24.Mai

Ich erinnere mich sehr gut an den Tag, an dem der Krieg ausbrach. Es war ein Donnerstag, ich hatte Besuch und war in angeregtes Gespräch vertieft, auch über diesen Ausbruch. Heute sind es also genau drei Monate her, und vieles ist mit „uns“ passiert. Ich kann hier „uns“ sagen, weil es bestimmte Momente gibt in der Zeit,wo es kaum einem Menschen gelingt, sich aus den Geschehnissen der Zeit herauszuhalten. Und nicht nur durch das Einschalten der Medien, sondern wenn es noch näherrückt, an die Tankstelle eben und an den Einkaufswagen. Manchmal zuckt man ein wenig zusammen, wenn man an die denkt, die durch die Umstände ärmer oder noch ärmer werden (wobei auch „arm“ definiert werden muss), während wir alle mitbekommen,wie die Milliarden nur so hin-und hergereicht werden für Dinge, die die Prioritätsliste erklommen haben. Der Krieg ist teuer, und die Regierung unterlässt nicht, uns darauf vorzubereiten. Nun gibt es wie meistens viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Ach wie wunderbar waren die Jahre in Indien, wo man (also ich) in Zügen herumsitzen konnte und  argumentieren und tatsächlich über Götter und die Welt sich austauschen, bis dann im Abteil die berühmte indische Kopfbewegung anfing, die besagte, dass man es eben nicht weiß, denn es ist nun einmal so, und selbst Gott weiß es nur vielleicht, aber vielleicht weiß er es eben auch nicht. Somit wird durch direkte Wahrnehmung vieles geklärt, aber beim Klären gibt es nicht wirklich eine Grenze. Irgendwann muss man sogar damit aufhören, denn obwohl immer neue Erkenntnisse auftauchen, klärt sich dadurch nichts, es gibt lediglich mehr Informationen darüber. Und wenn auf einmal vieles ausgehebelt wird, was vorher einigermaßen stabil schien, dann kann das zu allen möglichen Reaktionen führen. In der Zwischenzeit sind „da drüben“ schon eine Menge Menschen gestorben, schwer verletzt worden, am Verhungern. Es werden (noch) mehr Waffen gewünscht, das Denken wird komplizierter, der Alltag fordert seine Tribute. Einerseits leben wir in einem Land, in dem es schwer geworden ist, in einen finanziellen Abgrund zu fallen, da muss man schon hoch gepokert und die Schlacht verloren haben. Doch überall kann Schlachtfeld sich manifestieren, die Bedingungen sind immer gegeben. Und Olena Selenska wusste genau, dass es wichtig war für sie, uns daran zu erinnern, dass wir uns nicht an die Leiden ihres Volkes gewöhnen sollen. Es ist ja auch in die Blutbahn der Deutschen eingeträufelt worden, nicht zu vergessen, dass auch sogenannte gebildete Menschen bereit gemacht werden können zur Gaskammerproduktion, wohl wissend, was damit gemeint ist. Es wird einfach von Bereitwilligen und Gezwungenen durchgeführt, und schon gewöhnen sich Menschen an das, was ist. So, wie wir uns zur Zeit an diesen Krieg gewöhnen, denn das tun wir doch, oder nicht? Sollte es vom springenden Punkt dieser menschlichen Nachtschwärze her ein Erwachen geben, so kann es nur vom Einzelnen herrühren. Wir Einzelne können immer noch hinsehen, also hineinsehen ins Dunkel (unser Dunkel), von wo aus Bewusstmachung erst möglich ist. Und ohne Höllengang ganz sicherlich kein Stück vom Himmelskuchen.

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