vastukala

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‚Vastukala‘ ist das Hindi Wort für Architektur, die Kunst also (kala), Architektonisches zu gestalten. In den Ländern, in denen man mit viel Sonne rechnen kann, lassen sich andere Projekte verwirklichen. Eine meiner schönsten Visionen, als ich hier ankam, war, in die Wüste auf einem weiträumigen Gebiet eine Anlage zu bauen, die nur aus Podien, Säulen und Treppen besteht. In einem Tempel, in dem ich etwas später landete, fand ich die Vision auf eine  andere Art schon bestehend, allerdings als Banian-Baum, von dem ich ein paar Jahre das Holz für mein Feuer holte auf Ästen, die wie Straßen waren, die zu mächtigen Säulen führten, die das ganze lebendige Wunder stützten, ja, der Baum selbst ein Pilger war, der sich über die selbsterzeugte Kunst weiterbewegen konnte, da er nur aus Säulen bestand. Und wo auch immer er landete, war er ein schattenspendendes Reich für die Anwesenden. So hatte ich mir das auch vorgestellt: überall Treppen in ein scheinbares Nichts, und einladende Plätze für die Ankommenden, und Säulen, an die man sich lehnen kann, und schattenspendende Bögen, und Wasserbecken, alles aus demselben Stein gehauen. Aber auch das ist schon da. Hier am See haben Könige ihre kostspieligen Strukturen  errichten lassen, natürlich auch, um in der Nähe des Weltnabels einen Badeplatz zu haben, und als die aristokratische Welt zerfiel, entstanden viele leere Räume und Hallen und Treppen, die nun alle für die Pilger zugängig waren und sind. Ein paar Hotels haben sich durchgesetzt am Wasser, aber, wie ich höre, soll auch das aufhören. So sehr man allen Menschen das Herumsitzen-und laufen an schönen Orten gönnt, so sehr kann man auch die Einheimischen verstehen, die langsam erkennen, dass es durch den heißersehnten Tourismus auch beträchtliche Verluste zu tragen gilt. Man erkennt, dass es kein Zurück mehr gibt, nicht, dass es jemals eins gab. Auch meine Antike ist hier. Ich bin es doch, die seit Äonen hier herumgeht, und wenn nicht jeder Stein, jede Ritze der alten Marmortreppen meine Liebe gespürt hat, dann kommt noch ein Tag, wo es möglich ist, bis eines Tages auch meine Asche hier ankommen wird, sagte ich heute früh zu dem Pandit, der sich in der Nähe meines Platzes um den Tempel kümmert. Dann sinkt auch meine Pilgerschaft in den schwer definierbaren Zustand (weil er noch nicht erschlossen ist). Und ja, ach, die Vögel ziehen davon, und auch dadurch komme ich ihnen nahe, dass ich mich bereit mache zur Rückreise, zum Flug.

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