nachwehen

 „Amavash“
ist der Titel des Bildes. Ich habe es extra nicht „Neumond genannt, damit einem nur der Sound etwas sagen kann. Manchmal translatiere ich auch Worte auf meine Weise, wie ‚Ama‘ für Seele, und ‚vash‘ für waschen, Seelenwaschtag also. Auf jeden Fall hängt auch heute noch diese mondlose Schwere im Raum. Dazu ein sich aufwärmender Dunst, in dem man sich etwas somnambul vorwärts bewegt. Da fallen mir die beiden Hindi Worte ein, die ich gestern dazugelernt habe: das eine ist ‚bhed chaal‘, Schafsgang, und das andere ‚kachua chaal‘, Schildkrötengang. Also eher kachua chaal heute, was nicht sonderlich auffällt, da sich alle in dieser Gangart bewegen. Selbst die Affen sind spät, um ihre Bananen rechtzeitig vom Spender abzuholen, und da sie keine Uhr haben, kennen sie verlustreiche Verspätungen nicht oder nur durch ihre eigene Art und Weise. Auf dem See entdecke ich einen einzigen Pelikan, die Gruppe ist wohl weiter gezogen. Kein Pelikantanz mehr, nur Einer, der aus dem Tanz ausgetreten ist. Oder der hat sich auch nur verspätet, und die Anderen warten irgendwo in Leh auf ihn. Pünktlich zur lunaren Trübnis finden an einer bestimmten Stelle am See gleich zwei Exorzismen statt. Männer eines Dorfes bringen eine Person, die auf irgendeine Weise ausgeklinkt ist, und machen Sachen, die durch Austreibung und Bad helfen sollen.  Ich habe gehört, dass diese Anfälle oft  gefaket sind, aber heute trippelt einer der Männer kontinuierlich so schnell, und hüpft auf und ab mit so einer wilden Präzision, das bräuchte schon viel Üben, und gleichzeitig sticht der Mittelfinger seiner linken Hand ständig in die rechte Handfläche. Manchmal haben sie was Heiliges an sich, das erinnert einen dann an das, was heilig sein könnte. ‚Agenten Gottes‘ hat Meher Baba sie genannt, das kann einem dann kurz einleuchten. Was einem in Indien auch einleuchten kann, ist, dass langsam aber sicher etwas von diesem Wahnsinn und dieser Ordnung und dieser Zeitlosigkeit und der kosmischen Atma-Sphäre, und der hilflosen Ohnmacht im Angesicht des Unbewältigbaren und von diesem Schrecken zu wissen, was man weiß und zu hören, was man hört, und dann wiederum die ganze Skala der Selbsterfragung, zu der man, will man überleben, gezwungen ist, all das ‚Wie kann das sein, dass hier Tag und Nacht gebetet wird mit Materialien, die alle in Plastik verpackt sind und massenweise achtlos herumliegen neben den sakralen Aschehäufchen der gestrigen Puja, und dann immer noch die immense Zahl der abgetriebenen Mädchen, die nun als Untergeordnete und Eingeordnete fehlen undsoweiter, und das so endlos in alle vorhandenen Richtungen unter den planetarischen Einflüssen dahinwebend und von Künstlern und Künstlerinnen in ein verhältnismäßiges Verständnis gemorpht, wo man, wenn man Glück hat, auch mal beseligt ins Wortlose lauscht, dass also etwas von all dem  und unendlich vieles mehr als ein gewisses Etwas in einen einsinkt, das die Anwesenheit von logischer Sinngebung sprengt, dafür aber in einem entspannten Lächeln, verursacht durch einen automaisch sich formenden Salto Vivante, zu sich kommt, vielleicht noch ein bisschen zittrig auf den geistigen Beinen, aber schwungvoll durchaus, auch beim tiefen Durchatmen im Schildkrötengang.

 


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