Dachboden


Kiesel III
Wir haben einen sehr großen und geräumigen Dachboden, der allerdings nur über eine Leiter zu erreichen ist, die wiederum keinen so festgelegten Platz hat, dass man sofort weiß, wo sie ist, und deswegen ist es selten, dass jemand sie holt und nach oben klettert. Nun war es wieder soweit. Man vergisst verdammt leicht, was man so alles im Leben angefertigt, geschrieben oder gemalt hat, oder einfach nur aufbewahrt für die Okkasionen, die (das müsste man eigentlich schon beim Verstauen wissen) nie kommen werden, und da steht er halt noch, der alte Rechner, oder der Waschkorb mit den Text-Papieren, oder der sehr schöne Zeichentisch, handgefertigt von „Wie hieß er doch noch“, der geniale Bastler, dem ich auch mal (m)einen Wanderstab abgekauft habe. Dann fanden wir noch viele, pralle Notizbücher in Din A4 Format aus der Zeit der Schweigetage und der daraus hervorgegangen Reflektionen. Staunen soll ja gesund sein, und das darf man hier nochmal, denn siehe: alles, was ich gerade frisch durchgrüble, liegt da schon schonungslos und breit angelegt, und man gerät in Versuchung, Löcher in Nebelschwaden zu bohren und den Weg zurückzufinden aus dem Labyrinth der Erinnerungen. In unserem Haus lebt ein sterbenskranker Mensch, die sich auf den Ausgang zubewegt, auf das Finale. Für alle daran Beteiligten rückt dadurch die Bewusstwerdung der menschlichen Vergänglichkeit näher. Durch die Exzellenz der Poesie kann man furchtlos durch das Tal des Leidens und der Liebe geführt werden. Aber dann, sozusagen in vorletzter Minute, kann man all das, was man tatsächlich selbst war und ist, bei sich versammeln, und es ist sicherlich hilfreich, es wohlwollend zu betrachten, denn das ist es jetzt, was man mitnimmt: sich selbst. Auch die Anderen können verstehen, dass hier jemand vor allem sich selbst braucht, damit möglichst viel vom eigenen Wesen nach außen ins Irgendwo befördert wird und dort seine Wirkung entfaltet. Kulturen- und glaubensbedingt hört dann das Leben auf, oder es fängt genau da erst richtig an, who knows. Die Kiesel (Bild) kommen übrigens auch vom Dachboden. Dunstig schwebte die Erinnerung durch den Raum, dass wir sie alle mal bepinselt haben.

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