wählen

Es ist doch eine Besonderheit des Menschen, dass er die Möglichkeit hat, sein Schicksal zu wählen. Und auch, dass er das nicht unbedingt muss. Und oft sieht es so aus, als dass er es nicht kann. Auch die scheinbar ausweglosesten Situationen gehen vorüber, und ob Menschen bewusst oder unbewusst ihr Schicksal ertragen oder wählen, hängt wohl eher von einer Entscheidung ab, die ein Mensch zumindest fällen kann, auch wenn er nicht muss. Als sich die Lebensweise in Indien in den letzten Jahren drastisch veränderte und das aufgetauchte Leid noch keinen Namen hatte, hörte ich öfters den Satz „That’s life“. Ich begann zu sagen ‚Nein, das ist doch nicht das Leben, das seid ihr, ihr könnt es doch ändern‘.  Aber davon war gar nicht die Rede. Die Rede formte sich in die Richtung, dass die von Fremden eingeschleppten Untugenden sich rasant ausbreiteten und dabei waren, den Hinduismus zu vergiften. Die halbnackten Frauen, die Fleischesser, die Pornobringer. Dabei konnte man ganz klar sehen, wie sie für das Geld anfingen, die Touristen mit allem zu bedienen, was sie wollten. Immer noch sind im Dorf offiziell Fleisch, Fisch, Eier als Nahrung verboten, auch Alkohol, aber man kann mühelos alles bestellen, was das süchtelnde Herz begehrt. Es geht da gar nicht um eine Wahl, sondern um die neue Erfüllung des Begehrens. Es sind auch die Foreigners, die gewählt haben, in die Meditationspraktiken zu gehen, da das Gerücht weit verbreitet ist, dass man die optimale Schicksalsformung in Indien lernen kann. Wenn das dunkle Zeitalter für euch so schwierig geworden ist, sage ich manchmal zu befreundeten Indern, warum wendet ihr dann nicht euer eigenes Wissen an, das für diese Zeit von euren vedischen Lehrern vorgedacht wurde. Aber das geht ja nicht, weil keiner mehr weiß, wann es aufgehört hat, das berühmte Wissen, für irgend jemanden zu funktionieren. Wie soll ein Wissen sich umsetzen können, wenn ich mich nur an die Worte erinnere. Und obwohl es auch immer mehr Frauen gelingt, eigene Entscheidungen für ihr Leben zu fällen, ist es noch immer mühsam genug, überhaupt zu verstehen, dass ein Mensch sich nur unter seinem und ihrem freien Willen überhaupt entwickeln kann. Und auch wenn es immer klarer wird, dass wir alle an unseren Gefängnissen mitbasteln, so ist es doch als inneres Wissen noch nicht klar genug, dass geistige Freiheit das ist, was wir zur Verfügung haben, und jeder kann an dieser Gegebenheit teilnehmen, soviel man möchte, und so viel man kann und will, denn die Wahl, was ich damit mache, ist doch wohl meine: wieviel Schatten, wieviel Licht, welche Künste, welche Dosierungen erstrebenswert erscheinen oder nicht. Was braucht es, um diesem kosmischen Klangkörper angemessene Resonanz geben zu wollen: was möchte ich sagen, wie sein? Und welche gedanklichen Spuren müssen immer mal wieder neu bedacht werden, damit man nicht in die Gewohnheit des Menschseins gelangt und vor lauter Gewöhnung vergisst, dass es auch anders geht, dass man wählen kann. Und dass der, der kann, auf jeden Fall soll, denn da entscheidet sich doch vielleicht überhaupt erst das Menschsein vom Mensch sein. Und ist es nicht die Freiheit des Ganzen, die in wahres Staunen versetzt. Damit man dann vielleicht weiß, warum man hier war. Und vielleicht nicht.

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