verhalten

Ich verstehe ‚verhalten‘ zuerst einmal als ein leises, inneres Zurücktreten ohne den Willen zur Meinung. Die Freude an Meinungen lässt merklich nach; es gibt auch m.E. gerade nicht so viel zu meinen, also was mich vom Außen her direkt anspricht, während im Haus die Reflektionsrunden gut im Fluss sind. Es hilft, wenn man von Menschen, mit denen man lebt, bis zu einem gewissen Grad verstanden wird, um nicht in zu viel Erklärungs-oder Verhaltensnot zu kommen. Auch gegenüber den Lockerungen, denn ja, wer zieht Lockerungen nicht den Restriktionen vor, denn man hätte zu gern miteinander (hätte man das gerne?) ein reifes Volksbewusstsein, dem man zutrauen kann, die Lage einzuschätzen. Zumuten ist immerhin förderlicher als ein aufgezwungenes Pflichtprogramm, aber letztendlich passen nicht einmal zwei Schafe unter einen Hut, wer soll das leisten. Auch in den Altersheimen sitzen Menschen mit gelebten Leben, auch wenn die tödlichen Stoffe, die ihnen zugeführt werden, so manches töten können, was noch lebendig hätte sein können, ohne entwertet zu werden. Unter anderen Bedingungen vielleicht. Aber auch hier ist doch etwas aus dem Ruder gelaufen, wofür es kaum noch Gesundungsprozesse gibt, wo sollte man ansetzen. Vielleicht ja beim Krieg, was Deutschland betrifft, und heute, dem 8.Mai, an dem das Gemetzel ein Ende nahm, was wiederum zu einem Anfang führte, der wiederum zu dieser aufgeblasenen Hülle und Fülle führte, bei der uns jetzt der neue Alien, das Virus, eine Bremse gesetzt hat. Ja natürlich soll alles, was da war, wieder offen sein, damit alle wieder baden, kaufen, schwimmen, singen und tanzen können, was das Zeug herhält. Und manche sind wieder befreit von ihrem eigenen Zuhause, wenn dort das mühsam Gebremste in Notlagen übergeht und den Traum vom Leben nicht mehr hergibt, sondern nur noch sein Aushalten. Dann auch: die Frauenhäuser sind zum Brechen voll,  in Indien ist der Alkoholkonsum während der Pandemie in vorher undenkbare Höhen geschnellt. Man wagt es kaum, an die Frauen zu denken, die mit diesen Auswirkungen umgehen müssen. Hier zeigt sich die zweite Bedeutung des Wortes ‚verhalten‘. Wie verhalten?, wann wo wie verhalten, eben auch wie mit Maske verhalten. Ich meine, man kann sich auch zuweilen einen humorvollen Blick leisten und über die maskierte Menschheit schauen, wie wir jetzt, ohne gemeinsamen Koordinator, das Schiff in den diamantenen oder den pechschwarzen Hafen navigieren, oder soll ich es lieber den natürlichen Hafen nennen. Ich meine den, der ich selbst bin, oder soll ich besser sagen: sein könnte. Denn hat die Krise nicht durch ihre mühseligen Prozeduren und Prozesse und Wirkungen die Fragen erleichtert, die nie dringlich genug waren, als dass man sie hätte ans Herz nehmen müssen: wer bin ich, mit wem lebe ich, und wie verhalte ich mich in einer Krise mit mir und den Anderen? Dass das mal so wichtig sein könnte, wer hätt’s gedacht. Es wird viele Antworten geben, aber immerhin hat man sie hören können, bevor auch sie weiterziehen und die Fragen zurück lassen, während weitere Fragen am Horizont ausgebrütet werden. Das Ungewisse kennt das Tricksen nicht, die Formen sind nur latent in ihm enthalten. Auf diese Weise kehrt der bewusste Mensch zum Kind zurück. Wie zutiefst sicher muss eine/r sein in sich selbst, um die Komplexität des Spielerischen furchtlos zuzulassen und sich dem Vergleichslosen zu widmen, wodurch sich die Ich-Verhaftung entzieht. Es ist nun mal das Zeitalter des Todes, der seine Reiche aufgebaut hat im Vorwärts und im Rückwärts. Daher bleiben uns nur die verborgenen Strömungen, perfekt geeignet zum Surfen.
Der Mond, oder d a s, was der Mond genannt wird, zieht sehr groß und nahe an Zen-La vorüber. Die Praktizierenden halten sich sehr still und lassen die dunklen Schwaden der Tiefe durch sich hindurchziehen, ohne das innere Auge an Phänomene zu heften.

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