Eye

Da ich ganz persönlich (mit Verlaub), noch gar keine Begegnung mit dem Virus als Todesbotschafter hatte, lasse ich mich zwar zuweilen bewegen von den Zahlen, die herüberwehen aus den Welten, und klar weiß ich: da ist was am Wüten. Und es ist auch nicht so, dass ich nur den Garten sehe, in dem sich meine eigene Lebensweise (mit Anderen zusammen) entwickelt, nein. Ich erinnere mich daran, dass ich verhältnismäßig früh den Tellerrand verlassen habe, oder vielleicht gab es in den Nachwehen des Krieges noch gar keinen Tellerrand, von dem aus man hineintauchen konnte in den schillernden Ozean der Gelüste, oder auch sich leidenschaftlich hineinstürzen in die Fluten des Ungewissen, oder einen Umgang der erotischen Reserviertheit (oder Entgrenzheit) pflegen, oder was sich da zeitweilig an Möglichem auftat nach dem Quantensprung. Oder waren das etwa auch noch die Irrgärten des Illusionären, oder wer will noch irgendwas oder irgendwen die letzten Wahrheiten oder Wahrheitsträger nennen. Und klar ist das schön in letzter Konsequenz: ein Ei sein, das sich selbst befruchtet, also ein Ich, das sich selbst erkennt, und die Frucht anderer Wesen im dialogischen Miteinander uneingeschränkt schätzen kann. Denn man ist gebunden, ja, an sich selbst ganz sicherlich, denn wo immer ich auch hingehe, da bin ich mit mir zusammen. Gerne lasse ich das an Sokrates angebundene Zitat durch, das da besagt, dass er, Sokrates, keinen Mord begehen würde, weil er mit keinem Mörder leben will. Der Entscheidungsfreiraum ist hier das Wesentliche. Wenn mir ab und zu mal ein tätowierter Mensch auf meine Fragen, was dieses schmerzhafte Einritzen für ihn oder sie bedeutet und öfters hörte, dass es als Schmerzmittel gilt, also Schmerz mit anderem Schmerz abgestumpft, dann kann man das auch eine gute Entscheidung nennen, denn es kann eine vorübergehende Hilfe sein, wobei es dann ja auch meistens bleibt. Der Tellerrand als Verhütungsmittel und Kampfarena gegen tiefere Erlebensschichten. Wenn man sich aber dennoch einlassen kann auf die Reiche, die sich im Inneren wie von alleine angesiedelt haben, dann lernt man, das Chaos in eine für einen selbst stimmige Ordnung zu bringen. Hier und da lässt man es ungezähmt wuchern, dann wieder lässt man sich begeistern und anstecken von der Eleganz des Spiels, denn kein Zweifel: das wächst in jeder Hinsicht grandios und emotionslos über einen hinaus, gleichzeitig als Potential, als Geist, als undeutbare, aber formwillige Wirklichkeit. Das wiederum soll uns nicht abhalten vom Deuten, vom Fühlen, vom Schauen. Und wenn ein/e Andere/r es mal wirklich besser weiß als man selbst, das ist auch ganz schön. Und aufpassen, dass man nicht in den schmuddeligen Sog des Dürfens schliddert, und ja!, ’niemand hat das Recht zu gehorchen.*

 

*Hannah Arendt


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