verpassen

Es ist ja so, dass der Geist sich an königlichen Ausdrucksformen egal welcher Art erfreut, was keineswegs heißt, dass es langweilen muss oder Betrübnis hervorrufen, wenn gerade keine Pelikane zur Verfügung stehen, um einen inneren Begeisterungsschwung zu erleben. Mir fielen andere Momente ein, die gut belichtet im Raum der Erinnerung schweben. Einmal im deutschen Sommer saß ich im Gras (ohne Buch oder Notizbuch), und mein Blick sank in die Geschäftswelt kleinster Geschöpfe ein. Ungeheure, akrobatische Leistungen wurden hier vollzogen, und man bedenke, was es heißen kann, von einem Grashalm zum anderen zu kommen, immer umringt von schwer einschätzbaren Gefahren, und diese Tapferkeit und dieser Fleiß, und dieser Überlebenswille, der sich hier mächtig ausdrückte. Dann der ewige Nu in der Wüste, als ich mich zum (indischen) Pinkeln im Sand niederließ und dort eine millimetergroße Oase entdeckte, auf die ich nur aufmerksam wurde, weil ein winziges Tier einen langen Schatten warf, dessen Spur ich verfolgte. So etwas geschieht meist nur einmal, diese Ergriffenheit im Angesicht des Lebendigen, ausgelöst durch eine konzentrierte Wahrnehmung. Deswegen danke ich auch gerne, wenn es mir einfällt, dem phantastischen Plan, wo immer er herkommt, und ich denke oft, dass es nichts Wesentlicheres gibt, als in den vorüberhuschenden Stunden und Tagen und Jahren die Wahrnehmung des Daseins zu schulen. Sein ist Wahrgenommensein. Es stimmt in jeder Hinsicht, dass der Geist, der wahrnimmt, auch wahrgenommen wird. Wieder fällt mir der Satz der einstigen Meditationslehrerin ein, ‚dass man sich auch verpassen kann“. Kann man sich verpassen? Als ich heute um den See ging (eine Insel von schlafenden und vollkommen regungslosen Pelikanen driftete auf dem Wasser), lief vor mir ein indisches Pilger-Ehepaar. Sie wollte gerne auf die andere Seite zu der berühmten Brücke, aber er sagte, er könnte doch auch ein Photo davon machen, und das Widersprechen hatte sie wahrscheinlich gar nicht erst angefangen oder gelernt. Schau mal, sagt er zuhause, wenn nach , sagen wir mal 3000 Bildern, auch dieses Bild auftaucht. Sie erkennt auf dem Bild, wo sie hinwollte, aber dadurch war sie leider nicht da. Das Gefangensein in den menschlichen Konstrukten und der damit verbundene Glaube, dass es so sein muss und nicht anders sein kann, führt zum Verlust des eigenen Erlebens und der eigenen Wahrnehmung. Und ja, das Leben hat auch für die meisten Menschen eine angenehme Länge, in deren Zeitraum man schauen und sich schulen kann darin, was man damit macen möchte und auch macht, auch wenn es Anderen nicht immer einleuchtet oder vernunftsgesteuert vorkommt. Aber, auch das wurde oft schon beklagt, dass gerade dann, wenn man ein ‚inkling‘, also eine leise Ahnung davon hat, wie es sich für einen selbst mit dem Steuer und dem Kompass in der Hand anfühlt, die Zeit auch eine Neige vermittelt und ein unvermeidliches Ziel, das noch zu erreichen und zu bewältigen ist. Alle gefühlten Dinge werden dann günstigerweise im Raum der Erinnerung wie  leise dahingleitende Pelikane anwesend sein, so still und in sich ruhend.

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