konstruieren

Schon der frühe Morgen entpuppte sich als der Samstagsklassiker im indischen Sinn, dass Shanivar, also der Tag des Gottes Saturn, sich prächtig eignet für Dunkles, auch wenn man nicht danach suchen muss. Schon bevor die Sonne sich zeigt, torkelt der Bruder meiner Freundin Lali total besoffen über die Piazza und stört so ziemlich jeden, der auftaucht. Ich kann das von einem meiner Seitenfenster aus sehen und bin immer mal wieder engagiert in diesem grässlichen Drama, da vor allem Lali, aber auch andere Familienangehörigen von diesem Menschen täglich massiv beschimpft  werden. Durch alles hindurch beschützt ihn die Mutter und steckt ihm Geld zu, womit er sich Heroin beschafft, und wenn das nicht da ist, eben irgendeinen außerhalb des Dorfes verkauften Schnaps trinkt, von dem öfters mal einige sterben. Dann hören wir auf einmal gellende Schreie einer Frau. Ich bin gerade auf dem Weg zum See und sehe fünf halbnackte Männer mit Stöcken bewaffnet an mir vorbeihasten. Die Frau des Husbesitzers ist beim Sonnengebet von der gefährlichen rothaarigen Affenherde angegriffen und auch gebissen worden, aber zum Glück zeigt sich kein Blut, wodurch es gefährlicher wäre. Sie geht trotzdem zum Yogakurs gegenüber, wo immer mehr AusländerInnen und Einheimische, zusammen atmen lernen. Ich beende meine Runde, denn es ist vorerst mein letzter Rundgang. Ashok schenkt mir ein paar getrocknete und in einem Buch geplättete Rosen, die ich in einer Zellophantüte nach Hause tragen muss, sonst zerbröeln sie. Sein Chef versteht in der Zwichenzeit, dass es eine Art Ritual ist, das einfach so ist. Dann spreche ich noch etwas länger mit dem Mann aus Chennai, der hier, wohl nach einer Lebenskrise, tapfer am Ufer durchmeditiert hat. Er hat einen länglichen Sitzteppich, auf dem sich seit Wochen links und recht von ihm eine Hundefamilie niederlässt. Während er meditiert, ruhen sie sich aus, ein Hundepaar mit sechs Kindern. Ach, es ist schön da draußen am Morgen, alle so beschäftigt mit förderlichen Dingen, bevor der schwere Teil beginnt, das Leben mit den hohen Anforderungen. Alle wollen unbedingt glauben, dass das das Leben ist, was sie leben, und man kann es ja schwerlich verneinen. That’s life, Kalima, ist ein beliebter Satz, den ich regelmäßig infrage stelle. Das scheinbar Unausweichliche kann unbedingt reflektiert werden, denn mir scheint, dass es immer Optionen gibt, die jedem zur Verfügung stehen. Nicht alle Traditionen erlauben den freien Blick auf die Möglichkeiten. Als Frauen das Verbot der Shani-Priester den dunklen Tempel zu betreten, (endlich) anzweifelten, fiel denen eine Menge ein, um zu beweisen, dass mächtige Kräfte für Frauen nicht geeignet sind. Und wir fragten uns, welche mächtigen Kräfte sie wohl meinten, zu denen wir keinen Zugang haben, oder haben wollen, oder können, und überhaupt, was soll das ganze Theater!? Man kann mal darüber nachdenken, was für ein Spiel einem selber glaubwürdig vorkommt, und wie man sich das Agieren mit den Gestalten und Formen und Farben vorstellt, und wodurch man selbst an der Schöpfung beteiligt ist. Es wundert einen nicht, dass sich manche langweilen, und andere die Autos und Häuser anderer Leute anzünden, weil ihnen nichts Besseres einfällt, und ihnen offensichtlich und leider auch nichts Besseres vermittelt wurde und wird. Dann, wenn alles schiefgeht, pilgern sie gerne zu Shani, der auch nur ein Konstrukt des menschlichen Geistes ist.

 


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