(my) Documenta

Stimmt, die Documenta 14 wird heute erst offiziell eröffnet, aber wir hatten zum Glück zwei Eintrittskarten der beiden vorherigen Tage für das „Fachpublikum“. Beinahe wären wir gestern gar nicht gefahren, denn es war Sturm und Regen angesagt, dann die Gedanken an den Verkehr usw….Aber im Realfall hatten wir dann strahlendes Wetter hin und zurück, die Straße schien leergefegt, man kann häufig staunen. Wichtig sind auch gute Schuhe, denn man läuft hin und her über Pflastersteine und ist sehr mit Orientierung beschäftigt, denn man will ahnen können, was einem in der Vielfalt der Möglichkeiten erfahrenswert erscheint. Kann man nicht. Man geht zügig los und lässt das Ahnen. Ab und zu lässt man sich ein. Ich persönlich treffe in meiner Bewältigungsstrategie schnelle Entschlüsse. Was mich nicht anspricht, lasse ich sein. Die Übersättigung folgt eh auf dem Fuß. Mich berührt oft die Mühe, die Menschen sich machen, um einen Ausdruck zu finden für das, was sie sagen möchten und müssen, kennt man doch selbst diese notwendige Zwanghaftigkeit, bis die Form kompatibel ist mit dem Inhalt. Das Bild oben zB ist das gestickte Meisterwerk einer Schwedin, bei dem man gerne latente Abneigung gegen Stickereien loslässt. Es ist mehr als 10 Meter lang und man sieht nur verblüffte Menschen davor, die mit ihren Augen oder den allgegenwärtigen Smartphones immer näher an das Bild rücken. Dann gibt es Schreckliches zu sehen, was zutiefst berührt: die Gemälde von Miriam Cahn. Es nützt ja nichts, wenn man davon berichtet, was man erfährt beim Herumgehen. Die eigenen Augen müssen herumgehen. Das Schauen selbst hängt vom Tag ab, vom Wetter, vom Zustand, von den Ideen, die man mitgebracht hat, von den Begegnungen, die man ermöglicht, von den tiefmenschlichen Augenblicken. Muss man dafür unbedingt nach Kassel gehen? Ich weiß es nicht. Wir treffen eine Frau, die mit einem Mikrofon und drei Kindern unterwegs ist für WDR5 und die Kitaka-Sendung oder wie immer das Ding heißt. Sie fragt die Kinder, was Kunst ist. Ja was isses denn, liebe Kinder. Nach einer kurzen Teepause auf dem Sendewagentreppchen des Deutschlandradios suchen wir Grün für einen Liegemoment und stoßen auf einen phantastischen Park. Gras und Himmel! Neben uns ein Baum mit riesigem Stein oben in den Ästen. Der Baum, stellt sich heraus, ist aus Bronze und steht da schon ein paar Jahre aus einer früheren Documenta. Dann weiter. Im Buchladen wird mir schwindelig, denn im Umkreis sehe ich so viele Bücher, die ich liebend gerne noch durchstöbern würde, hätte ich nicht schon einiges von den Autoren gelesen und erkenne rechtzeitig eine fast dumpfe Übersättigung. Ebenfalls beim Blättern steht ein Mann, der uns überall schon mal begegnet ist. Ich frage ihn, wie’s ihm so geht mit dem Ganzen. Er ist enttäuscht. „Fusselig!“, sagt er, „keine Linie zu erkennen“. Muss eine Linie sein? Er empfiehlt sich selbst und uns, in die neue „Neue Galerie“ zu gehen. Wir fahren hin und innen weitet  der Geist sich in die Atmosphäre hinein. Unbedingt hingehen. Es sind nicht so sehr die einzelnen Werke als der Gesamteindruck. Doch, da wird zum Beispiel von einem thailändischen Künstler die Geschichte einer Familie aus Thailand dokumentiert, die während des Krieges in Berlin war. Während des gesprochenen Textes läuft ein Film über das Gießen eines (gruseligen) Kriegerdenkmals, das wohl in Bangkok steht, von dem man auch hier eine Messingkopie sieht. Oben in dem Gebäude, auf der Etage, wo wir das Restaurant (urig! und mit gutem Essen!) suchen, finden wir eine seltsam kompetente Gruppe, die u.a. legendäre Schuhe an das herumwandernde und etwas erschöpfte Herz legen, und diese Schuhe, dachte ich mir in dem stockdunklen Raum, in den man auch hineingehen und zwei anstrengenden Frauenstimmen aus Liegestühlen zuhören kann, will ich tatsächlich haben und habe sie auch, und ich bereue es nicht, denn sie sind super bequem. Mein Documenta-Bericht war nicht darauf ausgerichtet, abzuhalten oder zu begeistern, aber ich denke, dass immer, wenn man sich aufmacht, um irgendwo hinzugehen, wartet etwas auf einen, was man nicht vorhersehen kann. Und waren das wirklich die Beuys-Bäume, die wir da beim Herausfahren erspäht haben?!!

 


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