und es dadurch entfremdet, damit es „das Normale“ genannt werden kann. Das ist auch mit der Wissenschaft des Yoga geschehen, wo einst im Irgendwo ein einzelner Geist (z.B. Patanjali) sich aufmachte und als fähig bewies, die vielen Strömungen des Stillsitzens in eine Form zu gießen, die dann von anderen weiterentwickelt wurde. Ich kannte in Indien einen Priester, dessen Großvater 99 neue Yogastellungen erfand, die alle im Tempel als Bilder an der Wand hingen. Damals konnte man sich Yoga ohne Anbindung an eine göttliche Quelle gar nicht vorstellen, und man brachte den Lehrern Früchte, Süßigkeiten und Blumen als Dank. Ein paar Jahrzehnte später ist es, das mächtige Es, ein lukratives Business geworden, nicht nur für die Ausbilder, sondern die Unzahl der Lehrer:innen, die nach kurzer Lernphase Schüler:innen für Geld unterrichten können. Und so löst sich gemeinsam mit der einstigen Qualität auch hier die Fremdheit auf, und man kann nicht wirklich behaupten, hier sei Böses passiert, denn alle sind frei und erleben, was sie mitgewählt haben. In der Zwischenzeit kommen neue Bewegungen in Gang. Einzelne sitzen in ihren Welten herum und spüren nicht nur den Zahn der Zeit, sondern auch dieses Zittern des Weltgeschehens, das neue Heilungsprozesse und Erkenntnisse braucht, um den direkten Zugang zu weitereñ Formationen des Seins zu ermöglichen. So kann man einerseits künstliche Energie oder EM nicht ganz ausblenden oder übersehen, und andrerseits lockt schon die neue Aufnahme des Ungewissen, in dem die Früchte verborgen liegen, und in dem der kosmische Eisprung seinen Nu hat.
Auch wenn man aus triftigen Gründen das Bedürfnis nach Informationsbeschallung weitgehend eingeschränkt hat, können einem auch nach spärlichen drei Minuten noch die Ohren schlackern, denn man ist kein Bot und will die Dinge einordnen können, zum Beispiel als Gegenmittel zu wahrgenommenen Formen des Irrsinns. Nun haben die Herren und Damen des G7 Gipfels ein Päckchen von 50 Milliarden (Zinsen) geschnürt mit der pfiffigen Idee, die blockierten russischen Milliarden anzuzapfen, was vermutlich nicht die Kraft hat, ein Schmunzeln aus Wladimir Putin herauszulocken, auch wenn Wolodimir sich sehr darüber freut. Eine leichte Gänsehaut rippelt über die inneren Grünflächen und man versucht, nicht zu denken, was 50 Milliarden Euro alles bewirken könnten außer Waffenkäufen, die andere Menschen ihres Lebens berauben. Georgia Meloni, die Gastmutter der zur Zeit noch einigermaßen Mächtigen, hat zu unsrer allgemeinen Überraschung den im Christentum höchsten aller Papas eingeladen, um über künstliche Intelligenz zu plaudern, na, daran kann das Ohr doch ein bisschen knabbern. Ebenso ist in diesen wenigen Minuten erwähnt worden, dass der Papst gestanden haben soll, dass er den Herrgott bittet, ihm Humor zu schenken, denn wer unter uns braucht den nicht dringend. Und last not least sprudelt es aus meiner Aufnahmequelle heraus, dass angeblich 200 000 Schotten (auch mit Dudelsack und Kilt ausgestattet) in München anreisen werden oder bereits da sind, denn heute abend geht’s los. Und ich sage „Hut ab!“ zu den Organisationstalenten, die sich in den Einsatz gewagt haben für Tage und Nächte in Hochspannung, weil Geisterwelten einfach schwer einzuschätzen sind, und was sie so alles an Mitteln mitbringen, um die wabernde Geltungssucht zu bedienen. So, das könnten jetzt alles pre fake news sein, denn das ersehnte Sommermärchen fängt erst an und soll möglichst kein Alptraum werden. Zum Abschluss erkläre ich ganz persönlich das Wort „Rudelglotzen“ (oder heißt es „Rudelgucken, auch nicht besser) zum Mies-Wort des Jahres. Und dennoch vermute ich schon dunkel, dass ich beim Anpfiff (zuhause) dabei sein werde, denn auch ich bin schon vom Sitz aufgesprungen (in der Ära Schweini und Poldi) mit gellendem Schrei, und wer möchte solche impulsiven Ausbrüche an sich selbst verpassen!?
Noch ist nicht aller Morgende Mittag. Alles kann noch geschehen, oder noch nicht geschehen, oder gar nicht geschehen. Manches muss noch geschehen, manches soll nicht geschehen, manches darf nicht geschehen, ja, darf nicht geschehen. Doch ist es geschehen, dann ist es wohl richtig, wohl richtig.(?)
Aber noch besser: Verstehen, dass schon aller Morgende Mittag ist, und in welcher Reichweite sind Zeugin und Zeuge in Bezug auf die ausgerichtete Frage: Auge? Mein Auge? Auge, Auge, mein Auge, mein Paradiesapfel, komm zurück, zurück zum Baum, wo der gerissene Film nun die gerissenen Autoren der Wunde bewegt, und bewegt sie, sich selbst zu vergeben. In den wiedergeborenen Wäldern weben die Feen den Stoff für den Mythos von morgen. Noch ist nicht aller Frühstücke Nacht. Noch kann alles geschehen.
De Angst, von andersdenkenden Völkergruppen und ihren fremdartigen Sitten und Gebräuchen und religiösen Gepflogenheiten überwältigt zu werden, kenne ich auch aus Indien. Mehrfach wurde ich belehrt, wie Muslime zu sehen sind, nämlich als Männer, die gleichzeitig vier Frauen heiraten können und dadurch eine Menge Kinder zur Welt bringen, die dann ein Machtfaktor werden. Manchmal ist es gefährlich, beide Seiten gut zu verstehen, da man dann aufhört zu differenzieren, nur um wiederum mühevoll in Kernnähe des Menschseins zu gelangen. Gerne würde man erwarten, dass es mehr Menschen gelingt, nicht im Schattenreich zwischen Idee und Wirklichkeit zu verschwinden, und man muss das Auge auf sich selbst richten und die wichtigen Fragen stellen, ohne schnelle Antworten zu erwarten. Es kann schon verstören, dass Deutsche jetzt wieder ganz deutsch sein wollen, und Franzosen französisch, und Inder hinduistisch und so weiter, die Liste wird länger als gedacht. Deutschsein für mich hat vor allem bedeutet, dass wir die Hölle hinter uns haben mit ihren herausfordernden Analysen über das Menschsein an sich, also wie weit kann hier gegangen werden mit den vorhandenen Trieben, und wo nud wann wird die Grenze der Entgleisungen spürbar,. Oder hört einfach alles irgendwann auf im Sinne von dem wahrheitsschwangeren Satz „This, too, shall pass“, als das absolut verlässliche Phänomen, das uns auch die Anfänge bietet mit „this, too, shall begin again“. Schwermütig sitzt sie herum, die erkenntniskränkelnde Globalisierung, und weiß nicht so recht weiter. Um in diesen Zeiten der Nebelschwaden gut durchzukommen, braucht man Geduld und vorsichtiges Herantasten mit Federkiel und Tintenfass, also von innen heraus. Da verlässliche Orientierung nicht (mehr) geliefert wird, kann man sich immerhin mit der Kunst der Orientierung auseinandersetzen. Es schadet nicht, dem Humor den Kompass zu überlassen, wenn scheinbar unüberwindbare Eisberge in Sicht sind. Manchmal nicht locker lassen, aber dann doch. Der überzeugenden und feinen Eleganz des Paradoxons zulächeln. Und das alles nur als Vorbereitung für die Großzügigkeit des Herzens.
So tief sitzt der Schock nun auch wieder nicht, beziehungsweise gab es ja eine gewisse Vorbereitung auf sich heranschleichendes Desaster. Jedenfalls ziehen die jeweils beteiligten Seiten heftig am Seil, und es schwankt hin und dann wieder her, und das sogenannte Gute kann dem sogenannten Bösen zuweilen so ähnlich sein, sodass massenhaft nebelhaftes Grau entsteht, durch das der oder die Einzelne sich durcharbeiten muss. Darin liegt doch die große Chance, allerdings mit ungewissem Ausgang. Katastrophen entstehen meist erst, wenn eine Seite vorherrscht und die dazugehörigen Followers ihre Wirkungsfelder ausdehnen. Auch der Krieg ist ein Spielfeld der Mächte und Machtgelüste, und immer wieder verblüfft es, dass der hohe Preis gezahlt wird. Es könnte auch anders sein? Theoretisch schon, denn man kann es denken – aber praktisch? Selbst den gefeierten Halbgöttern wie Jesus und der Buddha usw. ging es auf Erden nicht besonders gut, obwohl ihre klare geistige Ausrichtung viel Anklang fand, sodass sich trotz allen später berichteten Schandtaten der Followers die damals angebotenen Werte sich durchsetzen konnten, angewiesen auf holprige Glaubenspfade. Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass in schweren Zeiten der Glaube an ein Irgendwas oder Irgendwen einem hilft, aber tut es das wirklich. Man muss auch das „Wissen“ nicht anderen überlassen, sondern lernen, was man für Instrumente braucht, um eigene Musik zu spielen. Es macht dankbar, wenn man in der Praxis unterstützt wird. Der Alltag ist enorm anspruchsvoll, immer und überall ist Alltag, kein Tag ist davon ausgeschlossen, sondern bietet unermüdlich die ganze Bandbreite zwischen Höchstpersönlichem und Hochoffiziellem an, und draußen und drin halten sich ständig die Waage. Und dann gibt es diese Kipp-Punkte, wo sich etwas zuspitzt und unvermeidlich seinen Ausdruck oder Ausweg sucht, und meistens auch findet. Nie weiß man genau, wann es kippt, oder ob überhaupt. Und so leben wir manchmal an diesen Übergängen und ringen um innere Haltung. Denn wenn stabile Dämme zu bröckeln beginnen und sich ergießende Fluten zu neuen Ufern formieren, dann ist es Zeit, zum Beispiel für Kairos, den Schicksalsgott, der für den Lichtstrahl zuständig ist. Oder, (danke, Leonard Cohen): there is a crack in everything, that’s how the light gets in.
Gut durchatmen und präsent bleiben, damit man dem (vorübergehenden) Sog der mentalen Kollektivdepression ausweichen kann. Und nicht alle wollen der Tiefenwirkung des Vernommenen ausweichen, nein, im Gegenteil. Mit allerlei Denkzeug aufgeladene Kräfte rutschen an die Vorderfront mit strahlenden Siegermienen, denn sie haben die historisch bekannte Kunde erneuert, dass sich die Dinge in großen Zügen zu wiederholen scheinen, und dass nun dieser sich immer mal wieder stark verdichtende Schein über unseren Köpfen schwebt und das Bild des Damokles-Schwertes hervorruft. Es ist nicht nur die Dummheit, gegen die kein Stroh gewachsen ist, sondern auch die Intelligenz und ihre vielseitigen Gebrauchsformen, die wache Erdenbürger:innen schon immer nachdenklich machen konnten. Ob man will oder nicht, man muss darüber nachdenken. Worüber? Achso, erst einmal durchatmen und die Frage „Wie konnte das geschehen“ überspringen, denn es ist geschehen und auch das Staunen beansprucht seinen Stauraum, seinen Spielplatz und seine Verstecke. (Das Es wird hier wie selbstverständlich vermännlicht, aber nun ist nicht der Zeitpunkt zum Gendern.) Wenn man Glück hat, kann man bei einer Tasse Kaffee alleine oder mit Freunden hinaus in den Garten starren. so, als sähe man die Bäume zum ersten Mal, ohne sie Arkazie oder Kastanie zu nennen. Und vielleicht gar nicht gemerkt haben, dass man im Viertelwissen vieler Dinge stecken geblieben ist und nur deshalb den Ausgang aus dem Labyrinth nicht findet. Weil man den Faden vernachlässigt hat, oder aber nie einen hatte, dafür aber eine Ideologie, für deren Einleuchtung man bereit war. Ansonsten hilft es auch weiterhin, bei sich zu bleiben, denn wir (Menschen) können Vorkommnisse ja von vielen Seiten her betrachten. Die politische Situation ähnelt in gewisser Weise der Anwesenheit eines schwerkranken Mitmenschen im Haus. Oft sagen die Kranken selbst aus, die Krankheit habe sie ein gutes Stück weiter gebracht, denn nachdem das Kranksein in seinem ganzen Ausmaß akzeptiert wird, setzt schon der Heilungsprozess ein. Und da, wo radikale Handhabung (also Liebe) möglich ist, da setzen auch medizinische Wunder an. Auf jeden Fall werden die Karten neu gemischt, und großes Wirbeln unterbricht die gefasste Ruhe am Schachbrett.
Wenn es einem mal klar wird, was ein einziger Mensch alles auslösen und anrichten kann, prallt unversehens die eigene Bedeutungslosigkeit mit dem Ausmaß der Bedeutung des Ganzen zusammen. Im besten Falle klärt sich was, und das kann nur die eigene Einstellung sein. Nein, es ist nicht irgendwie und immer so, sondern es ist so, wie ich es sehe und verstehe, und welche Zusammenhänge ich daraus gestalte, also aus dem grundsätzlich zusammenhangslosen Illusionsmärchen, in dem wir uns alle bewegen und unsere Bahnen durchpflügen. Und wir wollen unserer eigenen Gestaltung Glaubwürdigkeit verleihen, bis auch das nicht mehr so wichtig ist und der Glaube an sich verschwindet. Und wenn so viele Menschen in Donald Trump und Narendra Modi und Kim Jong-un usw. einen Gott sehen können, dann ist es besser, vom Glaubensschlaf zu erwachen. Natürlich dient auch jeder Krieg und jede geschlagene und ermordete Frau dazu, den Glaubensschlaf zu beenden. Es muss einem nur bewusst sein, dass das (die Beendigung des Glaubensschlafes) möglich ist, denn die radikalen Erkenntnise brauchen Kraft und Mut, da die Ebene des Bewusstseins bevölkert wird von Individuen, die auf sehr unterschiedliche Weise zum selben Ergebnis kommen, das kann eben auch das Erwachen sein, die Klärung der Verhältnisse, der ungetrübte Blick. Und die Verbundenheit, die über diesen Weg hergestellt werden kann, damit das Lebendige seinem Namen gerecht bleibt. Und manchmal ist es angebracht, die eigenen Künste zurückzuhalten, damit andere den Raum einnehmen und ihre Erzählungen verfeinern können. Denn aus dem, wie man etwas darstellt oder erzählt, besteht doch die Lebenskunst, oder nicht?
Es kann von niemandem, der Indien nicht bereist hat, verlangt werden, dass er oder sie die Person von Narendra Modi, dem Prime Minister von Indien, auch nur annähernd kapiert, denn in der Tat ist sie schwer kapierbar, denn sie bückt sich und beugt sich in alle Richtungen und erstaunt durch „bescheidenes“ Auftreten und ist gekleidet in simples, aber kostbares Zeug, alles in Richtung Götterdress & Königsturban. Und clever benutzt er dieses Aushängeschild des spirituellen Indiens, das er gerade mit gigantischer Scheinheiligkeit in den einst heiligen Boden trampelt. Ich trauere um Indien, um m e i n Indien, wohlgemerkt. Denn wir, die bleichen Counter-Culture-Children, die sich in vielen Jahren der Indienreisen ihre Welten aufbauen und vertiefen konnten, wir waren ganz unversehens in der karmischen Erschöpfung des indischen Volkes so etwas wie eine Erweckungsdroge, und obwohl wir auch oft reichlich erschöpft ankamen, war doch die schiere Seinskraft des Landes und ihrer Bewohnerinnen unsererseits ein Gewinn. Wir schauten uns um wie Schatzsucher:innen in legendären Goldminen, und in der Tat, das Gold von Bharat (Indien) floss durch meine Augen. Wir lernten sehend unterscheiden. Deswegen trägt Modi, der Weltmachtsüchtige aus Indien, für mich auch keine interessante Theatermaske, sondern er ist ganz und gar durchschaubar wie eine peinlich offensichtliche Lüge. Und obwohl er auch in Indien von wachen Geistern schon mit Hitler verglichen wurde und offiziell Beispiel genommen hat an Hitlers disziplinierten Massenkraftakten, also obwohl, obwohl und obwohl das alles zu sehen ist, wie es wirklich ist, und auch bei „Arte“ dazu noch gute Reportagen verfügbar sind und man sich selbst ein Bild machen kann, so ist es unleugbar, dass ein Großteil der Hindus ihn, diesen Schleimling also, als einen Gott verehrt. Ich war persönlich im Bazaar unterwegs, um das selbst erleben zu können, wie sie mit den Fahnen schwenkten und gröhlten, und wie die meisten meiner Freunde, Männer wie Frauen, das Thema mit mir nicht mehr erörtern wollten, so sehr hatten sie den Unheiligen ins Herz geschlossen. Meinem Indien, dem Paradies der Erzählungen, kann nichts mehr passieren. Ich habe Abschied genommen mit der dazugehörigen Trauer. Jetzt geht es um andere Dinge. Hilfreich ist alles, was über das Erwachen und über das Übungsfeld hinausführt.
Juni 6, 2024
Wir gehen so vor uns her, vor uns hin. Die Dinge fallen auseinander. Die blutgetränkte Flut ist losgelassen. Überall wird sie ertränkt, die Zeremonie der Unschuld.
Wenn man hineingeht ohne Rückhalt bleibt wenig Spur und wenig Spiegelung. Nur manchmal erfreuen wir uns wehmütig der Nus, wenn Gewesenes gepriesen wird.
In jeder Zeitspanne, in der Menschen herumwandern in persönlichen und gemeinsamen Erfahrungsexperimenten, wird ständig und in allen verfügbaren Sprachen darüber diskutiert, was denn gerade los ist auf der Erde. Wir alle kommen auf natürliche Weise in die Annahme, dass Leben genau so ist, wie wir es erleben und beobachten, und auf seine gewisse Weise ist es auch so, wir haben ja weder Wahl noch Vergleich und müssen mit dem umgehen, was wir vorfinden. Man hat als „Lebende/r oft nicht die nötige Distanz zum Geschehen, um es als historisches Ereignis zu sehen, denn wir selbst sind hier die Darsteller:innen des historischen Ereignisses, ständig am Studieren des eigenen Scriptes. Dort häufen sich die Randnotizen und die Fußnoten, and who the hell cares for them, wenn nicht wir. Ich fand meine eigene Zeit schon immer hochspannend und gehöre zu den Privilegierten, die auch ohne viel Geld viel reisen konnte und immer noch kann. Ich konnte mich dank der digitalen Revolution und ihren neuen Kommunikationssystemen in einer fremden Kultur lange aufhalten, dort so gut wie möglich heimisch werden und mich zuhause fühlen bei der Rückkehr in den anderssprachigen Freundeskreis. Ich bin dankbar dafür, in beiden Kulturen dunkles und helles Wissen kennengelernt zu haben, und dass der Mensch am Kern des Wesens diesselbe wortlose Sprache spricht, wodurch sich auch Tiere und Pflanzen und Sterne angesprochen fühlen. Da aber all dieses unendliche Bemühen, einen Sinn in diese großen Bewegungen des labyrinthischen Spieles hineinzupumpen, einem zuweilen so sinnlos vorkommen kann, finde ich einen geradezu erotischen Genuss in der Tatsache, dass wir uns in Wirklichkeit im radikal Ungewissen bewegen, und das scheint mir zur Zeit überaus deutlich zu sein. Weder ist eine Wettervorhersage gewiss, noch weiß jemand, ob es Trump und der verkörperten Ignoranz seiner Anhänger:innen tatsächlich gelingen wird, einen schlechten Clown in die nächste Präsidentschaft zu hieven. Auch in Indien tut sich was, und man sieht den verkalkten Schmuck der selbsternannten Götter in Zeitlupe herabbröckeln. Aber woher der erfrischende Wind kommen wird, das weiß man nicht. Denn man kann es nicht wissen. Sehr wenig Wesentliches kann man wissen, denn es gibt letztendlich sehr wenig Wissenswertes. Das Wissenswerte allerdings und das Nichtzuwissende sind die beste Ausrüstung für den anstehenden Heilungsprozess. Denn viele von uns suchen gar nicht mehr nach Wissen, sondern wir wandern durchs Ungewisse und sind offen für Heilung. Das kommt schon mal vor, dass alles sehr krank wirkt. Aber die heilenden Kräfte sind auch nicht wirkungslos, und man kann sich auf sie verlassen.
Der Hass und die Shitstürme, die da draußen grad toben, sind in jeder Hinsicht bedenklich, weil es unter anderem darum geht, das eigene Denken zu überprüfen. Als was betrachte ich dieses menschliche Leben: als ein Schauspiel, also entweder als Komödie oder Tragödie oder beides, wie es uns Dichter:innen und Denker:innen beigebracht haben, Oder hohe Schulen wie der Zen-Buddhismus, wo man auf einmal ins Nichts starrt und versteht, dass alles (auch) leer und bedeutungslos ist. Das Nichts als leere Leinwand, auf die wir unsere Wahrnehmungen projezieren. Leider oft nicht die eigene, sondern die von anderen Wahrnehmer:innen, und dann kommt es darauf an, was anspricht und Sinn zu machen scheint, immer gemessen an den ganz speziellen Erfahrungen, die nur ich selbst gemacht habe und die sich so krass unterscheiden können. Nun kreucht allerdings durch diese Krassheit die Vielfalt der menschlichen Wesen hervor, mit der jede/r Erdbewohner/in umgehen lernen muss. Zum Beispiel, wenn die Hälfte eines Landes entweder Donald Trump oder Narendra Modi als Gott sehen kann, das kann schon die kosmische Tempelanlage erschüttern. Und wie lange sind wir zur Narretei verdammt, wenn wir uns selbst beim Glauben erwischen, die Menschheit als Ganzes könnte „sich bessern“. Nein, wird sie nicht können. Man weiß auch, dass ein Mensch, der die Unmenschlichkeit des Warschauer Ghettos überlebt hat, ein Recht hat, den Menschen als „ein Tier, das Kleider trägt“ zu bezeichen, obwohl man dadurch noch die Tiere beleidigt, die gewisse Entscheidungsebenen gar nicht zur Verfügung haben. Wir Menschen aber haben so viele Möglichkeiten zur Verfügung, das ganze Treiben auf dem kleinen blauen Planeten zu beobachten und einzuschätzen, sodass irgendwann für mich selbst eine Notwendigkeit auftaucht, diese persönliche Sicht zu reflektieren, oder zu dokumentieren, oder zu bezeichnen, oder Geschichten daraus zu machen, oder sich selbst als Drama zu inszenieren, oder sich von jemand anderem inszenieren zu lassen und Liebe nennen, was ich dafür halte, und abzulehnen, was dem Inhalt meiner Lebensblase zu fremd ist. Oder lernen zu müssen, was inkompatibel ist mit meiner Art zu sein und Distanz wahren zu können, wenn sie erforderlich ist undsoweiter. Das alles ist sehr anstrengend und führt selten zu der von Philosophen gepriesenen Seelenruhe, eben zu wissen, dass alles vergänglich ist und immer nur genau so, wie es ist, obwohl es auch ganz anders sein könnte, theoretisch. Es ist ja gar nicht so wichtig, sich ständig Meinungen zu bilden über alles, was uns zu Ohren und Augen kommt, sondern es ist vermutlich gesünder, sich ab und zu mal zurückzuziehen und zu schauen, was aus einem selbst geworden ist, und ob man der Mensch ist, der man sein möchte.
Wir hatten das Glück, bei einem Fest eine Gruppe von Gauklern zu treffen, die verantwortlich waren für Aufschwung und d i e Art von Unterhaltung, die Anwesende zum Zusammenströmen anregt. Schön waren sie gekleidet und kamen aus einer anderen Zeit, oder besser ihrer eigenen Zeit, denn wer weiß schon besser als sie selbst, wie Gaukler.innen ihre Zeit verbringen. Klar, wir kennen auch die Gaukelei, z.B. sivh selbst was vorgaukeln, oder aber anderen etwas vorgaukeln, das kann auf der menschlichen Bühne unter gewissen Umständen auch unterhaltsam sein. Und schließlich gibt es auch für Gaukler:innen keinen Exit, alle bewegen sich gleichzeitig im Spiel. Die Gauklerfrau war eine stattliche Mutter und hatte einen Sohn dabei, was mich erinnerte an Picassos Bild der Mutter mit dem Gauklerkind, das sah aber ziemlich trostlos aus. Die Mutter und der Sohn auf dem Fest waren sehr leidenschaftlich in ihrer Kunst verankert, konnten alle möglichen zeitlosen Instrumente spielen und wundersame Lieder in anderen Sprachen singen, aber man konnte es trotzdem verstehen. Sind die wandernden Zigeunerherzen aber auch noch hochbegabt in ihren Fähigkeiten, hart erarbeitet und unermüdlich geübt, dann erfährt man, eher selten, aber dann eben doch mal, eine Art heimliches Wunder, das sich unbemerkt eingeschlichen hat und hier, genau vor deinen Augen, sich abspielt. Mutter Erde gibt in irgendeinem Zelt der Welt einem Sohn Geburt, der, das wird bald klar, die Verkörperung des Zaubers der Gauklerkunst ist. Ihn erleben wir an dem Abend, der schon vorher angereichert war mit herzlicher Wärme, als einen, der einen dann noch in Staunen versetzt mit seinen Jonglierkünsten, klar, das beeindruckt ja meistens, wenn jemand sowas gut kann. Aber nicht überall ist diese unheimlich tiefe Freude am Spiel, dieses ganz und gar zuhause sein in der eigenen Wahl, und angekommen in der vibrierenden Zone, wo einem vielleicht das persönliche Schicksal aus der Hand genommen wird, damit man sein Amt gut ausführen kann. Wenn Begabung zum Geben wird, das man dankbar empfängt.
Ein (weiterer) guter Tag, das Persönliche locker eingebettet in das Weltgeschehen. Ein guter Freund von mir hat Geburtstag, und gerade dass e r geboren ist bedeutet mir viel. Unsere Nachbarn, gute Nachbarn im wahren Sinn des Wortes, heiraten heute, beide zum zweiten Mal, es gibt sechs erwachsene Kinder, ein gelungener Reifeprozess. Und natürlich, last not least, das zu allen großen Festen gehörende Feuerwerk in den Köpfen derjenigen, die eine Verurteilung Donald Trumps kaum mehr für möglich hielten. Und nun ist das historische Ereignis in Gang gekommen. Noch sinkt das Urteil hinunter in die Eingeweide, und man weiß erst einmal nicht, was es dort anrichten wird, weil Angeklagte und Verurteilte selbst noch nicht wissen, was sie alles noch anrichten können. Doch ist das wahrlich Gute an der Sache, dass es um die Glaubwürdigkeit des Rechtssystem ging und geht. Und dass es zum Glück unkorrumpierbare Angestellte des Staates gibt, die fähig sind, diesem Staat ehrenvoll zu dienen. Es geht ja meist um Macht und seinen Gebrauch, und die Wirkung dieser Macht auf das Volk, wo das Geblendete stattfindet, bis wieder um das Recht gekämpft werden muss. Wenn die Würde des Menschen zu viel angetastet wird. Und so sehr die vielen Games auch Spaß machen können, so führen doch die übersehenen Zeichen des Genug zu Suchterscheinungen, die schwer zu zügeln sind. Ein guter Tag also heute. Zwölf Menschen aus dem Volk haben ein Urteil gefällt, das akzeptiert werden muss, wenn ein System sich bewährt.
„Fron“ und „Leichnam“, Worte für regnerische Düsternis, und der kleine Witz mit dem frohen Leichnam zündet auch nicht mehr. Vielleicht will man dann doch etwas mehr darüber erfahren, warum ein ganzes Land in den Arbeitsschlummer gelegt wird, beziehungsweise zu Blitzfluchten in eine Ferne reist, oder aber, und da kommen wir zu heute, zu Tausenden an Prozessionen teilnimmt, anscheinend in Begleitung von Jesus. In jedem Land gibt es vorherrschende Religionen mit meist interessanten Geschichten, da der Übertreibung und Ausschmückung und Wundererfindung keine Grenzen gesetzt sind, der Gläubige ist zum Glauben verdammt, und überall herrscht auch das Paradoxe in Union mit dem als „normal“ Deklarierten. Man feiert also, lese ich, die Gegenwart des als Sohn Gottes angesehenen Jesus Christus im Sakrament der Eucharistie, wo es anscheinend um Opfergaben geht, und um „die Mitte, aus der wir leben“, stand da, aber ich kann es ja nicht verstehen, weil es nicht meine Religion ist. Manchmal staune ich, dass ich angeblich unter Christen leben, aber ich weiß nicht, wer sich in dieser Zugehörigkeit erfährt, denn man kann das von außen nicht sehen. Auch sind religiöse Konstrukte immer mit einer höheren Macht verbunden, die ungern abgelehnt wird, weil es ja doch sein könnte, dass…dass was? Jetzt beamen wir aber zurück ins Jahr 1247, wo dieses Fest zum ersten Mal gefeiert wurde, das ist ordentlich lange her und hatte mit einem Blutwunder zu tun. Die Anregung zu all dem kam durch die heilige Juliana von Lüttich (1209), die von einer Verdunkelung am Mond berichtete, und dass Christus ihr vermittelt habe, da fehle ein Fest. Und so wird bis heute geopfert und in Prozessionen marschiert. Einmal, als ich in Guatemala war, wollte ich eine schön aussehende Kirche besuchen, aber als ich näher kam, sah ich das Blut herunterrinnen an den Treppen. Dasselbe habe ich noch einmal in Gujarat erlebt, wo Portugiesen sich einst einnisteten, das war kein Blutwunder, sondern nackte Realität, oder die spürbare Wirkung der dunklen Taten. Die Vertreibungen, die Konvertierungsexzesse, die Anmaßungen und Erhebungen über das eigene Fehlverhalten, den Mangel an Intelligenz und Menschenwürde. Irgendwann muss man beginnen, sich selbst zu erziehen, da hilft kein Gott mehr weiter. Und vielleicht ist die Kraft auch erlöst, wenn der Anspruch an das Niezuwissende abnimmt, und froh schwimmen die kleinen Gewohnheitsleichname den Bach hinunter.