murmeln

Bei meinem zweiten Gang am Morgen um den See herum kam ich wegen Wassermassen nur mühsam voran. Eigentlich wollte ich mit Lakshmi Kant einen chai trinken, aber niemand konnte zu ihm gelangen, da sich vor seinem Shop das Wasser staute. Der Priester, auf dem Weg zum Tempel, zog heftig über das Bürgermeisteramt her, die seiner Meinung nach versagt hatten, das Problem zu lösen.Wegen dem überraschend großzügigen Monsoonniederschlag hatte sich überall das Wasser gestaut, da alle Ausgänge mit Plastik verstopft waren. Wer entstopft nun die Quellen? Abgesehen davon wird es in der nächsten Zeit rein visuell viel um PilgerInnen und Sadhus gehen. ‚Sadhu‘ und ‚Baba‘ ist so ziemlich derselbe Ausdruck für einen Menschen, oder besser einen Mann, der sich aus irgendwelchen Gründen entschieden hat, entweder gar nicht zu ehelichen, oder aber den Haushalt zu verlassen und auf spirituelle Wanderschaft zu gehen. Das geübte Auge hat keinerlei Schwierigkeiten, den getarnten Scharlatan zu entdecken, und es ist eher so, dass man sich über jedes Tröpfchen Glaubwürdigkeit freut. Da die Welt der Gottheiten unausweichlich ist, vor allem an einem Ort, an dem der Schöpfer ganz persönlich seine Nabelschnur an das Spiel geknüpft hat, oder war es in dieser Wirklichkeit nicht eher so, dass er aus Vishnus Nabel in einer Lotusblüte emporstieg, um die brahmanische Wissensvielfalt in die Welt zu tragen. (?) Kein Zweifel ist sie nun auch da, ich meine potentiell verfügbar, denn auch im Netz findet man die Veden und die Upanishaden undsoweiter, man findet also alles, deshalb geht vieles unter, was auch untergehen muss, damit für Weiteres Platz ist. In der Zwischenzeit wird weitergemurmelt und gebetet, und ich habe mir bereits eine sanftere innere Gangart gewählt, denn mir ist klar, dass auch ich nicht entkommen kann, denn von dem Blickfeld der ‚Anderen‘ aus bin ich auch auf eine bestimmte Weise im Spiel. So, wie ich keine Ahnung habe, was wirklich in ihnen vorgeht, so haben auch sie keine Ahnung, wie ich das Ganze sehe. Können sie auch nicht, denn ich selbst sehe es, uralt wie es sein mag, doch jedes Mal neu, und am dritten Tag der obligatorischen Runde habe ich über vieles schon sehr staunen können. Wer Staunen mag, sollte unbedingt nach Indien kommen, da kann es durchaus passieren, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Auf der anderen Seite gibt es die plötzlichen Schocks, das Grauen, der Schrecken, die große, erfrischende Nüchternheit. Das einst von uns allen als so heilig empfundene Land tanzt gar nicht mehr auf dem eigenen, hauchdünnen Seil, sondern es strampelt eher im Abgrund herum auf der Suche…nach was, ja nach was?

 


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