fragil


Die Fragilität des Schutzschildes
Da starrte ich auf einmal minutenlang auf meine wohltuende (und teure) Auswahl von Farben aus dem Künstlerbedarfsparadies, wo die Rechnungen immer höher sind, als man zu denken wünschte, aber man lächelt trotzdem zufrieden vor sich hin, denn in der Tüte lagern immerhin Möglichkeiten, für die man selbst ganz und gar verantwortlich ist. Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine habe ich keinen Pinsel mehr in der Hand gehabt. Schien es mir frivol, einfach so bedenkenlos in die Farbtöpfchen zu greifen, während woanders, und gar nicht so weit, die Kriegsmaschine abläuft? Ähnliches habe ich allerdings auch erfahren, als man (endlich) von den Brutalitäten aus den Schlachtfabriken von Tönnies etwas mehr hörte, obgleich das schon wieder vergessen scheint. Oder noch nicht genug erinnert, so wie die Massenvergewaltigungen von Frauen in Kriegen, und die, die sich ständig hinter den Fenstern und Türen der Wohngegenden abspielen, bis mal wieder jemand entsetzt in eine Kamera schauen darf, um zu sagen, dass sie das niemals vermutet hätten, dass sowas ausgerechnet in ihrer Gegend passiert. Dabei gibt es gar keine Gegend, wo es nicht passiert ist. Nur wird es manchmal kulturell anders eingestuft, sodass man auch die Frauen dazu kriegen kann zu denken, das Abrasieren der weiblichen Schamlippen sei eine notwendige Tugend und nur das Allerbeste für die Heiratskarriere der Frau. Das alles ist allein über das Hören schwer zu ertragen, Es gibt ziemlich vieles in unserer Zeit, was schwer zu ertragen ist. Das schwer zu Ertragende besteht aus etwas, was sich dem eigenen Verständnis entzieht, weil man sich bestimmte Verhaltensweisen nicht vorstellen kann. Viele Forschergeister sind schon der unheimlichen Frage nachgegangen, wie es zu dem Phänomen kommen kann, dass Männer in Kriegen Frauen auf einmal mit solch einer Niedertracht begegnen können, und dann auch gerne zu Mördern werden, wenn ihren Frauen dasselbe passiert. Aber da wollte ich ja gerade gar nicht hin. Es muss der Sog des Finsteren (und der schwarze Humor, der wie eine dunkle Wolke daraus emporsteigt) sein, der einem den Pfad zur Freude versperren kann. Ich starre also auf die Farben und beobachte, wie meine Hand zum Pinsel greift, nein zu allen fünf, um langsam zu wählen, was sich zeigt. Die Verbindung stellte sich wieder ein, nur diesmal ohne Angst, ich könnte den Ton der Zeit verpassen oder beschönigen oder gar nicht treffen, so, als müsste was getroffen werden. Und als sich diese Erkenntnis durchsetzte, eben dass nichts getroffen werden muss und alles immer noch freier Ausdruck ist, getragen von eigenem Wesen. Und so war ich froh, dass die lebendigen Farben für mich keinen Verrat mehr darstellten an der Dunkelheit.

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