erschrecken

Das Bild ist schon vor ein paar Tagen entstanden, aber ich hatte eine gewisse Scheu, es in den offenen Raum zu stellen, weil es in dem, wie man es sehen kann, ziemlich eingeschränkt ist. Einerseits möchte ich nach wie vor nicht, dass Bild und Text sich entsprechen müssen, aber manche Bilder machen es auch unmöglich, einen völlig davon losgelösten Text  zu schreiben. Auch muss ich mich nicht mit allen Gehalten, die aus meiner Sicht entstanden sind, persönlich identifizieren, da ich denke, es sind vor allem die Berührungen mit den Menschen, Dingen und den daraus entstehenden Themen, mit denen man beschäftigt ist und die einen Ausdruck suchen. Nun habe ich gestern, noch einmal nach Jahren, den Film „Das Fest“ (von Thomas Vinterberg, 1. Dogma Film) gesehen und wieder gestaunt, wie es manchen Künstlern gelingt, bestimmte schwerwiegende Themen hautnah in eine Berührung zu bringen. Die tiefsten Schrecken habe ich selbst zuerst in Indien erfahren, als ich mit Frauen aus verschiedenen ‚Kasten‘ ein gut genuges Vertrauensverhältnis hatte, um das zu erfahren, was in den Familien wirklich vor sich ging. Soweit ich mich erinnere, ist keine einzige Frau einer Form des Missbrauchs entgangen. Eine junge Ärztin erzählte mir, dass, wenn ihr Vater, auch ein Arzt, erfahren würde, dass sein favorisierter Ziehsohn sie in der Kindheit mehrmals vergewaltigt hat, könnte man vor Mord nicht sicher sein. Nur zu wahr ist der wunderbare Satz eines Psychologen ‚Liebe ist der Verzicht auf Mord‘, daher kann es auch verständlich werden , wenn jemand das Geschehene nicht offenlegen will. Gerade d a s macht den Film ‚Das Fest‘ so überzeugend, dass man die verheerenden Mechanismen der Verdrängung beobachten kann, durch die ein Einziger mit totaler Entschlossenheit versucht zu dringen, und tatsächlich, es gelingt. An einem bestimmten Punkt, wenn eine schreckliche Enthüllung sich durchsetzen konnte, tauchen interessanterweise auch UnterstützerInnen auf, die den Durchgang letztendlich ermöglichen. Auch braucht es zu so einem Enthüllungsakt eine ganz bestimmte dynamische Kraf. Diese Kraft muss zünden, wohl meistens genährt aus einem unerträglich gewordenen Maß an Verzweiflung. Da es unzählige Varianten des Missbrauchs gibt, schadet es nicht, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, wo so etwas Dunkles in Bewegung ist, immer bereit, sich einen Weg zu suchen, sei es auch noch so ein fast unbemerkter Impuls im Inneren. Dass immer noch ganze Völker darüber eisern schweigen, wenn ihre Töchter und Frauen und Enkelinnen von Angehörigen sexuell missbraucht werden, ist eine Tatsache, an der das Weltbündnis scheitert und das Flickwerk beginnt. Wo auch immer die Schweigenden in den erkalteten Räumen sich aufhalten, so kann doch bei allem Einsatz der Weltorganisationen kein wirklich gutes Leben mehr stattfinden. Weil es immer noch nicht als  Nummer Eins auf der politischen und menschlichen Prioritätsliste steht, sondern weit hinter erneuerbaren Energien, Waldaufforstung, Klimawandel undsoweiter. Ein gigantischer Scheinwerfer nähert sich und schaut hinein in die Hütten und Häuser: was ist da los – wie kann das sein – echt, das war schon immer so? – oder ist es viel schlimmer, als wir bereit sind, zu denken?

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