Level

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Ich nehme an, dass in der Spieleindustrie das Wort „level“ gang und gäbe ist, und neuerdings mag ich es auch. Vielleicht, weil es mir nicht um riesige, neue Karotten geht, denen ich als Esel hinterhereifern kann, sondern „level“ bedeutet für mich (u.a.) die Skala meiner eigenen von mir bis jetzt herausgeackerten Fähigkeiten, oder auch Zuständen, die auf bestimmten Ebenen eine Rolle spielen. Natürlich haben in allen erfassbaren Dingen und Gedanken andere für uns vorgearbeitet, sodass man sich vertrauensvoll (und vor allem über die eigene Erfahrung) daran halten kann. Menschen haben das Unfassbare in Symbolen dargestellt, auf die man immer mal wieder zugreifen kann, oder sie betreten wie Portale zu einem erweiterten Verständnis. So kann man, in gewissem Kontext, alles Existierende in drei Symbolen erfassen: dem Dreieck (der Pyramide), dem Quadrat  und dem Kreis. Phantastisch! Die kosmische Gewissheit des Tao in einer Nussschale! Gestern kam es in einem Gespräch mit einer befreundeten Frau aus Kalifornien zu der Frage an mich, wo ich unbedingt an diesem Punkt in der relativen Zeit noch hinreisen wollte. Ist man irgendwann unterwegs im Leben von der Leidenschaft ergriffen (gewesen), möglichst viel von der sogenannten „Welt“ zu sehen, weiß man bald, wie viele Orte man nicht sehen wird, hat jedoch mit viel gutem Schicksal doch sehr viel sehen und erleben können. Allein, wenn ich daran denke, dass ich damals über Land gekommen bin von Griechenland und der Türkei aus bis nach Indien. Vieles war noch einigermaßen heil, die Statuen standen noch, man konnte die Gräber der Poeten suchen und finden, wo wir dann einen Tropfen Quecksilber zu ihren unsterblichen Herzen fließen ließen. Ja, und natürlich Ägypten, vor allem das innere Ägypten, wo wir das Geschenk dieser Urzeit aufnehmen konnten in den mystischen Raum der Ahnung. Gerne würde ich, wenn ich wieder gehen kann, mit meinen eigenen Füßen über die Steine des Tempels von Luxor gleiten und mich einweihen lassen in die Geheimnisse ihrer architektonischen Präzision, sodass von all dem, was da war, nicht wirklich etwas verloren gehen kann. Eben so, wie man die Sphinx mit dem Verstand nicht erfasst. Und doch ist es nicht das Ägypten, durch das ich beschenkt wurde. Alles gehört nun allen. Die meisten können überall hingehen, von Georgien bis in die Wüste Thar. Da kommt man zuweilen nicht mehr in die Ruhe des Raumes, in dem d a s stattfinden kann, wofür man gekommen ist. Aber zurück, bzw. von da aus zu den Levels. Meine Pyramide also, ganz einfach als Dreieck zu zeichnen, dann zehn Level. Bei mir waren unten die eher schwierigen Gebiete der Schattenwelt, die dunklen Gänge, die Korridore, wo Mut und Abenteuer gefragt sind und Erfindungsgabe, und Willen zum Aufstieg. Auch Level 11 hat sich bereits gezeigt, die scheinbar unerreichbare Frequenz der Befreiung von sich selbst als durchgrübeltes System, nun sich selbst im Weg mit der dort unangebrachten Grübelei. Aber gut, das ganze ist ein Spielfeld. Im Krankenhaus hing im Zimmer an der Wand eine Schmerzpyramide. Es war genau umgekehrt, d.h. unten war das Licht, gelb und orange, und ging bis an die Spitze zu immer tiefer werdendem Rot: der unaushaltbare Schmerz. Der Arzt, ein Jordanier, erkundigte sich nach dem Level, und da war man froh, wenn man unten auf Level zwei oder gar eins war: erträglich.

* Photo: Kalima Vogt


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