leiden

Das Leiden gehört ja dazu, wie man gerne sagt, so wie vieles, was man lieber nicht erleben würde, hat aber keine Wahl, denn es ist da. Obwohl es, das Leiden, unendlich viele Gesichter hat, so wurden und werden auf Bühnen oft Masken verwendet, um diese Gefühle auszudrücken. Sie sind also erkennbar, und oft machen sie untröstlich, denn selten kann man den Anderen ihre Last abnehmen, höchstens ein wenig lindern, oder dabei sein, wenn etwas Leidvolles geschieht, damit die Einsamkeit der Gefühle nicht überwältigt. Als ich gestern die Bilder aus den Flüchtlingslagern in Syrien gesehen habe, merkte ich, dass ich mich mit einem Stöhnen abwenden musste, denn das ohnmächtige Zuschauen ist auch eine Form des Leidens. Man fragt sich immer und immer wieder, wie das sein kann, dass Menschen, die die Macht haben, so ein Leiden zu ändern, es nicht tun. Das lastet doch immer noch auf uns, dass unsere Eltern oder Großeltern von einem Leid wussten, das sie nicht für möglich hielten, dann aber wohl doch. Und dann: was soll man tun, wenn man weiß, dass Leiden überall um uns herum ist, und wir müssen schauen, wie wir damit umgehen: mit der Blässe, mit der Traurigkeit, mit den Schmerzen, mit dem gelben, dem ausgrenzenden Stern auf Mänteln und Jacken, mit den Veränderungen des Alltags, die das Leiden mit sich bringt. Ich fand es schon als Kind ziemlich unglaubwürdig, dass Jesus, wie man schon im Kindergarten lernte, unsere Schmerzen auf sich nehmen könnte. Außerdem hatte er genug mit seinen eigenen zu tun. Vielleicht gab es in der gaffenden Menge am Wegesrand auch ein paar, die hätten ihm gerne geholfen, das schwere Ding zu tragen, aber die hatten vermutlich berechtigte Angst, in das scheußliche Drama mit hineingezogen zu werden. Es braucht Mut und Fähigkeiten, sich für Leidende einzusetzen. Nur wer entschlossen ist, sich über das eigene Leid und das der Anderen keine Illusionen zu machen, kann sich selbst bleiben, wenn es da ist. Man muss sich auf eine Kernsubstanz verlassen können, um nicht umgehauen zu werden von Formen des Leidens, von den emotionalen Formen und denen des körperlichen Leidens. Das braucht ja wenig, und schon eine starke Erkältung kann die Lebensqualität empfindlich einschränken. Bei meinem (persönlichen) Leiden wie das langsame Entschwinden von Indien, bevölkert der herbe Verlust schon meine Traumebene , und ich, hungrig nach jedem Faden der Erinnerung, muss mich auch daran erinnern, unter was ich bereits gelitten habe, als ich noch dort war und niemand ahnte, dass wir bald alle als Maskierte durch die Gegend gehen. Das Leiden weckt und ruft nach mildernden Mitteln, aber auch nach Handlungen, die eine Veränderung möglich machen. Daher kann es den Schlaf der Leidtragenden so gründlich stören, bis man den Umgang damit findet, oder auch nicht. Ich war mir des Leidens auf dieser Erde lange nicht so bewusst, oder war mir so sicher, dass es bewältigt werden kann. Manchmal kann es aber nicht bewältigt werden, dann muss man wissen, so präzise wie möglich, um was es einem geht. Dann braucht man BegleiterInnen, dann braucht man die Worte. Und alles andere, was noch über die Worte hinausreicht.

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