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Vielleicht kommt mir das planetarische Menschsein zur Zeit so verhuscht vor, weil wir alle auf virologische und virtuelle Weise einerseits verbunden sind, andrerseits begegnen wir uns zum ersten Mal maskiert, und selbst ein demaskierter Vizepräsident kann von einem Kritikschwall zur Maskierung gezwungen werden wie etwa der in Amerika als ‚Arschkriecher des Jahres‘ deklarierte Mike Pence, dem dies vielleicht eine Maske zuviel wurde in den dunklen Gängen der Selbstaufgabe. Maske muss also sein, um die Kapitulation  der politischen Entscheider nicht noch deutlicher zu machen. Außer dem öffentlichen Austausch hängt dann noch jede/r eigenen Gedanken nach, das ist ja nichts Neues, aber selbst d a s taugt nicht mehr für das Allgemeine. Eigentlich taugt wenig für das Allgemeine, aber auch im Virtuellen entstehen Größen und Maßstäbe, nach denen sich Menschen ausrichten können und die bis zum simpelsten gemeinsamsten Nenner reichen. Vermummung ist also verboten, aber Maskenzwang ist Pflicht. Nun hat auch der einfachste Bauer den Virologen zugehört, um mehr Klarheit in die gemeinsame Not zu bringen, aber es hat eher dazu geführt, dass nicht nur der kluge Bauer ermüdet und abschaltet, sondern in alle Schichten drängt sich die Ermüdung über das Erhoffte oder Geglaubte oder Versprochene oder sich ständig Wiederholende, sodass man eines Tages weiß, dass vom Extra nichts zu erwarten ist. Jetzt ist es schön, ein Auge zu haben für diese kleinen Veränderungen, die einen ansprechen, sodass sich daraus fast unmerklich neue Weichen formen können, die dem Trieb, alles weiterhin s o haben zu wollen, wie ‚es‘ immer war, leise und unaufhaltsam entgegenwirken. Das ‚Immer‘ zieht sich entlarvt zurück, da es dieses ‚Es‘ nie wirklich gab, und verwandelt sich in einen Scheibenwischer, der den Blick freigibt auf das Tatsächliche. Aber auch das Tatsächliche verliert in dieser maskenhaften Demaskierungskrise an Konturen. Nie hat es einen interessieren müssen, wer hinter oder vor einem in der Schlange den angemessenen Abstand wahrt, es gab weder Schlange noch Abstandsvorschriften. Nun weiß man ja genauso wenig wie vorher, welcher Geist sich hinter der neuen Maskierung verbirgt, aber wissen tut man, dass sich durch die Neuorientierung im Individuum eine gewisse Wachheit regt, der man kaum ausweichen kann, sei sie aus Angst oder Unmut oder Interesse oder Anpassung zusammengesetzt, denn auf ein neues Normal hin wird sich noch einiges klären müssen. Bis dahin gibt es erfrischende Strömungen, neue Zusammensetzungen, packende Schalthebel an den Instrumentarien, Auslotungen von Existenzgrundlagen (Grundeinkommen und Grundbedürfnisse), zitternde Kompassnadeln. Denn erlebt nicht der Mensch, ich meine: jeder Mensch auf der Erde, nicht auch gemeinsam, also jede/r bei sich und doch unabänderlich gemeinsam) gerade eine der großen Erdstunden, in denen sich das Schicksal einer ganzen Spezie neu erschafft. Hier ist doch ziemlich deutlich ein Automatismus am Werke, der unaufhaltsam seine Arbeit tut, ohne dass es ein Sterblicher vermag, einzugreifen, obwohl sich das widerspenstige Handeln verstärkt. Jetzt kommt es auf etwas an, wofür wir noch keine Worte haben. Man wird sich daran erinnern als die Geburtsstunde des Seins, als noch einmal alles aufblühte und sichtbar wurde, und als Dunkel und Hell sich offenbarten als das großzügige Geschenk einer maßlosen Freiheit, die es zu ordnen und zu lenken gilt, bevor das Unausrottbare sich wieder seine Felder erschließt. Und nach wie vor ein Schatten liegt zwischen Idee und Wirklichkeit.
In die Arbeitshalle von Zen-La ist eine schwere Papierrolle transportiert worden.Mit einer feinen Klinge schneidet der Cutter die passende Größe der Blätter für die Anwesenden.Durch einen intensiven Grad an Distanzierung ziehen sie ihren Weltblick in sich zurück. Die erhöhte Aufmerksamkeit gilt heute der Tiefe des leeren Blattes.

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