kippen

Heute früh habe ich während des Schminkvorgangs (natural masking) von einer dieser Stimmen, die zur Zeit versuchen, einem die Corona-Dampferfahrt zu erläutern, gehört, dass die Stimmung im (deutschen) Volk kippt. ‚Kippen‘ ist kein schönes Wort, und man hört es ungern in der Nähe eines Abgrundes, wo es unter ungünstigen Umständen zum Unerwünschten kommen kann. In Phase II sind wir immerhin als großer Teil der Weltbevölkerung noch miteinander im Nichtwissen verbunden, was die Reise des Virus betrifft. Kippen kann passieren, wenn ein Sklave merkt, dass er die Schnauze voll hat vom Missbrauchtwerden, oder wenn eine Frau merkt, dass Geschlagenwerden nicht wieder in Liebe münden kann, weil es nie welche gewesen ist. Manche Ausrutscher führen zum Kippen, manche nicht, weil sie vielleicht aufgefangen werden von Liebesfähigen oder Liebesbemühten (oder Liebeserblühten). Kippen birgt immer Gefahr, denn man weiß nicht, wohin die bis dahin unbelebte Masse kippt. Es kommt unter anderem auf die Denksubstanzen an, die sich in einem aufgewühlten und aufwühlenden Prozess durchsetzen. Auch die paar Männer um Hitler, die inmitten des Wahnsinns erkannten, wer da steht und alles Menschliche bedroht, hätten genügt, um ein gelungenes Attentat in eine lebensrettende Aktion zu verwandeln. Wie konnte das schiefgehen. Aber es ging schief, so schief, dass man ungern an die Einzelheiten denkt. Deswegen muss man aufmerksam beobachten, wenn etwas zu kippen droht. Es ist ja erst ein paar Jährchen her, dass aus dem Höllenschlund ein großes Schlaraffenland sich hochentwickelte, in dem man alles holen und haben konnte, wenn man in der Lage war oder einfach bereit,  den Preis dafür zu zahlen. Nicht weit von den Einkaufszentren lagen noch die Bücher, die vor allem für die orientalischen Märchenstunden taugten mit dem berühmten Einstieg, dass einmal etwas war, dass dann durch viele Abenteuer ging, bis eines Tages aber, mitten in der Vorstellung, es sich begab, dass etwas Unerwartetes eintraf, vor allem, wenn es etwas mehr als nur einen Menschen oder ein Haus oder ein Land betraf. Nein es betraf eines Tages plötzlich etwas die ganze Welt. (C)Ovid, der große Erzähler, kaute an seinem Federhalter. Jetzt genügt es nicht nur, den kollektiven Betablocker einzusetzen, denn es gibt gar niemanden mehr, der ihn verabreichen kann. Und überall kann es neue Brandherde geben, wenn verstanden werden muss und wird, wie zusammengeschweißt und voneinander abhängig das ganze Menschengefüge sich plötzlich versteht, wo man doch vor allem mit den eigenen Kisten und Kästen beschäftigt war und vor allem ein Lager hatte, von dem einen keiner vertreiben konnte. Und Vater Staat, der sich das spannungsgeladene Dunkelnetz leisten konnte, solange die Kinder im Rahmen blieben und sich am Riemen rissen. Jetzt reißt der Riemen, weil er reißen muss. Man kann ja an sich selbst beobachten, wie man die Ränder der eigenen Weltvorstellung entweder erweitert, wenn auch zuweilen ächzend, oder aber rechtmäßig alles zurückruft und mit sich zusammen zieht. Sind einem die Außensitze der persönlichen Schaukel bekannt, kann man die Kippbewegung eindämmen, indem man sich der Mitte nähert und auf zu viel Bewegung verzichtet. Das verhilft auch dem Auge zu einem ruhigeren Blick, durch den man sich selbst und den Vorgang erfasst. Dadurch ist es einem möglich, die andere Seite wahrzunehmen, der man nun, günstigerweise, gegenüber sitzt, sodass der mutige Akt zu einer Ausgleichung führt (bzw. führen kann).
In Zen-La loten die Anwesenden über dem weißen Abgrund die potentiellen Grenzen des Ungewissen aus. Es entstehen Fragen, die nicht nach Antworten rufen.

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