bedenken

Tatsächlich ist es ja für die meisten von uns, die wir gerade auf dem Planeten anwesend sind, eine absolut neue Erfahrung, Teil einer Weltkatastrophe zu sein. Mit dem Zwang, dem wir ja durchaus ausgesetzt sind, einen Umgang zu finden, das ist eines der Highlights dabei, die ich sehe. E i n e Katastrophe mit billionenfachen Varianten des Umgangs, eben jede/r allein mit den eigenen Zuständen, die sich unter dem Druck der Tatsachen eher steigern, als sich in einer unreflektierten Gleichgültigkeit wohnhaft einzurichten. Tod, Krankheit, Angst u n d  Erschrecken sind zwar auch immer da, aber selten teilt man eine potentielle Gefahr mit so vielen, lernt auf einmal völlig neue Dinge, bis die andere Seite der Skala wieder auftaucht, die Ermüdung, die Erkenntnis, die Schlussfolgerung. Das Besondere an der ‚Auszeit‘ verhüllt gerne, dass auch das Vorher keineswegs makellos war, und nun gibt es kein räumliches Ausweichen mehr, was sich ungünstig auswirkt, wenn der Stau bereits da war. Teilweise entsteht er sicherlich durch die Gewohnheit des Alles-haben-Könnens, die nun auf Online transportiert werden musste, und klar, da kommt ein Paket bis an die Haustüre, dann hat man’s oder aber schickt es zurück. Aber Haben hat immer Raum für mehr, man denkt, man hat etwas nicht, was man sonst haben könnte, wenn eben Covid nicht wäre. So ist Covid auch ein Wort für das unfreiwillig Entsagte. Merkt man jedoch eines Tages, dass es einem gar nicht so schwer fällt, den Raum des Tages für sich geöffnet zu haben, in dem sich alles bewegt, was man braucht zum Leben. Was braucht man zum Leben? Anil, ein indischer Freund, sagt immer wieder mal in unseren Gesprächen über Indien, dass alle Inder zuerst einmal die ‚Grundausstattung‘ bräuchten, dann wäre vieles besser, und wer will schon ’nein‘ dazu sagen. Ein Bett, ein Dach über dem Kopf, gute Beziehungen und gutes Essen, das habe ich in Indien selbst in den ärmsten Hütten gefunden, und auch in Slums passieren viele Wunder, von denen wir wenig wissen, denn auch dort geht es darum, das Menschenmögliche zu erreichen. Und vielleicht liegt in der Sanftheit und Schönheit der Inder und Inderinnen das für sie stabile Wissen, dass es weitergeht, wenn auch mit neuer Hülle. Als ich selbst einmal an einen Verbrennungsplatz gezogen war, der als einer der schönsten Orte der ganzen Gegend galt, da gaben mir einige Brahmanen die Aufgabe, nach den Zeichen zu schauen, die auf die Wiedergeburt der jeweiligen Person, nun als Asche, hindeuten könnte. Zum Glück fühlte ich mich schon damals außerstande, zur Zufriedenheit eines Anderen etwas mir Unnachvollziehbares vorzugaukeln. Und wer will schon Krähe werden oder Fledermaus, wenn man in so einem Glauben verankert ist. Wer weiß, wie sich dieser Glaube jetzt auf die Überlebenden auswirkt. Das wird lange dauern. Ich selbst fühlte bzw. fühle mich in dieser ganzen Zeit der Pandemie sehr geschützt. Ich hatte und habe viel Raum für Trauer und Liebe und Dankbarkeit. Klar, wir haben die volle Grundausstattung, alles ist noch übersichtlich und gut miteinander zu managen. Einmal habe ich mir auch ein paar Schuhe im Netz bestellt und war beglückt, dass sie genau das waren, was ich erwartet hatte. Das Ungünstige und das Günstige muss gleichermaßen bedacht werden, und die Freiwilligkeit des Genug! kennen gelernt zu haben hat noch keinem geschadet.

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