einfallen

Da muss man sich schon einiges einfallen lassen, will man dem Ringen um eigene Sichtweisen weiterhin Genüge tragen. Was ist eine eigene Sichtweise, kann ich mich in verschiedenen Kontexten befragen, und weiß ja, dass ich selbst die Sichtweise bin, die ich in kontinuierlichen Prozessen aus mir herausgefiltert habe, auf jeder Welle meines Lebens mich um das Jeweilige bemühend wie jede/r Einzelne mit ihrer und seiner Sichtweise die Welt betrachtend, die das Material darstellt für diese Bewegungen. Und durchaus muss man seine individuellen Fähigkeiten erkennen, um die eigene Komplexität erfassen und Ausdruck dafür finden zu können. So ist es ja nach wie vor interessant, dass wegen der neuen Bedingungen der Krisensituation zwar ein gemeinsames Thema existiert, jede/r aber zurückgeworfen wird auf sich und die Entscheidungen, die auf nie gekannten Herausforderungen basieren. Andrerseits ist man nicht verpflichtet, dass einen irgend etwas zu Wort Gebrachtes wirklich selber angeht, denn wir wissen es nicht, wer hinter den vielen Türen wo welche Strippen zieht. So ist es besser, sich selbst zu stabilisieren und dem einfachen Umgang mit den Dingen eine Chance zu geben. Die Frau, der Mann, das Kind, die Welt, das Hereinkommen und das Durchwandern und der Ausklang, das alles sind einfache Worte, hinter denen die Weltgeschichte brodelt und tobt, oder auch mal stiller wird und der eigenen Ohnmacht bewusst. Diesen herausfordernden Umgang mit dem Hilflosen und dem offensichtlichen Nichtwissen halte ich für herausfordernder als den Virus selbst. Die geschürten Agressionen durch das Wahrnehmen eigener Bedürftigkeit, die Existenzängste durch düstere Zukunftsprognosen, wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich auf das ‚Here and Now‘ einzulassen. Ach ja, das Hier und Jetzt, wo die Dinge sind, was sie sind, bevor man zur Frage kam, ja, was sind sie eigentlich, die Dinge und die Menschen und die Tiere undsoweiter, mit denen man ständig auf die eine oder andere Weise zu tun hat, und doch weiß man letztendlich so wenig darüber. Das erinnert mich an die Bücher, die man mit eigener Hand mit dem Bleistift unterstrichen hat und dann sehen muss, dass man sich gar nicht erinnert, was da drinsteht. So kann man ebenfalls davon ausgehen, dass in so manchem Geist, den es gerade nicht tödlich trifft, eine Erfrischung stattfindet, eine wohltuende Pause, in der das Versäumte oder Verlassene oder Nichtgesehene oder Unbeantwortete zu sich kommen und sich anregende Fragen stellen kann, die nicht einfach zu beantworten sind. Weil man die Person, die man da befragt, also sich selbst, ja gar nicht so gut kennt vielleicht, wie man vermutet hat, weil man schon so lange mit ihr unterwegs war. So, als würde das alles sich von selbst erklären, indem man es kühn ‚das Leben‘ nennt, das einen heimsucht und behandelt und formt. Als hätte man nicht an jeder Kreuzung eine andere Richtung einschlagen können. Hätte man das können? Einfach ein anderer Mensch werden, als man ist, indem man andere Register gezogen hätte, die zu anderen Ergebnissen geführt hätten. Denn dieser Film lässt sich ja nicht zurückspulen zu Szene III in Akt II, wo man bei den Proben nochmal präziser werden kann mit dem, was man vermitteln wollte. Was will ich also vermitteln, wenn ich d a bin, wo ich gerade bin, und wieviel Mühe bin ich bereit, auf mich zu nehmen für diese Ergründung, oder um wieviel leichter erscheint es mir, durch Ablenkung von mir und meinem Sehvermögen ein blinder Spiegel zu sein.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.