heilen

Schön, dass sie da waren, die Feiertage, und schön, dass super Wetter war für die Eiersucher und Sucherinnen, und Gäste, und Osterfeuer und Eierbäume und schneeartige Samenwirbelwinde, und der ganze Hügel in der Nähe des Hauses soll voller suchender Kinder gewesen sein, überall die Bereitschaft zu höchstmöglicher Zufriedenheit. Für mich muss drin sein, dass ich auch mal an meinem Schreibtisch sitzen kann und über was nachdenken. Ich dachte, auch im Rahmen christlicher Zusammenhänge, die mir aus eigener Erfahrung nicht so vertraut sind, darüber nach, wie schwer es ist, sich in die Geisteshaltung mancher (schon lange berühmter) Künstler hineinzuversetzen und für sich selbst wenigstens etwas diesen Blick zu enträtseln versuchen, der, zum Beispiel beim Malen auf den vor dem eigenen   Auge entstehenden Bild fällt. Ich kam durch das Bild von Rubens darauf. Diese Behutsamkeit der Pfeilentfernung, die auch durch die Witwe bei Caravaggio gut vermittelt wird, da sieht man die Liebe als reine Fürsorge, was wohl in der Legende so passiert sein soll, lese ich mal kurz nach: (Der heilige Sebastian). Als Soldat gefördert, wurde er doch wegen Bekennens zum Christentum, vom Kaiser zum Tode verurteilt, der ihn von numidischen Bogenschützen erschießen ließ. Er starb aber nicht, sondern wurde von dieser Witwe gesund gepflegt, ging dann aber, warum auch immer, zurück zum Kaiser, bekannte sich erneut zum Christenbtum und wurde  mit Keulen erschlagen. Schon als Jugendliche schaute ich mir die Körper der heiligen Sebastians an  sowie die vielen gemalten Körper des leidenden Jesu die oft so eine Mischung erzeugen aus tiefem Mitgefühl, das aber auch die Wahrnehmung der körperlichen Schönheit und Jugend zulässt. Vielleicht meine ich das mit der Erotik der Wunde, des Leidens, des Schmerzes, der Verletzlichkeit, so eine Art Liebe, die über den Schmerz hinausgeht, was nicht bedeutet, dass er nicht wahrgenommen wird. Auch war die religiöse Darstellung immer auch ein Weg, kulturell verpönte Gefühle auf einer höheren Ebene zu sublimieren. Die Spitze des Pinsels kann eine furchterregende Intensität annehmen, denn sie ist das ausführende Organ des dahinter wirkenden Geistes, Ich erinnere mich, dass mir einmal die Anzahl der ertrunkenen und immer noch ertrinkenden Afrikaner im Mittelmeer so unvorstellbar vorkam, dass ich auf einem blassblau bepinseltes 14×14 cm großes Blatt anfing, schwarze Punkte zu setzen, um einem Gefühl für dieses ungeheure Geschehen zumindest in kläglichem Versuch einen Ausdruck zu verleihen. Während ich Punkt um Punkt setzte, spürte ich, wie sich die Farbe der Punkte in Haare verwandelte. Vierhundert weitere Köpfe spürte ich förmlich unter meiner Hand versinken in  unabwendbare Schicksale, verhinderte Leben,ausgebeutete und vernichtete Menschen, auf Hilfe der Söhne ausharrende Familien, aber vor allem: dieses spürbare Haar am Ende des Pinsels. Für mich heißt der Begriff „Erotik der Wunde“ nicht, dass etwas Inkompatibles zusammengebracht wird, nein, sondern Erotik bedeutet für mich unter anderem der universelle Zustand an sich, seine Lebendigkeit, seine Ausschließlichkeit, und dass die Wunde auch da ist, um wahrgenommen zu werden als Daseiendes im lebendigen Prozess, Und wer weiß schon, welche Wunden und Abgründe (z.B.) ein Caravaggio beim Malen in sich selbst geheilt und erhellt hat.. (Oder nicht).

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