Menetekel

Irgendwann in meiner Jugendzeit muss mir der Spruch “ Mene Mene Tekel Uparsin“ begegnet sein und einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Er bedeutet: Du wurdest auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Die Geschichte, die dazu gehört, kann man ja nachlesen, aber in Essenz geht es um einen König, ein Sohn Nebukadnezars, der ein Fest gibt und sich mordsmäßig betrinkt und dann alle vom Vater geraubten Kelche herbeibringen lässt und den Göttern daraus zutrinkt. Eine körperlose Hand manifestiert sich und schreibt etwas auf die Wand. Keiner kann es entziffern, bis Daniel geholt wird, von dem man sagt,  dass er alle Träume, Omen und Rätsel deuten kann. Kann er auch und übersetzt es also für den König.  Aber viele Sätze haben es geschafft, sich aus ihrer Wurzelgeschichte herauszulösen. Oder wurden gelöst aus ihren Zusammenhängen, weil die Idee verstanden wurde und der (persönlichen) Schatzkiste mit den Silbenschöpfungen hinzugefügt, die mit dem Inneren in Berührung kamen und unsterblich scheinen wie die Länge des eigenen Daseins. Wenn man die Götter nicht mehr vor Augen in riesigen Gremien herumsitzen hat, das Weltgefüge bedenkend und Strafe und Lob, oder enthemmte Güte ausknobelnd, dann ist man natürlich erst einmal allein mit der Angst, man könnte, ja von wem denn, also von irgendwas Höherem als man selbst zu leicht befunden werden. Eigentlich ist leicht gar nicht so schlecht, denn man könnte es  als Beflügelung sehen, im Gegensatz zu dumpfer Schwere. Aber hier ist wohl eher gemeint, dass etwas fehlt, oder der oder die Betroffene gefehlt hat durch unangemessene Haltung oder Verstoß gegen die Grundrechte. Überall gibt es viele Vorstellungen darüber, was Recht ist und was Unrecht, nur Menschen tun sich schwer mit den unfundierten Meinungen und dem Rechthaben. Dann gibt es noch die Möglichkeit, sich die Idee der körperlosen Hand aus der Geschichte auszuleihen und die eigene im Innenraum herunterzuladen, falls man sie bei Gelegenheit braucht, um etwas in Erinnerung zu rufen: Hey, hier hat was gefehlt, da solltest du nochmal hinschauen, daraus könnte Unheil entstehen. Denn auch das schöne Wort ‚Menetekel‘  bezeichnet eine unheilsverkündende Warnung, einen ernsten Mahnruf. Es könnte helfen, den Aufmerksamkeitsgrad zu erhöhen, da gibt es immer noch Spielraum. Zwischen dem Bleischweren und dem Federleichten muss es also ein Gefühl geben, das einem zusagt und durch das man nicht ständig hin-und hergeballert wird. Es geht immer ums Ganze. Das kann man zur Zeit in der amerikanischen Politik gut beobachten. Es kommt tatsächlich darauf an, wie und von wem die Persönlichkeit Donald Trumps als vernichtend oder als segensbringend  wahrgenommen wird. Viele Stimmen haben schon das Menetekel ausgerufen, aber auch die Friedenswilligsten unter ihnen sind bereits auf dem Kampffeld, um das, was sie für offensichtlich halten, zu vertreten. Wenn das, was in der Tat offensichtlich ist, sich nicht als menschlich wohlwollende Substanz durchsetzen kann, dann… (huhuuu hahaaa hohooo!),…dann geht es einfach weiter, und bisher ist noch gar nichts entschieden.  Oder ist das Wesentliche doch schon entschieden, egal, wie das Spiel letztendlich ausgeht? Und ist nicht immer auch Menetekel?

 


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