unwägbar

In einer Biografie über Sigmund Freud habe ich gelesen, dass es Freud einmal vorschwebte, Menschen durch die Psychoanalyse zu lotsen, die vor allem an ihrer Selbsterkenntnis interessiert waren, also sogenannte „gesunde“ Menschen, die bewusst reifen wollten, im Gegensatz zu erkrankten Menschen, die geheilt werden wollten von ihren unterschiedlichen Nöten. Bis heute verblüfft aber das Ausmaß des körperlichen und seelischen und geistigen Krankseins, sodass die Antwort auf die  Frage „Wie geht es dir?, oder Ihnen, oder euch?“ eher auf einer etablierten Oberfläche herumhängt. Denn wer will  oder kann schon glaubwürdig die Tiefen eines jeweiligen Gegenübers ausloten, wenn die Bedingungen dafür nicht gegeben sind. Die Grübeleien über das Menschsein sind zwar weiterhin hoch im Kurs, aber selbst Abgründe drehen sich im Kreis und wollen ihren Ausgang nicht preisgeben. Und kaum jemand hat die Zeit, sich um d a s zu kümmern, was im eigenen Kosmos vor sich geht, bevor er zur Blase schrumpft. Auch diese Art von Schrumpfung ist eine Krankheit, die nach Heilung ruft, also nach Atem und Befreiung und Befragung der eigenen Wirklichkeit, und ob sie dem entspricht, was ich mir für mich vorstellen kann. Und wie viele Abstriche von meiner Vorstellung tatsächlich nötig sind, damit es im Zusammensein weder zu Erniedrigungen, noch zu Kontrollen, noch zu Zwangshandlungen kommt. Um manche Dinge, die auf dieser Erde passieren, nicht aus dem Bewusstsein aussperren zu müssen, muss man psychisch und körperlich einigermaßen stabil sein, sonst vergisst man, zum richtigen Zeitpunkt die notwendigen Weichen zu stellen, damit man die Richtung nicht verliert, die einem für ein lebenswertes Leben wesentlich erscheint. Solange man noch kann!, und gerade nicht zu den Millionen von Schicksalsflüchtigen gehört, denen ihr Leben von einem zum anderen Moment entrissen wird, ohne dass jemand wirklichen Beistand leisten kann. Ja, der Krieg, und das Erschießen und das Ertrinken, und dann viele Männer, sehr viele Männer, die Kleinstkinder missbrauchen, so ist das, es ist nicht zu verkraften. Draußen eine paradiesische Fülle, der persönliche Mangel einschätzbar. Am Bug des Schiffes stehend, konzentriert sich die Autopilotin auf das Unwägbare, dem man nicht ausweichen kann.

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