hat/hätte

Manchmal überlege ich mir, ob ich manchen meiner Bilder einen Titel geben soll, damit der potentielle Kreis der Wahrnehmungsmöglichkeiten zumindest etwas eingeschränkt wird, natürlich vorausgesetzt, die Frage ‚was sehe ich denn da?‘ taucht überhaupt auf. Würde ich wiederum z.B. diesem Bild oben den Titel ‚Echsenmensch‘ geben, wäre der Blickwinkel stark eingeschränkt, obwohl es zu einer klärenden Sicht kommen könnte. Aha also, ein Echsenmensch! Ich habe mich selbst gefragt, ob die hirnrissige Meinung, unter uns lebten Echsenmenschen, die den Planeten an sich reißen möchten, in meinem Unterbewusstsein etwas ausgelöst hat. Vielleicht war es das Unverdauliche, das im momentanen Nebel der Verschwörungstheorien durch die Nachrichten ging, und, kaum zu glauben, wurde Angela Merkel in diesem Kreis als Reptiloidin erkannt, worüber man nicht weiter nachdenken muss, eher eine der Grenzen des Denkens erkennen. Wenn etwas vollkommen absurd wird, kann man es leichter lassen, als wenn noch ein Tröpfchen Wahrheit dran hängt. Bei solchen Gruppierungen wie die von Hitlers Attentätern muss man davon ausgehen, dass an ihnen noch ein Tröpfchen Wahrheit hing, der immerhin zu einer Erkenntnis reichte, auch wenn das Ziel nicht erreicht wurde. Es fand auf jeden Fall eine tiefe Verwandlung statt in diesen paar Geistern, und dass sich überhaupt eine Gruppierung fand, die im Angesicht des Irrsinns den Mut hatte, der Vernichtungsmaschinerie ein Ende setzen zu wollen, das ist beachtlich, und gerne wüsste man, wie sie sich über diesen Weg verständigt hatten, und wie es klar wurde, dass ihre Gedanken in diesselbe Richtung gingen. Es ist ein erschreckender und tiefgreifender Prozess, sich einer Gehirnwäsche bewusst zu werden, also dass man teilnahm an einem Gedankentum, dessen Inhalt und Substanz man eine Zeitlang für möglich hielt, oder die Macht und Anerkennung des Dabeiseins war so groß, dass man sich verführen ließ zu glauben, statt selbst zu reflektieren. In Indien musste ich mich eines Tages, bzw. über Jahre hinweg unermüdlich entscheiden, dass ich kein Recht habe, einem Menschen seinen Elefantengott wegzuanalysieren, wenn es unauslöschlich in das Blut geschrieben ist, dass dieser Gott einst lebendig auf der Erde weilte und alles tat, was man nachlesen kann, denn es wird sich wenig an den Anekdoten ändern, da absolut unglaubwürdige Geschichten die Säulen der Gläubigen darstellen. Im indischen Schöpfungsepos rastet die Frau des Schöpfers einmal aus und mit vor Wut glühenden Augen verflucht sie die anwesenden Götter und dampft ab auf den naheliegenden Berg, wo sie heute noch lebt. Ich fragte mal einen Brahmanen, ob der Fluch wohl eines Tages mal zu Ende ist, aber solche Fragen sind unerwünscht, denn sie rütteln an den Stäben, aber nicht wirklich. Es ist so, als würde man einen Christen fragen, ob die Story mit dem Apfel denn mal gegessen sei und ob man trotz verbotenem Wissen mal wieder zurück dürfte ins Paradies. Aber klar, hat Kain einmal Abel erschlagen, ist der Mord offizieller Teil der Geschichte. Dabei hätte es (hätte es?) jederzeit anders kommen können. Um Jesus zu retten, hätte Maria eine Amazonentruppe zu Hilfe rufen können, die auf dem Leidensweg dazwischenprescht und den verspotteten Göttersohn mitnimmt an einen sicheren Ort, von wo aus er dann nach Kaschmir gebracht wurde, wo ja heute noch sein Wirken bekannt ist und sein letztes Hemd hängt. Gut, wer weiß schon, wie das alles vor sich ging, gerne würde man einen Zeitzeugen fragen. Wegen der Unmöglichkeit dieses Vorhabens kehrt man zurück und wird sich der Historie des eigenen Aufenthaltes bewusst. Wir befinden uns also, wohlgemerkt: ohne Krieg, in einer derart großen Krise, dass niemand weiß, wie weit ihre Finger in unsere Zimmer hineinreichen werden. Aber es ist eben auch Frieden, und die Menschen kehren (maskiert und distanziert) zurück zum Vermissten.

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