geboren werden

Dieses Bild oder besser dieses Blatt mit den Füßen habe ich vorgestern auf der Steinplatte entdeckt, und da ich Zahlen mag, habe ich sie mir genauer angesehen. Es ist ein indisches Geburtshoroskop, und ein Staunen hat mich erfasst, als ich bemerkte, dass alle Zahlen meines eigenen Geburtsmomentes darin vorhanden waren. Na, wenn d a s ein Zufall sein sollte, dann käme es immer noch auf mich an, die Verbindung herzustellen. Aber nicht genug! Heute i s t mein Geburtstag, und ich erlebe hier eine feine Schnittstelle zwischen dem Unpersönlichen und dem Persönlichen, indem ich mich mal zur Abwechslung weit aus dem Fenster des Persönlichen hinauslehne. Ich bin in Berlin geboren, als das große Morden noch voll im Gange war, und als Eltern noch dachten, ihre Kinder kriegen nichts mit von all dem Grauen, sind ja Kinder. Während meine Schwester noch in einer Privatklinik zur Welt kam, war es bei mir schon ein Bunker, da andere Ärzte gar nicht mehr zu finden waren. Das heißt, sie, meine Eltern, fanden einen, aber der hatte nichts mehr zur Hand, um Leben in die Welt zu bringen. Da fiel meine Mutter die Treppe hinunter und war sehr mit einer Kniewunde beschäftigt, als sie den Arzt sagen hörte, dass das Kind hoffentlich durch den Sturz nicht behindert werden würde. Was dann in den dunklen und hellen Korridoren des Seins sich entfaltete für mich, kommt mir auch heute noch außerordentlich günstig vor. Fakt ist, ich habe diese Schrecken und dieses Grauen überlebt und habe Deutschland früh genug verlassen, um in der Aufarbeitung der Geschichte nicht unterzugehen. Da, wo ich hinging, halfen mir Zeit und Kunst, das Innere nach außen zu bringen, mich politisch zu engagieren, ja klar: für den Frieden und ein Leben, das man selbst in die Hand nahm und dadurch nachvollziehen konnte. Und LSD, frisch und kristallklar aus den Laboren hervorgekommen, half auf jeden Fall dabei, das Wunder(n) über die Schöpfung wieder in einen lichten Zusammenhang zu bringen. Als ich dann endlich Indien erreichte, erschien mir die Sonne auf meiner Schulter wie etwas, was ich lange nicht gespürt hatte, so vertraut war mir die Nacht geworden. Ich fühlte, wie ein neues Leben auf mich zukam, und jahrelang zählte ich mich zu den ‚Zweitgeborenen‘, ein Begriff, der in Indien in anderem Kontext benutzt wird, aber auch nicht so weit entfernt von meiner Deutung. Während ich in Berlin direkt aus der Asche kam, fand ich mich hier in einer Gesellschaft, die genau zu mir passte, so, wie ich irgendwie zu ihnen passte. Das wirklich Geheimnisvolle an all diesen Vorgängen ist die indische Tiefe der Wahrnehmung, die ich mir zu eigen gemacht habe: zu wissen, dass da eine Intelligenz wirkt, nein, kein Gott, sondern eine freie Intelligenz des Systems selbst, das sich so erschafft, erhält und vergeht, wie es seine Art ist, diese Kunst, in deren permanenter Darbietung wir uns bewegen, einerseits frei, und dann doch sehr gebunden. Wenn man allerdings ein Glückskeks ist, dann verwandelt sich diese Gebundenheit langsam, natürlich nicht ohne Mühe, um Himmels Willen, was wäre das Abenteuer ohne die epischen Prüfungen, verwandelt sich das Verhaftete also langsam, sehr langsam in das Verbundene, was einem selbsr guttut, und dann auch den Anderen. Und dann ist heute Donnerstag, mein Lieblingstag, und die Frau, in deren Haus ich sitze, hat heute auch Geburtstag, und Reena auch, ein paar Häuser weiter von hier. Ich bin mitten in prasselndem Regen  aufgewacht, und obwohl mein Mitgefühl die PilgerInnen begleitet, war ich froh, hier in klösterlichem Luxus den Morgen verbringen und vor mich hinkontemplieren zu können. Schließlich ist Geborengewordensein etwas zutiefst Persönliches, nur einmal in dieser Form und mit diesem Wesen ausgestattet, um dem ganzen Vorgang zum Gelingen zu verhelfen.

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