(miss)verstehen

Wenn man mal Zeit hat und unbedingt wissen will, und das aus eigener Erfahrung, was ein Wunder ist oder besser was Wunder sind, denn es kann nicht nur eins geben, und ob und wo man sie finden kann, und wie man sie erkennt und was das dann mit einem macht, wenn man ihnen gegenübersteht. Wenn man also dafür etwas Zeit übrig hat, kann man es sich verhältnismäßig leicht machen. Das größte Wunder, das einem bald in die Augen springt ist, dass Menschen sich überhaupt zu verstehen glauben, obwohl die Sprachebene durchfurcht ist von Missverständnissen, die selten geklärt werden können, weil man ja erstmal denkt, man hat was verstanden. Wenn dann noch eine Fremdsprache dazukommt, die man vielleicht zu einem Großteil beherrscht, so doch nur zu einem Großteil, und eben nicht das Ganze. In Indien habe ich Kommunikation vor allem über das Schwingungsfeld kennengelernt, und das mit notwendigen und aufschlussreichen Tonuntermalungen. Wenn etwas Gesagtes dazukommt, kann man auf jeden Fall die Stimmungslage einschätzen und sich im Gespräch zurechtfinden, mit einer gewissen Nonchalence dem Inhalt gegenüber, denn oft muss man ja auch gar nicht, und manchmal will man gar nicht verstehen, oder es gibt gar nichts zu verstehen. Natürlich kommt es auch immer auf Gegenwärtigkeit und Klarheit an und vielleicht auf eine Bemühung um Sinn und Ausrichtung und Motivation eines Gegenübers und von einem selbst ausgehend. Nicht überall kann oder will man nachhaken, sondern eigentlich nur da, wo überhaupt Möglichkeit besteht, gemeinsam Klarheit zu erzeugen und Missverständnisse mühelos zu entwirren. Dann gibt es die Lebensanekdoten, bei denen man fast aus Versehen etwas lernt. Ich war beim Gemüsehändler unten im Bazaar auf der Straße, und kaufte unter anderem Kartoffeln ein. Er gab mir riesengroße Dinger und ich sagte nein nein, nicht so groß, die mittlere Größe. Aha! meinte er und fing an zu kichern, du magst mittlere Größe. Ich dachte ich traue meinen Ohren nicht, durchkontempliert wie sie sind nach der MeToo Debatte mit sich selbst. Jetzt aber mal schön aufpassen, sagte ich in verständlichem Hindi, konnte aber sehen, dass es mit mir gar nichts zu tun hatte, denn er benutzte nur sein Gemüse zur Manifestation seines Geistes. Es war also in gewisser Weise ein erzeugtes Missverständnis, das ich dann habe ruhen lassen. Auch ist es auf allen Ebenen der Kommunikation völlig ungewiss, in welcher Wahrnehmung sich das Gegenüber bewegt, oh Wunder über Wunder, man weiß es nicht und kann es höchstens ein bisschen erspüren und sich diesem Gespür gemäß verhalten. Wenn Missverständnisse geklärt werden können, wird es reichhaltiger, aber wenn sie sich häufen, wird es schwieriger bis unmöglich, und wer weitermachen will, sucht sich Hilfe. In Indien schwebt ein gewisser mystischer Charme über dem Mangel an Anspruch, was menschliche Kommunikation betrifft. Five Finger no same, ist ein schlecht formulierter Lieblingssatz der Einheimischen, und außerdem auch noch wahr. Es verschafft dem Spiel eine ungheure Bandbreite und Tragweite, wenn man einerseits tatsächlich etwas präzise verstehen kann, und andrerseits, im Urwald der Deutungen wandernd, sich das Missverständnis ans Herz nimmt und lernt, damit zu leben.

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