leiden

Wer auch immer es gesagt haben mag, so sagte doch eines Tages jemand, man könne die Qualität einer Kultur daran erkennen, wie sie mit ihren Tieren umgeht. Aus den inneren Archiven strömt ein derartiges Dunkelfeld auf einen zu, maßlos in seinen Auswüchsen und unerkennbar zugleich in der Gestalt, die es angenommen hat. Das Virus, ein schwer beladener Formwandler, mutiert zu einem Brennglas und richtet sich unerbittlich auf die Schlachthöfe der Welt, wo man das Tier kaum mehr Tier nennen kann und den Menschen entmenschlicht von Gier und dem Drang nach Ausbeutung, und eigentlich will man gar nicht (mehr) schauen und zwingt sich doch manchmal hinein in den blutigen Irrsinn, der dem Tier noch die letzte Würde nimmt, wenn man den Menschen mit ihm, dem Tier,  vergleicht. Schon seit Monaten ärgere ich mich immer mal wieder über eine Seite in der „Zeit“ (wann schreibe ich endlich mal hin), wo ein Tier abgebildet ist mit dem Text darunter: ‚du siehst aus, wie ich mich fühle‘. Ach echt!? Vielleicht sollte ich die Redaktion anregen, doch mal statt den lieben Tierchen die von der Mutter weggerissenen Kälber auf den Transportwägen zu photographieren, wenn sie vor Hunger und Durst anfangen, aneinander rumzusaugen. Unter diesen ersterbenden Wesen also der Spruch dann: Du siehst aus, wie ich mich fühle! Ein Fühlen, wo es keinen Ausweg mehr gibt, oder wo die Zeit nicht mehr einzuschätzen ist, wie lange es dauert, bis tausende von nicht abgeholten Schweinen verenden und das Billigfleisch knapp wird, aber die Zusammenhänge unklar bleiben müssen. Niemand hat mehr die Kraft, das alles zu spüren, was gespürt werden müsste, um zumindest dem Blick die Seherlaubnis nicht zu verwehren. Auf der einen Seite ein Leidensdruck, der durchaus zum Erwachen führen kann, gerade  e r kann es oft besser als der, der alles zum Leben hat, was der Mensch so braucht, und dennoch dumpf geworden ist sich selbst gegenüber. Überall kriecht der Wurm durch, er hat seine eigene Art, sich niederzulassen in den Synapsen. Dann weiß auf einmal keiner mehr, wie das alles kam. Wo fing das an, und wie konnte es so weit kommen. Man könnte mal alle Speisekarten der Welt einsammeln und die Tiere zusammenzählen, die dort angeboten werden, ja, ich weiß, das geht jetzt zu weit, wo soll das hinführen. Das führt nirgendwo hin, denn es ist bereits an seinem Ende angelangt, sozusagen an die Spitze des Eisbergs gerammt. Man muss weder Tier-noch Menschenfreund sein, um ein nicht mehr zu berechnendes Maß zu erkennen. Und wie gut es uns persönlich auch gehen mag und tatsächlich geht (was nicht unwesentlich ist), so weiß man doch auch, dass  da, wo nichts Gutes passiert, auch nichts Gutes bei rauskommen kann. Was heißt „gut“? Auch die Worte müssen immer mal wieder neu verstanden werden, damit sie nicht wie kleine Harlekine aus dem Mund purzeln. Gut heißt u.a. : so gut man eben kann. Das ist schon viel, aber auch nicht so einfach, denn: wie gut kann man denn wirklich.

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