entfachen

Manchmal höre ich abends gegen acht Uhr auf dem Smartphone die Nachrichten auf WDR5 und habe dadurch mitbekommen, dass es hier anschließend an einigen Wochentagen Weltliteratur zu hören gibt, zur Zeit ‚Madame Bovary‘ von Gustave Flaubert. Ich höre genauer hin, ich staune. Diese völlig andere Zeit spricht einen an und wird derart lebendig gemacht durch die Kunst des Schreibers, dass man anfängt, die Pferdehufe auf dem Pflaster zu hören. Manches kommt einem grotesk und gruselig vor. Eine gelebte Hoffnungslosigkeit strömt aus den Gestalten, die gnadenlos beschrieben werden, so, wie sie eben sind. Wenn man einmal einen guten Grundriss menschlicher Verhaltensweisen braucht, dann ist es ganz sicherlich förderlich, die meisterhaften Beschreiber menschlicher Psyche zu lesen, auch wenn man manchmal förmlich steckenbleibt im Grauen. Zumindest kann man es nachspüren, wenn so ein Menschenkenner oder Memschenausdenker wie Flaubert einen ahnen lässt, wohin das Ganze führen muss, notgedrungenerweise. Und dennoch: ob Madame Bovary nun eine Frauenphantasie von dem Schreiber ist oder nicht, ebenso wie Penthesilea oder Medea oder all diejenigen, die ihren Seinsbeweis an die Opferschalen getragen haben, das weiß man nicht und ja, sie wurden durch ihre getriebenen Handlungen oft wie verwundetes Wild oder betäubten ihren Schmerz mit einer Dosis Rattengift, das ist nicht schön, das ist nicht klug, aber es zählt dennoch zu den Tatsachen, die sind. Und da das Wissen in solchen Schriften dazu führen kann, dass sich die Krinoline in zerrissene Bluejeans morphen lässt, dann hat man stets einen großen Batzen Menschheit in sich und vor sich, deren bisher bekannte Anlagen mühelos übertragbar sind auf die anderen Zeiten, mit kleinen Varianten. Und selbst in entferntesten Wüstenregionen oder Urwaldgebieten oder Straßenschluchten kann nun jede und jeder davon Kunde erhalten, wie wir alle sind. Und wer würde nicht gerne die Ketten sprengen, die einen davon abhalten, dem eigenen Pfad zu folgen und eventuell sogar dabei zu sein, wenn BewohnerInnen des Randes in die Ruhe des Auges geschwemmt werden , und dort zarte Halme ungestört im Sommerwind wehen in der großen lebendigen Schweigsamkeit, und die Sphinx noch immer Rede und Antwort steht auf die eine, die einzige Frage. Und wenn man merkt, dass man nicht geeignet ist für den antiken (après modernen) Weg, dann doch auch Flamme sein, das Laub vom Flügel entfacht, wer soll’s verhindern.

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