gelassen

Dieses Bild hatte während seines Entstehens eine bedeutsame Wirkung für mich und auf mich. Da tauchte es noch einmal auf, das große Schwert. Wer liebt(e) nicht die Engel mit den Schwertern, die noch in den Kirchen zu finden sind und  auf den Gemälden, wenn Gerechtigkeit angesagt ist und die himmlischen Boten dafür eingesetzt werden und zuständig sind für ein machtvolles Einschreiten in den waltenden Irrsinn. Spätestens jetzt weiß man, dass sie nicht einschreiten. Oder lag darin auch ein unbewusstes Liebäugeln mit den Martial Arts Techniken, die eben gerade das Blutvergießen vermeiden sollen durch das tiefere Wissen und die Künste, die dahinter verborgen sind. Zuerst sollte also die Figur im Bild durchaus als Schwerttänzer erscheinen, und dann, durch mühsames Pinseln, versuchte meine Hand, das Wesen von der Waffe zu trennen. Auch Frieden ist nur wirksam, wenn er glaubwürdig ist, und wahrhaft friedliche Menschen sind rar, obwohl sich viele Menschen gerne als solche betrachten. Ich spürte eine starke Regung in mir, aus dem Schwertträger ein in sich ruhendes Wesen zu machen, der aber dem menschlichen Schmerz nicht ausweichen muss. Gestern war ich kurz im Haus einer indischen Familie, die noch alle Generationen beherbergt. Das alte Elternpaar sitzt abends regelmäßig vor dem Fernseher zusammen, während alles um sie herumwuselt mit Vorbereitungen für das Abendessen. Sie freuen sich, wenn ich vorbeischaue und wissen, dass das nicht lange ist, denn ich kann die Programme im Fernsehen nicht lange ertragen. Die Hände der Großmutter puhlen meistens Erbsen oder arbeiten an irgendeinem Gemüse, aber ihr Blick ist hypnotisch auf die flimmernde Fläche gerichtet, auf der sich unablässig die grausamsten Gewalttaten abspielen und Frauen unentwegt in Schluchzorgien verwickelt sind, deren Ursprung mir natürlich verborgen bleiben, da ich nicht auch noch da hochschauen will, wo das Gerät angebracht ist. Ich merke, dass es dem alten Herrn oft peinlich ist, und er stellt sich gern auf etwas Unterhaltung ein. So viel Schmerz!, sage ich, und so viel Grausamkeit. Seine Frau schaltet sich ein und meint, ja, auf der Erde ist sehr viel Leiden. Ja, sage ich, aber auch viel Freude. Da sind wir wieder beim Thema „sukh-dukh“, dem ständigen Hin und Her zwischen Freude und Leid. Muss es wirklich immer und ewig so sein, oder ist es nicht vielmehr eine traditionsgebundene Gewohnheit, sich in diesem Wechselspiel zu bewegen, als sei es die letzte vorhandene Wahrheit, dass der Mensch ständig hin-und hergewirbelt wird zwischen diesen zwei Möglichkeiten. Und ist das, was wir ‚erwachen‘ nennen, nicht auch ein Erwachen aus der Norm dieses dualen Denkens? Es kann nur ein innerer Zustand sein, der es ermöglicht, alles Vorhandene mit einer gewissen Gelassenheit zu betrachten, ohne ständig davon gebeutelt zu werden, aber auch ohne die Tatsachen zu ignorieren, die sich im Weltgeschehen und im Privatbereich offenbaren. Geht es doch immer um die Resultate einer Bewusstwerdung, die sich im jeweiligen Geschehen manifestieren. So freut es mich zu wissen, dass ich einerseits das Schwert führen kann, wenn es absolut notwendig ist, aber dass mein Geist sich ansiedeln möchte im Entwaffneten, das man auch die Gelassenheit nennen könnte, oder die Liebe.

 


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