ungewiss

Meistens achte ich darauf, dass mein Handy nachts ausgeschaltet bleibt und vor allem auch dann nicht in meiner Nähe ist, und bitte in Indien immer mal wieder Frauen, ihr Handy nicht unter der Bluse zu tragen, wo früher die Geldbörse lagerte oder Dinge auf Zetteln, die man nicht vergessen will. Wie dem auch sei, heute früh war meins an und ich erhielt um 6 Uhr herum einen Anruf aus Indien von Shivani, die einerseits meine Ankunftsdaten wissen wollte, und mir andrerseits mitteilte, wie brenzlig die Situation in Kashmir wirklich ist, das begehrte strategische Stück Land, um das Pakistan und Indien seit Jahrzehnten kämpfen, ohne dass eine Lösung in Sicht ist. Narendra Modi ist eine Persönlichkeit, die im Westen kaum auffällt, kaum einer kennt seinen Namen, niemand kann ihn wirklich einschätzen. Er hat gerade Kashmir wieder in die indische Regierung eingegliedert, und der Plan ist, den Muslimen jeden verfügbaren Hahn abzudrehen. Indische Soldaten kontrollieren die Straßen und alles weitere kann man nachlesen, wenn es interessiert, denn es wird die Welt interessieren, da selbst Imrat Khan, ein ziemlich vernünftiger und gebildeter Mann, Indien mit einem Atomkrieg droht. Man hofft, dass sie sich das gut überlegen werden, aber schon ist zuviel passiert, dass es wirklich noch einmal in eine Ruhe kommen wird. Es sind die Inder, die keine Ruhe wollen. Sie wollen wieder unter sich sein im götterbesetzten Hinduland, zurück zum Reinheitsideal und zum endgültigen Auserwähltsein. „Die Inder“ heißt: zu viele von ihnen, die das wollen, die Muslime vertreiben, auslöschen, endlich weg mit ihnen. Das erinnert nicht nur an Adolf Hitler, sondern das hat direkte Bezüge zu den Machtphantasien der Nazis. Bewiesen ist, dass Hitler Kontakt hatte zum arischen Denken, das aus der vedischen Kultur kommt, und er soll einen indischen Lehrer gehabt haben, der ihm wohl auch die Symbole geliefert hat wie das Hakenkreuz, das Swastika, das mysteriöse Rad, an dem er gedreht haben soll, und zwar in die falsche Richtung. Denn in Indien ist das Hakenkreuz ein absolutes Glückbringsymbol und so ziemlich überall zu sehen. Als ich einen Ring mit dem Swastika geschenkt bekam, habe ich ihn lieber dort gelassen, wo ich nichts erklären muss, falls mich unterwegs einer fragen sollte. Wie das wohl zu den Blut-und Ehretreffs gekommen ist und wie sie das formuliert haben, die ihnen verständlich vorkommenden Gründe zur Auslöschung der jüdischen Rasse. Modi macht das auch so. Seit Jahren vergiftet er die Atmosphäre gegen die Muslime, bis er es jetzt geschafft hat, die meisten auf seiner Seite zu haben, was heißt Seite, seinen Vertreibungs- und Mordplänen zuzustimmen, sodass sie sich von ihm beschützt fühlen, eben der richtige Mann für diesen Job, die Unpassenden aus dem Netz zu treiben. Es muss auch mal gesagt werden, dass es das Indien, das ich in seiner großen, wilden und geistigen Art noch kannte, dass es dieses Indien schon lange nicht mehr gibt. Starke Kulturen mit hohen und tiefen Werten können sich lange halten, bis nur noch das Gerüst übrig bleibt, in dem neue Triebe wuchern, die sich Räume suchen. Schon lange stelle ich mir Formen des Abschieds vor, wie es wäre, wenn ich nicht mehr dort sein könnte, dort, wo so viel Heimat war und immer noch ist, sodass es schwerfällt, sich das vorzustellen, mehr als eine Übung in der Vorstellung des Gehens und Lassens an sich, wenn ich selbst nicht mehr da bin, alles andere und alle Anderen aber einfach weitermachen… Gerade plane ich die Reise, ich kann (noch) gar nicht wegbleiben, es ist unmöglich. Daher ist klar, dass auch hier weit und breit das Ungewisse herrscht, auch wenn man zuweilen lieber etwas mehr Gewissheit hätte.

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