noch (nicht)

Tatsächlich schadet es gar nichts, wenn man die Begriffe,vor allem schwerwiegende Begriffe, die man in Gesprächen benutzt, mal näher betrachtet und dadurch sieht, was man selber darunter versteht, und dass das etwas völlig anderes sein kann als die Deutung des Begriffes von meinem Gegenüber. Nun kommt man natürlich mit dem Verstehen eines Anderen über die Worte eh an eine Grenze, aber das braucht bei einigermaßen ernsthaftem Vorgehen schon eine ganze Weile. Von einer bestimmten Tiefe oder meiner ureigenen Quelle aus kann ich nur aussagen darüber, wie i c h die Welt wahrnehme, ohne unbedingt an diesen Kernpunkt weiterhin gebunden zu sein im Sinne, dass ich an ihm festhängen muss wie an einer Nabelschnur, also letztendlich im Ungeborenen verbleibe, ein schrecklicher Gedanke. Zum Glück aber gibt es Trennung, die gleichermaßen Verbindung herstellen kann. Die Ausflucht auf andere Ebenen, die einem zugängig sind, kann ein Hindernis darstellen, aber auch eine bestimmte Freiheit, die in günstigstem Fall sogar zu einem Tanz werden kann. Was zur Zeit in unserer Welt politisch stattfindet, müsste man wohl eher einen Gespenstertanz nennen, wobei politisches Handeln hinter den Kulissen wohl meistens Gespenstisches an sich hat. Aber unsere ganz persönliche Beteiligung am Weltgeschehen ist durchaus auch politischer Natur, und zum Glück brauchen wir (noch) keine Angst haben, wenn wir den Mund aufmachen und, wo auch immer, bereit sind für möglichst reflektierte Äußerungen. Wenn das Wasser bis zum Hals steht oder der Krieg vor den Türen, wird man hineingezogen in den Whirlpool der Äußerungen und muss auf einmal schauen, mit was man sich eigentlich beschäftigt. Gestern habe ich gehört, dass Harald Welzer das Wort „eigentlich“ nicht mag, das lässt sich verstehen. „Eigentlich bin ich ein ganz freundlicher Mensch“, oder „Eigentlich finde ich es gar nicht gut, dass schwere Waffen in die Ukraine gebracht werden“. Aber was nun?  „Eigentlich“ schlägt genau das Gegenteil von eigen vor, nämlich ich sehe es anders, vermeide aber das Wie. Wie sehe ich es denn? Krieg bringt so manches ins Wanken, was fest gesattelt schien. Wer hätte gedacht, dass Kiew mal ein Pilgerort für namhafte oder am Namen haftende Politiker wird. Blutiges Narrentum geistert durch nicht mehr existierende Städte. Verzweifelte Mütter kauern über gehörgeschädigten Kindern. Alles Normale hat seinen Anspruch verloren. Das tut auch uns, den Zaungästen und ihrem Anspruch gut. Wir hören die Alarmglocken und müssen uns dennoch gegen sie wehren, denn noch ist ihr Abgesang nicht in meine Knochen gefahren. Weiterhin schaffe ich inneren Raum für die Blütenprachten, denn immerhin: alles kann noch geschehen oder noch nicht geschehen, oder gar nicht geschehen. Noch ist nicht aller Frühstücke Nacht.

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