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Passend zum Zeitpunkt meiner Vorbereitungen für den jährlichen Indienaufenthalt haben wir für zwei Wochen eine junge indische Familie zu Gast, dh, der Vater, der als Informationstechniker und europäischer Vertreter für eine indische Softwareentwicklungsfirma arbeitet, geht ein und aus, während seine Frau sich an dem jetzt 5 Monate alten Sohn erfreut, den man als einen hellwachen Wonnebrocken bezeichnen kann, dem man die magische Wirkung der gerne gereichten Muttermilch ansieht. Die leise sich einschleichende Furcht, wie ich das alles händeln kann, hat sich auch gelegt. Vor allem die zeitlichen Gewohnheiten sind so unterschiedlich, sodass wir uns oft bis zum Nachmittag nicht sehen, der bei ihnen eine Art Morgen ist. In Indien sind sie mit dieser Art, vor allem nachts auf zu sein, in ihren jeweiligen Familien schon vor dem Kind angeeckt, aber nun passt auch das, denn das Kind schläft ja auch nicht durch und findet unterhaltsame Eltern vor, wenn es hungrig erwacht. Es kommt gegen Abend dann zu oft intensiven Gesprächen, bei denen ich mich manchmal durchsetzen muss, wenn vor allem ihm klar schien, dass ein Nicht-Hindu-Mensch, obwohl zwanzig Jahre länger am indischen Leben beteiligt wie er, trotzdem immer wissensvoll referiert werden muss.  Es stimmt ja, dass wir nun auch erleben, dass AusländerInnen zwar gezwungen werden durch die Umstände, die Landessprache zu lernen, aber es ist selten, dass sie zB. einmal das politische oder kulturelle Leben zu ergründen suchen, um sich selbst darin zurechtzufinden. Diese geschlossenen Systeme kommen mir manchmal vor wie Geheimbünde, in denen man nur über bestimmte Codes Einlass erhält. Zuerst muss man genug Vertrauen erwecken, um überprüft werden zu können, ob man für einen Einblick in diese Welt geeignet ist. So fragte Parul, die Mutter von Mowgli (Hausname), ob wir interessiert wären an der Geschichte des Rituals, das morgen stattfindet, bei dem Ehefrauen einen Tag lang fasten zum Wohle ihrer Männer, damit’s denen so richtig gut geht bis zum Lebensende. Obwohl ich mich schon öfters mal darüber aufgeregt habe, frage ich, ob es das auch für Frauen gibt: fasten und einige Rituale für weibliches  Wohlbefinden. Grundsätzlich ja, sagt sie, aber man macht sich dann über den Mann lustig. Haha, ein Mann, der für seine Frau fastet. Von mir aus können sie beide das Fasten lassen, da ich eh immer lachen muss, wenn sie den schwerwiegenden Akt des Nichtessens hinter sich haben und am Abend dann mehr essen als ich in drei Tagen. Aber gut, sie sind bei allem auch charmant, redegewandt und liebenswert. Anil, der mich gestern bei einer Verallgemeinerung (von Hindus) erwischen durfte, gibt dann zum Besten, dass jeder Mensch, ohne Ausnahme, eines Tages ein Gott wird, denn das ist das Ziel eines jeden Anwesenden. Statt diese Vereinnahmung in hinuistisches Gedankengut genervt zu kontern, fällt mir zum Glück ein, was mich gerade selber interessiert, und plädiere für das westliche Interesse am Menschsein, was alles auf beiden Seiten hinten und vorne nicht standhält und höchstens noch ein bisschen Freude am Argumentieren erlaubt. Es ist angenehm, dass man, das bin ich tatsächlich gewohnt von vielen Gesprächen mit redebegeisterten Indern, dass es sehr einfach ist, wieder in eine warmherzige Entspannung zu kommen. Sie fühlen sich unwohl in Spannungsfeldern. Ich bin immer wieder so froh darüber, dass ich mich einmal so vollkommen auf eine andere Kultur einlassen konnte, und das, was sie mir geschenkt hat, kann mir niemand mehr nehmen. Im Einklang mit meiner eigenen Kultur habe ich das Gefühl, als stünde mir ein fast unbegrenzter Reichtum zur Verfügung, von dem ich mich jederzeit inspirieren lassen kann, ohne mich in alle Details verbohren zu müssen. Immer kommt noch etwas neues und Lebendiges dazu.

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