erholen

Nicht alles, was unseren Augen als unterdrückt erscheint, muss auch notgedrungener Weise so sein. Einmal, als ich auf Einladung eines indischen Freundes in seinem Dorf  plaudernd mit ihm zusammen auf dem Bett saß, fiel mir irgendwann eine verhüllte Gestalt auf am Ende des Zimmers, die ein Tablett mit Wasser und Gläsern vor sich trug und schweigend wartete, bis man es ihr abnahm. Er erklärte mir, dass die Frau im ersten Jahr der Hochzeit so wenig wie möglich, dh. am besten gar nicht, sprechen soll, damit der Friede im Haus gewährleistet sei. Den Frauen, die das als eine (erregend abartige) erotische Herausforderung im Angesicht des Unvorstellbaren sehen könnten, ginge es vermutlich besser als die aussichtslose Lage eines potentiell freien Wesens, das zum Schaf umerzogen wird. Oder die Burka, die sicher als zusammengefaltetes Nebenobjekt in der Tasche liegen könnte, und wenn man grad keinen sehen will in der Stadt oder mit sich allein sein will im künstlichen Dunkel des Tages, dann schnappt man sich die Burka und zack! weg ist man. Leichter gesagt als getan, denn es gibt ja auch die Blicke, die gerne wüssten, was drunter ist und dann, wie kann man nur sowas akzeptieren! Für die meisten Menschen sind fremde Sitten und Länder das, was in den Ferien photographiert oder gefilmt wird. Man freut sich, einen Luigi im Cafe zu kennen, das hat auch nachgelassen, seit man fast überall alles finden, besuchen, essen und betreten kann. Nur Indien hat(te) da eine Sonderstellung. Reisende, die Indien sofort nicht ertragen konnten, fuhren bald wieder ab und kamen nie wieder. Die Anderen, wir Fremdlinge durch alle Zeiten hindurch, waren ergriffen von einer Liebe, die wir derart natürlich und umfassend nicht kannten. Bald nannten auch wir die Rikshafahrer ‚Bruder‘, oder ‚Onkel‘ undsoweiter, das integriert augenblicklich in die Weltfamilie und man fährt nicht alleine, sondern zusammen weiter. Sie konnten einem das Fremdartige sofort als Zugehörigkeit ans Herz legen. Deshalb ist es auch die letzte hochangelegte Zivilisation, die durch die rasanten Veränderungen in die Kniee gezwungen wird. Allerdings haben sie über das, was gerade geschieht, schon in den alten Büchern Kunde vernommen, eben, dass es kurz vor 12 sehr schwarz werden würde, und dass man genau deshalb an diesem Punkt bedenken sollte, dass das universelle Gleichgewicht absolut ist, sonst wären wir schon lange irgendwo hingepurzelt. Das heißt, es muss sich in gleicher Konzentration wie das Dunkel das Hell irgendwo aufhalten, und das kann einen durchaus als Blickwinkel erfreuen. Nur scheint jede Ebene bestimmte Bedingungen zu haben, die in letzter Konsequenz nicht von Gesellschaften und Religionen abhängig sind, sondern vom Bewusstsein selbst, das sich als freier Spieler innerhalb des menschlichen Dramas zur Verfügung stellt. Ein eher kühles, aber weitreichendes Instrument, das auch obskure und dumpfe Schwaden zu erhellen vermag.  Manchmal spielen wir abends zu zweit das 10 Phasen Spiel. Es gibt zwei Arten, es zu spielen: entweder ich mache alle Phasen nacheinander durch und beobachte dabei mich, das Gegenüber und den Vorgang. Man weiß u.a., dass selbst wenn man verliert, man gut gespielt haben kann. Gutes Spiel ist allemal erfreulich, und zuweilen ödet man sich selbst an, wenn man das Verlieren nicht elegant hinbekommt. Dann kann man es noch s o spielen, dass man anhand der vorhandenen Karten d i e Phase wählt, für welche die Karten geeignet sind, aber dennoch müssen natürlich alle Phasen durchlaufen werden. Das rotierte ja jahrelang unter spirituell Ausgerichteten auf ähnlich verstandene Weise über Chakren, also Kraftzentren im Körper, bei denen man, so hörte ich, selbst die hohen Ebenen erreichen kann, ohne dass es automatisch eine Herabrieselung geben müsste in die ‚Ritzen des Alltags‘. Auch kann ich nicht beobachten, dass die globale Zwangsmaskerade d a s versteckt, was sich dahinter verbirgt. Und man erinnert sich wieder an die Zwiebel und die zutiefst persönlichen Anliegen, die mit jeder weiteren Schale einerseits verbunden sind, andrerseits zum Entschwinden bereit. Dann die tiefe Entspannung, wenn das Herz in sich ruht ohne Fremdheit, und ohne dass es im Innern einen festen Kern haben muss. Vielleicht so etwas wie die sehr langsam und ruhevoll wandernden Stämme des Banianbaums, an denen sich der Fremdling vom Irrsinn erholen kann.

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