Maßnahmen

Auf manchen Seiten in Kübra Gümüsay’s gutem Buch „Sprache und Sein“ dachte es in mir: ja, kenn‘ ich auch. Denn nicht nur, wenn man ein Kopftuch trägt, kann man ein Gefühl von Heimischsein im eigenen Land vermissen. Vielleicht fühlen sich ja viel mehr Menschen, als wir ahnen, wie Fremdlinge. Auch kann man sich, wenn es durch Aufenthaltserlaubnis gesichert ist, für das Einheimischsein und für das Fremdsein entscheiden. An meinem indischen Heimatort fühlte ich mich meist sehr einheimisch (obwohl es immer auch die Hintertür des Fremdseins gab), weil mein Fremdsein integriert werden konnte, eben durch einen Weg, der dort als Struktur existierte und mir den Rahmen schenkte für die Forschungen, an denen ich selbst interessiert war. Einmal, als ich von einem Visaüberprüfer gefragt wurde, warum ich das, was ich mache, nicht in meinem Herkunftsland mache, konnte ich ihm vermitteln, dass es dieses Seinskonstrukt in Deutschland nicht gibt. Es bestand aus einem offenen Bereich, oft ein Tempel, in dem von dem (ein lebendiges Feuer) Verwaltenden vor allem Insichgehen erwartet wurde, und Herumpilgernde wollten von diesen Geistverwaltern auch gerne hören, was sich da innen so alles tut und wie man die als göttlich verstandenen Mechanismen zumindest etwas besser verstehen kann. Durch diesen Austausch kamen die Geistverwalter zu den Dingen, die sie in ihrem einfachen Dasein brauchten: schön übersichtlich das Ganze, Nahrung vom feinsten, was Bhoomi, die liebende Erdmutter, zu geben hat. Einen Hauch dieser Atmosphäre habe ich noch selbst erlebt, da lag es schon im letzten Atemzug. Bevor die Habgier zugeschlagen hat und es nur noch um Geld ging, ging es noch viel um andere Dinge. Und man nahm schwierige Reisen auf sich, um Nächte mit Wesen herumzusitzen, die man als heilig empfand und die tiefgefühlten Worte mitsang bis in die Morgenstunden. Vergessen erzählen oder Erinnerung hervorlocken. Es stand im Zusammenhang mit den Reisewarnungen nach Spanien. Ja, das ist schlimm für die Betroffenen, und auf diesem Weg kann man auch die Berlin-PilgerInnen verstehen, die durch die auferlegten Schuzmaßnahmen den Flow ihres Lebens in Gefahr sehen. Und er ist in Gefahr der Flow ist in Gefahr. Er war schon vor der Pandemie in Gefahr, als die große Gaukelei noch flutschte und weitverbreitete und bereits verbrauchte Gedanken sich härtnäckig in der Geselschaft hielten, so als würde der Mensch, der grundsätzlich alles hat, was er oder sie zum Leben braucht, automatisch ablassen von der Habgier, nein, ganz im Gegenteil. Wenn in einer Gruppe Menschen oder einem Volk oder einer Welt mehr Süchtige oder Traumatisierte herumlaufen als, ja wie nennen wir denn jetzt die Anderen, die da übrigbleiben würden, die halbwegs Gesunden oder nur ein bisschen Geschädigten vom Abenteuer des Menschseins. Dabei gibt es gar nichts anderes zu bewältigen. Auch über das Gold, das in die beliebten Reiseländer fließt bzw. floss, kann man seine Seele verkaufen, oder sich selbst ganz und gar, bis man die Erinnerung an sich selbst verliert. Und jetzt auf einmal, ohne die geldtaschentragenden, tourenden Horden, steht man ganz alleine da und geht pleite. Das ist nicht schön, vor allem, wenn man Familie hat, wer will’s leugnen. Genauso sinnlos ist es , das Virus zu leugnen, da zum Glück an der politischen Spitze noch Frau Merkel sitzt, die man für gefeit hält gegen Verschwörungstheorien oder QAnon AnhängerInnen, was man nachschlagen kann: eine abstruse Sekte, der sich Trump verbunden fühlt und die in ihm den Welterlöser sehen, und die zum Erstaunen aller auch vielzählig in Berlin mitgeschritten sind gegen Virus-Maßnahmen, im Blickschatten oder dem Schattenblick anderer Bürgerbündnisse. Auch in der Wüste in einem Damals waren diesselben Fragen aktuell: lebe ich das Leben, das ich leben möchte, und wenn nicht, was hindert mich daran, es zu erschaffen. Und wenn es nicht mehr so weitergehen kann, wie es war, dann schweigt es in einem und wird still, bis neue Kräfte sich wieder sammeln können – oder auch nicht.  Neben meiner Tätigkeit beim Wortfindungsamt arbeite ich auch als Geheimagentin, Spezialfach Illusionsauflösung (Fachbegriff: Illusionkilling).

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