pilgern

 

Am Samstag wird besonders viel gepilgert, weil Menschen dann, wenn sie sich sie nehmen, Zeit haben zum Pilgern. Man würde sich wünschen, dass so ein Ausflug dann viel Freude bringt und vor allem einige Abwechslung, vermutlich ein Grund, warum man die pilgernden Frauen mehr redn und lachen hört als sonst, aber meistens wirkt es eher angestrengt. Schon das Packen der Tasche, weiß man ja aus Erfahrung, hat viel Grübeln gekostet. Während die westliche Frau einen Bikini in eine Taschenecke schieben kann, braucht die indische Frau schon zum Baden vier aufwendige Kostümteile, deswegen werden es auch meistens zwei Taschen, die unter Atemnot die vielen Treppen hinauf-und hinuntergeschleppt werden. Meistens tragen die Frauen die Taschen und reichen daraus dem Ehemann, was er braucht. Daran sieht man, dass sie auch seine Taschen packt, denn er weiß gar nicht, wo seine frischen Sachen stecken, und wann sie gewaschen und eingepackt wurden. Der Mann im Bild reist allein, deswegen trägt er allein, was er braucht. Was diese Stecken in seiner Hand bedeuten, weiß ich leider nicht, aber für meine Augen sieht er aus wie ein Pilger, den man in jedem Zeitalter genau s o hätte beobachten können. Man müsste vielleicht die Taschen herausnehmen und in Stoffbehälter verwandeln, und auch in den Taschen nachschauen, wo die Plastiktüten alles Mögliche beherbergen. Noch gibt es ein paar Dinge, die nicht aus Plastik sind. Zum Beispiel die 200-bis 300 Jahre alten Ahnenbücher, die die Brahmanenpriester mit sich herumschleppen, um die Namen der URURURURUR-usw- Ahnen zu suchen und, o heilige Macht des Wunders, auch finden. Es gibt hohe Ordnungen, von denen man wenig oder keine Ahnung hat, und manchmal lege ich auch im Anblick solch einer Rarität die Hände zusammen und lasse Andere wissen, dass ich staune. Die Pilger und Pilgerinnen, die sich meistens nur einmal im Leben zu so einem mit Bedeutung vollgepumptem  Ort aufmachen, lassen überall eine Menge unterschiedliches Zeug zurück. Die Säuberungskräfte (Sweeper-Kaste) haben vor allem am Wochenende alle Hände voll zu tun. Manchmal liegt ein Bh. oder eine Herrenunterhose auf dem heiligen Pfad, daneben die neue Schachtel, aus der das Vorgedachte entfernt wurde, das andere zurückgelassen. Auch um die Bäume herum wird es voller, denn  beim Murmeln wird allerhand gespendet, man kommt ja nicht gerne mit leeren Händen zum heiligen Stammbaum. Und von wem und wo soll man besser die Söhne wünschen, wenn nicht hier, oder mal mit sich selbst sein und herausbekommen, wie man so ist. Das ist sicherlich auf dem Jakobsweg auch nicht viel anders. Endlich kommt man mal etwas zu sich. Eine Vermutung, denn ich war noch nicht dort, habe aber wie alle, die ich kenne, zumindest mal damit geliebäugelt, Jakob hin oder her. Klar, die Leute wandern auch ohne himmlisch bewerteten Urgrund, und man erwartet nicht von Joggern, dass sie in eine kleine Kapelle am Wegesrand einkehren möchten. Aber Pilger schon. Ab und zu so ein Kirchlein, das hebt doch etwas im Inneren empor, man weiß nicht mehr genau, was, aber wen kümmert’s. Auch ich könnte mein Herumgehen hier Pilgern nennen, auch wenn mich kein Abbild mehr in irgendeinen Ort hineinzieht, außer es besteht ein direkter Zusammenhang. So besuche ich manchmal den Pandit, der sein neues Amt in einem Krishna-Tempel ausübt und mir, die ich draußen auf den Stufen sitze,  signalisiert, dass er gleich Zeit  hat für unsere Unterhaltung. Ist es nicht ein bisschen langeweilig, habe ich ihn mal gefragt, und er meinte, dass das, was er da tut, er nur für den Gott tun kann. Ich gewöhne mir das Nachbohren hier immer mal wieder etwas ab. Das Leben selbst, mit oder ohne Gottesstätten, kann man ruhig auch eine Pilgerreise nennen. Je leichter das Gepäck ist, desto müheloser lässt sich wandern, kein Zweifel. Und wenn man etwas Glück hat, lernt man sich ein Stück besser kennen.

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