seiltanzen

Es ist doch erstaunlich, wie oft wir denken können, wir wüssten etwas über eine bestimmte Sache (ich meine jetzt vor allem innere Vorgänge), die unser Interesse geweckt hat. Bis es wieder einen Moment gibt, durch den eine neue Facette dazukommt, dann wieder eine, und dann irgendwann, wenn der Kern des zu Wissenden genug belichtet und beleuchtet wurde, dann gibt es diesen ganz bestimmten Nu, in dem auf einmal, wie zufällig, genug Puzzleteile zusammenfließen, um ein klares Verständnis der Sache zu ermöglichen. Das ist dann auch der Stoff, aus dem die Anekdoten entstehen, denn man erinnert sich immer wieder an diesen einen Augenblick, in dem man auf einmal etwas sehen konnte, was so deutlich noch nie vor Augen stand. Von mir selbst kenne ich die Erfahrung vor allem durch eine gewisse Verwunderung dem Schmerz anderer Menschen gegenüber im Sinne, dass ich so viel Schmerz in meinem Inneren gar nicht zu finden meinte, wobei ich auch nicht zu viel danach gesucht hatte. Das Leben und seine Abenteuer kann ungeheuer aufreibend und zeitraubend sein, sodass sich erst Erfahrungen und Meinungen und Beurteilungen bilden und anhäufen müssen, bis man sich an die rückblickende Reflektion machen kann, und zwar dahin blickend, wo eine Unruhe sich meldet, eine Stelle des Teppichs nicht richtig gewebt wurde, sodass durch unbekümmertes Weiterweben die schwachen Stellen immer deutlicher als Flickwerk erscheinen statt als ein flüchtiger Fehler, der noch rechtzeitig hätte behoben werden können. Eines Tages dann saß ich auf einmal in einem Meer des Schmerzes, der mir vorkam wie der Mutterleib des Daseins an sich, wobei ich mit erhöhter Aufmerksamkeit beobachten konnte, wie das Ding sich verzog. Es schien eine Ewigkeit, die Gestern und Morgen an sich gebunden hatte, aber dann war es doch nur eine Blase, um die man sich kümmern konnte, bis der Schockzustand sich beruhigt hatte. Jetzt hatte ich durch ein tieferes Gespräch Verbindung mit einer Frau, die ich öfters schon als anstrengende Gesprächspartnerin empfunden hatte, weil sie gewohnt war, auf einer bestimmten Ebene über so ziemlich alles Angebotene in die Lüfte zu fabulieren und zu verstummen, wenn man genauer verstehen wollte, um was es eigentlich ging. Ich war dann neulich dabei, als sie in einen großen Schmerz versank, und es fiel mir auf, dass die Sprache, die aus diesem scheinbaren Dunkel auftauchte, klar war wie eine erfrischende Quelle. Alles Drübergelegte war wie weggeblasen, kein Stocken, kein Verstummen, kein Behaupten, es gäbe für die Zustände keine Worte. Ich fand das auch bei damaligen Lehrern der meditativen Schulung manchmal grotesk, dass sie selber den ganzen Tag redeten, während sie allen rieten, das zu lassen. Und es stimmt ja, dass man zwar vieles wissen kann, aber man kann sich auch gerne einen Glückspilz nennen, wenn man auch nur einiges davon annähernd erfassen kann, was ein lebendiges Schweigen ja erst ermöglicht. Und dann wieder loslassen, da es in der Tat noch ein Wissen gibt, das sich selbst zurücklassen muss, bevor der wirkliche Seiltanz beginnt, so wie bei Felix Fliegenbeil, der vom Seil auf ein Haar wechselte, und dann eines Tages auf der Luft tanzen konnte, frei war. Und von dem man munkelte, dass er auf Sternen weitertanzte.

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