wer/wann/wohin (?) {}

  

Nanu, dachte ich, das kennst du doch, dieses Tier im Badezimmer. Es war ein Marienkäfer, lange nicht mehr gesehen, war schon tot. Jede/r kann, wenn er möchte, dem hinterhertrauern, was er oder sie als Verlust empfindet. Hauptsächlich sind es unterschiedliche Gefühle, die so eine Erinnerung hervorrufen kann. Das Zählen der Punkte auf dem roten Rücken, überhaupt das zeitweilige Dazugehören von etwas, das auch kommt und geht, aber doch immer wieder da ist, und dann eines Tages als fehlend vermerkt wird. Das kurze, kindliche Glück, das symbolhaft mit der Begegnung verbunden war. Schornsteinfeger, Einpfennigstücke, Marienkäfer. Dann die sich verwandelnde Symbolik: der Tod als der Hinweis auf ein großes Aussterben mit dem Resultat einer schwankenden Ausgleichung im ökologischen Großraum. Kann so viel Totgemachtwerden eine Ausgleichung finden? Und wie weit kann sich die Anpassung entwickeln? Vielleicht wünscht man sich Grenzen, wo bis auf Weiteres keine zu sichten sind. Wer weiß, wie lange das alles geht. Noch kann ausgebeutet werden. Noch können Bäume gepflanzt werden. Noch erholen sich Landstriche vom Raubbau, wenn jemand sich kümmert oder wenn jemand einschreitet oder Einhalt gebietet. Als ich in Bonn in guter Begleitung dann doch nicht in die Maskenausstellung ging, sondern wir durch einen humorvollen Zufall auf eine Reihe Menschen aufmerksam wurden, die sich alle auf den Weg in einen Saal machten, fanden wir heraus, dass dort Sahra (Schreibweise des Vornamens korrigiert)  Wagenknecht erscheinen würde im Kontext dort laufender Programme um Goethe herum (hier: Goethe trifft Karl Marx, das Gespräch war mit Manfred Osten). Abgesehen von der exzellenten Einfachheit ihrer klugen Antworten ging es mir anschließend ein bisschen wie mit dem Marienkäfer. Was war da gewesen? Warum hatte sie aufgehört? Erinnerungen an Gregor Gysi tauchen auf. Hatte man da nicht auch zuweilen dieses politische Mobbing gespürt, oft ganz unangebracht, weil generell das Akzeptieren Andersdenkender so schwierig ist (?). Aber auch natürliche Mächte wie Schönheit, gepaart mit Intelligenz, können im Wege stehen, ist es doch selten, dass man eine Art eindeutiger Stimnmigkeit wahrnehmen kann, wie zum Beispiel bei Sahra Wagenknecht, die bei ihrem Abgang, umringt von 3 Bodyguards, die sich vorne in der ersten Reihe in großen Abständen voneinander niedergelassen hatten, eine fast andächtige Stille hinterließ, die vermutlich durch die Anwesenheit von etwas Glaubwürdigem entstehen kann. Auch Oskar Lafontaine kam in den Sinn. Ein Erinnerungshauch von Krankheit und Nichtmehrkönnen lag über dem Damals. Immer wissen die Wenigsten, wie und was wirklich passiert ist, und wer es wirklich wissen will. Dann wiederum ist es gut, dass auch etwa oder jemands sich erholen und gesund werden kann. Ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze. Und was sind die Auswirkungen, wenn jemand oder etwas von der Bildfläche verschwindet. Mit wem teilt man das Scheitern, das Nichtmehrkönnen, das Aufgebenmüssen von nicht mehr Tragbarem. Die langen Strecken des Dunkel. Die Freude an dem plötzlichen Erscheinen einer neuen Saat, einer frischen Daseinsform, die sich manchmal besser anfühlt als das unter Schmerzen Durchgehaltene. Souverän – ein schönes und angemessenes Wort, ein Resultat des gut Durchstandenen und intelligent Durchdachten. Ein Wort für die Rückkehr zur eigenen Quelle, die in Fluß gebracht werden kann, aber nicht muss.
Und ja, der 6.6.! Ich feiere, ganz inkognito natürlich, den dritten Jahrestag meiner Blogeinträge. Ich habe das Datum gegen die Wahrscheinlichkeit des Vergessens mit dem Geburtstag von Hamid gekoppelt, der heute 6 Jahre alt wird und für den ich schon das unsterbliche Lied „Ich freue mich, dass du geboren bist“ gesungen habe über WhatsApp, und der schon genug Deutsch gelernt hat, um die Worte zu verstehen. Er feiert mit seinen Freunden, und ich feiere auch. Immerhin: über tausend Einträge und immer noch Freude am Zusammenspiel. Wem soll ich danken?

Das mittlere Photo ist ein Ausschnitt der im Außen schwebenden Stoffmaske als Teil der Masken-Ausstellung in der Bundeskunsthalle.


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