gesprächig

Das Bild zeigt drei Ebenen indischer Alltäglichkeit: die frei herumtrabenden Kühe, der schlafende Sadhu, hingegossen wie einst Shiva, der  unschuldige Herr persönlich, und dann darunter eine der namenlosen Gesichter und Geschichten, die die Seinsweisen der Menschen und ihre Wahrnehmung davon dokumentieren in den monsoongezeichneten Mauern. Was die Gespräche betrifft, mit denen ich in Kontakt komme, so sind sie sehr unterschiedlicher Art. Obwohl es sicherlich stimmt, dass Frauen gerne als schweigende Utensilien im Haushalt der Männer gesehen werden, so kenne ich eher indische Frauen, die im Redefluss kaum zu bremsen sind, und das Hindi wie das Englisch pistolenartig aus dem Mund schießt. Es geht auch um viel, und meistens darum, wie willkommene Arbeit zu balancieren ist mit bedrohlich sich nähernder Heirat. Ist die Heirat einmal da, fehlt den Gesprächen jegliche Aufmerksamkeit, da ringsum immer was passiert, mit was man zu tun haben scheint. Da ich bemüht bin, die Trennung zwischen Familienpfad und, ja, wie nennen wir ihn, den anderen Pfad, der Pfad also, der einen so gründlich wie möglich durch das Dickicht illusionärer Erscheinungen führen soll, zum inneren Kern sozusagen, und womöglich noch darüber hinaus… ja, eigentlich habe ich diese Grenze nie wirklich empfunden und habe die klare Einstellung, dass alles, was in der einen Seite gesammelt werden kann an tiefen Eindrücken, auch in der anderen Seite  seine Entsprechung hat. Dann gibt es die Gespräche, die sich draußen ergeben. Ein Brahmane, den ich schon viele Jahre kenne, setzt sich zu mir an einem der Nachmittage, an dem ich mir einen speziellen Platz gesucht habe, um meiner Pelikan-Leidenschaft zu frönen. Harmlos streift das Gespräch übers Wasser dahin. Auf einmal, man weiß nicht, wie es kam, kommt der Brahmane in Fahrt. Ich habe wohl unmerklich den Eindruck erweckt, dass ich weiß, um was es hier geht. Er beginnt, sich über Brahma, den Schöpfer, auszulassen. Ich muss meine Augen von den Pelikanen losreißen und auf eine Ameise schauen, von der er mir erklärt, Brahma würde auch ihr Karma erschaffen, er erschafft schlicht und weg alles, was auf diesem Planeten kreucht und fleucht.  Diese Momente sind mir vertraut und ich ich lande im Staunen. Diese vollständige Abwesenheit eines Zweifels ist beeindruckend. Er erklärt, dass bislang Brahma 4 Köpfe hatte, also ringsum Köpfe, und dass bald ein fünfter dazu kommt, nämlich oben auf dem Kopf, wo noch Platz ist. Mein sich vertiefendes Schweigen muss eine Anregung hervorgerufen haben, und ich drifte in meine eigene Story ab. Wie ich einst im Tempel von Brahma herumsaß und mich fühlte wie eine Tochter, die vorzüglich für ihren Freiheitsdrang und den Fleiß ihrer Bestrebungen vom Herrn Vater geschätzt wird, und zack!, landet man (bzw. ich) in der Biografie und seinen vitalen Lösingsvorschlägen, die oft genug, lässt man sie zu, von kreativer Erfindungfskraft zeugen. Der Geist lässt sich nun willentlich  zurückführen in das immer noch laufende Gespräch, das nun von Vishnu erzählt, der endlos lange mal meditiert hat, bis  Brahma aus seinem Nabel emporkam, in der Hand das von keiner Weisheit der Welt je übertroffene Wissen. Ich lächle. Wir sind beide ein bisschen gereist, und während in meiner Welt kein Brahma mehr agiert, ist er für ihn wesentlich. Geht doch.

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