sonnig

Es ist eben nicht nur die Sonne an sich, sondern das, was durch sie hervorkommt, was durch sie möglich wird, was durch sie mit Anderen geteilt werden kann. Wenn „wir“ mit den fremden Pässen uns dann meist im März aus dem Staub machen und in unsere kühleren Gebiete zurückkehren können, fängt für die Bleibenden die dunkle Wirkung der Sonne an, wenn sie brennt und brüht und verzehrt und erschöpft und andere Formen von Krankheit hervorbringt als die der Kälte. Als ich mit Ira Cohen im ersten Indienjahr in Delhi ankam, eine ganz andere Lebensphase in Indien, aus New York unterwegs und von der Türkei aus über Land, kamen wir direkt in einen Ausnahmesommer hinein, in dem es einmal 56 Grad hatte. Tagsüber starben viele, und nachts flüchteten sich Millionen von Menschen auf die Dächer. Zum Glück lebten wir im Haus von Freunden und konnten uns mit nassen, kühlen Handtüchern am Leben halten. Auch später waren es oft 49 Grad, und man musste sich regelmäßig von brütend heißen Plastiksitzen losreißen. Im lebendigen Nu, in dem ich grad sitze, wärmt sie, bzw. er, der mit seinen feurigen Rossen durch die Gegend donnernde Sonnengott Surya Dev, gerade die Morgende, die vor allem am See himmlisch ausgewogen sein können, sodass man um sich schaut und sich wundert: Bin i c h das, oder ist das eine Stimmung, die wir alle teilen, jede/r auf seine oder ihre Art. Eine der schönen Seiten des tausendjährigen Kollektivs, in dem Inder gewohnt sind, geistig und körperlich zu leben, ist, dass sie bei aller Kastentrennung keine inneren Widerstände aufgebaut haben gegen die gemeinsame Erfahrung. Ja, ihr Leben ist (oder war?) eine einzige Ermutigung des gemeinsamen Erlebens (was nicht unbedingt persönliches Interesse an einander oder Liebe für einander bedeuten muss). Gibt man selbst Zeichen von sich wie…“Ist das nicht….., werden sie immer bestätigt. Natürlich trifft man da, wo die Sonne verlässliche Auftritte hat, auch viel mehr Menschen draußen, das kann man auch in anderen sonnigen Ländern der Welt erfahren. In Indien hat bis heute die göttliche Wahrnehmung Vorrang. Was schön ist, ist göttlich und kann gemeinsam zelebriert werden. Da nun in unserer Zeit nicht nur die Himmelstore, sondern auch die Höllentore weit geöffnet sind, muss man zu allem Licht den Schatten nennen und kennen, zu allem noch so wohlgemeinten Grund den Abgrund im Auge behalten, und die Richtlinien klären für sich selbst. Da Urteile, Vorstellungen, Meinungen, Projektionen etc. nicht wirklich weiterbringen, sucht man die Leere des Raumes auf und badet im Unfassbaren. Letzter Sicherheitsanspruch wird hinaus gelassen ins Freie. Schon erspürt man die Regung des Lächelns.

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