Gradmesser

Da das Bewusstsein für jeden Menschen nur d e r  Gradmesser sein kann, den er oder sie für sich selbst entwickelt hat, bewegt sich die eigene Weltwahrnehmung in diesem Radius. Das von uns allen Vorgefundene scheint sich aber auch nach einer Gesetzmäßigkeit zu richten, die dem Ausgewogenen zu eigen ist. Geht man zu sehr nach ‚draußen‘ und läßt sich von der Welt spiegeln, ausrichten und bestimmen, beginnt früher oder später ein leiser Hunger zu nagen, der auf eine fehlende Nahrung hinweist. Eine der Erkenntnisse, die ich unheimlich fand, also mit dem spontanen Erscheinen der Gänsehaut verbunden, war, dass man sich auch verpassen kann. Kann man tatsächlich jemanden verpassen, mit dem man ständig zusammen ist? Zur Welterfahrung durch die Außenwelt kommt dann der nach innen schauende Anteil, der gleichermaßen bewohnt und bewandert werden kann. Innen: was ist das. Wie sieht es da aus, im Reich der herumgeisternden Worte und der strömenden Bildfluten, die sich alle nach einer gewissen Ordnung zu sehnen scheinen und zuweilen wild miteinander im Mißklang leben wegen diplomatischer Schwierigkeiten. Oder ganz einfach deswegen, weil man gar nicht gewohnt ist, im Dialog mit sich selbst zu sein und Rede und Antwort zu stehen über die persönlichen Handlungs-und Seinsweisen. Beginnt das Ordnen, oder das Schleifen und Polieren des Steines, oder das Aussortieren von unnötiger Last usw., einem Freude zu machen, kann man sehen, dass es auch innen um Architektur geht, nur, dass sie beweglicher ist als die äußere, denn ich selbst gestalte sie mit meiner Vorstellungskraft, meinen Gefühlen, meinen Augenblicken. Die möglichen Flugbahnen sind verstörend vielfältig, denn man kann dann doch nicht überall hinfliegen. Man muss Prioritäten setzen, will man bei allen Experimenten und Abenteuern den Faden nicht verlieren. Gewisserweise ist man doch der Faden der eigenen Geschichte, und vielleicht strebt alles Bewusste nur zu diesem Erleben: dass es sich selbst als existierend erlebt. Und genau d a bewegt man sich wie automatisch auch wieder nach außen ins Weltgetriebe, denn wie sonst könnte man wissen, wie es funktioniert, und wodurch alle Kunst ihren Glanz erfährt: als Huldigung der Erkenntnis, die sich wortlos in reichhaltigen Formen ergießt. Im Eros des Lebendigen, kein Zweifel. Immer neu sich ergründend und gestaltend, unvorstellbar in seiner grandiosen Komplexität und Vielfalt. Aber immer auch das offene Geheimnis von Henne und Ei.

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