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Auftritt des Ungewissen
Das Ungewisse hat seinen öffentlichen Auftritt dann, wenn ein Ereignis von ungewissem Ausgang so viele Menschen ergreift, dass es sich auf eine bestimmte Weise manifestiert, und man spürt, dass es da und in gewisser Weise verkörpert ist. Es war natürlich auch schon vorher da, denn es gibt auffallend wenig Gewisses, das eine glaubwürdige Dauer vorweisen kann. Das Festhalten an Glaubenskonzepten hat wiederum erstaunliche Dauer, oder die Bereitschaft für irrige Annahmen oder Sichtweisen, oder der Aufwand, mit dem man versucht, Illusionen aufrecht zu erhalten. Das kann dauern, bis man es merkt. Ziemlich vertrauenswürdig ist immer noch die Abfolge der Jahreszeiten mit ihren beweglichen Schwankungen, obwohl der Boden schon zu trocken, die umfallenden Baumstämme gefährlich, und überhaupt vieles unumkehrbar verloren ist. Dann hatten wir zwei Jahre lang globalen Corona Schulunterricht in Sachen Umgang mit dem Ungewissen, bis der Schrei nach dem, was jede/r so unter „dem Normalen“ versteht, immer lauter wurde, so als wäre das Normale etwas anderes als das Ungewisse.  Und nun Putin der Schreckliche, der wie ein kleiner, bösartiger Kobold im Weltnacken sitzt und versichert, dass hier keine Lösungsbereitschaft zu erwarten ist, sondern eher eine lange Folge von Verwüstungen, die er außerdem noch „uns“, den Ungeheuern aus dem Westen zuschiebt, denen er doch beim letzten Mal geholfen hat, die Verwüstungen zu beenden. Ich erinnere mich an Erzählungen von wilden Horden von Tartaren und Kalmücken, die über die Orte herfielen und jede weibliche Form vergewaltigten, die in ihr Blickfeld kam. Auch das wirft leider keinen schwärzeren Schatten über das, was im eigenen Land geschehen war. Wenn der besessene Nazisucher wirklich in der Ukraine ein paar finden will, muss er selbst die Nase dafür haben, die ihn dazu macht. Aber was soll’s, es hilft ja alles nichts. Vielleicht hilft gar nichts anderes, als sich täglich aufs Neue dem Gegebenen zu stellen, denn man erspürt die Möglichkeiten der Varianten ja in sich. Wie man selbst damit umgeht. Wie einen die Kostbarkeit verstreichender Zeit plötzlich anwehen kann, auch weil es die Flüchtenden aus der Ukraine näher bringen, wie es ist, eine Weile  auf gutem Lebensweg gewesen zu sein, und plötzlich war gar nichts mehr da außer man selbst und die Überlebenden (und die Toten). Es passiert überall ständig und oft zur gleichen Zeit, eben dass Krieg gemacht wird und andere dadurch im weit entfernten Land verhungern. Und wer stellt schon gerne und kompetent eine Verbindung her zwischen den Milliarden für Todesmaschinen und den gemeinnützigen Tafeln , an denen die durch den Krieg arm oder noch ärmer Gewordenen Schlange stehen. Klarer wird nur, dass alles auf eigener Schiene abläuft und selten vom bewusst oder unbewusst gewählten Pfad abgebracht werden kann. Hat man nun vieles durchlebt und durchdacht und durchforstet und wird damit vermutlich nicht aufhören, so bleibt einem doch, und das ist das Erstaunliche: es bleibt einem die ganz persönliche Freiheit wahr zu nehmen, wie man selbst das alles erlebt. Denn dass es hier um eine Durchwanderung geht, die nur für einen selbst die angemessene Tragweite hat, darüber besteht wenig Zweifel. Hier fungiert das Ungewisse als Navigationsgerät.

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