Nabelrand

Die Wesen im Bild sitzen am ausgebauten Nabelgebiet von Vishnu. Aus dem Nabel von Vishnu, der die Welt erträumt, kommt der Schöpfer persönlich hervor, auf einer Lotusblüte sitzend. Klaro, er muss ja auch ein Teil der „Maya“ sein, der illusorischen Erscheinungswelt, sonst gäbe es kein Spiel. Noch habe ich in all den Jahren hier vor Ort und in weitem Umkreis niemanden getroffen, der auch nur in der Lage war, daran zu zweifeln. Warum sollten sie auch. Wer am Nabel sitzt, ist entweder schon geboren, oder kann jederzeit damit rechnen. Auf dieser Geschichte ist schlechthin alles aufgebaut. Das Leben des Ortes bewegt sich um den Nabel herum. Wo Nabel ist, ist Leben. Täglich glückliche Menschen, die oft über sehr beschwerliche Wege hier angekommen sind, pumpen ständig Schübe von Erlösungserfahrungen hinein in die Atmosphäre, und man kann ja ruhig mal den Gedanken bzw. die Frage zulassen, ob diese scheinbar absurden Geschichten wirklich absurder sind oder weniger Erfreulichkeitspotential haben als die meisten Geschichten, in deren Sonnen-oder Schattenseiten wir unsere Leben basteln. Ich kann natürlich gut reden, habe ich mich doch selbst hier tanzend eingeführt als eine ihrer Urgestalten, und mich hineingebaut in eine sehr dichte Version ihres „Ramayana-Epos“, sodass zumindest die ungefähr zweihundert Besucher des von mir durchchoreographierten Abendprogramms ihre Story wiedererkennen konnten, obwohl es erst von da an in der Ramayana eine tanzende Kali gab. So habe ich zwei doch sehr eindeutige Geburten gehabt: eine in einer sehr lichtlosen, westlichen Nacht, und eine andere im Licht einer sehr langen Geschichte, als viele Menschen wahres Menschsein noch für möglich hielten, wenn auch nicht ohne göttliche Hilfestellung. Ex oriente lux. Das Licht kommt aus dem Orient. Die Metereologen haben gerade verkündet, dass es seit der Wettermessung noch nie eine so große Nebelfläche gegeben hat wie zur Zeit über vier Länder hinweg, Indien, Pakistan, Bangladesh, und das vierte habe ich vergessen. Ein riesiger Neben am Rande der Welt, wo ich sitze und mit tiefer Freude den noch verbleibenden Atem des Ganzen in mich hineinnehme. An der Nabelschnur hänge ich nicht mehr, und das ist auch gut so. Aber herumsitzen bei Euch und Euren Geschichten, angeregt durch die wesenhafte Welt Eurer Bauten und Kostüme, und ja, irgendwie schon zuhause in der vertrauten Essenz Eurer geiststrotzenden Ideen. Im Sekundentakt werden wir hinaus-oder vielmehr hineingeboren in die Weltgeschichte, und im Sekundentakt verschwinden wir wieder aus ihr. Was wir selbst dachten, und wie wir es formten, und wie wir damit umgehen, das betrifft uns persönlich natürlich in besonderem Maß, wird aber vor allem belebt und genährt durch die Teilnahme am Leben der Anderen, die uns Zugang gewähren zu sich und ihren Geschichten.

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