Stufe Null

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Diese beiden Bilder harmonisieren natürlich sehr schön vom Farblichen her, aber was sie auch verbindet ist, dass sie beide aus Den Haag stammen und von dort per E-Mail zu mir gekommen sind. Links eine weibliche Figur, eingelassen in eine Friedhofsmauer, mit einem vom Gewand verhüllten Schwert. Kein so langes wie bei den Erzengeln, aber ein dennoch sehr gefährliches Instrument. Sie schaut voller Gram irgendwo hin, wo offensichtlich was passiert, was es zu überwachen gilt und vielleicht im Notfall auch verteidigt werden muss. Der Arm sieht allerdings so mächtig aus, dass man gar nicht weiß, ob das wirklich eine Frauenheldin ist, aber doch, es gibt weitere Anzeichen. Die Eule daneben wirkt sehr real, ist sie aber nicht, sie ist in dem Sinne tot, dass sie auf eine Vase gemalt wurde, von der ich dann wiederum die Eule herausphotographiert habe, wegen der Schönheit der Eulen. Und ausgerechnet Den Haag, wo ich noch nie war, aber demnächst mal hinwollte, u.a., um die Füße in den Sand zu senken, erschien heute früh in den Nachrichten über die Niederlande, dass sich einerseits auch dort die Stunde Null ihrer Endlichkeit nähert (hat sie eine Endlichkeit?), und andrerseits ein neuer Mutant sein planetarisches Unwesen treibt, sodass man davon ausgehen kann, dass das kollektive Angstpotential wieder angezapft werden kann. Aber auch die Augen der Seher und Seherinnen (innen) in Ermüdungsphasen geraten, denn eigentlich geschieht ja nach wie vor nur das, was immer da ist, verlässlich wie ein, ja, wie ein Was denn? Und ganz natürlich herrscht überall die Vergänglichkeit vor, denn nur der Nu ist ja verlässlich, in dem Ankunft und Abfahrt fast gleichzeitig stattfinden, aber immer noch genügend Raum lassen für das, was man in dem Moment ist. So muss man einerseits lernen, das eigene konstante Verschwinden auszuhalten, und andrerseits kann man nur im Nu wirklich anwesend sein, ein sehr attraktives Paradox ohne Ferien und Ausnahmen. Einfach immer da und in Bewegung. Was die Stufe Null (O) betrifft, so ist sie wohl dabei, das vorher übliche „Fünf vor Zwölf“ zu ersetzen, denn wie lange kann man so tun, als wäre der Zeiger pünktlich stehen geblieben, damit man noch schnell einiges erledigen kann, was bald vielleicht nicht mehr möglich ist. Was wiederum zu Raubzügen oder zu einer Toilettenpapierpsychose führen kann, die bis heute keiner wirklich erklären konnte. Außer dass man von der Angst inzwischen weiß, dass sie sich überall festsetzen kann, dann denkt man etwa, es sei das Virus, aber es ist nur die eigene Angst, die hier das Virus benutzt, um dem unerträglichen Gefühl ein Transportmittel zu verschaffen. So erzeugt das Herabsinken der Inzidenzahlen sozusagen einen kollektiv erzeugten Freiraum, sodass nicht nur die Lunge des Planeten, sondern auch die Lunge des Menschen mal wieder kurz durchatmen kann. Stufe Null also, wo man eine geheime, nicht abgesprochene Vereinbarung trifft, nämlich (weiterhin) d a s zu tun, was einem am Herzen liegt. Eine Banian-Baum Episode also, Licht und Schatten wohlig ausgeglichen und Space für die vielen unterhaltenden Geschichten des Universums, so reichhaltig und so nährend.

**Ausschnitte aus Photos von Til Kenter


One thought on “Stufe Null

  1. Tayyebeh Antworten

    ….diese Bilder haben mich ebenso erreicht…..°
    …..so schön …..wie du schreibst….irgendwie köstlich

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