gewöhnen (?)

Shivani hat mir das Photo gestern aus Indien geschickt und meinte dazu, das sei die stärkste Aussage zu dem Thema, die sie bis jetzt gesehen hat. Es sind Frauen aus Estland, die vor ein paar Tagen in der Hauptstadt Tallinn vor der russischen Botschaft gegen die Vergewaltigungen der ukrainischen Frauen durch russische Soldaten demonstriert haben. Wieder fiel mir die Bitte von Olena Selenska ein, wir sollen uns nicht an das Leid der Ukrainer*innen gewöhnen, dann nickt man das mal verständnisvoll ab, dann ist man wieder allein damit. Zum Glück keine Gebrauchsanweisung verfügbar, nur das sich vertiefende Elend der Ohnmacht. Nicht nur der eigenen, sondern der Ohnmacht an sich, und genau an all den Stellen, wo man die Macht, also hier als Kraft gesehen, um schlimmstes Unheil rechtzeitig zu erkennen und günstigerweise abzuwenden, wo man diese Kraft also aktiviert sehen möchte, aber genau das Gegenteil erfährt. Die Banalität des Bösen hat wieder Vorrang, Menschen mutieren zu ihren eigenen Bösewichts-Avataren. Und wir sehen das ungern, wie mühelos Erdlinge zu Monstern werden können, nur weil ein Irrer die Vernichtungssucht befohlen hat. Und nein!, gewöhnen kann man sich nicht daran, dafür ist die Empörung der Frauen zu deutlich artikuliert worden, bei aller stets bereiten Ignoranz dem Thema gegenüber. Wenn man sich das einmal genau anschaut in einem Krieg, was unter anderem heißt, sich nicht daran zu gewöhnen, dann muss man irgendwann auf sich selbst achten, damit die Befindlichkeitstaste nicht entgleist. Oder wenn sie entgleist, dass man (z.B.) den Hass als solchen erkennt, ohne ein pauschales Urteil auf die Weltgemeinde zu werfen, nein. Nur, dass man des Hasses und der Ablehnung fähig ist und nun wachsam sein muss, welche Samen in die geistigen Ackerfurchen fallen. Und gerne darf man der tiefen Erschütterung mal wieder Raum geben, wenn man sich fragen muss, wo all diese Männer wieder herkommen, die ihre Testosteronschübe nicht nur nicht im Griff haben, sondern zielgerecht als Racheakt auf die Frauen (und Kinder) des Feindes anwenden, denen man dadurch zu schaden sucht. Deswegen hatte ich mich an Al-Halladsch erinnert, dem man wegen seines Anspruchs auf verlässliche Wahrnehmung die Arme und Beine abschlug und dann den Rest des Körpers auf einen Baumstamm nagelte. Gemäß der Legende soll einer seiner Schüler vorbeigekommen sein und ihn gefragt haben, was Mystik sei. „Hier siehst du ihre niedrigste Stufe“, soll Al-Halladsch geantwortet haben. So ist die Vergewaltigung von Frauen in jeder Hinsicht die niedrigste Stufe im männlichen Reich des Ungeheuerlichen, wo man vor allem diejenigen foltert, die sich nicht wehren können, weil sie körperlich ausgeliefert sind. Und genauso wenig will man jemand werden, der oder die lauthals das Schicken von Mordwaffen befürwortet. Lieber schweigen und wirken lassen, was sich durchsetzen möchte, ohne einen selbst zu zerstören. Aber unbedingt darauf achten, dass die Kirschblüte nicht übersehen wird, oder die Verbindungsmacht der Kunst, und ihre Pavillons voller Zeitgeist. Der Mensch hat Ausdrucksbefähigung, wo auch immer man die Quelle dieser Großartigkeit orten mag. Deshalb ist es nicht unerheblich, an was man sich gewöhnt, und an was man sich keineswegs gewöhnen sollte. Zumindest, solange man noch handlungsfähig ist.

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