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Niemand würde das Ver-rücktsein oder das Verrückt-werden als eine verlässliche Medizin empfehlen, sondern es wird eher gefürchtet gleich nach der Todesangst. Einmal ist mir das in Marokko passiert. Einige Dervische hatten uns, die Mitglieder des „Living Theater“, eingeladen zu einer Reise, herbeigeführt durch eine uralte, als heilig gehandhabte Droge, deren Rezept nur von Vater zu Sohn weitergereicht wird. Sie rieten uns zu einer gewissen Dosis, aber das Zeug schmeckte köstlich und wir waren einiges gewohnt. Da merkte ich etwas später, wie meine Hand nicht mehr zur Kaffeetasse hinkam, dann ging ich ins freie Feld des Nus. Ich wusste meinen Namen nicht mehr, fühlte mich aber gut und wollte weg von den vielen Gesichtern, die um mich herumsaßen und mir irgendwas einflößen wollten. Ich entkam ihnen und wanderte tagelang auf der Straße vor mich hin, das Angstmantra aus „Dune“ tauchte in mir auf, ich hatte es kurz vorher auswendig gelernt. Irgendwann kam ich wieder an einen sicheren Ort, es war in Tanger, jemand brachte mich in Sicherheit, meine Freunde waren da. Auch die Sterbende in unserem Haus ist durch einen Moment des Wahnsinns gegangen. Niemand konnte sie bändigen, und mit unbändiger Kraft schrie sie den Satz „Ich bin selbstbestimmt“. Als sie wieder erwachte (aus der Beruhigungsspritze) brauchte es eine Weile, bis sie wieder zu sich kam, oder besser gesagt: sie kam langsam heraus aus sich selbst. Und da ist sie nun geblieben, sehr wach, sehr präsent, mit einer etwas tieferen Stimme als zuvor, mit klaren, freundlichen Worten. Ich bin verblüfft, dass ich es erleben kann: dieses geheimnisvolle Wirken in unseren Innenwelten, dieses bei aller förmlichen Starrheit permanent sich bewegende Neu. Dieser Schöpfungsgeist, an dem man hier auf diesem Planeten teilnehmen kann, ein freier und unbezahlbarer Kurs in Wundern. „Humanes Sterben“ ist ein wichtiges und verlockendes Angebot von einem selbst an sich selbst, wenn zum Beispiel eine Weltmüdigkeit einen anfällt usw., aber es ist auch wichtig zu wissen, dass bei der Begleitung eines oder einer Sterbenden noch viel passieren kann. Wenn das eigene Wesen den Staub auf den Federn entfernt.

 

 

* Claudia Maria Brinker

 


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